Review: Manhattan | Don Winslow (Buch)

Gestern Abend hatte ich ja bei Facebook versprochen, nicht zu bloggen, wofür ich prompt mit 3 neuen Fans belohnt worden bin, doch das war mir auch nur recht, weil ich mit dem nun anstehenden Buch sowieso noch in den letzten Zügen lag und folglich eigentlich auch gar nicht hätte bloggen können, hätte ich nicht einem anderen Medium den Vorzug gegeben. Dieses Dilemma ist nun Gott sei Dank ausgestanden und deshalb folgt hier nun meine neueste Buch-Kritik!

Manhattan

Isle of Joy, USA 1996, 404 Seiten

Manhattan von Don Winslow | © Suhrkamp Verlag
© Suhrkamp Verlag

Autor:
Don Winslow

Verlag (D):
Suhrkamp Verlag
ISBN:
978-3-518-46440-3

Genre:
Krimi | Thriller

 

Inhalt:

1958 beschließt der in Stockholm stationierte CIA-Agent Walter Withers, in sein geliebtes New York zurückzukehren, nicht – wie er sagt – weil er die Firma weniger liebe, sondern weil er Manhattan mehr liebe. Gemeinsam mit seiner Freundin Anne Blanchard kehrt er ins geliebte Manhattan zurück und versucht sich in dem vergleichsweise langweiligen Job als Personalüberprüfer bei Forbes and Forbes ein neues Leben aufzubauen. Zu Beginn des 24. Dezember 1958 ahnt Withers noch nicht, dass die zunächst harmlos scheinende Bitte von Forbes jr., den Personenschutz von Madeleine Keneally zu übernehmen, sein Leben in den darauffolgenden Tagen gehörig durcheinander bringen wird.

»Papierkram ist mein Leben«, erklärte er Anne, als er an diesem Morgen aus der Dusche kam. Anne hatte sich die Decke bis zur Nase hochgezogen und starrte ihn an.
»Wie langweilig«, erwiderte sie.
»Nicht wirklich«, entgegnete Walter und nahm ein frisches weißes Button-down-Hemd vom Stummen Diener. »Papierkram hat was von Zen, würden deine Beatnik-Kumpel vielleicht sagen.«

Bei Madeleine handelt es sich um die Frau an der Seite Joe Keneallys, seines Zeichens Senator und heißester Kandidat der Demokraten für die Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr. Während sich Walter üblicherweise – dank Anne – am Broadway umtut und in den Beat-Kneipen verkehrt, eröffnet ihm die Bekanntschaft zu den Keneallys einen Blick in die High Society der Stadt, doch spätestens als die verkappte Schauspielerin Marta Marlund tot in ihrem Hotelzimmer aufgefunden wird, geht es für Walter nicht mehr darum, seinen Job zu erledigen, sondern auch, sich von Verdächtigungen freizumachen und sein wie auch Annes Leben zu beschützen.

Rezension:

Nachdem ich vor nicht allzu langer Zeit mit Zeit des Zorns – Savages das erste Mal mit dem Schriftsteller Don Winslow in Berührung gekommen bin, war es für mich persönlich sehr interessant, nun mit Manhattan zunächst eines seiner Frühwerke zu lesen wenngleich es ja brandaktuell vom Suhrkamp-Verlag neu aufgelegt worden ist, da sich die Bücher in Stil, Aufbau und Sprache doch sehr voneinander unterscheiden und ich bei Unkenntnis nicht hätte ahnen können, dass sie von ein- und demselben Autor stammen. Dennoch deutet sich die Stilbildung in vielen Punkten an und insbesondere die Dialoge sind außerordentlich knapp gehalten und um kein überflüssiges Wort ergänzt, während sich Winslow hingegen bei den Beschreibungen hier deutlich weniger zurücknimmt und teils ellenlange Absätze zu fabrizieren vermag.

Ich bin tatsächlich Der Große Skandinavische Lude und Tödliche Anwerber, dachte er. Betonung auf »tödlich«. Ich habe sie verführt und angeworben, habe sie aber nicht beschützen können. Einer nach dem anderen ist verschwunden, bis sogar der Alte genug davon hatte.

Für die Geschichte von Manhattan ist dies aber definitiv ein Zugewinn, denn die ausführlichen Schilderungen von Walter Withers Streifzügen durch die Stadt lassen die damalige Zeit mehr als lebendig werden, was nicht unbedingt daran liegt, dass an jeder Ecke Schriftsteller, Schauspieler, Musiker und Künstler der damaligen Zeit erwähnt werden, sondern daran, dass Winslow mit seinem Sprachduktus genau den Puls der Zeit trifft und den Leser tief in die Gedankenwelt des distinguierten und im Grunde konservativen CIA-Mannes blicken lässt, der insbesondere aufgrund seiner Liaison zu Anne Blanchard den Beat-Poeten gleichwohl durchaus nicht abgeneigt ist und sich öfter als ihm lieb sein kann in verrauchten Underground-Kneipen herumtreibt.

Des einen Freud, des anderen Leid, haben die teils elegischen Schilderungen auch zur Folge, dass Manhattan vergleichsweise langsam in Fahrt kommt und beinahe altmodisch daherkommt, fast so, als stamme die Geschichte aus der damaligen Zeit und wäre nicht erst 1996 von einem damals dreiundvierzigjährigen Mann verfasst worden. Insbesondere wer sich also die gleiche rasante Unterhaltung wünscht wie in den Spätwerken Winslows könnte also möglicherweise enttäuscht werden. Auch mit verbalisierter Gewalt und Kraftausdrücken hält man sich hier weitestgehend zurück und während die Geschichte erst langsam auf Touren kommt, entlädt sich zumindest die geballte Spannung in einem ausgiebigen Finale, dass auch noch einige – je nach Aufmerksamkeitsspanne des Lesers – mehr oder minder überraschende Twists bereithält, die viele Dialogzeilen und Erinnerungen Walters in ein anderes Licht rücken.

Walter wusste, wie es funktionierte, nachdem er es selbst schon so oft gemacht hatte. Er hatte gesehen, wie Furcht und hilflose Abneigung über das Gesicht des Agenten zogen wie eine Wolke über den klaren blauen schwedischen Himmel, und dann sagte der Agent: »Na schön. Nur dieses eine Mal«, worauf man sagt: »Gut, nur dieses eine Mal.« Bis zum nächsten Mal. Und dem nächsten und nächsten, bis der Agent schließlich alles versaut und geschnappt wird, und dann ist es auch nicht so, als hätten wir einen richtigen Agenten verloren, nicht wahr?

Handwerklich ist Manhattan daher einwandfrei und ein klassischer, eleganter und gleichzeitig gesetzter Thriller, den man ohne Vorbehalte empfehlen kann und der gleichsam als Sittengemälde der ausgehenden 50er-Jahre fungieren könnte, wenn da nicht der immer stärker in den Vordergrund tretende Kriminal-Plot wäre, der spätestens nach der Hälfte der Zeit langsam aber unaufhörlich in den Vordergrund drängt und die bis dato beinahe getragen wirkende Geschichte neu beflügelt. Sittengemälde auch, weil uns hier mit den Keneallys eine relativ unverhohlene Interpretation der Kennedys begegnet, die von Winslow stilsicher in den Kontext eingebettet und mit glaubhaften Charaktereigenschaften ausgestattet werden, während man freilich auch nicht auf einen Auftritt des FBI und dessen Direktors und Gründers J. Edgar Hoover verzichten muss.

Fazit & Wertung:

Manhattan beeindruckt mit einer detailverliebten und schwärmerischen Schilderung des damaligen New York und reichert die immer komplexer werdende Geschichte zunächst unmerklich um einen spannenden Plot um den ehemaligen CIA-Agenten Withers an, der sich zahlloser Feinde erwehren muss, ohne indes seine Integrität zu opfern.

8 von 10 Ausflügen durch die Straßen des winterlichen Manhattan

Manhattan

  • Ausflüge durch die Straßen des winterlichen Manhattan - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Manhattan beeindruckt mit einer detailverliebten und schwärmerischen Schilderung des damaligen New York und reichert die immer komplexer werdende Geschichte zunächst unmerklich um einen spannenden Plot um den ehemaligen CIA-Agenten Withers an, der sich zahlloser Feinde erwehren muss, ohne indes seine Integrität zu opfern.

8.0/10
Leser-Wertung 0/10 (0 Stimmen)
Sende

Meinungen aus der Blogosphäre:
Zeilenkino

Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Suhrkamp Verlages. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

– – –

Manhattan ist am 17.06.13 im Suhrkamp Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

%d Bloggern gefällt das: