Review: Holmes (1854/†1891?) (Graphic Novel)

Jüngst per Zufall bei einem meiner Streifzüge durch die hiesige Mayersche Buchhandlung entdeckt, war sofort mein Interesse geweckt und so dauerte es nur noch wenige Tage, bis ein Exemplar des freundlicherweise von Jacoby & Stuart zur Verfügung gestellten Bandes bei mir auf der Schwelle lag. Vorweg soll gesagt sein, dass der Band sich tatsächlich auch für Leute eignet, die ansonsten nie eine Graphic Novel oder einen Comic in die Hand nehmen würden, insbesondere, wenn sie Holmes im Allgemeinen etwas abgewinnen können. Dann übrigens, sollte man sich diese Geschichte nämlich auf keinen Fall entgehen lassen!

Holmes (1854/†1891?)
Erster Band: Abschied von der Baker Street

Holmes (1854/†1891?), Livre I, L’Adieu à Baker Street
Livre II, Les Liens du sang, FR 2008, 80 Seiten

Holmes (1854/†1891?) | © Jacoby & Stuart
© Jacoby & Stuart

Autor:
Luc Brunschwig
Zeichner:
Cécil

Verlag (D):
Jacoby & Stuart
ISBN:
978-3-941.08751-4

Genre:
Krimi | Mystery | Drama

 

Inhalt:

Es ist der 4. Mai 1891, als Sherlock Holmes sein eigenes Leben opfert, um seine Obsession, seinen ärgsten Feind, seine Nemesis Professor Moriarty zur Strecke zu bringen, indem er sich und ihn die Reichenbachfälle hinunterstürzt. Fünf Tage später hat Holmes‘ engster und vermutlich einziger Vertrauter Watson den Vorfall selbstredend noch nicht annähernd verdaut und brütet noch immer über den letzten Zeilen seines Freundes, die er ihm in weiser Voraussicht am Ort des Geschehens hinterlassen hat, so dass Watson nachträglich die Chronik des wohl berühmtesten Ermittlers der Geschichte zu vollenden imstande ist. Dann jedoch bricht jemand in der Baker Street 221 B ein und verwüstet Holmes‘ altes Zimmer, anscheinend auf der Suche nach irgendetwas und Watson erklärt sich zähneknirschend bereit, gemeinsam mit Simeon Wiggins, einem Jungspund von Privatdetektiv, der Sache nachzugehen.

Im Zuge der Ermittlungen beginnt Watson zu erkennen, dass möglicherweise nicht alles, was Holmes‘ ihm im Laufe der Jahre eröffnet hat, der vollen Wahrheit entspricht und so rückt auch sein selbstgewählter Freitod an den Reichenbachfällen nach und nach in ein anderes Licht. Die Spuren führen Watson weit in die Vergangenheit bis in das Jahr 1844, als Sherlocks und Mycrofts Vater Siger der jungen Violet begegnet ist. Und immer wenn Watson der Meinung ist, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, eröffnen sich ihm neue Geheimnisse und Offenbarungen, während noch immer der Schatten des Zweifels an ihm nagt, ob Holmes tatsächlich am 4. Mai sein Ende gefunden haben mag.

Rezension:

Arthur Conan Doyles Figur Sherlock Holmes beflügelt seit unzähligen Jahren die Fantasie zahlreicher Autoren und Filmemacher und nicht wenige Figuren der modernen Popkultur müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, Anleihen genommen zu haben an dem wohl berühmtesten Ermittler aller Zeiten. Eine andere Form der Inspiration bietet nun jüngst Holmes (1854/†1891?), eine Graphic Novel, die sich direkt an Holmes‘ tragischen Tod an den Reichenbachfällen anschließt und auf formidable Weise die Geschichte um Watson weiterspinnt und das Vermächtnis des Ermittlers thematisiert.

Man kann es dem Autoren Luc Brunschwig nicht hoch genug anrechnen, welch clever konstruierte und mitreißende Geschichte er erdacht hat, die einerseits Sherlock Holmes selbst beinahe gänzlich außen vor lässt – da dieser ja schließlich bereits verstorben ist – und dennoch auf jeder Seite den Geist der Vorlage atmet. Die Erkenntnisse, die Watson und Konsorten über ihren langjährigen Freund, Wegbegleiter oder auch Bruder machen muten dabei im ersten Augenblick anmaßender und unglaubwürdiger an, als sie sich im weiteren Verlauf der Erzählung entwickeln, denn tatsächlich passen die Offenbarungen über Holmes‘ dermaßen akkurat in den Tenor der ursprünglichen Geschichten, dass man versucht wäre zu glauben, dass Conan Doyle diese selbst ersonnen hätte, freilich, um seinen Lesern noch einmal gründlich vor den Kopf zu stoßen, denn man muss – ohne etwas verraten oder vorwegnehmen zu wollen – darauf gefasst sein, den Mythos von Sherlock Holmes zunächst demontiert zu bekommen.

Jedoch handelt es sich bei Holmes (1854/†1891?) auch nur um den ersten Band der Reihe, in dem die ersten beiden französischen Originalhefte vereint worden sind, so dass es also durchaus noch möglich ist, dass einige der gelüfteten Geheimnisse sich durch nachträgliche Geschehnisse noch relativieren. Folglich findet die Geschichte auch noch nicht ihren endgültigen Abschluss und nicht alle losen Enden werden zum Schluss miteinander verknüpft sein, doch steigert dies eigentlich das Lesevergnügen noch mehr, da man sich darauf freuen darf, noch weitere Stunden mit Brunschwigs Geschichte verbringen zu können, die wirklich kongenial von Zeichner Cécil in unsagbar stimmigen Schwarz-Weiß-Zeichnungen dargebracht wird. Die Geschichte selbst unterteilt sich in drei unterschiedlich lange Kapitel und wirft dabei sogar einen Blick auf das Leben von Holmes‘ Vater Siger, dem Watson später noch begegnen wird und bei den Rückblenden wechselt dann auch Cécil zu einem nostalgischen Sepia-Ton, so dass er auch farblich die Stimmung und Atmosphäre der Geschichte zu unterstützen weiß.

Noch deutlicher wird das an einem Gemälde, welches wohl für den weiteren Fortgang der Geschichte noch gesteigerte Bewandtnis haben wird, denn dieses wird gar als einziges gänzlich in Farbe dargestellt. Von der künstlerischen Qualität von Holmes (1854/†1891?) überzeugt der Band aber wie gesagt auch in allen anderen Belangen und dürfte auch für Leser interessant sein, die sich bis dato für das weite Felde der Comics oder Graphic Novels noch nicht interessiert haben, denn gerade Fans der Geschichten von Arthur Conan Doyle sollten hier auch dank der stimmigen Aufmachung ihre helle Freude haben dürfen. Abgerundet wird das großformatige Hardcover-Album von einer kurzen Chronik des Wirkens Arthur Conan Doyles und seiner Schöpfung. Nach Abschied aus der Baker Street folgt bereits in wenigen Monaten dessen Nachfolger Schatten des Zweifels, den ich mir, allein schon des vielversprechenden Titels wegen – selbstredend ebenfalls nicht entgehen lassen werde.

Fazit & Wertung:

Fernab der vielen Adaptionen und Interpretationen von Sherlock Holmes widmet sich Holmes (1854/†1891?) den tragischen Tagen nach Holmes‘ Ende an den Reichenbachfällen und atmet dabei auf jeder Seite und mit jedem Wort den Geist der Vorlage, so dass man den kreativen Köpfen Brunschwig und Cécil sogar geneigt ist zu verzeihen, dass der Mythos Holmes von ihnen auch zuweilen genussvoll demontiert wird.

10 von 10 falschen Fährten und tragischen Offenbarungen

Holmes (1854/†1891?)

  • Falsche Fährten und tragische Offenbarungen - 10/10
    10/10

Fazit & Wertung:

Fernab der vielen Adaptionen und Interpretationen von Sherlock Holmes widmet sich Holmes (1854/†1891?) den tragischen Tagen nach Holmes‘ Ende an den Reichenbachfällen und atmet dabei auf jeder Seite und mit jedem Wort den Geist der Vorlage, so dass man den kreativen Köpfen Brunschwig und Cécil sogar geneigt ist zu verzeihen, dass der Mythos Holmes von ihnen auch zuweilen genussvoll demontiert wird.

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Holmes (1854/†1891?) ist am 27.02.13 im Verlagshaus Jacoby & Stuart erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den nachfolgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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