Review: Noah (Film)

Es ist mir eine ganz besondere Freude, euch heute nun endlich von meinem Erlebnis mit Noah berichten zu können, nicht nur, weil ich mal wieder einer der wenigen bin, der diesem Film richtig etwas abgewinnen konnte und langsam das Gefühl habe, ein kleiner Aronofsky-Fanboy zu werden, sondern auch, weil meine Film-Kritik diesmal nach längerer Zeit einmal wieder ungewöhnlich ausführlich (und damit lang) und zudem reich bebildert geworden ist. Fühlt euch also eingeladen, euch mal für ein paar Minuten Zeit zu nehmen und euch meinem hoffentlich lesenswerten Text zu widmen. Bin ja schon sehr gespannt, wie der Film so in meinem persönlichen Blogosphäre-Cluster (also bei euch!) ankommen wird oder angekommen ist.

Noah

Noah, USA 2014, 138 Min.

Noah | © Paramount Pictures
© Paramount Pictures

Regisseur:
Darren Aronofsky
Autoren:
Darren Aronofsky
Ari Handel

Main-Cast:

Russell Crowe (Noah)
Jennifer Connelly (Naameh)
Ray Winstone (Tubal-cain)
Emma Watson (Ila)
Logan Lerman (Ham)
Anthony Hopkins (Methuselah)

Genre:
Abenteuer | Fantasy | Drama | Action

Trailer:

 

Inhalt:

Nachdem Kain seinen Bruder Abel aus Eifersucht erschlagen hat, überzieht dessen Sündhaftigkeit und Bösartigkeit die Erde, wohingegen der nachgeborene Set, ebenfalls Sohn von Adam und Eva, zu einem Sinnbild für Frömmigkeit avanciert. Zehn Generationen später haben die Nachfahren Kains die Erde vergiftet und Noah, der letzte aus dem Geschlecht von Set, versteckt sich mit seiner Frau Naameh und ihren drei Söhnen Sem, Ham und Japhet in der kargen Einöde vor Tubal-Kain, der vor Jahren Noahs Vater Lamech tötete, sowie dessen Volk, allesamt Nachfahren Kains. Als Noah eines Nachts von Alpträumen einer gewaltigen Flut geplagt wird, entschließt er sich, seinen als Einsiedler lebenden Großvater Methusalem aufzusuchen und ihn um Rat zu bitten.

Szenenbild aus Noah | © Paramount Pictures
© Paramount Pictures

Auf ihrer Reise liest die Familie nicht nur ein verwundetes Mädchen mit Namen Ila auf, sondern begegnet auch den gefallen Engeln, den Steinernen Wächtern, die ihr Schöpfer dafür bestraft hat, dass sie den ersten Menschen nach der Vertreibung aus dem Paradies zur Hilfe geeilt sind. Zunächst sind die Wächter nicht geneigt, Noahs Vision Glauben zu schenken, doch nachdem dieser von Methusalem ein Samenkorn aus dem Garten Eden bekommt und aus diesem binnen Minuten ein Wald erwächst, erklären sich die Wächter bereit, ihm beim Bau einer gigantischen Arche zu helfen, die seine Familie und die gesamte Tierwelt – zwei von jeder Art – vor den alles verschlingenden Wassermassen schützen soll. Der monumentale Bau und auch die neu erblühte Landschaft bleiben jedoch nicht lange vor dem Rest der Menschheit verborgen und so macht bald schon Tubal-Kain Noah seine Aufwartung, nicht ahnend, wen er dort vor sich hat. Doch Noah weist ihn ab und nur der imposanten Erscheinung der Wächter ist es zu verdanken, dass sich die Gruppe um Tubal-Kain zunächst zurückzieht. Doch das Einsetzen der Sintflut rückt näher…

Rezension:

Nicht umsonst gilt die Regel, Diskussionen über Religion tunlichst zu vermeiden und dann kommt jemand wie Darren Aronofsky daher und nimmt sich in einer Art und Weise des bekannten biblischen Stoffes um den Archebauer Noah an, dass man selbst als Zuschauer nicht recht zu erkennen weiß, ob dieser Film nun zum Glauben bekehren soll mit seinen Ansprachen und Plattitüden oder ob Regisseur und Co-Drehbuchautor Aronofsky einfach nur eine Geschichte mit Potential gesehen hat, die er in sein mystifiziertes Weltbild adaptieren wollte. Da verwundert es kaum noch, dass der Film letztlich – wenn ich mich so auf den einschlägigen Seiten umtue – kaum jemandem wirklich gefallen zu haben scheint, denn Gläubigen ist der Umgang mit dem Bibelstoff zu respektlos, Ungläubigen die Geschichte zu pathosgeschwängert und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, ein derartiger Film könne sein Publikum schlicht und ergreifend nicht finden.

Szenenbild aus Noah | © Paramount Pictures
© Paramount Pictures

Umso überraschter war ich dann, wie ausnehmend gut mir tatsächlich Noah gefallen hat und das, obwohl mich schon einige Kommentare zum Film das Schlimmste befürchten ließen, doch ich mag Aronofskys Sichtweise und seine Bilderwelten, war speziell auch von dem ähnlich pathetischen The Fountain schwer beeindruckt und konnte tatsächlich recht schnell mit dem Bibelstoff warmwerden, der sich in dieser Interpretation als Universallehrstück über Schuld und Sühne, Familienwerte, Vergebung und Vergeltung und das Wesen des Menschen an sich lesen lässt. Man kommt um Plattitüden dabei sicherlich nicht herum und nicht jeder Dialog trifft ins Schwarze, ist gekonnt pointiert oder verbirgt einen tieferen Sinn, doch die eigentliche Geschichte, angefangen mit der großartigen Einstiegssequenz, wusste mich zu fesseln und das, obwohl sich der Film für einen Blockbuster ungewohnt sperrig gibt, zunächst wie ein Endzeit-Survival-Film wirkt, um dann zum Fantasy-Märchen zu mutieren, sich zum Familien-Drama zu wandeln, ein kurzes Schlachten-Epos einzuschieben um dann schlussendlich in einem beklemmenden Kammerspiel auf hoher See zu gipfeln, dem sich das dann zugegebenermaßen auch mir ein wenig zu verkitschte Ende anschließt.

Szenenbild aus Noah | © Paramount Pictures
© Paramount Pictures

Und genauso wie Noah munter durch zahlreiche Genres mäandert, verändert sich auch der Ton der Erzählung und ihr Tempo, wird dabei durchsetzt von alptraumhaften Visionen Noahs und Fantasy-Einschüben, die nur auf den ersten Blick nicht ins biblische Konzept des Films passen und so haben mich die versteinerten Wächter, die gefallenen Engel schwer begeistert, ebenso wie die Detailverliebtheit bei der Darstellung des Baus der Arche und ihres Innenlebens, die zeigen, dass Aronofsky sich durchaus nicht nur auf ein Effektspektakel gefreut, sondern sich auch profaner logistischer Überlegungen angenommen hat. Die Interpretation der Geschichte ist natürlich ziemlich frei und so wird einiges ergänzt und verändert, erweitert und überhöht, dass man meinen würde, die Geschichte hätte auch ohne den prestigeträchtigen Titel wunderbar funktioniert (und dabei sicherlich nicht halb so vielen Leuten vor den Kopf gestoßen), wobei ihm dann allerdings wiederum sicherlich Plagiarismus vorgeworfen worden wäre.

Szenenbild aus Noah | © Paramount Pictures
© Paramount Pictures

Überhaupt ist auffällig, wie wenig konkret christliches Gedankengut sich tatsächlich in dem Film findet, was wiederum verständlich ist, da wir uns in der Zeit vor der Heiligen Schrift und der Institutionalisierung der Religion befinden und Noahs Glaube an den Schöpfer (von Gott ist, soweit ich mich erinnere, nie die Rede) mehr einer archaischen Naturreligion gleicht denn der späteren Buch- oder Hochreligion, wie wir sie kennen, was beispielsweise damit einhergeht, dass Noah und seine Familie sich ausschließlich vegetarisch ernähren und der Verzehr von Fleisch im späteren Verlauf des Geschehens mit einem erneuten Sündenfall gleichgesetzt wird. Diese Eigenheiten und Überlegungen, ebenso wie das sich stetig verändernde Figurengeflecht und deren Beziehung untereinander haben es mir bei Noah angetan, der sich mir in seinen durchaus stolzen hundertvierzig Minuten die meiste Zeit als wohl beste Mischung aus Blockbuster-Kino und Arthouse-Experimental-Drama präsentiert hat, inklusive großartigen Stop-Motion-Sequenzen und einem antiklimatischem letzten Drittel, das die Karten neu zu mischen scheint und wie losgelöst vom vorherigen Geschehen wirkt, was natürlich speziell in der einsetzenden Flut begründet liegt.

Auf Darstellerseite hatte ich ebenfalls nichts zu klagen, denn welche Wandlungsfähigkeit Russell Crowe in seinem wachsenden Eifer und Wahn an den Tag legt, sorgt schon allein für Gänsehautmomente, während Logan Lerman (Gamer) sich einmal von einer gänzlich anderen Seite zeigen darf und Emma Watson sich mit eindrücklichen, starken Szenen nun nach Vielleicht lieber morgen (ebenfalls mit Logan Lerman) noch mehr in mein Herz gespielt hat. Das Potential von Jennifer Connelly allein wurde nicht in Gänze ausgeschöpft und sie bleibt die meiste Zeit doch eher im Hintergrund der Rahmenhandlung, kann jedoch ebenfalls einige große Momente für sich verbuchen, ebenso wie natürlich Ray Winstone als großer Antagonist Tubal-Kain, der mit schierer Präsenz bereits glaubhaft macht, eine ernste Gefahr für Noah darzustellen und es mit nur wenigen Szenen und Sätzen, teils lediglich Blicken versteht, die ganze Verderbtheit der Menschen auf den Punkt zu bringen.

Szenenbild aus Noah | © Paramount Pictures
© Paramount Pictures

Zu meinem großen Bedauern ist aber auch Noah nicht frei von Mängeln und so sind es gerade inszenatorische Kleinigkeiten, die man hätte vermeiden können, die einem das Filmgeschehen durchaus je nach Mentalität mehr oder minder verleiden können, angefangen mit ungeklärten Fragen der Ernährung in einer knochentrockenen Wüste, über ständig wechselnde Outfits, die man in der Vielfalt bei einer derart kärglich ausgestatteten Familie schlicht nicht vermutet hätte sowie weitere Anachronismen wie etwa die Hosen, die doch zumindest in ihrer Form sehr an heutige Jeans erinnern (auch wenn so eine Skinny Jeans Emma Watson zugegebenermaßen deutlich besser steht als ein unförmiger Kartoffelsack) und nicht zuletzt die Animation der Massen an Tieren, die in die Arche strömen, welche nicht so recht zu überzeugen weiß. Solche Patzer sind besonders ärgerlich, da der Film ja ansonsten durchaus zeigt, dass es auch besser geht und so fallen derartige Ungereimtheiten und wie Fremdkörper wirkende Eindrücke natürlich noch mehr ins Gewicht. Ich persönlich konnte relativ wohlwollend über viele dieser kleineren Schwächen hinwegsehen, doch wer in der Beziehung besonders penibel ist, wird sicherlich keine Freude an dem Bibel-Epos haben. Dennoch versuche ich mit meiner Kritik durchaus eine Lanze für den Film zu brechen, der in meinen Augen weit besser und lohnenswerter ist, als es manch vernichtender Kommentar auf einschlägigen Filmportalen vermuten lassen würde.

Fazit & Wertung:

Ohne Darren Aronofskys spezielle Sichtweise und seine freie Interpretation des biblischen Stoffes hätte Noah recht schnell zu einem drögen Machwerk verkommen können, doch durch die vielen inszenatorischen wie dramaturgischen Eigenheiten und die zweifelsohne vorhandenen großartigen Einfälle wird aus dem Film eine Mainstream-Arthouse-Verquickung, wie man sie nur selten zu sehen bekommt. Trotz kleinerer Patzer, störender Anachronismen und zuweilen arg pathetischer Dialoge hat der Film in seiner Gesamtheit mich durchaus für sich einnehmen können und wer bereit ist, sich auf ein sperriges Fantasy-Bibel-Drama-Mashup einzulassen, sollte hier auf alle Fälle einen Blick riskieren.

8 von 10 Steinernen Wächtern

Noah

  • Steinerne Wächter - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Ohne Darren Aronofskys spezielle Sichtweise und seine freie Interpretation des biblischen Stoffes hätte Noah recht schnell zu einem drögen Machwerk verkommen können, doch durch die vielen inszenatorischen wie dramaturgischen Eigenheiten und die zweifelsohne vorhandenen großartigen Einfälle wird aus dem Film eine Mainstream-Arthouse-Verquickung, wie man sie nur selten zu sehen bekommt. Trotz kleinerer Patzer, störender Anachronismen und zuweilen arg pathetischer Dialoge hat der Film in seiner Gesamtheit mich durchaus für sich einnehmen können und wer bereit ist, sich auf ein sperriges Fantasy-Bibel-Drama-Mashup einzulassen, sollte hier auf alle Fälle einen Blick riskieren.

8.0/10
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Noah ist am 28.08.14 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von Paramount Pictures erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

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  • Der Kinogänger

    Ich fand „The Fountain“ ebenfalls höchst faszinierend und mochte auch die erste Hälfte von „Noah“ (die gefallenen Engel haben mir ebenfalls gut gefallen) – aber fast alles, was nach der Sintflut geschah, gerade das von dir erwähnte antiklimaktische und zudem arg in die Länge gezogene letzte Drittel, ging mir vor allem mangels nachvollziehbarer, in sich stimmiger Verhaltensweisen der meisten Figuren sowas von tierisch auf die Nerven, daß es mir den gesamten Film ziemlich vermiest hat.

    Auch als Atheist mag ich eigentlich Bibelfilme und war deshalb sehr gespannt auf „Noah“, aber für mich ist das leider eine der Enttäuschungen des Jahres. Jetzt hoffe ich auf Ridley Scotts „Exodus“ …

    • Hallo Ralf,

      erst einmal ein dickes Sorry für die späte Reaktion auf deinen Kommentar, aber wie du ja vielleicht mitbekommen hast, war ich eine Woche außer Landes und habe mir danach noch eine ausgedehnte Auszeit gegönnt, so dass ich erst langsam hinterherkomme, die Kommentare zu beantworten.

      Aber zu ‚Noah': Ich verstehe völlig, dass das letzte Drittel dir den Film verleidet hat, meiner Freundin erging es im Übrigen ebenso und auch fand ja die Umsetzung nicht unbedingt als optimal, nur eben als erfrischend unangepasst, eben antiklimatisch, wie man es heutzutage noch selten erlebt. Mich störte da aber eher die verkitschte Einstellung ganz am Ende und die in wenigen Minuten abgehandelte Alkohol-Eskapade von Noah (Wo hatte er den denn bitte so plötzlich her!?).

      Von einer Enttäuschung kann ich aber dennoch nicht sprechen, wie du ja gelesen hast, auf ‚Exodus‘ bin ich aber auch schon sehr gespannt, wobei Scott mich zuletzt mit ‚Prometheus‘ ja auch RICHTIG enttäuscht hat

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