Review: Ein Drama für Jack Taylor | Ken Bruen (Buch)

Und schon ist wieder Donnerstag und für mich allerhöchste Zeit, euch mal wieder von einem Buch zu berichten, das ich kürzlich beendet habe und das mich noch besser zu unterhalten gewusst hat als die drei vorangegangenen Bände der Reihe. Mit großen Vorreden will ich mich aber auch diesmal gar nicht aufhalten und geleite deshalb elegant und ohne holprige Überleitung direkt zur heutigen Buch-Kritik.

Ein Drama für Jack Taylor

The Dramatist, IE 2004, 240 Seiten

Ein Drama für Jack Taylor von Ken Bruen | © dtv
© dtv

Autor:
Ken Bruen
übersetzt von
Harry Rowohlt

Verlag (D):
Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN:
978-3-423-21480-3

Genre:
Krimi | Drama

 

Inhalt:

Sechs Monate war ich clean und nüchtern geblieben. Obwohl ich, wenn Nüchternheit mit geistiger Gesundheit zutun haben sollte, nicht besten würde. Kein Tropfen Alkohol war mir in jenem Zeitraum über die Lippen gekommen. Mit dem Koks hatte ich nicht etwa Schluss gemacht, weil ich clean werden wollte. Mein Dealer wurde verhaftet, und ich konnte keine andere Quelle finden. Ohne den Schnaps ging es mir so schlecht, dass ich dachte, da kann ich das mit dem Koks auch lassen. Wenn man sowieso auf der Rolle ist -, dann aber bitte richtig. Das tödliche Dreigestirn, Alk, Koks und Nikotin: die Jahre, die ich mit ihnen verplempert hatte. Ich rauchte allerdings noch. Ich meine, Moment, ich machte das doch ganz prima, oder? Noch so eine Strecke Zeit, und, wer weiß, hörte ich vielleicht auch mit den Lullen auf.

Seit sechs Monaten ist Jack Taylor nunmehr trocken und schlägt sich mehr schlecht als recht durch sein Leben, verkehrt trotz seiner Abstinenz noch immer in den übelsten Spelunken und schafft es kaum, sich längerfristig einem Ziel in seinem Leben zu widmen. Da kommt es beinahe gelegen, als sein ehemaliger, mittlerweile in Haft befindlicher Drogendealer Stewart ihn kontaktiert und bittet, den Tod seiner Schwester zu untersuchen, die im Treppenhaus ihrer Studentenverbindung tot aufgefunden wurde. Stewart glaubt nicht an einen Unfall und Jack ist bald seiner Meinung, als er erfährt, dass man bei der Leiche ein Buch des irischen Autors John Millington Synge gefunden hat, denn bald schon ereignet sich der zweite Todesfall und auch dort findet man eine Ausgabe von Synges Der Dramatiker.

Derweil legt sich Jack mit Tim an, dem Mann einer Exfreundin, der ihn, da er sich in seine Angelegenheiten mischt, mit einem Hurling-Schläger gründlich bearbeitet. Auch eine Vergewaltigung schlägt Wellen in Galway und während Taylor mithilfe des Professors und Synge-Kenners O‘Shea dahinterzukommen versucht, was es mit den Studentenmorden auf sich hat, machen Gerüchte über eine Bürgerwehr die Runde, die mit allzu rabiaten Mitteln gegen den vermeintlichen Werteverfall in der Gesellschaft vorgeht und bald schon an Taylor persönlich herantritt. Wie es die Art des schroffen Ermittlers ist, eckt dieser bei seinen Ermittlungen ein ums andere Mal an und schafft sich mehr Feinde denn Freunde, so dass es kaum verwundert, dass sein Leben noch einige unerwartete Wendungen nimmt, die die bisherigen, tragischen Ereignisse spielend in den Schatten zu stellen wissen.

Rezension:

Wer hätte gedacht, dass es Jack Taylor nach den Ereignissen der drei vorangegangenen Bände noch schlimmer ergehen könnte. Seine neu erwachter Wille, die Abstinenz aufrechtzuerhalten und sich endlich wieder in den Griff zu bekommen, lässt dies zunächst nicht unbedingt vermuten, doch sind es die vielen unterschiedlichen Begebenheiten und Verwicklungen, jede auf ihre eigene Art grausam und tragisch, die Jack mehr und mehr in einen Sog aus Gewalt und Hoffnungslosigkeit ziehen, zumal es der Ermittler noch nie verstanden hat, seine Ermittlungen konsequent und stringent zu führen und sich stattdessen mehr und mehr in den immer verworrenerer werdenden Ereignissen zu verlieren droht, die insbesondere seine Abkehr vom Alkohol auf eine harte Probe stellen.

»Ich bin nicht ihr Freund.«
Er lächelte müde, sagte:
»Klar, Polizisten haben keine Freunde.«
Sein Gesicht habe ich vergessen, aber an die Worte erinnere ich mich. War ich wütend auf Cathy? Ich will es mal so sagen: Es wird mir schwerfallen, Mrs Bailey zu erklären, warum ich ein Loch in die Badezimmerwand geboxt habe. Keine Knöchel gebrochen, hat aber nicht viel gefehlt.

Auch hier sei einmal mehr der Hinweis gestattet, dass niemand, der einen waschechten und handfesten Krimi lesen möchte, sich an die ausweglosen Gestade des Jack Taylor begeben sollte, denn auch Ein Drama für Jack Taylor ist weniger eine Detektiv-Geschichte denn vielmehr eine One-Man-Show, die die Verfehlungen und Verwerfungen des Jack Taylor beleuchtet, die Ereignisse in Galway wieder einmal gekonnt wie dezent in einen gesellschaftsanalytischen wie zeitgeschichtlichen Kontext bettet und die lakonischen Kommentare des Haudegens nutzt, um den Wandel in Irland zu dokumentieren, während Jack Taylor sein Leben oftmals mehr wie von außen betrachtet und via zahlloser literarischer und popkultureller Querverweise treffend bebildert.

Da geht es nicht so sehr darum, wie und ob Taylor den ihm zugetragenen Fall löst und so stört es auch nicht, dass Autor Ken Bruen weit mehr als nur einen Fall in die Waagschale wirft, Fälle übrigens, die in der gleichnamigen Serie Jack Taylor als Vorlage für gleich zwei Folgen (Auge um Auge und Königin der Schmerzen) herhalten durften, wie ich mittlerweile dank Kenntnis der ersten Staffel weiß. Sowohl die Geschichte um den Dramatiker als auch die Bürgerwehr der sogenannten Pikemen wären es auch durchaus wert gewesen, mit ihnen ein Buch zu füllen, doch nutzt Bruen diese wie gesagt ja auch lediglich als Vehikel, um seinen Protagnisten immer weiter in einen Sog aus Gewalt und Hoffnungslosigkeit zu führen, die – speziell unter Berücksichtigung der letzten, schockierenden wie verstörenden Seiten – dem Buchtitel Ein Drama für Jack Taylor alle Ehre machen.

Ging hinaus und es goss in Strömen. Wann war das denn scheißeaberauch losgegangen? Mein weißes Hemd war durchnässt, und ein vorüberfahrendes Auto spritzte mit eine Woge Schmutzwasser über die Hose. Ich hätte jemanden umbringen können. Bog links ab, maulte:
»Ich muss eine Ermittlung anstellen. Genau das werde ich tun, ich werde ermitteln.«
Als ich an der Abtei vorbeikam, sagte ein Kerl, den ich, glaube ich, kannte:
»Wenn man Selbstgespräche führt, ist das gar kein gutes Zeichen.«
Da kann ich mitreden.

So war für mich der vierte Teil der Reihe auch der bis dato eindringlichste und packendste und das, obwohl Jacks auffälligstes Markenzeichen, seine unverhohlene und exzessive Trunksucht hier merklich in den Hintergrund tritt und er es tatsächlich schafft, sich einen klaren Kopf zu bewahren, bis bei all der Tragik schlussendlich ein Ereignis eintritt, dass ihn merklich und nachvollziehbar völlig aus der Bahn wirft. Das allerdings soll Thema des fünften Bandes Jack Taylor und der verlorene Sohn sein und hier auch nicht vorweggenommen werden. Wie dem auch sei, bleibt Jack Taylor auch im vierten Aufguss das unbestreitbare Aushängeschild des Irish Crime und führt in eine düstere, von Tristesse und Ausweglosigkeit dominierte Welt, durch die ein schrulliger, hartgesottener wie auch sensibler Ermittler stolpert, der merklich überfordert ist mit den Herausforderungen, vor die das Leben ihn stellt und dem man trotz des unbestreitbar fehlenden Vorbildcharakters nur allzu bereitwillig folgt, zumal das irische Raubein bei all seinen Fehlern doch wieder einmal spielend das Herz des Lesers erobert.

Fazit & Wertung:

Ken Bruens Ein Drama für Jack Taylor ist der bis dato düsterste Band der Reihe und skizziert unverhohlen das Bild eines selbstzerstörerischen Verlorenen, der hier die bisher schockierendsten Rückschläge hinnehmen muss und sich doch noch immer verzweifelt gegen den Wind stemmt. Kein Buch für ausgesuchte Krimi-Leser, doch ein Buch für alle Freunde assoziativer, sprunghafter, reflexiver und von irischer Schrulligkeit geprägter Literatur, die mit Jack Taylor einen der ambivalentesten Ermittler jüngerer Zeit hervorbringt und erneut stimmig in Szene setzt.

9 von 10 Abenden mit einer gehörigen Menge Pints

Ein Drama für Jack Taylor

  • Abende mit einer gehörigen Menge Pints - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Ken Bruens Ein Drama für Jack Taylor ist der bis dato düsterste Band der Reihe und skizziert unverhohlen das Bild eines selbstzerstörerischen Verlorenen, der hier die bisher schockierendsten Rückschläge hinnehmen muss und sich doch noch immer verzweifelt gegen den Wind stemmt. Kein Buch für ausgesuchte Krimi-Leser, doch ein Buch für alle Freunde assoziativer, sprunghafter, reflexiver und von irischer Schrulligkeit geprägter Literatur, die mit Jack Taylor einen der ambivalentesten Ermittler jüngerer Zeit hervorbringt und erneut stimmig in Szene setzt.

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Weitere Details zum Autor und dem Buch findet ihr auf der Seite des Deutschen Taschenbuch Verlages. Dort gibt es übrigens auch ein groß angelegtes Special zur Jack-Taylor-Reihe.

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Die Jack-Taylor-Reihe:

01. Jack Taylor fliegt raus
02. Jack Taylor liegt falsch
03. Jack Taylor fährt zur Hölle
04. Ein Drama für Jack Taylor
05. Jack Taylor und der verlorene Sohn
06. Jack Taylor auf dem Kreuzweg
07. Jack Taylor gegen Benedictus
08. Jack Taylor geht zum Teufel
09. Ein Grabstein für Jack Taylor

Die genannten Bände mit deutschen Titeln sind allesamt als Hardcover im Atrium-Verlag erschienen. Ich jedoch beziehe mich auf die Taschenbuchausgabe des dtv. Hier liegen bisher nur die ersten vier Bände vor.

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Ein Drama für Jack Taylor ist am 01.11.13 bei dtv als Taschenbuch erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

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