Review: Asoziales Wohnen | Dirk Bernemann (Buch)

Am heutigen Tage ist der neue Roman des von mir hochgeschätzten Autoren Dirk Bernemann erschienen. Wer jetzt meint, ich hätte mich in Windeseile durch dessen Buch gekämpft, den kann ich beruhigen, denn der Unsichtbar Verlag war so umsichtig, sich an meine letzte Rezension zu Bernemanns Trisomie so ich dir zu erinnern und mir aufgrund dessen vorab ein Rezensionsexemplar von Asoziales Wohnen zukommen zu lassen, was mich in die glückliche Lage versetzt, am Tag des Erscheinens darüber berichten zu können, was ja bei Büchern bekanntermaßen eher schwierig ist.

Asoziales Wohnen

Asoziales Wohnen, DE 2012, 315 Seiten

Asoziales Wohnen von Dirk Bernemann
© Unsichtbar Verlag

Autor:
Dirk Bernemann

Verlag (D):
Unsichtbar Verlag
ISBN:
978-3-942-92014-8

Genre:
Drama | Satire | Komödie

 

Inhalt:

Beleuchtet wird ein nicht näher bezeichnetes Haus und dessen illustre wie gescheiterte Existenzen in ihren Wohneinheiten. Da findet sich im Erdgeschoss das Rentnerehepaar, das sich nichts mehr zu sagen, die Liebe verloren hat, den Sinn des Lebens ebenso und folglich nur noch auf das unausweichliche Ende wartet. Daneben findet sich der achtunddreißigjährige Sören, der immer noch bei seiner Mutter lebt und im Internet als MC S einem dreizehnjährigen Mädchen Avancen macht.

Im ersten Stock nun lebt Lisa mit ihren Eltern, doch Lisa spricht nicht mehr, seit ihr ein vermeintliches Alien auf dem Dach begegnet ist. Daneben vegetiert die Kassiererin Sibylle vor sich hin und steht kurz vor dem Zusammenbruch. Noch eine Wohnung weiter im selben Geschoss wächst Isabell das Hausfrauenleben langsam aber sicher über den Kopf und das dritte Kind war schon eins zu viel, während ihr Mann Justus dem Traum vom Vorstadthäuschen mit Lattenrostzaun nachhängt, in dem sie alle auf immer glücklich sein werden.

Im zweiten Stock lebt der frustrierte Autor, der verzweifelt auf der Suche nach einer zündenden Idee für seinen nächsten Roman ist, zumal man ihm bereits auf die Füße zu treten beginnt. Daneben findet sich der hübsche Manuel, der es geschafft hat, sich in die Tasche zu lügen en sorgenfreies Leben zu führen, doch die Fassade bröckelt. In der abgefuckten Dachgeschosswohnung zuletzt lebt der Mann, der niemals die Tür öffnet, aber freilich alsbald die Tür öffnen wird und vielleicht sogar sein Herz.

Rezension:

So einfach und doch genial. Das Konzept von Bernemanns Asoziales Wohnen ist im Grunde schnell zusammengefasst: Da leben die unterschiedlichsten Personen unterschiedlichen Geschlechts, in unterschiedlichen Lebensabschnitten auf engstem Raum in einem Haus und sukzessive werden diese Wohnungen nach und nach abgeklappert, um jeder dieser Zweckgemeinschaften einen ersten Besuch abzustatten. Am Ende steht das Ende des Tages, des Montags einer nicht näher bezeichneten Woche und tags darauf beginnt die Chose von vorn und wir wandern erneut vom Erdgeschoss über den ersten und zweiten Stock bis hinauf in die abgefuckte Dachgeschosswohnung (die wirklich so heißt).

Asoziales wohnen umfasst dabei einen Zeitraum von gerade einmal einer Woche und entsprechend ausführlich weiß Dirk Bernemann von seinen ersonnenen Existenzen zu berichten, denen allesamt umwälzende Veränderungen in dieser Woche bevorstehen werden, die nicht selten mit dem Tod enden, die Figuren zuvor aber auf die eine oder andere Art aufeinandertreffen lassen. Bernemanns lakonische Schreibe und der bitterböse Humor haben indes nichts von ihrem Biss verloren und das Kaleidoskop der Gescheiterten, die teils wissentlich, teils unwissentlich in ihr Verderben rauschen erinnert mich (im positivsten Wortsinne) an die großartige Sibylle Berg, die mit Sex II oder auch Ende gut ähnlich geniale Romane abgeliefert hat.

Ich will Herrn Bernemann gar nicht unterstellen, sich von Frau Berg inspirieren zu lassen haben, doch einerseits verdenken könnte ich es ihm nicht und andererseits erreicht er hier schon beinahe ihre Klasse und begeistert mit einem wohldurchdachten, fraglos überzogen wirkenden, aber nie ins gänzlich Absurde abdriftenden Konstrukt fatalistischer Momenteindrücke. Die Weltsicht seiner Figuren ist verbittert, doch auch von einer vagen, diffusen Hoffnung durchwoben, die teils sogar mit einem Happy End belohnt wird, zumindest in dem Maße, wie dies nach den vorangegangenen Erlebnissen möglich sein wird.

In seiner Gänze ist Asoziales Wohnen eine rundherum überzeugende, episodisch aufgebaute, aber auch klar strukturierte Geschichte mit Hand und Fuß, die einerseits an Bernemanns Ich hab die Unschuld kotzen sehen erinnert, andererseits seinen Erstling aber auch in den Schatten stellt, weil seine Art nunmehr wenn schon nicht reifer, so doch durchdachter, cleverer und stilsicherer daherkommt. Nicht nur Freunden der Schreibkunst von Dirk Bernemann kann ich diesen Roman also ans Herz legen, sondern auch denjenigen, die ein Zusammentreffen mit dem Werk eines der Enfant terrible der deutschen Literatur bisher gescheut haben.

Fazit & Wertung:

Asoziales Wohnen ist ein überzeugender Abriss über das Zusammenleben von Menschen, in dem sich der Autor gar selbst verbaut hat und sich so selbstironisch mit seinen geschaffenen Figuren und ihren Lebensproblemen auf eine Stufe stellt.

9 von 10 gescheiterten Existenzen in ihren Wohnungen

Asoziales Wohnen

  • Gescheiterte Existenzen in ihren Wohnungen - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Asoziales Wohnen ist ein überzeugender Abriss über das Zusammenleben von Menschen, in dem sich der Autor gar selbst verbaut hat und sich so selbstironisch mit seinen geschaffenen Figuren und ihren Lebensproblemen auf eine Stufe stellt.

9.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Unsichtbar Verlages.

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Asoziales Wohnen ist heute, am 05.10.12 als Hardcover im Unsichtbar Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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