Review: In den Straßen von Los Angeles | Ry Cooder (Buch)

Und schon wird es wieder Zeit für eine neue Buch-Kritik an dieser Stelle, nachdem ich diese exzessive Kinovorschau abgehandelt habe. Diesmal handelt es sich um eine Kurzgeschichtensammlung, der fähigen Ausdruckskraft des bekannten Musikers Ry Cooder zum Dank aber nicht minder lohnenswert.

In den Straßen von Los Angeles

Los Angeles Stories, USA 2011, 352 Seiten

In den Straßen von Los Angeles von Ry Cooder | © Heyne
© Heyne

Autor:
Ry Cooder

Verlag (D):
Heyne Verlag
ISBN:
978-3-453-40985-9

Genre:
Drama

 

Douglas hat mit der Fritz Burns Company einen Vertrag geschlossen über den Bau einer Siedlung mit billigen Fertighäusern für die Arbeiter und ihre Familien am südlichen Ende der Stadt zwischen Ocean Park Boulevard und der West Pico Street. »Sunset Park« heißt die Siedlung, ein netter Ort zum Leben und Arbeiten. Da weht immer eine frische Brise vom Ozean herüber, den man über den Hügeln von Ocean Park fast erkennen kann.

Inhalt:

In den Straßen von Los Angeles umfasst insgesamt acht Kurzgeschichten, die allesamt im Los Angeles der Vierziger- und Fünfzigerjahre spielen. Hier geht es um die alltäglichen Probleme mittelloser Musiker, Schneider, Zahntechniker und Waggonführer, hier lauert das Verderben hinter jede Ecke, gibt es keinen Glamour, kein schillerndes Hollywood-Flair und vor allem keine Katharsis für die Protagonisten, hier gibt es nur das Leben und manchmal auch Sterben in den Straßen von Los Angeles. Und die Musik hört niemals auf.

Rezension:

Ry Cooder ist wohl einer der umtriebigsten Musiker überhaupt und hat bereits mit zahlreichen Größen wie den Rolling Stones gearbeitet, wirkte beim Buena Vista Social Club mit und komponierte mehr als zwanzig Filmmusiken. Als Autor hingegen hat er sich bisher noch nicht versucht und so war es höchst interessant, einen Blick auf seine Kurzgeschichtensammlung In den Straßen von Los Angeles zu werfen, der er deutlich seinen Stempel aufdrückt. Man merkt nicht nur, dass Cooder diese Stadt wie seine eigene Westentasche kennt und ein stimmungsvolles Ambiente zu schaffen versteht, in dem sich seine Figuren bewegen, sondern auch, dass seine musikalisch-stilistische Vielfalt sich hier ebenso niederschlägt: Von Jazz über Blues und Tex-Mex ist alles vertreten.

Dann kamen eines Tages zwei Pachuco-Jungs in den Laden. Sie waren um die zwanzig, eins achtundsechzig und sehr dünn. Nicht die Statur, an der man sich einen Charro-Anzug vorstellen kann. Sie hießen Kiko und Smiley, und sie boten mir einen verrückten Handschlag an, den ich noch nie bei jemandem gesehen hatte. »Was kann Ramildo von Hollywood für euch Hipsters tun?«, fragte ich aufgekratzt. »Den ersten Sombrero gibt’s umsonst!«

Seine Geschichten, zu denen ihn die Arbeit an seiner sogenannten Kalifornien-Trilogie (Chávez Ravine, My Name Is Buddy und zuletzt I, Flathead) inspiriert hat, werden beherrscht von lakonischen wie melancholischen Tönen und erzählen oftmals tragische, teils surreale, manchmal komische Begebenheiten aus den Jahren 1940 bis 1958 und während er Anleihen an Hardboiled-Literaten nimmt und augenzwinkernd mit der Erwartungshaltung der Leser spielt, meint man beinahe im Kopf die entsprechenden Rhythmen zu hören, denn Cooder versteht es mit seiner Sprache, die allgegenwärtige Musik auf dem Papier erlebbar zu machen, ebenso wie es Franz Dobler gelungen ist, dieses Flair in der deutschen Übersetzung zu bewahren. Im Mittelpunkt steht eigentlich meist der kleine Mann, verkappte Gangster, gescheiterte Musiker, biedere Angestellte, die aus dem Alltagstrott auszubrechen suchen und schlussendlich – natürlich – noch mehr Musiker.

Dennoch wirkt dies zu keinem Zeitpunkt ermüdend und wenn In den Straßen von Los Angeles zugegebenermaßen ein wenig Zeit benötigt, um seine Faszination zu entfalten, schlagen die Erzählungen von Kapitel zu Kapitel doch mehr und mehr in ihren Bann und das, obwohl sie teils sehr abrupt enden oder man das Gefühl hat, etwas wichtiges sei einem entgangen, denn man merkt, dass diese vermeintliche Schludrigkeit gewollt ist und letztlich noch den Tenor des Buches unterstützt. Vor allem aber kann man sich nach und nach an häufiger werdenden Querverweisen innerhalb der Episoden erfreuen und bekommt eine gehörige Portion Lokalkolorit geboten, ebenso wie Erwähnungen und Auftritte bekannter Figuren der damaligen Zeit wie etwa John Lee Hooker oder Charlie Parker. Und wer – wie auch ich – nicht jede Anspielung und jede Erwähnung bemerkt oder zu würdigen weiß, dem hilft womöglich das von Herrn Dobler hinzugefügte Glossar, das mit wissenswerten Fakten und Informationen das stimmige Bild abrundet.

Ja, es stimmt, ich habe dieses Lied vielleicht schon tausendmal gesungen. Doch die Wirkung ist immer dieselbe. Es versetzt einen unmittelbar in Kontemplation und Träumerei. Der Komponist schenkt uns etwas Zeit, einen kleinen Moment, der auf jede Strophe folgt, um ihre Bedeutung ganz auszukosten, ehe es zur nächsten weitergeht, nur einen trägen Schritt weiter, doch ein Schritt, der auf höchst subtile Weise Gefühl und Stärke schafft, ohne eine Distanz zur Stimmung, zur intimen Welt des Songs zu bewirken.

Am überraschendsten aber ist der unbedingte Stilwille, den Ry Cooder bei In den Straßen von Los Angeles offenbart, denn es wirkt ein wenig so, als hätte er seit Jahren nichts anderes getan, als derartige Geschichten abzufassen und sich schriftstellerisch zu betätigen. Keine der Geschichten fällt in ihrer Qualität ab und hat man sich erst einmal in Cooders lakonischer Mär eines vergangenen Los Angeles verloren, fällt es merklich schwer, dem sich immer weiter verzahnenden Treiben den Rücken zu kehren. Obwohl das Buch gleichzeitig weit davon entfernt ist, eine literarische Offenbarung zu sein, offenbart der fleißige Musiker ein weiteres Talent, dem er sich gerne noch öfter hingeben dürfte.

Fazit & Wertung:

Mit In den Straßen von Los Angeles liefert der Vollblutmusiker Ry Cooder ein erschreckend überzeugendes Debüt ab, das es, obwohl die Geschichten nur lose aneinandergereiht sind, durchaus in sich hat. Wer auch nur ein Fünkchen Interesse für die musikalischen Einflüsse und Bewegungen, schlicht für das damalige Los Angeles oder auch lakonische Kurzgeschichten im Allgemeinen hat, sollte unbedingt einen Blick riskieren.

7,5 von 10 unerwarteten Begegnungen

In den Straßen von Los Angeles

  • Unerwartete Begegnungen - 7.5/10
    7.5/10

Fazit & Wertung:

Mit In den Straßen von Los Angeles liefert der Vollblutmusiker Ry Cooder ein erschreckend überzeugendes Debüt ab, das es, obwohl die Geschichten nur lose aneinandergereiht sind, durchaus in sich hat. Wer auch nur ein Fünkchen Interesse für die musikalischen Einflüsse und Bewegungen, schlicht für das damalige Los Angeles oder auch lakonische Kurzgeschichten im Allgemeinen hat, sollte unbedingt einen Blick riskieren.

7.5/10
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Weitere Details zum Buch und den Autoren findet ihr auf der Seite des Heyne Verlag. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe als PDF.

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In den Straßen von Los Angeles ist am 12.08.13 als Taschenbuch bei Heyne erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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