Review: Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford (Film)

Tja, die Abstände zwischen den Film-Reviews sind momentan gefühlt ziemlich lang und da mutet es schon witzig an, dass es sich erneut um ein Werk handelt, in dem Casey Affleck eine nicht gerade unbedeutende Rolle, sprich eine der Hauptrollen innehat. Sei es wie es sei, freue ich mich trotzdem sehr, dass dieser Film mit einem der längsten mir bekannten Titel nun endlich auch seinen Weg in die Annalen des Medienjournals gefunden hat.

Die Ermordung des Jesse James
durch den Feigling Robert Ford

The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford, USA/CA 2007, 160 Min.

Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Regisseur:
Andrew Dominik
Autor:
Andrew Dominik (Drehbuch)
Ron Hansen (Buchvorlage)

Main-Cast:
Brad Pitt (Jesse James)
Casey Affleck (Robert Ford)
in weiteren Rollen:
Sam Shepard (Frank James)
Mary-Louise Parker (Zee James)
Paul Schneider (Dick Liddil)
Jeremy Renner (Wood Hite)
Sam Rockwell (Charley Ford)
Zooey Deschanel (Dorothy Evans)

Genre:
Biografie | Western | Drama

Trailer:

 

Inhalt:

Im Alter von nur 34 Jahren wird der berühmt berüchtigte Verbrecher Jesse James von Robert Ford hinterrücks erschossen und avanciert zum mitunter ersten Medienhelden der vereinigten Staaten. Die Schilderung der Geschehnisse erstreckt sich hierbei insbesondere auf die Monate vor Jesse James‘ Ableben und den Beginn der Bekanntschaft mit Robert Ford und dessen Bruder Charley, die Jesse letztlich zum Verhängnis werden sollte, reicht aber auch über seinen Tod hinaus und thematisiert die Nachwehen des Todes dieses mystifizierten Westernhelden, die auch den vermeintlich zu Unrecht verunglimpften Robert Ford keine Ruhe denn Erlösung finden lassen.

Rezension:

Filme über Jesse James und dessen Leben oder Taten hat es ja bekanntlich schon einige gegeben, doch nie zuvor wurde ein solch entmystifizierender Blick auf den fragwürdigen Helden geworfen wie in Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford, was nicht zuletzt der gleichnamigen Buchvorlage von Ron Hansen geschuldet ist. Schirmherr des Projekts – sprich Regisseur – war Andrew Dominik, der mit dieser Westernbiografie erst seinen zweiten Film abgeliefert hat, so dass es noch mehr erstaunt, dass schon so viel unbedingter Stilwille bei Die Ermordung des Jesse James durchschimmert, sei es der Entschluss, die Geschichte mit einem Off-Kommentar zu erzählen, der von seinem auktorialen Standpunkt ein allwissender und die Zukunft kennender Beobachter und eben Kommentator ist oder auch die stilistisch verfremdeten – weil durch den Unschärfefilter gejagten – Landschaftsaufnahmen und Szenenmontagen, die hier und da die einzelnen „Kapitel“ voneinander trennen und sie gleichzeitig verbinden.

Insbesondere dieser künstlerisch angehauchte Touch ist sicherlich nicht jedermanns Sache, wobei ich einräumen muss, dass sie mir ausnehmend gut gefallen haben, weil sie doch einen zuweilen verträumt oder verklärt wirkenden Blick liefern, der sehr gut zu der alles andere als eindeutig zu bewertenden Geschichte passt, ebenso wie ich schon seit jeher eine Schwäche für Off-Kommentatoren habe, wenn sie denn über eine markante Stimme verfügen und nicht nur Nonsens von sich geben (beides hier erfüllt). Davon ab gibt sich Die Ermordung des Jesse James aber durch und durch wie ein klassischer Western, wenn hier auch zugunsten der Geschichte auf allzu viel Action verzichtet worden ist – vollkommen zu Recht wie ich meine.

Denn Die Ermordung des Jesse James ist vielmehr ein Drama denn ein Western und konzentriert sich mehr auf die wechselseitige Beziehung ihrer beiden Hauptprotagonisten denn auf nebenher laufende Handlungsstränge, Überfälle und andere Verbrechen. Zwar schweift die Geschichte tatsächlich manchmal ein wenig ab, doch nie so sehr, dass es sich störend auswirken würde oder der subtilen Spannung, die sich beinahe durch den gesamten Film zieht, einen Abbruch täte. Das liegt natürlich auch zuvorderst an den großartigen Schauspielern und Brad Pitt beweist einmal mehr, dass er deutlich mehr kann, als nur charmant oder gutaussehend daherzukommen, weil er auf sehr unterschwellige Art eine innerlich zerrissene, von inneren Dämonen und Paranoia geplagte Gestalt verkörpert, dass es selbst im Film nicht eindeutig scheint, ob es sich wirklich um einen Mord handelt wenn Robert Ford die Waffe auf Jesse James richtet oder nicht vielmehr um einen von einem Handlanger verübten Selbstmord.

Doch auch Casey Affleck begeistert, weil gerade Robert Ford eine wahnsinnige Entwicklung durchmacht in der Zeit mit Jesse James, angefangen mit schierer Heldenverehrung über das Buhlen um Aufmerksamkeit, die aufkeimende Angst vor dem einstigen Idol und die moralische Zwickmühle des unbedingten Willens, gleichsam Berühmtheit zu erlangen und doch das Vorbild nicht zu hintergehen. Aber ich will hier gar nichts der Geschehnisse in Die Ermordung des Jesse James vorwegnehmen und lobe stattdessen auch noch Sam Rockwell als Roberts Bruder Charley, der hier einmal mehr – was viel zu selten der Fall ist – in einer größeren Rolle brillieren darf. Freilich sind auch die anderen Darsteller eine Erwähnung wert, aber simples Name-Dropping versuche ich ja bekanntermaßen zu vermeiden, möchte also nur noch kurz darauf hinweisen (für alle die es interessiert), dass Zooey Deschanels Auftritt wirklich nicht der Rede wert ist, so wenig Screentime wie ihr zugestanden worden ist. Aber das gilt für weibliche Rollen im Film generell, so dass auch Mary-Lousie Parker als Jesse James‘ Frau Zee mehr als blass bleibt. Vorwerfen kann man es dem Film aber nicht wirklich, macht er doch mit dem Titel Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford mehr als deutlich, um was es hier gehen soll. Und diese Geschichte, tja, die wurde mehr als brillant erzählt.

Fazit & Wertung:

Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford ist ein durchweg überzeugendes Drama im Western-Ambiente, dass wenn schon nicht einen authentischen, dann doch zumindest realistischeren Blick auf die Figur des Jesse James wirft und mit einem unterschwellig mitschwingenden Gefühl von Bedrohung und Fatalismus über die gesamte Dauer zu fesseln weiß.

8,5 von 10 Wutausbrüchen eines paranoiden Melancholikers

Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford

  • Wutausbrüche eines paranoiden Melancholikers - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford ist ein durchweg überzeugendes Drama im Western-Ambiente, dass wenn schon nicht einen authentischen, dann doch zumindest realistischeren Blick auf die Figur des Jesse James wirft und mit einem unterschwellig mitschwingenden Gefühl von Bedrohung und Fatalismus über die gesamte Dauer zu fesseln weiß.

8.5/10
Leser-Wertung 0/10 (0 Stimmen)
Sende

Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

  • Macht erneut Hunger auf den Film. Ich hab ihn damals bewusst(?!) ausgelassen und mir danach gedacht: Warum?

    Ich denke, dass ich ihn jetzt ganz sicher noch nachholen werde.

    • Oha, das freut mich aber, dass ich dich dazu verleiten konnte, den Film wieder ins Bewusstsein zu rufen. Ich will aber auch gar nicht überlegen, wie lange der ungesehen bei mir im Schrank lag – ich würde sagen mindestens anderthalb Jahre; ich meine den hätte ich noch vor Entstehung des Blogs gekauft… Naja, gut Ding will Weile haben.

      Und dir viel Spaß bei diesem wirklich tollen Film!

  • c.gernand

    Hab den Film seit Ewigkeiten in meinem Regal stehen, aber ihn irgendwie nie angesehen… Nach der Rezension muss ich ihn wohl doch endlich mal sehen 😉

    • Das scheint ja ein richtiges Phänomen zu sein. Ob das an der Länge liegt, oder an dem Thema, weil man ja im Grunde weiß, was einen gegen Ende des Films erwartet… Ich kann es bei mir nicht klar benennen, aber seltsam ist es auf alle Fälle.

      Aber wenn er sowieso schon bei dir im Regal steht, kann ich dir nur dringend dazu raten ihn jetzt endlich zu schauen 😉

  • Miss Stephen

    Hach, ich liebe diesen Film.
    Was den Film unter den modernen (Neo-, Post- oder sonstwas-)Western noch hervorhebt, ist seine selbstreflexive Ebene. Es geht ja auch um Celebritytum und dessen mediale Darstellung (Brad Pitt wurde schon bewusst besetzt, meine ich), was sich sehr schön in der Kameraarbeit widerspiegelt, die die Bilder ja teilweise wie alte Fotografien aussehen lässt.

    • Wohl wahr, die Optik ist großartig in dem Film, ebenso wie seine selbstreflexive Art! Schön fand
      ich auch die Vergleiche des Erzählers, wie unterschiedlich das Leben und die
      Taten von James und Ford von der Öffentlichkeit wahrgenommen und bewertet wurden.

  • Pingback: Review: Killing Them Softly (Film) - Medienjournal()

  • Pingback: Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford (2007) | Film-Blogosphäre()

%d Bloggern gefällt das: