Review: Melancholia (Film)

Heute Abend melde ich mich endlich mal wieder mit einem höchst aktuellen Werk von der Front zurück; leider einem – wie ich im Vorfeld gestehen muss – , dass mich in mancher Hinsicht enttäuscht hat. Selten hatte ich so ambivalente Gefühle bei einem Film und deshalb habe ich – nein musste ich – mich für einen höchst ungewöhnlichen Schritt bei der letztlichen Bewertung entscheiden. Zum Verständnis der selbigen empfehle ich aber logischerweise den vorangegangenen Konsum der Rezension.

Melancholia

Melancholia, DK/SE/FR/DE 2011, 136 Min.


Quelle: IMPawards.com

Regisseur:
Lars von Trier
Autor:
Lars von Trier

Main-Cast:

Kirsten Dunst (Justine)
Charlotte Gainsbourg (Claire)
Kiefer Sutherland (John)
Charlotte Rampling (Gaby)
John Hurt (Dexter)
Alexander Skarsgård (Michael)

Genre:
Drama | Endzeit

Trailer:

 

Inhalt:

Die Welt geht unter. In elegischer Pathetik stürzen in Zeitlupe die Vögel vom Himmel, nähert sich der Planet Melancholia der Erde, kämpft sich die Braut durch ein undurchdringbares Dickicht, flüchtet eine Mutter mit ihrem Kind, schnitzt ein Junge an einem Stock und als der Planet die Erde trifft ist alles vorbei.

Vorher: Wir erleben die zum Scheitern verurteilte Hochzeit Justines, die, immer wieder von depressiven Schüben eingeholt, kein Glück empfinden kann, obwohl sie es so vielen wegen so vielem zu schulden meint. Während ihre Eltern ihr keine große Hilfe sind ist ihre Schwester Claire die einzige, die sie zu unterstützen sucht, währenddessen Justines Mann in spe von ihren Problemen nichts ahnt.

Die Nacht der Hochzeit und mit ihr auch der Wunsch nach Liebe und einem normalen Leben. Während Claire und ihr Mann John Justine unter ihre Fittiche genommen haben, da sie eine Episode tiefster Depression durchlebt, rückt nun der Planet Melancholia ins Zentrum des Bewusstseins, der binnen fünf Tagen dicht an der Erde vorbeifliegen und sich dann wieder von ihr entfernen soll. Doch auch Wissenschaftler können sich bekanntermaßen irren.

Rezension:

Wir erinnern uns: Einerseits Lars von Trier, der für seine Äußerungen in Cannes heftig kritisiert worden ist und prompt zur Persona non grata erklärt worden ist, andererseits sein neuer Film Melancholia, der von den einen als sein neues Meisterwerk gepriesen worden ist, von den anderen als belanglos und kitschig abgetan wurde. In blinder Gefolgschaft habe ich mich natürlich direkt mal auf die Seite der Bewunderer geschlagen und aufgrund der im Vorfeld bekannten Infos und des Trailers verlauten lassen, dass dieser Film möglicherweise das Meisterwerk seiner Karriere werden könnte. Mittlerweile bin ich ein paar Tage älter und dahingehend klüger, dass ich mir sein Werk auch angesehen habe und nun etwas fundierter meine Meinung kundtun kann.

Zuallererst, ich mag Arthouse-Filme – insbesondere als Kontrast zu den üblichen Blockbustern – generell sehr gerne und zu diesen würde ich Melancholia definitiv zählen. Betrachtet man Triers Film als Kunstwerk und einzige große Metapher für seinen Kampf gegen die Depression, so hätte sich der Film allemal seine zehn Punkte verdient gehabt. Allein schon der Titel beziehungsweise Name des Planeten kann als Allegorie einerseits für den Gemütszustand des Regisseurs wie auch der Hauptfigur, andererseits auch als Bezeichnung für das übergeordnete Thema betrachtet werden. Hier reiht sich ein durchkomponiertes und stilisiertes Bild an das andere, werden symbolträchtige Hinweise eingestreut und im Kontext einer angenommenen Realität vollkommen unverständliche Handlungen vollzogen und Dialoge geführt. Beruft man sich auf die vielgepriesene Symbolik in Triers Werk(en), so haben wir es hier tatsächlich mit einem kryptischen Glanzstück zu tun.

Von diesem Standpunkt aus kann ich auch durchaus nachvollziehen, dass insbesondere die Feuilletonisten von Trier am liebsten auf Händen in den Himmel tragen würden, bietet Melancholia doch so viel Interpretations- und Deutungsfreiraum wie schon lange kein Film mehr. Aber damit kommen wir auch direkt zu dem Punkt, weshalb ich diesem Werk seine Spitzenwertung schweren Herzens verwehren muss. Denn was als Kunstwerk funktioniert, funktioniert als Film in keiner Weise. Durch das vorweggenommene Ende beraubt der Film sich nicht nur des Interesses der Zuschauer, sondern gibt unumwunden zu, dass nichts, aber wirklich nichts in dem darauf folgenden zweistündigen Epos von Bedeutung sein wird, denn am Ende ist die Erde sowieso nicht mehr. Der erste Part beschäftigt sich dann zwar auf durchaus unterhaltsame Weise mit der Hochzeit Justines und dem familiären Gefüge, aber alle so sorgsam eingeführten Figuren, so klischeebeladen sie auch manchmal sein mögen, verschwinden nach der Hälfte des Films im Zuge der Abreise der Hochzeitsgesellschaft sang- und klanglos in der Versenkung und waren nie mehr gesehen. Generell entbehrt der Hochzeitsteil theoretisch jeglicher Daseinsberechtigung, denn die Kenntnis der Familie wird mit dem Abschluss des Kapitels obsolet, der Planet Melancholia wurde bis dato kein einziges Mal erwähnt – taucht also zu Beginn des zweiten Kapitels quasi wie aus dem Nichts auf – und bis auf die Tatsache, dass Justine mit ihrer Depression zu kämpfen hat, wird hier eigentlich nichts transportiert. Der zweite (und bereits letzte) Teil konzentriert sich nun ganz auf die beiden Geschwister sowie John, Claires Mann, der voller Erwartung dem astronomischen Schauspiel des Vorbeiflugs entgegenfiebert, dessen Ende ja aber ebenfalls bereits bekannt ist.

Den zweiten Teil interessant macht hier einmal mehr von Triers Koketterie mit schicksalhaften Andeutungen und plötzlichen Einbrüchen von Düsternis und Wahnsinn. Fängt beispielsweise Justine plötzlich unvermittelt an, ihr Pferd immer und immer weiter zu malträtieren und schließlich in die Knie zu zwingen, so glaubt man als Zuschauer, dass hier ein Paradigmenwechsel erfolge und eine urtümliche Macht sich der Leinwand bemächtigt, doch ebenso schnell wie diese Szenen aufziehen finden sie auch wieder ihr Ende und wir kehren in die künstlerisch-abstrakte Wirklichkeit zurück. So schön der Weltuntergang in Melancholia auch sein mag, fehlt ihm doch im zweiten Teil der Biss und im ersten Teil der Sinn, so dass von Triers filmische Depressionsbewältigung ungewohnt verklärt und handzahm daherkommt.

Fazit & Wertung:

Melancholia ist pures Arthouse-Kino und als dieses eine klare Empfehlung, handelt es sich doch quasi um ein sich bewegendes Gemälde einer Metapher für die Bewältigung einer Depression. Als Film hingegen versagt Melancholia trotz seiner hervorragenden Besetzung beinahe auf ganzer Linie, weil dramaturgisch gesehen keine Überraschungen geboten werden, szenisch kaum etwas passiert und emotional das Verständnis für viele Handlungen fehlt. Zugutehalten kann man ihm letztlich nur, dass er einen auch als Nicht-Feuilletonisten oder Hobby-Philosophen noch Tage beschäftigt, ohne jedoch dabei zu einer neuen Erkenntnis oder einem neuen Standpunkt zu gelangen. Die Krankheitsbewältigung hat von Trier stilsicher auf die Leinwand adaptiert, letztlich nur die Katharsis bleibt er schuldig, so dass einen der Film recht ratlos und leer in die Nacht entlässt.

Filmische Wertung:

4 von 10 sinnentleerten Dialog-Fetzen beinahe schon Toter

Künstlerische Wertung:

9 von 10 kunstvoll stilisierten Weltuntergangs-Szenen

Melancholia

  • Sinnentleerte Dialog-Fetzen beinahe schon Toter - 4/10
    4/10
  • Kunstvoll stilisierte Weltuntergangs-Szenen - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Melancholia ist pures Arthouse-Kino und als dieses eine klare Empfehlung, handelt es sich doch quasi um ein sich bewegendes Gemälde einer Metapher für die Bewältigung einer Depression. Als Film hingegen versagt Melancholia trotz seiner hervorragenden Besetzung beinahe auf ganzer Linie, weil dramaturgisch gesehen keine Überraschungen geboten werden, szenisch kaum etwas passiert und emotional das Verständnis für viele Handlungen fehlt. Zugutehalten kann man ihm letztlich nur, dass er einen auch als Nicht-Feuilletonisten oder Hobby-Philosophen noch Tage beschäftigt, ohne jedoch dabei zu einer neuen Erkenntnis oder einem neuen Standpunkt zu gelangen. Die Krankheitsbewältigung hat von Trier stilsicher auf die Leinwand adaptiert, letztlich nur die Katharsis bleibt er schuldig, so dass einen der Film recht ratlos und leer in die Nacht entlässt.

6.5/10
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