Review: Der Cop | Ryan David Jahn (Buch)

Allerfeinstes Sommerwetter, nach Tagen mal wieder endlich, zumindest in unseren Breitengraden. As gäbe es da besseres, als mal wieder ein spannendes und packendes Buch zu beginnen? Ja richtig, ihr kennt mich, ich hätte da einen Tipp für euch, was lohnenswerte Unterhaltung angeht. Mit weiteren langen Vorreden halte ich mich jetzt aber gar nicht auf, denn – wie heißt es so schön – ich muss weg (sprich raus)!

Der Cop

The Dispatcher, USA 2011, 336 Seiten

Der Cop von Ryan David Jahn | © Heyne
© Heyne

Autor:
Ryan David Jahn

Verlag (D):
Heyne Verlag
ISBN:
978-3-453-43640-4

Genre:
Krimi | Thriller | Drama

 

Inhalt:

Ian Hunt hat noch eine knappe Stunde bis Schichtende, als seine tote Tochter anruft. Es ist über sieben Jahren her, dass er ihre Stimme zuletzt gehört hat. Damals war sie ein anderer Mensch – ein siebenjähriges Mädchen mit dicklichen Fingern, einem fehlenden Schneidezahn und grünen Augen, die einem das Herz brechen konnten, wenn sie es darauf anlegte. Deshalb begreift Ian im ersten Moment nicht, dass er tatsächlich mit seiner Tochter spricht.

Ian Hunt traut seinen Ohren kaum, als ihn kurz vor Schichtende in der Funkleitzentrale des Polizeireviers Bulls Mouth, Texas ein Anruf seiner Tochter Maggie erreicht, die vor sieben Jahren spurlos verschwunden und nie wieder aufgetaucht ist. Nachdem seine Ehe gescheitert und seine Karriere in Scherben liegt, haben seine Ex-Frau und er erst vor vier Monaten die gemeinsame Tochter symbolisch zu Grabe getragen und nun plötzlich ist sie es tatsächlich in der Leitung, die ihren Vater um Hilfe anfleht, doch das Gespräch wird unterbrochen, kurz nachdem sie zumindest hat mitteilen können, sich in einer Telefonzelle in der nahegelegenen Mall zu befinden. Als die Einsatzkräfte und Ian Hunt dort eintreffen, befindet sich Maggie längst wieder in der Gewalt ihres Entführers, doch Hunt hat neue Hoffnung geschöpft und beginnt voller Eifer zu ermitteln.

Bald schon droht allerdings die Spur im Sande zu verlaufen und niemand will etwas gesehen haben, doch einer Verkettung von Ereignissen geschuldet kommt Hunt dem Mann, der seine kleine Tochter vor Jahren entführt hat, näher, während dieser ebenfalls zu ahnen beginnt, dass seine ruhigen Tage womöglich gezählt sind. Doch genauso wie Hunt bereit ist, alles zu tun, um seine Tochter wieder in den Armen halten zu können, hat auch ihr Entführer keine Skrupel zu jedwedem Mittel zu greifen, um seine Sarah – wie er und seine Frau Maggie seit jeher nennen – zu schützen und schlussendlich sieht Hunt sich gezwungen, seinem Namen alle Ehre zu machen.

Rezension:

Mit seinem Debüt Ein Akt der Gewalt hat mich Ryan David Jahn vor nicht einmal anderthalb Jahren schlichtweg vom Hocker gehauen und auch wenn es mir wieder einmal völlig unverständlich ist, wieso sein drittes Buch Der Cop nun lange vor seinem eigentlichen zweiten Roman Die zweite Haut (ab Juli bei Heyne) veröffentlicht worden ist, war es mir doch unbestreitbar eine riesige Freude, das Buch an gerade einmal zwei Abenden zu verschlingen. Vorab: Es kommt nicht an sein Debüt heran, aber das hätte mich auch stark gewundert, denn solch einen Coup landet man nicht in derart kurzer Zeit gleich zwei Mal, aber sein Werk verfügt dennoch über zahllose, nicht bestreitbare Qualitäten.

Egal ob Tag oder Nacht, sie ist immer hier unten. Sie ist am Leben, aber unter der Erde. Begraben, gefangen zwischen den Betonwänden des Kellers, im Albtraumland. So hat sie diesen modrig stinkenden Ort getauft. Sie ist allein mit den lebendigen Schatten, allein mit ihren Gedanken.

Die Geschichte selbst ist im Grunde hochgradig simpel gestrickt, denn es der Perspektive von Ian Hunt, dem Vater, Maggie, der entführten Tochter und Henry, dem Entführer erleben wir, was sich in der kleinen Gemeinde Bulls Mouth, Texas abspielt und ob es Ian gelingt, seine Tochter nach sieben Jahre währendem Martyrium zu befreien, doch der Autor versteht es, diese Erzählstränge so geschickt miteinander zu verweben und mit kleinen Einschüben, Rückblenden und Schwenkern anzureichern, dass es eine wahre Freude ist, sich durch die unglaublich stringente, dicht inszenierte und atemlose Handlung von Der Cop peitschen zu lassen. Da erinnert sich Hunt an den Abend des Verschwindens oder die Beerdigung des leeren Sarges, träumt von glücklicheren Tagen, während Maggie ihrerseits ihr eigenes Albtraumland fabuliert, inklusive ihres eingebildeten Freundes Borden, der eigentlich aussähe wie ein ganz normaler Junge, hätte er nicht ein pferdeähnliches Gesicht, was ihn anstelle dessen ziert. Fragmentarisch klärt Jahn auch über die weiteren Figuren in dem Spiel auf und begeistert nicht nur mit seinem Einfallsreichtum sondern vor allem mit Detailverliebtheit, um die fiktive Stadt und ihre Bewohner lebendig werden zu lassen.

Ryan David Jahn hat seinen Roman in fünf große Abschnitte geteilt, doch eigentlich hätte es derer nur zwei bedurft, denn die eigentliche Kleinstadtkrimihandlung inklusive Ermittlungen und falscher Anschuldigungen und neuer Fährten kommt gänzlich zum Erliegen, als Henry und dessen Frau sich gezwungen sehen, aus Bulls Mouth zu fliehen und damit folglich ihre Tarnung aufgeben, denn nun beginnt eine Hetzjagd sondergleichen durch gleich mehrere Staaten der USA die an alte Western gemahnt, hier zeitgemäß aufbereitet mit Autos statt Pferden und halbautomatischen Waffen statt Gewehren. Hier allerdings stellt sich für Ian die alles entscheidende und zutiefst moralische Frage, wie weit er für seine Tochter zu gehen bereit ist und spätestens jetzt drängten sich mir Vergleiche zu dem nicht minder empfehlenswerten, doch in eine ganz andere Richtung gehenden Film Prisoners auf, ebenso wie der knappe, lakonische Schreibstil und die kurzen Szenen mich oft an Autor Joe R. Lansdale haben denken lassen.

Die Kühlung surrte unter der Motorhaube. Das Rauschen des Verkehrs auf dem Interstate 10. Tagsüber bemerkte man es kaum, doch in der Stille der Nacht war es deutlich zu hören. Ein leises Bellen im Westen, Pastor Wardens Hunde. Einige Nachbarn standen auf ihren Verandas und glotzten mit offenem Mund herüber. Ian hasste jeden Einzelnen von ihnen. Und sich selbst. Und Debbie.

Man mag kaum glauben, wie eine Geschichte von solcher Einfachheit immer mehr und mehr aus dem Ruder läuft und langsam aber stetig die Bodenhaftung verliert, wie es hier in Der Cop geschieht, doch Jahn liefert bravourös ab und selbst für eine Umkehr der Zeit ist er sich an einer Stelle nicht zu schade und untermauert diesen Effekt mit wortgewaltiger Kraft. So kann dieser Roman im Grunde als Paradebeispiel dafür dienen, was aus einem auf den ersten Blick völlig ausgelutschten und vorhersehbaren Plot herauszuholen ist, wenn man nur bereit ist, sich die richtigen Fragen zu stellen, die Geschichte an den nötigen Stellen auszupolstern und an wieder anderen von unnötigem Ballast zu befreien, während sich die moralischen Fallstricke häufen und das Tempo unerbittlich anzieht.

Fazit & Wertung:

Ryan David Jahns Der Cop kommt fraglos nicht an sein zu Recht über die Maßen zu lobendes Debüt heran, doch hat er von seiner Wortgewalt und dem akribischen Szenenaufbau nichts verloren, so dass er in diesem Krimi ein einfaches wie erschreckendes Szenario entwirft, das sich zunächst unmerklich immer mehr zum furiosen Rache-Thriller wandelt und es nicht einmal versäumt, in diesem Fahrwasser noch moralische Fragen aufzuwerfen.

8,5 von 10 verpassten Chancen

Der Cop

  • Verpasste Chancen - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Ryan David Jahns Der Cop kommt fraglos nicht an sein zu Recht über die Maßen zu lobendes Debüt heran, doch hat er von seiner Wortgewalt und dem akribischen Szenenaufbau nichts verloren, so dass er in diesem Krimi ein einfaches wie erschreckendes Szenario entwirft, das sich zunächst unmerklich immer mehr zum furiosen Rache-Thriller wandelt und es nicht einmal versäumt, in diesem Fahrwasser noch moralische Fragen aufzuwerfen.

8.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Heyne Verlag. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Der Cop ist am 10.02.14 als Taschenbuch bei Heyne erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

  • Jolie

    Klingt echt gut, hab das Buch gleich mal auf meine Wunschliste gepackt. :)

    • Freut mich! Und wie im Text erwähnt, „Ein Akt der Gewalt“ ist sogar noch empfehlenswerter 😉

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