Review: Spring Breakers (Film)

Falls hier noch irgendjemand auf eine Kinovorschau gehofft hat: Ich muss auch diese Woche wieder enttäuschen, nichts reizt mich. Dafür gibt es immerhin direkt ne neue Film-Kritik und das ist ja schließlich auch was, oder!?

Spring Breakers

Spring Breakers, USA 2012, 94 Min.

Spring Breakers | © Universum Film
© Universum Film

Regisseur:
Harmony Korine
Autor:
Harmony Korine

Main-Cast:
James Franco (Alien)
Vanessa Hudgens (Candy)
Selena Gomez (Faith)
Ashley Benson (Brit)
Rachel Korine (Cotty)

Genre:
Krimi | Drama

Trailer:

 

Inhalt:

Candy, Brit und Cotty wünschen sich nichts sehnlicher, als einmal der Vorort-Tristesse zu entfliehen, das College zu vergessen, die Sorgen daheim zu lassen und gemeinsam zum Spring Break nach Florida zu fahren. Auch ihre Freundin, die bibeltreue Faith, teilt diesen Traum, doch das Geld ist knapp und der Spring Break teuer und so beschließen Candy, Brit und Cody kurzerhand, ein Diner zu überfallen. Der Plan geht auf und zusammen mit Faith geht es umgehend nach Florida. Dort angekommen lassen die Mädels gehörig die Sau raus und frönen ausgiebigen Alkohol- und Drogenexzessen. Dann allerdings sprengt die Polizei eine der ausschweifenden Partys und die vier Freundinnen landen hinter Gittern. Ohne Geld, um die Kaution zu bezahlen, sehen sie schon das unrühmliche Ende ihres Trips gekommen, doch da erscheint der von sich selbst vereinnahmte Drogendealer Alien auf der Bildfläche und kauft die Mädchen bereitwillig frei.

Szenenbild aus Spring Breakers | © Universum Film
© Universum Film

Während Faith die Situation mehr und mehr zu schaffen macht und sie letztlich den Rückzug antritt, steigen Candy, Brit und Cotty voll auf Alien ein und bald schon verüben sie gemeinsam mit ihm Raubüberfälle, maskiert und schwerbewaffnet mit nichts weiter als Bikinis bekleidet. Die merkwürdige, symbiotisch scheinende Hassliebe wächst sich immer weiter aus, doch Unheil kündigt sich an, als Alien der Meinung ist, die Stärke zu besitzen, sich mit seinem ehemaligen Mentor anzulegen und gemeinsam mit den Mädels einen Vergeltungsschlag durchzuführen plant.

Rezension:

Regisseur Harmony Korine liefert mit Spring Breakers einen Film ab, der im Grunde mit sämtlichen etablierten Sehgewohnheiten des Zuschauers wie auch mit den meisten inszenatorischen Konventionen bricht, um ein Werk zu schaffen, das sich anfühlt und aussieht wie ein anderthalbstündiger Drogentrip oder auch Fiebertraum, inklusive Entrückung, Verwirrung, Flashbacks und Träumerei. Man merkt hierbei recht schnell und deutlich, dass es Korine zuvorderst um Sinneseindrücke und Gefühle geht und nicht so sehr um die eigentliche Geschichte, die alsbald mehr und mehr in den Hintergrund gerät, wobei sie letztlich auch nicht viel anzubieten hat und im Grunde nur als Aufhänger fungiert, um die immer wilderen Eskapaden, die immer unglaublicher werdenden Szenen und Momenteindrücke zu rechtfertigen und in Fahrt zu bringen.

Szenenbild aus Spring Breakers | © Universum Film
© Universum Film

Da erscheint es dann auch vernachlässigbar, dass vieles jeglicher Logik zuwider läuft und allein der Umstand, dass die Mädels sich in Bikinis auf Gangstertour begeben und trotzdem lange Zeit unverletzt bleiben, ist eigentlich noch das harmloseste Beispiel, ganz davon ab, wie man als weißer Gangster auf die Idee kommen könnte, hey, mit den vier Girlies misch ich jetzt die Hood auf… Das stört jedoch den als Erlebnis zu bezeichnenden Film Spring Breakers kaum, weil schnell offenbar wird, dass man sich tunlichst auf diesen Trip einlassen sollte, ohne ihn zu hinterfragen, um nicht alsbald als Zuschauer auf der Strecke zu bleiben. Alles wirkt überhöht, alles ist überzogen und stilisiert, selbst in ruhigen Momenten wird man die wilden, wummernden Beats, das Gefühl des Getrieben-seins nicht los, wird von audiovisuellen Reizen schier überflutet und immer tiefer in die surreal anmutende Welt gesaugt, die sich scheinbar ziellos mäandernd selbst in der Zeit vor- und zurückbewegt und dabei Vergangenes immer und immer wieder aufgreift wie auch Zukünftiges nicht müde wird im Vorfeld anzudeuten.

Das mag vielen Leuten übel aufgestoßen sein, ebenso wie die nur halbgare Dramaturgie und vor allem die zunächst unglaublich wirr erscheinende Inszenierung, die vor allem denjenigen, die sich eine spaßige Teenie-Komödie erwartet haben, schnell das Gefühl als Personae non gratae bei diesem Filmerlebnis vermittelt haben dürften. Lässt man sich indes auf den Trip ein und nimmt Korines eigenwillige Art zu erzählen hin, befindet man sich mitten in einem der ungewöhnlichsten Filme der letzten Jahre, der sich mit kaum etwas vergleichen lässt und sicherlich auch lassen will und gerade dadurch natürlich ungemein spannend wird. Im weiteren Verlauf von Spring Breakers erschließen sich dann auch einige dieser inszenatorischen Eigenheiten und eine Art Muster wird offenbar, ebenso wie man die sich ständig wiederholenden Dia- und Monologe als Mantra zu begreifen beginnt. Die Diskrepanz zwischen den Off-Kommentaren der Mädchen und den diese Worte begleitenden Szenen, zwischen der Welt in der sie sich bewegen und in der sie sich zu bewegen glauben wird dabei größer und größer und offenbart eine perfide Form von Fatalismus.

Schauspielerisch braucht man sich von den Hauptdarstellerinnen indes bei dieser Reizüberflutung nicht allzu viel erwarten, aber ich war doch überrascht, wie stimmig zumindest Vanessa Hudgens und Ashley Benson ihre Rollen zu interpretieren wussten, während Selena Gomez wiederum vollends enttäuscht und mit dem immer gleichen Blick verschüchtert durch die Landschaft huscht. Das macht dafür natürlich wie nicht anders zu erwarten James Franco mehr als wett, der sichtliche Freude an seiner von Grund auf als Karikatur angelegten Rolle hatte, die er natürlich spielend und mit viel Verve auszufüllen versteht.

Szenenbild aus Spring Breakers | © Universum Film
© Universum Film

Ob es sich bei diesem eigenwilligen Film nun aber fernab des künstlerischen Anspruchs um eine pubertäre Fleischbeschau oder – dieser Aussage völlig zuwider laufend – ein Feminismus-Manifest handelt, das wage ich gar nicht zu beurteilen und werde es tunlichst vermeiden, in diesem Punkt Stellung zu beziehen, denn tatsächlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen, zumal man Spring Breakers ohne viel Federlesens sowohl als Abgesang auf die Konsumgesellschaft wie auch die heutige Jugend wie aber auch gleichermaßen als Lobpreisung und Anbiederung verstehen kann. In dieser Beziehung enthält sich Korine völlig einer wertenden Darstellung und stellt stattdessen ästhetische Aspekte merklich in den Vordergrund. Und mit Ästhethik sind jetzt nicht die leichtbekleideten jungen Frauen gemeint, sondern der intensive Einsatz von Farben und Stimmungen, die zielgerichtete Komposition filmischer Momentaufnahmen, die in ihrer Gesamtheit ein bildgewaltiges, orgiastisches und einzigartiges Seherlebnis versprechen, dass bei aller Tristesse, Brutalität und Vulgarität eine seltsame und unbequeme Form poetischer Schönheit vermittelt.

Fazit & Wertung:

Stilistisch und dramaturgisch mehr als eigenwillig zu bezeichnen, ergeht sich Korine in Spring Breakers lieber in seinen opulenten Schauwerten und liefert eine phantasmagorische Erzählung ab, die weitaus unbequemer und abgründiger ist, als es die zunächst kurzweiligen und ausschweifenden Partybilder vermuten lassen würden.

8,5 von 10 drogeninduzierten Wahrnehmungsstörungen

Spring Breakers

  • Drogeninduzierte Wahrnehmungsstörungen - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Stilistisch und dramaturgisch mehr als eigenwillig zu bezeichnen, ergeht sich Korine in Spring Breakers lieber in seinen opulenten Schauwerten und liefert eine phantasmagorische Erzählung ab, die weitaus unbequemer und abgründiger ist, als es die zunächst kurzweiligen und ausschweifenden Partybilder vermuten lassen würden.

8.5/10
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Meinungen aus der Blogosphäre:
ERGOThek: 3,5/5 DeLoreans
Filmherum: 4/5 Punkte
Der Kinogänger: 7,5/10 Punkte

Spring Breakers erscheint am 30.08.13 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von Universum Film. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

  • Ralf A. Linder

    Ich bin ja ehrlich gesagt ganz froh, daß die Kinoneustarts in Deutschland momentan nicht so toll sind, denn nach der langen Sommersaison habe ich die Pause irgendwie schon nötig. Momentan kann mich kaum aufraffen, mir wenigstens noch „Elysium“ anzuschauen … Andererseits freue ich mich dafür schon auf die Genrehighlights im Fantasy Filmfest (für mich ab nächste Woche) und anschließend die ersten Awards-Anwärter. Ich habe gerade die frühen Kritiken zu Alfonso Cuaróns Venedig-Eröffnungsfilm „Gravity“ gelesen (Hollywood Reporter, Variety) und da scheint uns schon mal ein echter Knaller ins Haus zu stehen, der sogar wohlwollend mit Kubrick verglichen wird!

    Aber ich schweife ab, sorry. 😉

    Von „Spring Breakers“ war ich zwar nicht ganz so begeistert wie du (ich vergab 7,5 Punkte), aber es ist mit Sicherheit einer der außergewöhnlicheren Filme des Jahres. Übrigens, wenn ein kleiner Korrekturhinweis gestattet ist: Du hast im ersten Abschnitt des Rezensions-Teils zweimal versehentlich Corine statt Korine geschrieben (da waren wohl Candy und Cotty schuld …).

    • Das stimmt wohl, eine Verschnaufpause ist durchaus nicht schlecht, auch wenn mich die Kinostarts im Grunde ja – abgesehen von meinen kurzen Prognosen – kaum tangieren, weil ich eigentlich so gut wie nie ins Kino gehe und folglich nur meine Wunschlisten ergänzen muss, statt mich zu einem Kinobesuch aufzuraffen 😉

      Für den Korrekturhinweis danke ich recht herzlich, habe mich auch schon gekümmert. Ich hoffe du spielst nur auf die Anfangsbuchstaben der Namen der beiden Damen an und nicht darauf, dass diese mich… auf andere Weise abgelenkt haben könnten 😉

      Mit der Wertung passt das übrigens schon (die habe ich übrigens oben auch nachgepflegt), ich bin meistens etwas begeisterter als alle anderen. Nein, ist natürlich Geschmackssache, aber mich hat er doch ziemlich umgehauen, diese Musik, dieses Rauschartige, die Dialoge im Loop… doch, ich bleib bei meinen Punkten.

  • Mir hat der Film auch gefallen, wobei mich die flachen Charaktere und deren fehlende Motivationen etwas gestört haben. Dafür ist Korines Reizüberflutung allerdings wirklich ein Feuerwerk von Anspielungen und Subtext. Für mich stellt der Film eine Kritik an der heutigen Jugendkultur dar, die Jugendliche völlig sinnentleert von einem Exzess zum nächsten hetzt. Es geht nur noch um Sex, Rausch, Gewalt und Geld; da alles, was einem in der Popkultur begegnet (Musikvideos, Gangsta-Rap und Videospiele) nicht mehr hinterfragt sondern idealisiert wird. Ein äußerst interessanter Film ist Spring Breakers auf alle Fälle. Die teils mäßigen Bewertungen auf IMDb und Co. würde ich mal auf die enttäuschten Erwartungen der jungen Zielgruppe, die sicher durch Trailer und Besetzung angezogen wurden, schieben. Auf CineCouch.net gibt’s übrigens auch einen Podcast zum Film 😉

    • Wunderbar formuliert, genauso hätte ich es auch schrieben sollen/wollen! 😉

      Eure Podcasts werde ich mir auf alle Fälle bald mal antun, muss ja zugeben, dass ich auf dem Gebiet noch geradezu jungfräulich bin, aber interessieren würde es mich schon, wie ihr das verbalisiert. Vielleicht mache ich ja wirklich mit Spring Breakers den Anfang, auch wenn ich ja sonst eher Freund des geschriebenen Wortes bin.

      Ansonsten, die Charaktere waren wirklich vergleichsweise flach, aber diese fehlende Motivation ist es ja nun einmal auch, die gerade in den Kontext dieser Kritik an der Jugendkultur passt, denn abgesehen davon, dass es geil ist und cool gibt es sicherlich auch im „wahren“ Leben kaum mehr Motivation für derartige Ausbrüche.

      Enttäuschte Erwartungen sind ja oft ein Problem gerade bei Plattformen wie der IMDb, aber da sieht man wieder, wie wenig sich doch die meisten im Vorfeld über einen Film informieren.

      • Ich war mir auch bereits direkt nach der Sichtung unsicher, ob ich die flachen Charaktere als Kritikpunkt sehen sollte oder eben nicht. Im Kontext macht das durchaus Sinn, wie du völlig zurecht schreibst, ich habe damit wohl einfach ein subjektives Problem.
        Viel Spaß mit unseren Podcasts jedenfalls, hoffentlich können wir bzw. meine Mit-Podcaster gut unterhalten und informieren 😉

      • Also wirklich gestört hat mich das nur bei Selena Gomez‘ Figur, deren Handeln und Denken ich so überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Die Figuren sind ja aber auch generell so überspitzt, dass man sie gar nicht unbedingt als „Charaktere“ wahrnehmen kann, denn beispielsweise Alien ist ja nur eine haltlos überzogene Karikatur, die sich an medialen Einflüssen und Worthülsen orientiert.

        Wie gesagt, mit Podcasts hatte ich es in dem Bereich noch gar nicht zu tun und vielleicht könnt ihr euch bald schon rühmen, der „One-and-only-Podcast-from-the-man-behind-the-Medienjournal“ zu sein. Naja oder so ähnlich, am Titel feilen wir noch würde ich sagen.

  • Wieder großartig geschrieben. Ich kann das – wie du weißt – größtenteils unterstreichen. Echt schade, dass der Film bei der IMDb und auch sonst so schlecht wegkommt.

    • Danke für das Lob! Wie gesagt, Einigkeit herrscht ja in so gut wie allen Punkten. Auf die Wertungen auf diversen Plattformen gebe ich ja grundsätzlich nicht viel, zumal ich ja bekanntermaßen da meistens euphorischer bin, wenn mir etwas gefällt. bleibt er halt der Liebling einer ausgesuchten Schar von Cineasten 😉

  • Ich kann das alles so unterschreiben was du darüber geschrieben hast. Ich finde du hast auch die Atmosphäre des Films sehr treffend beschrieben. Dein Fazit trifft den Nagel auf den Kopf. :) Ich frage mich bloss ob ich ihn nicht zu streng bewertet habe …

    • Auch von dir Bestätigung, das ist ja regelrecht Balsam für mein Blogger-Herz :-)
      Mit der Wertung von dir geht das schon in Ordnung, im Nachhinein würde ich auch manche Filme ab-, andere Filme aufwerten wollen, aber so hast du das eben empfunden und – ich schrieb es ja weiter oben schon – ich bin mit meinen Wertungspunkten oftmals ja auch etwas freigiebiger als manch anderer 😉

  • mkreuter

    Absolut treffende Rezension. Ich finde deine Bewertung letztlich zwar etwas zu hoch, das liegt jedoch daran, dass ich die erste Hälfte äußerst schwach fand bis zu dem Zeitpunkt, als James Franco auftaucht. Ab da an kratzt der Film an 10/10.

    Meine persönliche Lieblingsszene ist die, in der Alien vor dem weißen Flügel sitzt und Britney Spears anstimmt. So was geniales hab ich dieses Jahr noch nicht im Kino gesehen, glaube ich. Hab dazu auch schon meine Gedanken aufs virtuelle Papier gebracht:

    http://anerdisheard.wordpress.com

    Sollte nicht schwer zu finden sein :)

    • Ach, ich fand auch schon den Anfang gut, weil er auch einen schönen Kontrast bildet zu dem was folgt. Ohne den in deinen Augen schwachen Anfang gäbe es ergo die starke Steigerung nicht 😉 Ich bin ja richtig baff, wie viel Resonanz diese Kritik erzeugt.

      Der Britney Spears-Song und die Gewalt-Collage nebst Tanzeinlage ist wirklich grandios, eine der vielen Sternstunden des Films. Und nein, deine Gedanken zu der Szene waren nicht schwer zu finden und werden gleich noch kommentiert 😉

  • Pingback: Review: Homefront (Film) | Medienjournal()

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