Review: A Young Doctor’s Notebook | Staffel 1 (Serie)

Was für eine brütende Hitze heute! Da ist die verschneite Einöde rund um Muryevo anno 1917 vielleicht genau das Richtige, um sich abzukühlen. Warum sich ein Ausflug dorthin lohnt, lest ihr jetzt hier!

A Young Doctor's Notebook
Staffel 1

A Young Doctor’s Notebook, UK 2012- , ca. 23 Min. je Folge

A Young Doctor's Notebook | © polyband
© polyband

Serienschöpfer:
Clelia Mountford
Showrunner:
Clelia Mountford

Main-Cast:
Jon Hamm (Older Doctor Vladimir Bomgard)
Daniel Radcliffe (Young Doctor Vladimir Bomgard)
in weiteren Rollen:
Rosie Cavaliero (Pelageya)
Adam Godley (The Feldsher)
Vicki Pepperdine (Anna)
Tim Steed (NKVD Agent Kirill)
Shaun Pye (Yegorych)
Christopher Godwin (Leopold Leopoldovich)

Genre:
Drama | Komödie

Trailer:

 

Inhalt:

Moskau, 1934: Im Russland zu Zeiten Stalins sitzt Dr. Vladimir Bomgard desillusioniert und abgeklärt am Schreibtisch seiner Arztpraxis, während Militärpolizisten seine Räumlichkeiten durchwühlen. Dabei stößt einer der Ermittler auf ein altes Notizbuch des Doktors und dieser beginnt, sich zu erinnern, wie er 1917 – frisch von der Uni kommend – seine erste Stelle in einem abgelegenen und verschneiten Hospital in der Nähe des russischen Provinzkaffs Muryevo angetreten hat. Der unsichere Jungmediziner macht nicht den besten Eindruck auf die dreiköpfige Krankenhausbelegschaft, die prompt damit beginnt, ihn mit seinem Vorgänger Leopold Leopoldowitsch zu vergleichen, einem renommierten Arzt, zu dem der jugendlich-schmächtige Hochschulabsolvent in keinem Verhältnis steht.

Szenenbild aus A Young Doctor's Notebook | © polyband
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Schnell wird Bomgard klar, dass sein Studium ihn in keiner Weise auf die vor ihm liegende Arbeit vorbereitet und er im Grunde nicht die geringste Ahnung hat. Während sein älteres Ich seine tollpatschigen Gehversuche als Arzt sarkastisch zu kommentieren beginnt, beraubt ihn die harte Realität des Arztberufes schnell seiner Illusionen und lässt ihn schon bald nach Morphium greifen, um der tristen Atmosphäre des abgeschiedenen Krankenhauses zumindest kurzzeitig zu entfliehen; eine Sucht, mit der auch sein älteres Selbst zu kämpfen hat…

Rezension:

Wäre es andernorts ein recht hehres Ziel, eine gesamte Serienstaffel an nur einem Abend sehen wollen, ist dies im Falle der britischen Produktion A Young Doctor’s Notebook überhaupt kein Problem, denn die Staffel umfasst gerade einmal vier Folgen à 22 Minuten und ist folglich binnen Spieldauer eines durchschnittlich langen Spielfilms schnell konsumiert, was zwar viel über die Quantität, nicht jedoch die Qualität der Serie aussagt. Denn qualitativ braucht sich diese fast schon als Indie-Produktion zu bezeichnende Serie keineswegs zu verstecken, fußt sie doch einerseits auf den haarsträubenden wie zynischen Lebenserinnerungen des berühmten sowjetischen Satirikers Michail Bulgakow, wie er sie in seinem Werk Aufzeichnungen eines jungen Arztes verewigt hat und wirft andererseits mit Daniel Radcliffe und Jon Hamm (Mad Men) in den Hauptrollen geballte Starpower in den Ring.

Szenenbild aus A Young Doctor's Notebook | © polyband
© polyband

Wohlklingende und bekannte Namen allein stehen aber natürlich nicht automatisch für Qualität, doch hier erweist sich die auf den ersten Blick ungewöhnliche Mischung als regelrechter Glücksfall und hat mich vor allem überzeugen können, dass Herrn Radcliffe fernab seines Harry Potter-Daseins durchaus schauspielerische Fähigkeiten innewohnen, die er hier mit Genuss unter Beweis stellt. Dürfte auch nicht schwer gefallen sein, denn immerhin steht ihm mit Jon Hamm nicht nur ein großartiger Mentor zur Seite, verkörpert dieser in A Young Doctor’s Notebook sein älteres Ich, wobei wir auch beim eigentlichen Clou der Geschichte wären, denn während sich der ältere Dr. Bomgard mittels seiner Aufzeichnungen an seine Anfangstage als praktizierender Arzt erinnert, tritt er dort mit seinem jüngeren Selbst in Dialog, kommentiert, kritisiert und belächelt dessen Verhalten, wobei ihm natürlich die Funktion eines allwissenden Erzählers zukommt, der selbstredend weiß, wie sich die Zukunft des Arztes entwickeln wird und wohin sie ihn führt, was natürlich, wenn man über diese Selbstgespräche einmal genauer nachdenkt, gleichermaßen psychotisch wie paradox ist, aber ganz entscheidend den Reiz der Serie ausmacht.

So ist natürlich der ältere Dr. Bomgard für den Rest der Krankenhausbelegschaft nicht zu sehen, drückt sich aber oft im Hintergrund herum und kopiert die Bewegungsabläufe seiner Selbst, während es im stillen Kämmerlein auch schon einmal zu handfesten Auseinandersetzungen kommen kann. Das ist dann auch mitunter die Basis für einen wahnsinnig schwarzhumorigen Anstrich, den A Young Doctor’s Notebook sich vom ersten Moment an gibt, bevor die Serie – für mich völlig unerwartet – mehr und mehr ins Dramatische abdriftet. Dabei gelingt ihr bis zuletzt die Gratwanderung zwischen Tragik und makabrer Satire, die auch gerne schon einmal blutig daherkommen darf und die Freigabe ab 16 Jahren durchaus rechtfertigt. Überhaupt muss man den bitterbösen, morbiden und vor allem zynischen Humor abkönnen, der dieser Serie innewohnt, denn sonst dürfte man mit dieser ungewöhnlichen Produktion wohl kaum warm werden.

Szenenbild aus A Young Doctor's Notebook | © polyband
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Mir persönlich hat diese Mischung allerdings ausnehmend gut gefallen und das schier symbiotische Zusammenspiel von Hamm und Radcliffe, der stimmige wie überzeugende restliche Cast, die bewusst tristen und altertümlichen Kulissen, das Spiel mit Bildkompositionen, der sparsame, aber gekonnte Einsatz musikalischer Untermalung und eine wahre Flut an Running Gags und skurrilen Einfällen tun hierbei ihr Übriges, um A Young Doctor’s Notebook zu einem durchweg einzigartigen Serienerlebnis zu machen, dessen einziger wirklicher Wermutstropfen es ist, viel zu schnell vorbei zu sein. Immerhin eine zweite Staffel wurde bereits abgedreht und so freue ich mich jetzt schon auf ein Wiedersehen mit Dr. Bomgard beider Altersklassen, die perfekt miteinander harmonieren, wenn sie nicht gerade konkurrieren, versteht sich natürlich.

Fazit & Wertung:

In der Kürze liegt die Würze und so erweist sich die gerade einmal knapp neunzig Minuten umfassende erste Staffel A Young Doctor’s Notebook als perfekt durchkomponiertes Gesamtwerk voller tiefschwarzem Humor und um sich greifender Tragik, dessen größter Coup sicherlich die Doppelbesetzung des Protagonisten durch Jon Hamm und Daniel Radcliffe ist.

8,5 von 10 Zwiegesprächen mit dem älteren Selbst

A Young Doctor's Notebook | Staffel 1

  • Zwiegespräche mit dem älteren Selbst - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

In der Kürze liegt die Würze und so erweist sich die gerade einmal knapp neunzig Minuten umfassende erste Staffel A Young Doctor's Notebook als perfekt durchkomponiertes Gesamtwerk voller tiefschwarzem Humor und um sich greifender Tragik, dessen größter Coup sicherlich die Doppelbesetzung des Protagonisten durch Jon Hamm und Daniel Radcliffe ist.

8.5/10
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Meinungen aus der Blogosphäre:
MWJ 2nd Blog: 8/10 Punkte

Episodenübersicht: Staffel 1

01. Episode 1 (8,5/10)
02. Episode 2 (8/10)
03. Episode 3 (8,5/10)
04. Episode 4 (8,5/10)

 

– – –

A Young Doctor’s Notebook | Staffel 1 ist am 29.11.13 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von polyband erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

  • Mina PowMeow

    Da guck ich direkt mal rein. Danke 😀

  • mwj

    Ich hab die kleine Miniserie auch schon gesehen und fühle mich jetzt erst recht verpflichtet, eine Kritik zu schreiben. :-)

    Warum führst du unter „Showrunner/Serienschöpfer“ die Produzentin Clelia Mountford? Wären da nicht Bulgakow und die Drehbuchautoren Mark Chappell, Alan Connor und Shaun Pye eher einschlägig?

    • Ach, da wollte ich eigentlich noch mal dran, aber irgendwo stand sie als Serienschöpferin/Erfinderin. Showrunner war für mich auf die Schnelle nicht zu ermitteln, aber die Drehbuchautoren gehören da rein vom Konzept her eigentlich nicht rein, da die ja doch von Serie zu Serie mehr als häufig wechseln. Und Bulgakov als Schöpfer oder Showrunner macht auch wenig Sinn; er hat die Vorlage geliefert, aber war ja nicht derjenige, der auf die Idee kam, eine Serie draus zu machen, weil wegen längst tot und so.

      Ja, dann bin ich mal auf deine Meinung gespannt, man liest ja bisweilen so gut wie nichts von der Serie, obwohl sie ja schon geraume Zeit verfügbar ist und vor noch geraumerer Zeit gesendet wurde.

  • Stimmt, bei mwj hatte ich neulich erst davon gelesen. Klingt ja sehr spannend, aber auch erschreckend kurz für eine Serie. Hmm, irgendwann vielleicht mal…

    • Ja, behalte es einfach im Hinterkopf, ist jetzt nicht so, dass man es unbedingt sofort gesehen haben müsste aber irgendwann einmal, so wir denn in punkto Humor einen ebenso ähnlichen Geschmack haben, wird dich „A Young Doctor’s Notebook“ einen Abend lang glänzend unterhalten 😉

  • mwj

    So, endlich habe ich es mal geschafft, meine Kritik zu AYDN fertig zu kriegen:

    http://mwj2.wordpress.com/2014/08/14/a-young-doctors-notebook/

    • Bin heut Abend leider ein wenig kurz angebunden, aber schon gespannt, was du zu der Serie schreibst! Werde dann am Wochenende auch deinen Link noch unter den Artikel zu den ‚Meinungen aus der Blogosphäre‘ packen 😉

      • mwj

        Vielen Dank, Wulf.

        Ich freue mich schon auf Staffel 2.

  • mwj

    So, ich hab jetzt auch mein Review zu Staffel 2 fertig:

    https://mwj2.wordpress.com/2015/06/21/a-young-doctors-notebook-staffel-2/

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