Review: Gier | Arne Dahl (Buch)

Diesmal behellige ich euch mit Freuden einmal mehr mit einer Buch-Kritik, die sehr auf Drängen meiner Freundin zustandegekommen ist, die mir wiederholt, mehrfach und nachdrücklich die Romane von Arne Dahl angepriesen hat, so dass ich mich letztlich dazu habe hinreißen lassen, mir Gier einmal genauer anzusehen.

Gier

Viskleken, SE 2011, 528 Seiten

Gier von Arne Dahl | © Piper Verlag
© Piper

Autor:
Arne Dahl

Verlag (D):
Piper Verlag
ISBN:
978-3-492-30310-1

Genre:
Krimi | Thriller

 

Inhalt:

Während des G20-Gipfeltreffens in London muss der Europol-Ermittler Arto Söderstedt beobachten, wie ein Chinese sich zielstrebig auf das Fahrzeug von Barack Obama zubewegt, zweifelsohne aufgrund eines im Netz verbreiteten Tweets, dass der Präsident anhalten und sich der Menge zeigen würde, doch dann vom Auto der den Präsidenten begleitenden Sicherheitsbeamten erfasst wird und stirbt. Mit letzter Kraft haucht er Arto Worte ins Ohr, die dieser jedoch nicht versteht. Kurz darauf fällt durch einen Zufall in Stockholm der Verdacht der Pädophilie auf einen angesehen Möbelhersteller und in London wird die Leiche einer Frau gefunden. Alles Fälle, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, doch spätestens, als Verbindungen zur ’Ndrangheta, der Mafia, aufgedeckt werden, wird klar, dass die Begebenheiten möglicherweise in einem globalen Zusammenhang stehen, zumal die Auswirkungen der Finanzkrise ebenfalls ihren Schatten über den Fall werfen.

So kommt es auch, dass sich die frisch gegründete OPCOP-Gruppe unter Leitung von Paul Hjelm des Falles annimmt, da bei der Frauenleiche in London eine Botschaft an die vermeintlich geheime operative Einheit von Europol gefunden wird. Gemeinsam mit dem aus den unterschiedlichsten europäischen Staaten rekrutierten Team aus Ermittlern, dem neben Hjelm und Söderstedt mit Kerstin Holm, Sara Svenhagen und Jorge Chavez noch weitere ehemalige Mitglieder der A-Gruppe angehören, macht man sich daran, die losen Fäden miteinander zu verknüpfen und entsendet alsbald Leute in die verschiedensten Winkel der Welt, um den teils nur halbgaren Spuren nachzugehen, die jedoch allesamt darauf hindeuten, dass es sich um eine globale Verschwörung handeln könnte, deren Umfang und Ausmaß sich nicht einmal erahnen lässt.

Rezension:

Bislang hatte ich keinerlei Berührung mit Arne Dahl und seinen vielgerühmten Romane um die A-Gruppe, doch erschien mir auch insbesondere deshalb Gier als Auftakt einer neuen, nun global operierenden Einheit als idealer Einstieg, um mich selbst von den Qualitäten des bekannten Autors überzeugen zu können. Die Geschichte beginnt auch zweifelsohne spannend und dürfte für Kenner der Vorgänger noch einmal interessanter sein, da ja doch einige der alten Figuren ihren Weg zur OPCOP-Gruppe gefunden haben. Unterteilt in sechs große Abschnitte bestehen die einzelnen Kapitel aus vergleichsweise kurzen Abschnitten und springen gerne in Ort und Zeit, was mir grundsätzlich sehr gut gefällt, doch mit zunehmendem Fortgang der Geschichte werden die zahlreichen (17!) Ermittler in immer entlegenere Gegenden entsandt und so zerfasert leider auch der Plot zusehends.

Er beugt sich über das Gesicht des Sterbenden. Es ist, als sei dessen Körper zerbrochen, aber dieser Mann will ihm etwas mitteilen. Jetzt noch. Es ist so offensichtlich, dass der Mann etwas sagen will, dass sich hinter den fremden Silben ein gewisser Sinn verbirgt.

Zunächst meint man wirklich, einen roten Faden erkennen zu können und die Gründung der OPCOP-Gruppe ist stimmig, wenn auch etwas langatmig inszeniert. Dennoch scheint der Fall klar umrissen und man ist gespannt auf die nun folgende Ermittlungsarbeit, doch stattdessen spielen immer neue Faktoren hinein, von denen ich in der Inhaltsangabe nur die ersten beziehungsweise größten genannt habe, doch es erscheint zunehmend fantastisch, durch welch wahnwitzige Zufälle all diese Personen auf dem ganzen Erdball in Verbindung zu stehen scheinen, so dass es schlussendlich ein wenig so wirkt, als hätte Arne Dahl in Gier alle Themen mit aktuellem Bezug krampfhaft in seinem Roman unterzubringen versucht von der Finanzkrise über die Mafia, Umweltverbrechen, Kinderpornografie und Drogenhandel bis hin zu staatlicher Korruption und Mobbing an Schulen – und das mag noch nicht einmal alles gewesen sein. Dann wären da aber auch noch problematische Erzählstränge, wie etwa, dass der Aufhänger tatsächlich sein soll, dass ein Chinese, der eigentlich Tibetaner ist wie wir später erfahren werden, ebenso wie eine junge Frau tatsächlich meinen, mal eben zum Präsidenten der USA zu sprinten um dem zu stecken, dass etwas faul ist im Staate Dänemark, nein, natürlich in Amerika, und der daraufhin dann sicherlich prompt in Aktion tritt und den Schurken den Kampf ansagt.

Nun ja, von einem Roman, der sich den Anstrich gibt, ein anspruchsvoller, globaler, brisanter und hochaktueller Thriller zu sein erwarte ich mir allerdings mehr, als solche halbseidenen Pläne. Dieses Ärgernis wird verstärkt durch immer wieder eingestreute Emails einer gewissen Ariadne an ihre Freundin Phädra (die natürlich beide nicht wirklich so heißen), die stets vom Minotaurus im Labyrinth spricht und sich generell einer metaphorischen und blumigen Sprache bedient, wobei die Rede freilich natürlich von etwas ganz anderem ist, doch fragt man sich als Leser unweigerlich, wer sich a) so seltsam auszudrücken vermag, aber viel wichtiger b) warum, denn darum, dass niemand versteht, wovon sie schreibt kann es nicht gegangen sein, dafür sind die Bezüge zu konkret, so dass letztlich die einzige Erklärung bleibt, dass es der Wunsch des Autors war, diese seine Protagonistin in einer möglichst verkopften, unverständlichen Art und Weise schreiben lassen zu wollen.

Dann wäre da noch das Ermittlerteam, dass entsprechend der Nationalität jegliches Klischee erfüllt, was man sich so vorstellen kann und will, während ansonsten von Figurenzeichnung kaum die Rede sein kann, was aber bei der Vielzahl Ermittler nicht sehr verwunderlich ist. Man muss Gier allerdings auch einige Punkte zugutehalten, denn die aus der A-Gruppe übernommenen Figuren benötigen schlichtweg keine Charakterisierung und sind mir trotz vorheriger Unkenntnis schnell ans Herz gewachsen, weil sie mit glaubhaften Verhaltensweisen und Manierismen deutlich menschlicher wirkten als ihre blassen Kollegen und die Geschichte auch in großen Teilen tragen. Zudem übersieht man die vielen objektiven Mängel während des Lesens durchaus in gesteigertem Maße, so dass sich subjektiv eine spannende Lektüre einstellt, die mit ihren vielen überraschenden Wendungen beeindruckt und unterhält.

Paul Hjelm lächelte kurz und sagte dann: »Man hat euch ja erklärt, dass Opcop ›Overt Police Cooperation‹ bedeutet, also offene Polizeiarbeit unter dem Dach von Europol. So lautet die offizielle Bezeichnung, aber praktisch gesehen sind wir ›Operating Cops‹. Wir sind eine Einheit, die erproben soll, inwieweit eine internationale Polizeitruppe handlungsfähig ist. Und währenddessen wird Europol zu einer formalen EU-Behörde umstrukturiert.«

Die Tatsache, dass der Feind quasi gesichtslos bleibt, gefiel mir zudem ausnehmend gut, so dass man sich gänzlich auf die Ermittlungsarbeit des OPCOP-Teams stürzt. Die ist in weiten Teilen unterhaltsam und dem Schreibtalent Arne Dahls geschuldet eloquent und stimmig formuliert. Man sollte vielleicht einfach nicht den Fehler machen, dieses Buch im Nachhinein zu sehr analysieren zu wollen, dann bleibt einem vielleicht auch ein Teil der Ungereimtheiten erspart, denn der Ansatz von Gier ist zweifelsohne gut, so dass ich sicherlich durchaus noch einen Blick riskieren werde, wenn die OPCOP-Gruppe in Zorn ihren zweiten Fall angehen darf, der dann hoffentlich etwas ausgewogener und stimmiger wird und sich mehr auf ein Thema und einen Widersacher konzentriert, als krampfhaft die ganze Welt als Feind zu etablieren.

Fazit & Wertung:

Gier ist ein formal gelungener Auftakt der neuen Reihe, der allerdings mit seinen vielen logischen und dadurch auch dramaturgischen Mängeln zu kämpfen hat und dadurch mehr als nur ein wenig überladen wirkt. Die Flut an Feinden und Problemen mag aber auch vorprogrammiert sein, wenn man sich das hehre Ziel setzt, eine international operierende Einheit ins Leben zu rufen.

6,5 von 10 OPCOP-Ermittlern

Gier

  • OPCOP-Ermittler - 6.5/10
    6.5/10

Fazit & Wertung:

Gier ist ein formal gelungener Auftakt der neuen Reihe, der allerdings mit seinen vielen logischen und dadurch auch dramaturgischen Mängeln zu kämpfen hat und dadurch mehr als nur ein wenig überladen wirkt. Die Flut an Feinden und Problemen mag aber auch vorprogrammiert sein, wenn man sich das hehre Ziel setzt, eine international operierende Einheit ins Leben zu rufen.

6.5/10
Leser-Wertung 1/10 (1 Stimme)
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Piper Verlages. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Gier ist am 16.04.13 als Taschenbuch bei Piper erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

  • Zeilenkino

    Anscheinend überschneidet sich in letzter Zeit unsere Lektüre bei den Krimis häufiger. 😉 „Gier“ ist ein guter Thriller, aber ich hatte ähnliche Kritikpunkte wie Du: langatmig, etwas aufgebläht und blasse Charaktere. In meinen Augen bleibt bisher die OpCop-Reihe hinter den A-Team-Romanen weit zurück.

    • Aber zu „Gier“ gab es bei dir noch nichts zu lesen, oder!?! Sollte mir das durchgegangen sein? Ist aber schon witzig mit den Überschneidungen, ging mir jüngst bei Sebastian von Review Corner genauso mit „Der Spezialist“ oder „Das Handwerk des Teufels“.

      Nun ja, „Gier“ also hätte definitiv mehr werden können und es scheint mir auch so, dass die A-Gruppe da die besseren Karten hat, zumal meine Freundin so dermaßen von den Romanen schwärmt, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass wir vom selben Niveau sprechen. Ich bin gespannt, wenn sie „Gier“ auch gelesen hat und wir uns darüber austauschen können. Reizen würden mich die A-Gruppe-Krimis ja schon, nur lese ich schon so immens viele Reihen, dass ich da ungern auch noch einsteigen möchte.

      • Zeilenkino

        Doch, hatte ich: http://zeilenkino.de/gier-arne-dahl-buchbesprechung-lesungsbericht-litcologne :-)

        Die ersten A-Team-Romane sind immerhin deutlich kürzer, vielleicht ist das ja ein Argument?

        Zu „Handwerk des Teufels“ hast Du aber noch nichts geschrieben, oder? Du meinst doch das von Donald Ray Pollock – oder anders gesagt: mein Lieblingsbuch von 2012?

      • Ah, okay, der Artikel ist ja zumindest eine Weile her, dachte schon ich wär blind gewesen. Es gibt viele Argumente für die A-Team-Romane, aber ein gewichtiges, was dagegen spricht: Ich komme ja so schon mit meinen Büchern kaum hinterher :-(

        Mittlerweile habe ich dann übrigens auch ein paar Zeilen zu „Das Handwerk des Teufels“ abgefasst immerhin 😉

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