Review: Drecksau (Film)

Herrje, man könnte ja wirklich meinen, ich hätte einen Lauf! Der dritte Tag in Folge und schon wieder komme ich mit einer Rezension daher – sogar einer ziemlich guten wie ich finde, wobei sich das weniger auf mein Geschreibsel bezieht als den großartigen Film, um den es geht, von dem ich nicht erwartet hätte, dass er SO gut wird! Aber lest selbst!

Drecksau

Filth, UK 2013, 97 Min.

Drecksau | © Ascot Elite
© Ascot Elite

Regisseur:
Jon S. Baird
Autoren:
Jon S. Baird (Drehbuch)
Irvine Welsh (Buch-Vorlage)

Main-Cast:
James McAvoy (Bruce Robertson)
Jamie Bell (Ray Lennox)
Imogen Poots (Amanda Drummond)
in weiteren Rollen:
Joanne Froggatt (Mary)
Eddie Marsan (Bladesey)
Jim Broadbent (Dr. Rossi)

Genre:
Drama | Komödie | Krimi

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Drecksau | © Ascot Elite
© Ascot Elite

Bruce Robertson ist beileibe kein Vorzeige-Polizist: Der opportunistische Edinburgher Cop säuft hemmungslos und kokst ohne Unterlass, während er weibliche Verdächtige zum Oralsex nötigt und seinen letzten verbliebenen Freund konsequent und methodisch zugrunde richtet und währenddessen perverse Anrufe bei dessen Frau tätigt. Damit nicht genug, denunziert er zielgerichtet seine Kollegen und spielt sie gegeneinander aus, um sich selbst bei seinen Vorgesetzten in ein besseres Licht zu rücken. So freut er sich nicht gerade über die öffentliche Aufmerksamkeit, die dem Mord an einem asiatischen Austauschstudenten zuteilwird, mit dessen Aufklärung er betraut wird, um seine Beförderung zu forcieren.

Davon abgesehen beneiden ihn seine Kollegen um seine bildschöne Frau Mary und das gemeinsame Vorzeigekind, während er allein daheim zusehends immer weiter abbaut und seinem manischen Suchtverhalten erliegt. Einzig seiner Kollegin Amanda Drummond gelingt es kurzzeitig, hinter Robertsons Fassade zu blicken und sein wahnwitziges Verhalten zu hinterfragen, doch unmerklich entgleitet der sprichwörtlichen Drecksau Bruce ihr nach außen hin so sorgsam geordnet erscheinendes Leben immer weiter, so dass Robertson sich mehr und mehr in seiner Paranoia verliert und Wahn und Wirklichkeit sich immer häufiger überlappen, bis er den letzten Bezug zur Realität zu verlieren droht.

Rezension:

Der Erfolg eines Projektes wie Drecksau steht und fällt mit der Auswahl des Hauptdarstellers, denn auch wenn Irvine Welsh unbestritten schwierige, unzugängliche, schwer verfilmbare Stoffe abliefert und man meinen könnte, dass eine Leinwandadaption speziell im Fall von dem im Original Filth betitelten Buch ohne gravierende Abstriche und Veränderungen (wie auch hier geschehen) nicht zu realisieren sei, ist es doch der wichtigste Aspekt, einen glaubhaften Mimen für eine derart kontroverse Figur wie den manipulativen, selbstzerstörerischen Cop Bruce Robertson zu finden, der einerseits die düsteren Aspekte der Figur glaubhaft in Szene zu setzen weiß, andererseits aber nicht auf den ersten Metern bereits das letzte Quäntchen Sympathie seitens der Zuschauer verspielt und auf diesem schmalen Grat ist Regisseur Jon S. Baird ein wahrhafter Glücksgriff gelungen, denn wenn sich auch James McAvoy bereits in zahllosen Filmen als vorbildlicher, glaubhafter und wandlungsreicher Darsteller beweisen konnte, war auch ich anfangs skeptisch, inwieweit man ihm die sprichwörtliche Drecksau würde abkaufen können.

Szenenbild aus Drecksau | © Ascot Elite
© Ascot Elite

Alle Skeptiker straft McAvoy allerdings in Sekundenschnelle Lügen, denn seine Interpretation von Robertson ist über jeden Zweifel erhaben und er schafft es gar, sich in einem Film wie Drecksau, der zumindest nach alleiniger Sichtung des Trailers wie eine versaute und anrüchige Komödie anmutet, einen Ruf als Charakterdarsteller zu erwerben, denn auch wenn man sich in so mancher Szene ein bösartiges Schmunzeln nicht verkneifen kann ob der abgründigen Intrigen und Äußerungen des Protagonisten, handelt es sich objektiv betrachtet um ein regelrecht bittersüßes Drama, dass im Grunde jederzeit zu Tränen rühren sollte, so niederschmetternd und traurig ist die eigentliche Pathologie der Hauptfigur, so man sie denn erst einmal durchschaut hat. So vollzieht sich auch spätestens im letzten Drittel ein regelrechter Bruch im Film, denn wenn auch viele Ungereimtheiten in der Biografie von Robertson mehr oder minder offensichtlich dokumentiert worden sind, folgt hier schlussendlich die Offenbarung und mit ihr die Abkehr von aller Normalität und Nachvollziehbarkeit.

Im Grunde präsentiert sich Drecksau unter diesen Gesichtspunkten als nur allzu hippe, gewollt auf cool getrimmte Abwärtsspirale, die nicht nur ihre Hauptfigur einem Mahlstrom gleich mit sich zu reißen weiß, sondern auch den Zuschauer auf diese Reise mitnimmt. Formell bedient sich der Film dabei recht probater, geradezu klassischer Mittel und Schockmomente, die auf dem Einsatz von Tiermasken beruhen, sind keine Seltenheit, ebenso wie drogeninduzierte Räusche und entsprechende Einstellungen. Zwar könnte man hier ein wenig bemängeln, dass anfänglich nicht so wirklich ein roter Faden erkennbar ist und sich die Macher Robertsons Eskapaden betreffend von Episode zu Episode hangeln, doch liegt dies meiner Meinung nach in dem speziellen Erzählduktus des Films begründet und es ließen sich eine Vielzahl von Beispielen finden, in denen unter Berücksichtigung eines trinkenden, koksenden, paranoiden Protagonisten auf eine stringente und durchgängig nachvollziehbare Handlung verzichtet worden ist.

Szenenbild aus Drecksau | © Ascot Elite
© Ascot Elite

Die Sogwirkung allerdings, die Drecksau entfaltet, bleibt trotz dieser dezenten Vorbehalte unbestritten und so handelt es sich in meinen Augen, auch wenn man es sich gänzlich verkniffen hat, den Film aus der Sicht des Bandwurmes, der sich in Robertson eingenistet hat, erzählen zu lassen, um die neben Trainspotting eindringlichste Adaption eines Welshen Romans mit all seinen Eigenheiten, die hier allesamt auf die eine oder andere Art durchscheinen und den Film zu einem zwar nicht unbedingt leichtfüßigen oder gar witzigen, dafür aber umso lohnenswerteren und bittereren Werk machen, dass man sich speziell als Freund des literarischen Schaffens von Irvine Welsh nicht entgehen lassen sollte. Wer allerdings gänzlich unbefleckt an das Thema herangeht, sollte sich zumindest im Vorfeld einen groben Überblick über Welshs Bibliografie verschaffen, um von diesem abgedrehten, abstrusen, bitterbösen und tieftraurigen, jeglicher Konvention spottenden Werk nicht gänzlich vor den Kopf stoßen zu lassen. Allein die Art der Inszenierung und James McAvoys Performance sollten aber für jeden Cineasten Grund genug für eine Sichtung sein und der anbetungswürdige Soundtrack zu den eindrücklichen Bildern ist da – obwohl so formidabel wie selten – tatsächlich nur das Tüpfelchen auf dem i.

Fazit & Wertung:

Jon S. Bairds Mär von einem Cop mit bipolarer Persönlichkeitsstörung ist abgründig, erschreckend und düster, vor allem aber nur halb so lustig wie das Marketing suggerieren möchte. Das schmälert die Wucht von Drecksau, der meines Erachtens nach gleich nach Trainspotting gelungensten Adaption eines Romans von Irvine Welsh allerdings in keiner Weise, zumal dieser einen James McAvoy zeigt, wie man ihn noch nie zuvor erlebt hat!

9 von 10 halluzinierten Bedrohungen

Drecksau

  • Halluzinierte Bedrohungen - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Jon S. Bairds Mär von einem Cop mit bipolarer Persönlichkeitsstörung ist abgründig, erschreckend und düster, vor allem aber nur halb so lustig wie das Marketing suggerieren möchte. Das schmälert die Wucht von Drecksau, der meines Erachtens nach gleich nach Trainspotting gelungensten Adaption eines Romans von Irvine Welsh allerdings in keiner Weise, zumal dieser einen James McAvoy zeigt, wie man ihn noch nie zuvor erlebt hat!

9.0/10
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Drecksau ist am 25.02.14 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von Ascot Elite erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

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