Review: King Suckerman | George P. Pelecanos (Buch)

Hach, schön, habe ich es endlich geschafft, mich erneut der Washington-Noir-Reihe zu widmen. Hier also heute meine Buch-Kritik zu:

King Suckerman
Washington-Noir-Serie 2

King Suckerman, USA 1997, 282 Seiten

King Suckerman von George P. Pelecanos | © DuMont Buchverlag
© DuMont Buchverlag

Autor:
George P. Pelecanos

Verlag (D):
DuMont Buchverlag
ISBN:
978-3-832-16213-9

Genre:
Krimi | Drama | Historie

 

Inhalt:

Dimitri Karras, Sohn des verstorbenen griechischen Einwanderers Pete Karras, verdingt sich als kleiner Drogendealer und hat mit seinem besten Freund Marcus Clay eine gute Zeit im Washington der siebziger Jahre. Alles dreht sich um Filme, Musik und natürlich ras, doch die Prioritäten verschieben sich rasch, als Gangster und Drogendealer Wilton Cooper in der Stadt erscheint. Durch einen unglücklichen Zufall spucken ihm Karras und Clay in die Suppe und stehen plötzlich mit einem Batzen Geld da, das nicht ihnen gehört, und einer drogenaffinen jungen Frau, die vorher Bettgespielin eines Dealers war. Noch ahnen sie nicht, welche Welle der Gewalt sie damit entfesselt haben, denn Cooper nebst Menagerie kennt keine Gnade und hat schon Leute skrupellos ermordet, die ihm weit weniger getan haben als die beiden.

Er steckte die Flinte in sein Hosenbein. Als er zur Tür ging, wischte er sich etwas, das sich warm und weich anfühlte, vom Gesicht und schnippte es weg. Er stellte sich Fred Williamson vor, angeschossen und quer über die Straße taumelnd. Bobby Roy Clagget fing an, das J. B.-Lied zu singen, das jetzt in jedem einzelnen Auto auf dem Platz erklang: »Look at me, you know what you see?/See a baaaad mother …«

Während die noch nichts von ihrem Unglück ahnen, schlägt Cooper langsam und unerbittlich eine Schneise der Gewalt durch den Untergrund Washingtons, derweil all die kleinen Gangster und hippen Jungs dem Film King Suckerman entgegenfiebern, einem Film über einen schwarzen Zuhälter, doch es wird sich bald herausstellen, dass die Realität das im Film gezeigte mit Leichtigkeit in den Schatten stellt, denn um sich Cooper zu erwehren, gilt es, moralische Hemmungen bisweilen über Bord zu werfen, doch Karras und Clay erhalten auch Hilfe von unerwarteter Seite. Vor dem Hintergrund der amerikanischen Zweihundertjahrfeier spitzt sich die Lage für alle Beteiligten mehr und mehr zu.

Rezension:

Wie schon Big Blowdown, der Auftakt der Washington-Noir-Reihe von George P. Pelecanos handelt es sich bei King Suckerman um einen Vertreter der schwarzen Serie, also des literarischen Film Noir, doch anders noch als im Vorgänger, der 1946 und in den darauffolgenden Jahren spielte, sind wir nun in den Siebzigern angekommen und entsprechend blumiger, Marihuana-geschwängerter und Hippie-lastiger kommt der ganze Roman daher, wenn auch stets unterschwellig, denn wieder einmal bildet das organisierte Verbrechen und eine nicht ganz als Kriminalhandlung zu bezeichnende Geschichte den Rahmen der Erzählung. Der Schauplatz bleibt gleich, die Vorzeichen sind andere und so ist es nicht der bereits im ersten Band verstorbene Pete Karras, sondern dessen Sohn Dimitri, der die Handlung in Teilen trägt.

Dimitri Karras schaltete herunter und überquerte North Capitol auf der H. Er entspannte seine Schultern: Zum Glück war er aus dem Lagerhausdistrikt raus, zum Glück war er wieder in Northwest. Marcus Clay saß rechts von ihm, starrte geradeaus und murmelte ab und zu etwas, während das soeben Geschehene sich in seinem Kopf wiederholte.

Doch ähnlich wie der Vorgänger ist auch King Suckerman mehr ein Ensemble-Stück und neben Dimitri und dessen bestem Freund Marcus Clay ist es speziell der Drogendealer und skrupellose Kriminelle Wilton Cooper, auf den die Geschichte fokussiert und der den klassischen Antagonisten geben darf, der hier im wahrsten Sinne des Wortes über jeden Skrupel erhaben ist und derart gnadenlos und grausam agiert, wie man es schon lange nicht mehr erlebt hat. Und in exakt dessen Dunstkreis und Wirkungsradius geraten unfreiwillig Dimitri und Marcus und bald schon ist ihr Leben in höchster Gefahr, während sie von der Bedrohung zunächst noch kaum etwas zu ahnen scheinen.

Erneut gelingt es Pelecanos, eine unglaubliche dichte Atmosphäre aufzubauen und mittels zahlloser popkultureller Reminiszenzen die Siebziger lebendig werden zu lassen, während er sich des fiktiven titelgebenden Films King Suckerman bedient, der die Geschichte eines schwarzen Zuhälters erzählt, um ein verbindendes Element innerhalb des Buches zu schaffen, denn sowohl Dimitri und Konsorten, als auch Coopers Protegé sowie diverse Drogenkonsumenten und allerlei andere Gestalten brennen förmlich darauf, diesen Film zu sehen. Verbindendes Element sind aber natürlich auch wieder die durchweg kriminellen Elemente, die sich durch die Straßen Washingtons bewegen und Pelecanos offeriert ein stimmiges Konglomerat unterschiedlichster Figuren differierender Motivation und Herkunft, die natürlich folgerichtig in einem wohlgeplanten und blutigen Shootout schlussendlich aufeinandertreffen.

Es war seine Art zu gehen, kurz vor den anderen, aber ohne jede Hast, geradezu königlich. Und seine Kleidung, gebügelte Jeans mit einem kastanienbraunen Hemd – ein ansehnliches bügelfreies Teil, dessen Knöpfe über dem Brustkorb eines Running-back auseinanderklafften. Ein aalglatter Junge, das war Cooper, ein aalglatter überlebensfähiger Wichser, der Typ, der den Gefängnishof jeden Tag auf eigenen Füßen verlässt. Cooper hatte den Ausdruck eines smarten Ganoven; Tate kannte diesen Ausdruck, er war im Petworth-Viertel, nahe der 13th Street, wo er groß geworden war, mit vielen Jungs wie diesem bekannt gewesen.

War ich anfänglich noch skeptisch, wie eine Reihe wohl funktionieren möge, deren vermeintliche Hauptfigur nach Band 1 bereits das Zeitliche gesegnet hat, wird spätestens nach Lektüre von King Suckerman klar, wohin die Reise geht und durch die Familie Karras als verbindendes Element, welches sich auch in Auftritten von Eleni, Dimitris Mutter und Petes Ehefrau sowie Nick Stefanos, der im vorangegangenen Buch eine größere Rolle hatte und dem Pelecanos längst eine eigene Buchreihe gewidmet hat, niederschlägt. Aufgrund der schieren poetischen Kraft der Erzählung und der unbestritten ausgeprägten Fähigkeit des Autors Lokalkolorit wie auch Zeitgeist aufs Papier zu bannen, bin ich nun auch schon mehr als gespannt auf Eine süße Ewigkeit, den dritten und ebenfalls seit geraumer Zeit erhältlichen Teil der Washington-Noir-Reihe, die sich den achtziger Jahren widmen wird.

Fazit & Wertung:

Wieder einmal gelingt es George P. Pelecanos mit King Suckerman auf nicht einmal 300 Seiten eine unglaublich dichte, eng miteinander verwobene Geschichte unterschiedlichster Protagonisten in den von Um- und Aufbruch geprägten siebziger Jahren zu erzählen, die dem ersten Teil der Washington-Noir-Reihe in nichts nachsteht und deutlich macht, wieso er gerne als Erfinder des historischen Noir-Romans gehandelt wird.

8 von 10 Schießereien im griechischen Viertel

King Suckerman

  • Schießereien im griechischen Viertel - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Wieder einmal gelingt es George P. Pelecanos mit King Suckerman auf nicht einmal 300 Seiten eine unglaublich dichte, eng miteinander verwobene Geschichte unterschiedlichster Protagonisten in den von Um- und Aufbruch geprägten siebziger Jahren zu erzählen, die dem ersten Teil der Washington-Noir-Reihe in nichts nachsteht und deutlich macht, wieso er gerne als Erfinder des historischen Noir-Romans gehandelt wird.

8.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des DuMont Buchverlages.

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King Suckerman ist am 16.08.12 im DuMont Buchverlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

  • Und ich habe immer noch nicht den ersten Teil gelesen…

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