Review: Rectify | Staffel 1 (Serie)

Lange Zeit sah es ja echt mau aus in der Seriensparte, weil ich einfach mit nix hinterherkam. Mittlerweile türmen sich teils fertige oder in Vorbereitung befindliche Rezensionen und weil diese Serie schon allein wegen ihren nur sechs Folgen angenehm heraussticht, aber auch ansonsten eine feine Empfehlung darstellt, macht sie heute den Anfang.

Rectify
Staffel 1

Rectify, USA 2013- , ca. 45 Min. je Folge

Rectify | © Edel Germany GmbH
© Edel Germany GmbH

Serienschöpfer:
Ray McKinnon
Showrunner:
Ray McKinnon

Main-Cast:
Aden Young (Daniel Holden)
Abigail Spencer (Amantha Holden)
J. Smith-Cameron (Janet Talbot)
Adelaide Clemens (Tawney Talbot)
Clayne Crawford (Ted Talbot jr.)
Luke Kirby (Jon Stern)
Bruce McKinnon (Ted Talbot Sr.)
Jake Austin Walker (Jared Talbot)
in weiteren Rollen:
Michael O’Neill (Senator Roland Foulkes)
Sean Bridgers (Trey Willis)
J.D. Evermore (Sheriff Carl Daggett)
Johnny Ray Gill (Kerwin Whitman)
Jayson Warner Smith (Wendall Jelks)

Genre:
Drama

Trailer:

 

Inhalt:

Daniel Holden war achtzehn Jahre alt, als er der Vergewaltigung und des anschließenden Mordes an seiner damaligen Freundin schuldig gesprochen und inhaftiert wurde. Aufgrund von Zeugenaussagen und seinem Geständnis zum Tode verurteilt, spielte sich Daniels Leben fortan nur noch hinter den dicken Mauern des Todestraktes ab. Nun, neunzehn Jahre später, werfen neue Erkenntnisse aus damals noch unmöglichen DANN-Analysen ein neues Licht auf den Fall und Holdens Urteil wird bis zu einer möglichen Revision außer Kraft gesetzt. Die Rückkehr in seine Heimatstadt Paulie, Georgia, erweist sich indes als aufwühlend und befremdlich, hat er schließlich nicht nur zwei Jahrzehnte der Stadtgeschichte verpasst, sind auch mitnichten alle Einwohner Paulies nun von Holdens Unschuld überzeugt.

Szenenbild aus Rectify | © Edel Germany GmbH
© Edel Germany GmbH

Allein voran wäre da der damalige Ankläger Roland Foulkes zu nennen, mittlerweile Senator und noch immer von der Schuld Holdens überzeugt, DNA hin oder her. Ähnlich geht es Ted Talbot Jr., dessen Vater Daniels Mutter geehelicht hat, weshalb er nun Daniel sozusagen zur Familie zu zählen gezwungen ist. Da ist es ihm ein noch größerer Dorn im Auge, dass seine Ehefrau Tawney als gute Christin mehr als bemüht ist, Daniel eine helfende Hand zu reichen. Amantha hingegen, Daniels jüngere Schwester, hat nie aufgehört, um ihren Bruder zu kämpfen und bietet kampfeslustig allen die Stirn, die noch immer von seiner Schuld überzeugt sind, während Daniel selbst nur langsam aus seiner Lethargie zu erwachen scheint und sich zögerlich dem verloren geglaubten Leben zuwendet.

Rezension:

Mehr durch Zufall bin ich jüngst auf diese hierzulande noch wenig beachtete und beworbene Serie gestoßen, die sich noch als echter Geheimtipp herausstellen könnte, denn die erste eigens vom Sundance Channel produzierte Serie Rectify ist merklich anders, als es die üblichen Drama-Serien sind. Obwohl es sich nämlich bei der Serienschöpfung von Ray McKinnon, der mir noch als Reverend Smith aus Deadwood in guter Erinnerung ist, um ein waschechtes Serial mit einer fortlaufenden Geschichte handelt, stehen zumindest in dieser ersten, lediglich sechs Folgen umfassenden ersten Staffel die emotionalen Aspekte und Unwägbarkeiten der Figuren im Vordergrund, so dass augenscheinlich nicht gerade viel in jeder einzelnen Folge passiert, sich aber aufgrund der langsamen und bedächtigen Erzählweise, den gekonnt mit Bildern eingefangenen Gefühlen, eine intensive Atmosphäre zu entfalten weiß, die ob des Verzichts auf übermäßiges Pathos und effekthascherische Action-Einlagen noch packender wird.

Szenenbild aus Rectify | © Edel Germany GmbH
© Edel Germany GmbH

Der mir vormals unbekannte Aden Young, welcher den Titelhelden Daniel Holden verkörpert, der zu Beginn von Rectify zunächst vorbehaltlich weiterer Ermittlungen nach neunzehn langen Jahren aus dem Todestrakt in die Freiheit entlassen wird, wirkt dabei gerade zu Beginn geradezu katatonisch und ist kaum zu einer Gefühlsregung fähig, was man ihm natürlich als schlechtes Schauspiel auslegen könnte, doch die Intensität, in der er seinen Status als Fremdkörper in der beschaulichen Kleinstadt Paulie untermauert, sucht ihresgleichen. Tatsächlich bedurfte es mehr als nur einer Szene mit dessen deutlich extrovertierterer Schwester Amantha, die wirklich großartig von Abigail Spencer gespielt wird – ein Umstand, der ihr 2013 verdientermaßen eine Nominierung bei den Critics‘ Choice Awards einbrachte -, um mich langsam mit der Serie warm werden zu lassen, denn in seiner wortkargen, scheuen und undurchsichtigen Art taugt Daniel gerade zu Beginn kaum als Identifikationsfigur.

So war für mich gerade die dritte Folge ein regelrechter Augenöffner, denn nach langem Siechtum und fortdauernder Schweigsamkeit, offenbaren sich hier erstmals verborgene Sehnsüchte und lang vergessene Erinnerungen, wenn Daniel beginnt, sich durch alte Kassetten zu hören, in alten Alben zu blättern, sein auf den Dachboden verbanntes Spielzeug hervorzukramen beginnt und bewusst werden lässt, dass seine Kindheit damals nur allzu jäh unterbrochen worden ist und er, wenn auch mittlerweile in sich gekehrt, äußerlich gealtert und durch die kargen Tage und Nächte im Gefängnis durchaus belesen, im Grunde seines Herzens noch immer auch ein achtzehnjähriger Junge ist und der seine Jugend niemals zurückbekommen wird. Für solche anrührenden Szenen ist Rectify prädestiniert und widmet sich derartigen Themen in aller Ausführlichkeit, ohne dass es langweilig werden würde oder den Fluss der Erzählung behindern würde.

Daniel gegenüber stehen natürlich die weiteren Bewohner Paulies und seine Familienmitglieder, die ihm unterschiedlichste Emotionen entgegenbringen und allesamt ihre eigene Sichtweise auf die Schuldfrage haben, die durchaus nicht abschließend geklärt wird, aber auch nicht Hauptaugenmerk dieser Serie bildet, wie einem immer wieder bewusst wird. Wenn sich die Geschichte zwar sehr und zu Recht auf Daniel fokussiert, ist es im Grunde eine auf Wechselwirkungen beruhende Story, da nicht nur die Familie Holden, sondern auch die angeheirateten Talbots, die – im Falle von Ted Jr. – ihm mit kaum verhohlener Abscheu begegnen oder ihm andererseits –im Falle von Teds fürsorglicher wie gläubiger Frau Tawney – eine Empathie entgegenbringen, dass man schon von zwei Seiten einer Medaille sprechen kann. Doch dann wäre da auch noch der mittlerweile zum Senator aufgestiegene frühere Ankläger Roland Foulkes, der noch immer von Daniels Schuld überzeugt ist und alles daran setzt, ihn ins Gefängnis zurückzubringen, wenngleich dieser Handlungsstrang in der ersten Staffel Rectify noch eher nur angedeutet wird und erst in späteren Folgen größere Relevanz haben wird. Allgemein ist aber die Bandbreite der behandelten Themen überraschend vielfältig und sorgsam gewählt, verzichtet dabei überwiegend auf eine wertende Haltung, gibt, trotz Sympathie und Antipathie sowie der ungeklärten Schuldfrage, jeder Figur und ihrer Einstellung eine Daseinsberechtigung und wird noch abgerundet durch unter die Haut gehende, in starkem Kontrast zum Kleinstadtleben stehende Rückblenden zu Daniels Haftzeit und den dortigen Erlebnissen.

Szenenbild aus Rectify | © Edel Germany GmbH
© Edel Germany GmbH

Wenn auch die einzelnen Folgen untereinander in ihrer Machart doch noch arg differieren, was an den ständig wechselnden Regisseuren gelegen haben mag und sich jede Episode so wie ein in sich geschlossenes Abenteuer anfühlt, ist allein der Clou, jede Folge einem einzelnen Tag zu widmen und somit innerhalb der Staffel gerade einmal die erste Woche von Daniels neu gewonnener Freiheit zu visualisieren (ein Schema, das übrigens in der zweiten Staffel aufgebrochen werden wird), nicht oft genug zu loben und dieser Umstand, einhergehend mit der ungewöhnlichen, oft elegischen Inszenierung, macht Rectify zu einem Kleinod für Freunde anspruchsvoller Serienunterhaltung, die auch einmal bereit sind, auf schnelle Schnitte und actiongeladene Szenen zu verzichten und sich ganz in einer immer intensiver und bedrückender werdenden Sozialstudie über einen womöglich zu Unrecht verurteilten Straftäter zu verlieren, der mit kleinen Schritten und zaghaft versucht, ins Leben zurückzufinden und dem von mehr als einer Seite eine steife Brise entgegenschlägt.

Fazit & Wertung:

Ray McKinnons Rectify ist zweifelsohne eine Ausnahmeserie, die, wenn sie ihr Erzähltempo und ihren Stil zwar noch finden muss, in gerade einmal sechs Folgen eine derart packende, intensive und emotional aufgeladene Atmosphäre aufzubauen versteht und sich so vollends ihren differenziert ausgearbeiteten Figuren verschreibt, dass man schon sehr gespannt sein darf, was aus dieser elegisch und behutsam erzählten Geschichte noch werden wird.

8,5 von 10 ungewohnten Situationen in einer fremd gewordenen Welt

Rectify | Staffel 1

  • Ungewohnte Situationen in einer fremd gewordenen Welt - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Ray McKinnons Rectify ist zweifelsohne eine Ausnahmeserie, die, wenn sie ihr Erzähltempo und ihren Stil zwar noch finden muss, in gerade einmal sechs Folgen eine derart packende, intensive und emotional aufgeladene Atmosphäre aufzubauen versteht und sich so vollends ihren differenziert ausgearbeiteten Figuren verschreibt, dass man schon sehr gespannt sein darf, was aus dieser elegisch und behutsam erzählten Geschichte noch werden wird.

8.5/10
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Episodenübersicht: Staffel 1

01. Ein neues Jetzt (8/10)
02. Das Fremde unter der eigenen Haut (8/10)
03. Moderne Zeiten (8,5/10)
04. Platons Höhle (8/10)
05. Tropf, tropf (8,5/10)
06. Das sonderbare Leben (9/10)

 

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Rectify | Staffel 1 ist am 17.10.14 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von Edel Germany erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

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