Review: Karte und Gebiet | Michel Houellebecq (Buch)

Die 1. Medienjournalistischen Literaturtage

Auch heute kredenze ich euch einen weiteren Teil der zahlreichen Bücher, die ich in den letzten Wochen und Monaten ja geradezu verschlungen habe. Ein Ende ist bis dato immer noch nicht abzusehen und die nächsten Wochen sind im Grunde schon verplant, aber immerhin schaffe ich es seit langer Zeit einmal wieder, überraschend regelmäßig meine Beiträge zu veröffentlichen und ich kann euch versichern, es macht mir immer noch einen Heidenspaß und es ist eine wahre Freude, meine Archive wachsen zu sehen und hier und da einen netten Kommentar zu bekommen.

Dem Umstand geschuldet, dass ich mir mal wieder ein verlängertes Wochenende habe gönnen können, werden hoffentlich auch in den nächsten Tagen weitere spannende Reviews folgen! Bis dahin viel Spaß erst einmal mit dieser hier!

Karte und Gebiet

La carte et le territoire, FR 2010, 415 Seiten

Karte und Gebiet von Michel Houellebecq
© DuMont Buchverlag

Autor:
Michel Houellebecq

Verlag (D):
DuMont Buchverlag
ISBN:
978-3-832-16186-6

Genre:
Drama | Krimi

 

Inhalt:

Karte und Gebiet schildert den Lebensweg von Jed Martin, dem Sohn eines Architekten, vom unbedarften Träumer über seine ersten künstlerischen Werke und den sich plötzlich einstellenden Erfolg im Zusammenhang mit den Michelin-Straßenkarten und seine darauf folgende Schaffensperiode der figurativen Malerei, bis hin zu seinem Durchbruch als einer der größten Künstler seiner Zeit. Der Roman schildert des Weiteren seine Bekanntschaft zu dem berühmten französischen Autor Michel Houellebecq und seine wachsende Entfremdung vom sozialen Leben. Er beschreibt den Weg eines Lebens durch die Umwälzungen der Konsumgesellschaft hinweg bis in die Zukunft hinein, in der es Jed Martin nicht versäumt, sich in Relation zu seinen bisherigen Erlebnissen zu setzen und die Stationen seines Seins Revue passieren zu lassen.

Rezension:

Ich bin schon seit längerer Zeit ein ausgewiesener Fan des Enfant terrible der französischen Autorenszene und dessen literarischen Ergüssen, auch wenn ich mich zugegebenermaßen kreuz und quer durch dessen Bibliographie gelesen habe, weshalb ihr auch an dieser Stelle vor längerer Zeit Houellebecqs Erstling Ausweitung der Kampfzone präsentiert bekommen habt. Karte und Gebiet ist nun so etwas wie das Gegenstück dazu, denn wo dieses knapp und pessimistisch ausfiel, meldet sich dieser Roman mit einer alles umfassenden Geschichte zurück, die sogar fast so etwas wie vorsichtigen Optimismus vermittelt und sich in beinahe sämtliche Lebensbereiche erstreckt.

Nicht genug, die Geschichte eines Lebens, die Geschichte eines Künstlers zu erzählen und sich dessen verschiedenen Stationen und Schaffensphasen zu widmen, erörtert Houellebecq prompt noch die gesellschaftlichen Umbrüche und Veränderungen der letzten Jahre in der westeuropäischen Zivilisation und dokumentiert diese mit den Werken des Künstlers Jed, der –so mutet es immer wieder an – ebenfalls ein Alter Ego des Autors verkörpert. Warum „ebenfalls“ ist leicht erklärt, denn Houellebecq geht noch weiter und lässt sich selbst – nebst einigen Bekannten und Freunden – in Karte und Gebiet in Erscheinung treten.

Die Wege von Jed und Michel kreuzen sich zwar nur insgesamt drei Mal im Roman, doch entsteht aufgrund ihrer höchst interessanten Diskurse ein zartes, beinahe fühlbares Band zwischen der fiktiven und nichtfiktiven Gestalt, wobei wir von diesem natürlich nur aus der Sicht des Künstlers Jed erfahren. Auch lässt der Autor sich selbst auf dramatische Weise in Karte und Gebiet ums Leben kommen und flicht noch eine Krimi-Handlung ein, die kurzzeitig auch Jeds Wirken vollkommen in den Hintergrund treten lässt und sich stattdessen auf den Ermittler Jasselin. Daneben widmet sich der Autor wie nebenbei dem Konsumverhalten gutsituierter Bürgerlicher, thematisiert Euthanasie, Architektur und den Kunstmarkt, während er die Biographie von Jed Martin mal mehr, mal weniger ausführlich umreißt und sich mit ihm durch die von unterschiedlichen Eindrücken geprägten Jahrzehnte bewegt, bis hin zu einer prognostizierten Zukunft die bedeutend weniger dystopisch denn sogar utopisch daherkommt; also vollkommen dem zuwider läuft, was man klassischerweise von Michel Houellebecq erwarten würde.

Vollkommen zu Recht hat er nun für Karte und Gebiet den Prix Goncourt – den wohl bekanntesten französischen Literaturpreis – einheimsen können, denn er vereint in seinem Roman zahlreiche zeitlose Themen, nimmt sich selbst aufs Korn und gibt auch einen Teil seiner Selbst preis, während er die unterschiedlichen Gestalten durch die von ihm ersonnene Welt scheucht. Mit diesem Roman hat er mich wirklich überrascht, denn seine Prägnanz und messerscharfe Sprache sind erhalten geblieben, der grenzenlose Pessimismus weicht hier aber einer interessanten und ungewohnten Melancholie, die beileibe nicht so negativ wirkt, dafür und dadurch aber auch vielschichtiger und facettenreicher – so sehr ich die Frühwerke Houellebecqs zu schätzen weiß!

Fazit & Wertung:

Mit Karte und Gebiet ist Herrn Houellebecq ein durch und durch überzeugender, vielschichtiger, prophetischer Blick auf unsere heutige Zeit gelungen, während er sich selbst durch seinen literarischen Tod dieser Umwälzungen und Erkenntnisse gekonnt zu entziehen versteht.

9,5 von 10 Fotografien der Michelin-Karten

Karte und Gebiet

  • Fotografien der Michelin-Karten - 9.5/10
    9.5/10

Fazit & Wertung:

Mit Karte und Gebiet ist Herrn Houellebecq ein durch und durch überzeugender, vielschichtiger, prophetischer Blick auf unsere heutige Zeit gelungen, während er sich selbst durch seinen literarischen Tod dieser Umwälzungen und Erkenntnisse gekonnt zu entziehen versteht.

9.5/10
Leser-Wertung 0/10 (0 Stimmen)
Sende

Weitere Details zum Autor und dem Buch findet ihr auf der Seite des DuMont Buchverlages.

– – –

Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

%d Bloggern gefällt das: