Review: Das Fremde Meer | Katharina Hartwell (Buch)

Nachdem ich es diese Woche nicht für nötig erachte, über irgendeinen der Neustarts im Kino im Rahmen der Vorschau zu berichten (obwohl ich mich gefühlte zwei Jahre auf Upside Down gefreut habe, der aber von wirklich allen Seiten verrissen worden ist, so dass mir jegliche Lust vergangen ist, mich damit im Moment auseinanderzusetzen) mache ich einfach weiter im üblichen Turnus und kann euch dafür direkt wieder ein kleines Schmankerl bieten, denn TIWWL hat jüngst wieder zum Literatur-Tipp geladen, dessen zweite Ausgabe bald das Licht der Welt erblicken wird.

Folglich habe ich es mir nicht nehmen lassen, mich erneut zu beteiligen und freue mich, euch auch diesmal wieder – nach Schimmernder Dunst über CobyCounty beim letzten, also ersten Mal – ein literarisches Kleinod präsentieren zu können, das es vorbehaltlos wert ist, den Platz des Literatur-Tipps für dieses Quartal einzunehmen. Ohne aber noch weiter der Schwätzerei zu frönen könnt ihr euch im Folgenden eingehender damit beschäftigen, was Katharina Hartwells Debüt Das Fremde Meer zu einem solch ungewöhnlichen und empfehlenswerten Roman macht. Viel Spaß!

Literatur-Tipp

Das Fremde Meer

Das Fremde Meer, DE 2013, 576 Seiten

Das Fremde Meer von Katharina Hartwell | © Berlin Verlag
© Berlin Verlag

Autorin:
Katharina Hartwell

Verlag (D):
Berlin Verlag
ISBN:
978-3-827-01137-4

Genre:
Fantasy | Romantik | Drama | Mystery | Märchen

 

Inhalt:

Marie kann sich noch genau erinnern, wie er – Jan – aus dem Paternoster der Bücherei auf sie fiel, wie sie in jenem Augenblick in die Liebe fiel – to fall in love – und in ihr unterging. Marie erinnert sich an ihre Kindheit, ihre Träume, Wünsche und Ängste, an jeden Augenblick mit Jan, jedes Gespräch, jeden Gedanken und das erzählt sie ihm. Sie berichtet von ihrer Liebe, aber vor allem berichtet sie in zehn Geschichten davon, wie eine Frau einen Mann rettet, ihn immer wieder aufspürt, in den undenkbarsten Welten, zu den undenkbarsten Zeiten an den unmöglichsten Orten. Es sind düstere Geschichten, der unsichtbaren wie sichtbaren Ängste, der Gefahr und des Vergessens, aber es sind auch Geschichten der Hoffnung und Marie weiß, dass Jan ihre Weltsicht teilt.

Eine Weltsicht, in der es die Wechselstadt gibt, einen Ort der Mobilien, der sich teleportierenden Häuser und verschwindender Straßenzüge, der im Untergang begriffen ist, die Pariser Salpetrière, wo zwei Patienten aufeinandertreffen, ein Geisterschiff in der Zwischenwelt, eine Prinzessin, die davon träumte Ritter zu sein und sich in den Winterwald zu wagen, ein Zirkus, dessen größte Attraktion ein an jedem Abend aufs Neue ertrinkender Mann ist, dem ein Medium begegnet, die wiederum Bilder heraufbeschwört von noch weiteren Orten, längst vergessenen Taten und immerzu denselben zwei Personen, die es zueinander zieht, die aufeinander zu und voneinander wegdriften und die immer ein Sinnbild der Liebe sein könnten, ein Sinnbild der Liebe zwischen Marie und Jan, die über Zeit und Raum und bis weit über die Grenzen der Vorstellungskraft zu existieren scheint.

Rezension:

Bei Katharina Hartwells Romandebüt handelt es sich gleichsam auch um ihre Abschlussarbeit am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und schon nach wenigen Seiten erschließt sich, wieso dieser Erstling prompt einen dankbaren Abnehmer – sprich Verleger – gefunden hat, denn Hartwells Sprache ist dermaßen ausgefeilt und auf den Punkt gebracht, gleichzeitig verspielt und fantasievoll, zuweilen metaphorisch, manchmal melancholisch, ohne dass indes sich das Geschriebene jemals prätentiös anhören würde, dass es eine wahre Freude ist, den Ausführungen Maries zu lauschen, weil Das Fremde Meer im Grunde auch als Lobgesang auf die Literatur und insbesondere auf die deutsche Sprache interpretiert werden kann, denn lange schon habe ich nicht mehr einen so liebevoll poetisch inszenierten Roman lesen dürfen, der sich – was die sprachliche Ausdruckskraft anbelangt – ganz sicher nicht hinter den Größen der deutschsprachigen Literatur zu verstecken braucht.

Zunächst einmal hat man im Grunde zwar absolut keine Ahnung, auf welches Abenteuer man sich mit Das Fremde Meer einlässt und was einen erwarten mag und spätestens mit Beginn der ersten Geschichte, allerspätestens mit Beginn der zweiten Geschichte ist man heillos verloren, versunken in einer Traumwelt voller Skurrilität und Absurdität, einer Welt, in der sich die Zeichen nach und nach zu häufen beginnen, in der immer wieder andere Bilder für im Grunde ein und dieselbe Sache heraufbeschworen werden, einer Welt, in der sich zwei Menschen, Manifestationen von Marie und Jan mit oftmals ähnlich klingenden Namen, wieder und wieder begegnen, sich immer neuen Problemen und Gefahren stellen müssen und am Ende dennoch erneut entzweit werden. Das mag sich nicht unbedingt nach einer packenden Dramaturgie anhören, doch wird der Leser dermaßen ermuntert, seine eigene Interpretation und Deutung in die Geschichte miteinzubeziehen, dass es ob der überbordenden Fantasie kaum störend wirkt, dass man lange im Dunkeln tappt, was Marie eigentlich erzählen möchte und aus welchem Grund.

Die Auflösung soll an dieser Stelle – so gut dürftet ihr mich kennen – natürlich nicht verraten werden, doch die Reise lohnt sich, so viel kann ich vorwegnehmen und vor allem führt jede weitere Geschichte, jeder weitere Einschub der Geschichte von Marie und Jan dazu, dass das Bild klarer wird und die Zeichen leichter zu deuten werden, wenngleich schlussendlich erst die letzte Geschichte die Offenbarung liefert, nachdem man schon häufig auf falsche Fährten gelockt worden ist und einer der Inkarnationen von Jan gar aus einem Buch namens Das Fremde Meer und andere Erzählungen vorgelesen wird oder einem Marie nachempfundenen Medium Bilder und Szenen aus anderen Geschichten, von anderen Orten offenbart werden, ganz so, als würde es sich um ihre Geschichte handeln, ebenso, wie man versucht ist zu glauben, dass ein aus der Zwischenwelt entkommener und nur knapp dem Ertrinken entronnener Mann dieselbe Person ist wie der kurz darauf auftauchende Ghostboy, der Tag um Tag im Zirkus ertrinkt und wiedererwacht, während in Wahrheit sein Herz zu keinem Zeitpunkt schlägt.

Mach dir keine Sorgen, halte still, halte dich gerade, halte Ausschau, warte, bis sich eine Tür öffnet, jemand den Raum betritt, jemand deinen Namen sagt, jemand durch die Fluten, durch den Wald, durch die Straßen, durch die Nacht zu dir kommt und dich findet in der Stadt, die nie dieselbe bleibt, in dem Wald, in dem es immer schneit, in den Kellern der Kliniken und Fabriken, hoch über den Wolken und an der tiefsten Stelle des Meeres.

Doch die Geschichten, selbst die falschen Fährten, all das muss man selbst erlebt haben, um nur annähernd ergründen zu können, was Katharina Hartwell mit Das Fremde Meer geschaffen hat. Es ist sicherlich ein Roman, der sich Konventionen wiedersetzt, der mit gewohnten Erzählschemata bricht, der zuweilen akademisch wirkt und plötzlich wieder verspielt, der vor allem aber im Grunde mit einer Märchensammlung aufwartet, wenn es sich auch um durchweg melancholische, düstere, morbide Märchen handelt, von denen eine merkwürdige Faszination ausgeht und die jedes für sich schon für einen Roman gereicht hätten.

Dennoch muss man der Autorin dankbar sein, dass sie ihre zahllosen Ideen in genau dieser gebündelten Form abgeliefert hat, denn der stete Wechsel der Schauplätze und Figuren führt auch dazu, dass das Buch ohne Längen auskommt und die Spannung immer dann am größten ist, wenn die Geschichte sich dem Ende neigt, vom Nichts geschluckt wird, um im nächsten Moment neu zu beginnen, mit einer neuen Marie, einem neuen Jan, in einer neuen und noch unglaublicheren Welt als der vorangegangenen. Schlussendlich ist Das Fremde Meer – ganz so wie es auch der Klappentext verlauten lässt – die Geschichte einer Liebe, die zu groß ist, um sie nur einmal zu erzählen. Gänzlich ohne Kitsch und frei von Pathos begibt man sich mit Marie auf eine Reise, die einen in fremde Welten entführt, die ihresgleichen suchen, um am Ende dahinterzukommen, welchen Zweck ihre Odyssee verfolgt, welchen Umständen sie entsprungen ist und man wird begreifen, warum es der Geschehnisse bedurft hat, um die letzte der Geschichten erzählen zu können.

Fazit & Wertung:

Das Fremde Meer lässt sich mit nichts vergleichen und verweigert sich einer Kategorisierung vehement, entschädigt dafür aber mit einer durch und durch ergreifenden, magischen Erzählung, die mit all ihren Dopplungen, Zeichen, Metaphern, Eindrücken und Ideen dazu einlädt, ihn ihr zu versinken, einzutauchen in eine düstere, manchmal bedrohliche Welt, deren alles überstrahlendes Merkmal doch immer die Hoffnung ist.

10 von 10 fantastischen Geschichten

Das Fremde Meer

  • Fantastische Geschichten - 10/10
    10/10

Fazit & Wertung:

Das Fremde Meer lässt sich mit nichts vergleichen und verweigert sich einer Kategorisierung vehement, entschädigt dafür aber mit einer durch und durch ergreifenden, magischen Erzählung, die mit all ihren Dopplungen, Zeichen, Metaphern, Eindrücken und Ideen dazu einlädt, ihn ihr zu versinken, einzutauchen in eine düstere, manchmal bedrohliche Welt, deren alles überstrahlendes Merkmal doch immer die Hoffnung ist.

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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Berlin Verlages.

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Das Fremde Meer ist am 16.07.13 im Berlin Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

  • caterina

    Wir sind uns sowas von einig! Ein wundervoll komponierter, poetischer, überwältigender Roman, der alles bisher Gelesene dieses Jahr übertrumpft. Aber das haben wir ja schon auf dem Bahnsteig in Köln festgestellt… 😉

    • Stimmt, das wurde dort schon mehr als deutlich! 😉

      Hab gesehen, dass deine Besprechung mittlerweile auch online ist und hoffe, morgen die Zeit zu finden, mir die dann auch mal eingehend zu Gemüte zu führen!

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