Review: Raylan | Elmore Leonard (Buch)

Irgendwie ist heute so gar nicht mein Tag, aber zum Glück hatte ich die nun folgende Buch-Kritik in weiser Voraussicht bereits vor einigen Tagen abgefasst, so dass ich jetzt mit verhältnismäßig wenig Aufwand einen neuen Artikel präsentieren kann.

Raylan

Raylan, USA 2012, 308 Seiten

Raylan von Elmore Leonard | © Suhrkamp Verlag
© Suhrkamp Verlag

Autor:
Elmore Leonard

Verlag (D):
Suhrkamp Verlag
ISBN:
978-3-518-46395-6

Genre:
Krimi | Thriller

 

Inhalt:

U. S. Marshal Raylan Givens hat alle Hände voll zu tun, denn nachdem er von Florida nach Kentucky strafversetzt worden ist und nun wieder in seiner Heimat Harlan ermittelt, muss er sich bald nicht mehr nur mit den üblichen Drogendealern herumärgern, die schon längst die einstige Kohlehauptstadt Amerikas dominieren, sondern auch mit zwei findigen Verbrechern, die den illegalen Organhandel für sich entdeckt haben. Schnell nimmt Raylan die Fährte auf, doch die geraubten Nieren sind nicht sein einziges Problem, denn kaum scheint das Problem gelöst, findet sich der Marshal in der Rolle des Bodyguards für Carol Conlan wieder, einer gewieften Sprecherin des Kohlekonzerns MT-Mining.

Dieser wiederum ist dafür verantwortlich, dass die Gegend um Harlan von einer feinen Kohlestaubdecke überzogen ist und ein Großteil der früheren Kumpel nunmehr arbeitslos ist. Immerhin weiß der wortkarge Raylan seiner neuen Bekanntschaft Paroli zu bieten und durchschaut auch schnell Conlans eigentliche Pläne, die wiederum durchaus auch mit dem vereitelten Nierenraub in Verbindung stehen. Dann wäre da aber noch die Studentin, die beim Texas Hold’em Aufmerksamkeit erregt, während eine Gruppe junger Frauen systematisch Banken überfällt.

Rezension:

Mir war im Vorfeld der Lektüre wohl durchaus klar, dass Raylan einerseits nicht der erste Roman um den titelgebenden Held Raylan Givens ist, der wiederum schon längst in Justified, die ich mir beizeiten ebenfalls zu Gemüte werde führen müssen, sein Serien-Äquivalent gefunden hat und andererseits, dass Schriftsteller Elmore Leonard mittlerweile nicht mehr unter den Lebenden weilt und mit einer Fortsetzung der Reihe folglich nicht zu rechnen ist, doch irgendwo muss man schließlich ansetzen, wenn man sich dem Werk eines dermaßen umtriebigen wie produktiven Schriftstellers wie Elmore Leonard widmen möchte und was hätte da näher gelegen, als mit einer der jüngsten Suhrkamp-Veröffentlichungen ins Rennen zu gehen.

Sie fragte Raylan: »Wollen Sie nichts dazu sagen? Mein Schutzmann, mein wortkarger Ein-Satz-Marshal?«
Raylan sagte: »Mir ist noch nichts eingefallen, was es wert wäre, ausgesprochen zu werden.«
»Da war‘s wieder. Sie äußern sich immer nur in einem Satz. Sie laufen mit ausdruckslosem Gesicht durch die Gegend, während Ihr Kopf Ihnen ständig Schlagfertigkeiten eingibt.«
Raylan sagte: »Warten Sie, bis ich das Art erzähle.«

Erfreulicherweise wurden meine Erwartungen nicht im Geringsten enttäuscht, so dass Raylan zwar zugegebenermaßen extrem amerikanisch und überzogen daherkommt, dabei aber auch eine Menge Spaß macht und mit pointierten Dialogen zu punkten versteht. Raylan indes ist zwar kein Mann der großen Worte und greift lieber früher als später zur Waffe, um Probleme zu lösen und seinen wortkargen Argumentationen entsprechendes Gewicht zu geben, doch wird er auch von einem nachvollziehbaren Gerechtigkeitssinn getrieben, der zwar nicht immer mit niedergeschriebenen Gesetzen einhergeht, der Figur als solchen aber durchaus gut zu Gesicht steht. In vielen Belangen wirkt der ganze Roman wie ein neuzeitlicher Western und auch wenn keine Colts zum Einsatz kommen, umweht Raylan doch das Feeling eines Lonesome Ranger.

Die sich über rund 300 Seiten erstreckende Geschichte ist dabei eher episodenhaft aufgebaut und unterteilt sich in die Handlungsstränge um den kriminellen Nierenraub, die eskalierenden Aufstände im Streit um die Machenschaften eines Kohlekonzerns und zuletzt ein entlaufenes Mädchen, das mit Poker-Turnieren die große Kohle zu machen versucht. Diese Episodenhaftigkeit war für mich zunächst überraschend, noch überraschender war allerdings indes, wie sich am Ende doch noch alles zu einem annähernd großen Ganzen zu fügen scheint, denn tatsächlich haben die Geschichten zwar oberflächlich betrachtet nur wenig miteinander zu tun, die eigentliche Verflechtung durch unterschiedliche Protagonisten wird dadurch auch erst sehr spät offenbar, zeigt aber auch schön, dass Leonard weit mehr getan hat, als drei Kurzgeschichten zu einem Roman zusammenzufügen.

»Ich bin mit folgendem Anliegen hier«, sagte Raylan. »Ihre Söhne sollen Geld für Gras genommen, es aber nie geliefert haben.«
»Sind Sie vom Better Business Büro«, fragte Pervis, »und gehen Kundenbeschwerden nach? Das kenne ich irgendwie. Dieser Depp von der DEA kommt auch immer mit seinen Anzugschuhen her und bezahlt, bevor er das Dope überhaupt bekommen hat. Viel zu ängstlich, will die Sache schnell über die Bühne bringen. Als ob er, weil er glaubt, es käme nur Luft, losfurzt und sich dann doch vollscheißt.«

Die Sprache ist es neben der Geschichte, die der eigentliche Star von Raylan ist, denn ebenso wie der Titelheld nimmt der Autor kein Blatt vor den Mund und macht mehr als deutlich, dass er von Political Correctness nicht allzu viel hält und so nehmen die Figuren kein Blatt vor den Mund, sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist Gepaart mit einzelnen Gewaltexzessen und einer herrlich überzogenen Geschichte, die zudem einige Seitenhiebe auf das Establishment bereithält, ist Elmore Leonard ein zwar oft skizzenhafter, aber nicht minder überzeugender Roman gelungen, der es zumindest vermocht hat, mich für die weiteren Abenteuer von Raylan Givens wie auch weitere Werke von Elmore Leonard anzufixen.

Fazit & Wertung:

Raylan punktet nicht gerade mit einer ausgefeilten Geschichte, doch geschliffene Dialoge und ein Held, so cool wie schon lange keiner vor ihm, machen die Lektüre für Freunde des Hardboiled-Metiers zu einem echten Vergnügen.

7 von 10 lakonischen Dialogen

Raylan

  • Lakonische Dialoge - 7/10
    7/10

Fazit & Wertung:

Raylan punktet nicht gerade mit einer ausgefeilten Geschichte, doch geschliffene Dialoge und ein Held, so cool wie schon lange keiner vor ihm, machen die Lektüre für Freunde des Hardboiled-Metiers zu einem echten Vergnügen.

7.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Suhrkamp Verlages. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Raylan ist am 21.01.13 im Suhrkamp Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

  • Klingt spannend, doch werde ich mich wohl vorerst der Serie widmen. Irgendwann halt… 😉

    • Ja, der Serie will ich mich auch irgendwann mal widmen, zumal ich auch schon davon gehört hatte, dass insbesondere Teile dieses Buches in der zweiten Staffel Verwendung gefunden haben. Außerdem freue ich mich seit „Deadwood“ sehr auf Timothy Olyphant als Raylan Givens!

  • Zeilenkino

    Elmore Leonard ist einer meiner Lieblingsautoren, deshalb kann ich Dir nur sehr empfehlen, weitere Werke von ihm zu lesen. „Raylan“ entstand ja, um den Drehbuchautoren der Serie einige Ideen zu liefern, wie es weitergehen könnte. (Und sie haben diese Ideen in der zweiten Staffel auch aufgegriffen.) Deshalb hat dieser Raylan auch mit dem ursprünglichen Raylan aus „Pronto“ und „Riding the Rap“ weitaus weniger gemein als mit dem Fernsehserien-Raylan.

    • Selbstverständlich werde ich weitere Werke von ihm lesen, das steht völlig außerfrage, wenn ich nun demnächst aber erst einmal mit Don Winslow fortfahren werde. Dass „Raylan“ dazu dienen sollte, den Drehbuchautoren neue Inspiration zu liefern hatte ich wohl auch gelesen, nicht klar war mir aber, dass der „Raylan“-Raylan sich von dem Raylan in den anderen Büchern unterscheidet; das ist ja interessant.

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