Review: Der katholische Bulle | Adrian McKinty (Buch)

Eigentlich wäre es ja heute wieder Zeit für zwei Comic-Rezensionen, doch da ich im Moment diesbezüglich nur einen fertigen Artikel in der digitalen Schublade liegen habe, allerdings mit meinen Buch-Rezensionen kaum hinterherkomme, gehen wir heute mal einen anderen Weg und so kombiniere ich das geschriebene Wort mit dem gezeichneten Bild und den Anfang macht demnach meine nun folgende Buch-Kritik zu:

Der katholische Bulle
Die Sean Duffy-Reihe 1

The Cold Cold Ground, UK 2012, 384 Seiten

Der katholische Bulle von Adrian McKinty | © Suhrkamp Verlag
© Suhrkamp Verlag

Autor:
Adrian McKinty
Übersetzer:
Peter Torberg

Verlag (D):
Suhrkamp Verlag
ISBN:
978-3-518-46523-3

Genre:
Krimi | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

Die Unruhen schufen nach einer Weile eine ganz eigene Ästhetik. Lichtbögen aus brennendem Benzin unter der Mondsichel. Purpurne Leuchtspurmunition in mystischen Parabeln. Die phosphoreszierenden Läufe der Gummigeschossgewehre. Ein entfernter Schrei wie von Männern unter Deck eines von Torpedos getroffenen Gefangenenschiffs. Das rote Zischen von Molotowcocktails, die auf glatte Oberflächen treffen. Überall Hubschrauber, deren Suchscheinwerfer sich wie Liebende im Jenseits begegneten.

Nordirland im Jahre 1981: In der nordirischen Hauptstadt Belfast herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände, die IRA-Häftlinge befinden sich im Hungerstreik, um ihren Status als politische Gefangene einzufordern und Bobby Sands hat in diesem Kampf jüngst sein Leben gelassen. In diesen stürmischen Zeiten wird der frisch beförderte Detective Sean Duffy nach Carrickfergus versetzt und sieht sich prompt mit einem mehr als merkwürdigen Mordfall konfrontiert. Damit nicht genug, wird bald ein zweites Opfer gefunden, dessen Hand sich bei der Leiche des ersten Opfers befunden hatte und als Duffy Überlegungen anstellt, worin das Motiv des Mörders bestehen könnte, stellt sich heraus, dass beide homosexuell gewesen sind.

Obgleich eines der Mordopfer Verbindungen zur IRA gehabt zu haben scheint, gehen die Ermittler von Carrickfergus zunächst davon aus, dass es sich ausnahmsweise um keinen politisch oder ideologisch gefärbten Mord zu handeln scheint, doch reichen die Verbindungen weit tiefer als zunächst vermutet und inmitten des undurchsichtigen Geflechts aus geheimen Absprachen und Bündnissen, brüchigen Kooperationen und verdeckten Plänen bahnt sich Detective Sergeant Duffy unerbittlich seinen Weg, schafft sich Feinde, von denen er längst nichts ahnt und verstrickt sich immer mehr in ein Labyrinth aus Rätseln, Andeutungen, Hinweisen und einer Mauer des Schweigens.

Rezension:

Einer Empfehlung folgend, habe ich mich jüngst – in völliger Unkenntnis seiner vorangegangenen Roman-Trilogien und Einzelromane – an Adrian McKintys Der katholische Bulle gewagt, der ebenfalls den Auftakt einer Trilogie um den – richtig – katholischen Polizisten Sean Duffy bildet. Der wird im Jahre 1981 frisch nach Carrickfergus nahe Belfast versetzt und man kann sich denken, dass es sich, kurz nachdem IRA-Mitglied Bobby Sands beim Hungerstreik im Gefängnis seinen Tod gefunden hat und kurz nachdem ein Attentat auf Papst Johannes Paul II. verübt worden ist, um ein mehr als heißes Pflaster handelt. Nun bin ich zwar mit der Geschichte der IRA nicht so vertraut, wie ich es gern wäre, doch zumindest Bobby Sands war mir ja dank Steve McQueens Film Hunger schon ein Begriff und von dort ausgehend, gelang es McKinty auch tatsächlich, die politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten im Nordirland der damaligen Zeit zu umreißen, ohne in den sonoren Tonfall eines Geschichtsprofessors abzudriften und ohne die ausnehmend spannende Geschichte auszubremsen.

Wieder sah ich mich nach Fußspuren um. Da waren Dutzende. Matty, Tom und die beiden Reserve-Constables waren hergekommen, um sich die Leiche anzuschauen. Sie wussten es nicht besser, Gott möge sie schützen, aber ich machte mir eine mentale Notiz, einen kleinen Vortrag über »Die Kontaminierung eines Tatorts« zu halten; in ein, zwei Wochen vielleicht, wenn mich jeder kannte.

Die beginnt beinahe klassisch und aus dem eröffnenden Mordfall wird schnell ein Doppelmord, weshalb Duffy bald auch auf den Trichter kommt, es handele sich um einen Serienkiller, wohingegen seine Kollegen skeptisch bleiben, schließlich habe es in Nordirland noch nie einen Serienkiller gegeben, weil alle Psychopathen so clever gewesen seien, sich einer der Gruppierungen – der protestantischen UVF oder der katholischen IRA – anzuschließen, um unter deren Deckmantel ihre Morde zu verüben. Bald schon trudelt allerdings ein Bekennerschreiben ein und der Täter droht mit weiteren Morden, was nicht nur Duffys Theorie bestätigt, sondern auch unterstreicht, dass es sich anscheinend um einen Schwulenhasser handelt, waren die bisherigen Opfer zumindest bekanntermaßen homosexuell und das in einem Land, in dem Homosexualität zwar nicht verboten, homosexuelle Handlungen aber durchaus strafbar sind.

Es wäre jedoch viel zu simpel, wäre der Fall damit auch nur annähernd gelöst, denn nun beginnt Adrian McKinty gekonnt Kapriolen zu schlagen und während Sean Duffy noch erfährt, dass es sich bei einem der Opfer um ein rangniedriges IRA-Mitglied gehandelt hat und sich derweil im vermeintlichen Selbstmord einer Lucy Moore engagiert, deren Schicksal ihm nahegeht, gerät er auch schon mit Sinn Féin, sozusagen dem politischen Arm der IRA, aneinander und bekommt auch abseits dieser Entwicklungen zu spüren, was es heißt, als katholischer Ermittler in einem protestantisch geprägten Ort unterwegs zu sein, zumal Katholik für viele erst einmal synonym für die radikalisierte IRA steht und folglich für den Feind. Doch auch die FRU, die Innenrevision der IRA, kristallisiert sich als beteiligte Fraktion heraus und das Eis für den zwischen den Fronten stehenden Ermittler wird immer dünner.

»Sie sind ein komischer Kauz. Sie tauchen ohne Waffe, in Turnschuhen und einem Che-Guevara-T-Shirt an einem Tatort auf? Wie soll das nur enden?«
»Ungut höchstwahrscheinlich, Sir.«
Er grinste und schüttelte den Kopf. »Ich versteh Sie nicht, Duffy. Wieso geht so ein Klugscheißer wie Sie zu den Bullen?«
»Wegen der schnieken Uniformen? Wegen der atemberaubenden Aussicht, jeden Morgen damit rechnen zu müssen, auf dem Weg zur Arbeit umgebracht zu werden?«
Brennan seufzte.

Natürlich sind das alles Aspekte eines lupenreinen Hardboiled-Romans und Der katholische Bulle Sean Duffy steht dem irischen Ermittler Jack Taylor, der mich ursprünglich dazu bewogen hatte, dem Buch eine Chance zu geben, in nichts nach, wobei sich beide Charaktere durchaus ganz grundlegend unterscheiden, ebenso wie in der Schilderung der Geschichte, die hier eben eine zunehmend politische Dimension bekommt und sich vor allerlei überraschenden Twists kaum retten kann, die aber so sorgsam inszeniert und im Nachgang erklärt werden, dass man zu keinem Zeitpunkt das Gefühl bekäme, der Autor habe hier über die Stränge geschlagen um des puren Effekts willen. Stattdessen überrascht der Roman mit seiner Auflösung vollends und wirft wie beiläufig noch moralische Fragen enormer Tragweite auf, die weit über den ursprünglich so simpel scheinenden Mordfall hinausreichen und gleichzeitig den Weg für zwei hoffentlich mindestens genauso spannende Folgebände ebnen, die im Original gar schon erschienen sind.

Fazit & Wertung:

Adrian McKintys Der katholische Bulle funktioniert nicht nur als ungemein spannender und wendungsreicher Krimi-Thriller mit einem gewohnt und erwartet dickköpfigen wie starrsinnigen Ermittler mit Ecken und Kanten, sondern fängt auch das politische und gesellschaftliche Geflecht der frühen 80er-Jahre in Nordirland gekonnt ein und liefert wie nebenbei noch Wissenswertes über IRA, FRU und Sinn Féin, ohne den unbedarften Leser mit dem Geschichtsunterricht zu überfordern oder zu langweilen.

9 von 10 falschen Fährten und unerwarteten Offenbarungen

Der katholische Bulle

  • Falsche Fährten und unerwartete Offenbarungen - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Adrian McKintys Der katholische Bulle funktioniert nicht nur als ungemein spannender und wendungsreicher Krimi-Thriller mit einem gewohnt und erwartet dickköpfigen wie starrsinnigen Ermittler mit Ecken und Kanten, sondern fängt auch das politische und gesellschaftliche Geflecht der frühen 80er-Jahre in Nordirland gekonnt ein und liefert wie nebenbei noch Wissenswertes über IRA, FRU und Sinn Féin, ohne den unbedarften Leser mit dem Geschichtsunterricht zu überfordern oder zu langweilen.

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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Suhrkamp Verlages. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Der katholische Bulle ist am 14.07.14 als Taschenbuch im Suhrkamp Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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