Review: Jack Taylor und der verlorene Sohn | Ken Bruen (Buch)

Es wird mal wieder Zeit für eine neue Buch-Kritik und weil ich im Moment kein Freund der großen Worte bin, wünsche ich schlicht und ergreifend viel Spaß, einen schönen Abend und natürlich einen baldigen Rutsch ins Wochenende!

Jack Taylor und der verlorene Sohn

Priest, IE 2006, 297 Seiten

Jack Taylor und der verlorene Sohn von Ken Bruen | © dtv
© dtv

Autor:
Ken Bruen
übersetzt von
Harry Rowohlt

Verlag (D):
Deutscher Taschenbuch Verlag
ISBN:
978-3-423-21519-0

Genre:
Krimi | Drama

 

Inhalt:

»Sie sind Alkoholiker, Jack, und waren früher schon mal hier.«
Ich antwortete nicht.
Was soll man da auch sagen? Sie nickte, als wäre das Bestätigung genug, fuhr fort:
»Aber diesmal haben sie nicht getrunken. Überrascht? Laut Frau Nic an Iomaire waren Sie einige Zeit lang nüchtern. Nach dem Tod des Kindes …«
Ich biss auf den Filter, fror ihre Worte ein.
Nach dem Tod des Kindes.

Monate nach dem Tod des Kindes von Jeff und Kathy findet Jack Taylor langsam wieder in die Spur und verlässt die Nervenheilanstalt, in der er die letzte Zeit zugebracht hat. Doch Galway ist während seiner Abwesenheit mitnichten ein friedlicherer Ort geworden und jüngst erschüttert die Ortschaft der Fall eines Priesters, dessen abgetrennter Kopf im Beichtstuhl aufgefunden wird. Da kontaktiert ihn Pater Malachy und bittet ihn, sich der Sache trotz seines noch immer desolaten Zustandes anzunehmen und widerwillig streift Jack erneut Artikel 8234 – seinen Polizei-Allwettermantel – über und beginnt zu ermitteln.

Doch Taylor hat noch ganz andere Baustellen in seinem Leben, denn der Polizeichef versucht auf Gedeih und Verderb, ihm seinen Neustart so schwer wie möglich zu machen, während der trockene Ex-Cop auf der Suche nach Jeff ist, der sich mittlerweile den harten Trinkern Galways zugehörig fühlt. Und dann tritt Cody in sein Leben, ein junger, euphorischer Mann, der bald schon wie ein jüngere Version Taylors wirkt, nur entgegen seiner selbst noch voller Hoffnung und moralischer Integrität, während Taylors vielleicht einzige verbliebene Freundin Nic an Iomaire es mit einem Stalker zu tun bekommt, so dass sich Jack auch in dieser Angelegenheit zu engagieren beginnt.

Rezension:

Kaum zu glauben, dass es sich bei Jack Taylor und der verlorene Sohn bereits um den fünften Band der Reihe handelt und noch unglaublicher, dass diese im fünften Aufguss nichts an Qualität und Wortgewalt eingebüßt haben mag. Erneut wird schnell klar, dass bei Jack Taylor weniger die Kriminalgeschichten als vielmehr das Innenleben des Protagonisten im Vordergrund stehen und so dauert es auch gute achtzig – von nicht einmal dreihundert Seiten – bis man überhaupt mit einem Kriminalfall konfrontiert wird, dem sich Jack widmen könnte, denn zunächst bemüht sich dieser redlich, in sein altes Leben zurückzufinden und in der Gesellschaft Fuß zu fassen, nachdem er die vergangenen sechs Monate in einer Nervenheilanstalt zugebracht hat und noch immer versucht, mit dem Tod der Tochter von Jeff und Kathy klarzukommen, für den er indirekt Schuld trägt, da ihm nicht aufgefallen ist, wie das dreijährige, am Down-Syndrom leidende Kind sich in Richtung Fenster bewegt hat.

Dieses mir zutiefst auf den Sack gehende Sprichwort, wer die Vergangenheit ignoriert, sei verdammt, sie zu wiederholen oder so -, das wurde für mich erfunden. Wenn ich gewusst hätte, dass mich alle Qualen der Vergangenheit, die verlorene Liebe, die Erniedrigung, Scham und die seltsamste Freundschaft auf der Oberfläche von Gottes Erde erwarten, hätte ich anders gehandelt?
Hätte ich mit diesem Wissen gesagt:
»Nö, danke nein, ich erhalte mir lieber mein bisschen Zurechnungsfähigkeit«?
Ich wäre, hélas, trotzdem auf jener Straße des unglückseligen Geschicks geschritten.
Warum?
Weil ich ein Blödmann bin und, schlimmer noch, ein hartnäckiger.

Ist Jack allerdings erst einmal so weit, sich dem Leben zu stellen, hagelt es plötzlich Fälle ohne Ende, denn nicht nur der von Herzen verhasste Pater Malachy wendet sich bezüglich eines geköpften Priesters an den Privatermittler, sondern auch Nic an Iomaire – von Taylor immer noch liebevoll Wellewulst genannt – hat mit einem Stalker zu kämpfen und bittet ihn um Hilfe, während er zudem noch Kathy begegnet, die ihm aufträgt, ihren dem Suff verfallenen Ex-Mann zu finden, wenn Taylor sich nicht von ihr erschießen lassen will. Reichlich Probleme und reichlich zu tun, so dass es gar nicht die schlechteste Entwicklung ist, als eines Tages der junge wie enthusiastische Cody vor Taylors Tür steht und gemeinsam mit ihm eine Privatdetektei führen möchte. Natürlich blockt Taylor zunächst ab und natürlich kann er mit der hippen Ausdrucksweise und Euphorie des Jung-Ermittlers nicht viel anfangen, doch widerwillig lässt er sich auf die Nummer ein und merkt bald, was er an Cody gefunden zu haben scheint.

Erwartungsgemäß verfolgt Taylor die Fälle aber auch nicht unbedingt voller Inbrunst und gerät alsbald auch mit Cody aneinander, der von seinen Methoden und Einstellungen oftmals schockiert scheint, während sich unser irischer Ermittler auch wieder immer mehr in seine Depressionen flüchtet und ein ums andere Mal droht, rückfällig zu werden und erneut dem Alkohol zuzusprechen, während er dummerweise mit Gott einen Pakt geschlossen hat, der ihn zwingt, selbst das Rauchen aufzugeben und sich quasi von Nikotinpflastern zu ernähren. Dementsprechend fragil und anfällig ist sein Nervenkostüm und man kann nicht behaupten, dass es ihm in Jack Taylor und der verlorene Sohn gelingen würde, aus dem schwarzen Loch zu kriechen, in dass er vor geraumer Zeit erst langsam und dann immer schneller schlitternd gerutscht ist.

Stellte das Radio aus, atmete ein paarmal tief ein, holte mir Papier und Stift und umriss meine Finanzen. Rechnete aus, dass ich ein paar Wochen überdauern würde, wenn ich nicht aß, also Schlussfolgerung:
Job besorgen.
Fügte dann hinzu:
Leben besorgen.
Konnte mir ein Stellengesuch für die Zeitung vorstellen:
Trinker
Anfang fünfzig
frisch aus der Nervenheilanstalt entlassen
sucht einträgliche Anstellung.
Ja, könnte klappen.

Diese ganze Art, die ichbezogenen Äußerungen und Schilderungen der Hauptfigur, die immer wieder anklingende Egalität der Kriminalfälle muss man natürlich mögen, zu akzeptieren wissen, wird dafür aber mit einer weiteren hochklassigen Irish-Noir-Geschichte belohnt, die ihren Hardboiled-Kollegen in nichts nachsteht und dank der literarischen Querverweise und Jack Taylors Belesenheit auch zu einem in dieser Hinsicht lohnenswerten Werk wird, dass sich zudem auch immer wieder der Analyse Irlands selbst widmet und eine Menge zeitgeschichtlicher Bezüge bereithält, die ein Land im Wandel, zwischen Tradition und Moderne, skizziert, wo selbst der geköpfte Priester und der damit verbundene Anschlag auf die Unantastbarkeit der Institution Kirche Sinnbild dafür sein darf, was sich in den vergangenen Jahren in Irland geändert hat. Da stört es auch kaum, dass die Originalausgabe Priest bereits 2006 erschienen ist und somit speziell die popkulturellen Bezüge nicht mehr unbedingt ins Schwarze treffen. Davon abgesehen gelingt Ken Bruen ein weiteres, mit schlafwandlerischer Sicherheit formuliertes Stück Literatur, dass es sich ebenso sehr zu lesen lohnt wie schon die vorigen Vertreter der Reihe, die ich nicht nur Krimi-Fans einmal mehr wärmstens ans Herz legen möchte.

Fazit & Wertung:

Ken Bruens Jack Taylor und der verlorene Sohn ist zum Glück nicht ganz so düster geraten wie noch der Vorgänger, dennoch geht es gewohnt lakonisch und hoffnungslos vonstatten, wenn Jack Taylor sich nach Kräften abmüht, zurück ins Leben zu finden, nachdem er einen der schwersten Rückschläge in seinem Leben hat hinnehmen müssen – und dennoch nüchtern geblieben ist. Dass die Abstinenz an seinem Nervenkostüm zerrt, merkt man seinen inneren Monologen dennoch jederzeit deutlich an und es verhält sich mitnichten so, dass sich ein Silberstreif am Horizont abzeichnen würde. Ein weiterer trauriger Blick tief in die irische Seele.

9 von 10 Abenden mit einer gehörigen Menge Pints

Jack Taylor und der verlorene Sohn

  • Abende mit einer gehörigen Menge Pints - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Ken Bruens Jack Taylor und der verlorene Sohn ist zum Glück nicht ganz so düster geraten wie noch der Vorgänger, dennoch geht es gewohnt lakonisch und hoffnungslos vonstatten, wenn Jack Taylor sich nach Kräften abmüht, zurück ins Leben zu finden, nachdem er einen der schwersten Rückschläge in seinem Leben hat hinnehmen müssen – und dennoch nüchtern geblieben ist. Dass die Abstinenz an seinem Nervenkostüm zerrt, merkt man seinen inneren Monologen dennoch jederzeit deutlich an und es verhält sich mitnichten so, dass sich ein Silberstreif am Horizont abzeichnen würde. Ein weiterer trauriger Blick tief in die irische Seele.

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Weitere Details zum Autor und dem Buch findet ihr auf der Seite des Deutschen Taschenbuch Verlages. Dort gibt es übrigens auch ein groß angelegtes Special zur Jack-Taylor-Reihe.

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Die Jack-Taylor-Reihe:

01. Jack Taylor fliegt raus
02. Jack Taylor liegt falsch
03. Jack Taylor fährt zur Hölle
04. Ein Drama für Jack Taylor
05. Jack Taylor und der verlorene Sohn
06. Jack Taylor auf dem Kreuzweg
07. Jack Taylor gegen Benedictus
08. Jack Taylor geht zum Teufel
09. Ein Grabstein für Jack Taylor

Die genannten Bände mit deutschen Titeln sind allesamt als Hardcover im Atrium-Verlag erschienen. Ich jedoch beziehe mich auf die Taschenbuchausgabe des dtv. Hier liegen bisher nur die ersten fünf Bände vor.

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Jack Taylor und der verlorene Sohn ist am 01.07.14 bei dtv als Taschenbuch erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

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