Review: Driver 2 | James Sallis (Buch)

Kommen wir mal wieder zu einer Buch-Kritik, bevor ich euch gleich noch, so mich denn nicht Kraft und Lust verlassen, auch noch einen Comic vorstelle. Viel Spaß bei der Lektüre und einen schönen Abend, falls wir uns nicht mehr lesen sollten.

Driver 2

Driven, USA 2012, 160 Seiten

Driver 2 von James Sallis | © Heyne
© Heyne

Autor:
James Sallis
Übersetzer:
Jürgen Bürger

Verlag (D):
Heyne
ISBN:
978-3-453-43745-6

Genre:
Action | Krimi | Thriller

 

Inhalt:

Sie kamen an einem Samstagmorgen, kurz nach elf Uhr, zu zweit. Es war bereits heiß und würde noch heißer werden, der zarte Schweißfilm auf Elsas Stirn glänzte im Sonnenlicht. Nur die Andeutung einer Bewegung, im Augenwinkel, als sie eine kurze Seitenstraße überquerten – und schon war der Erste da. Driver wirbelte herum, rammte den Fuß mit dem gesamten Gewicht seines Körpers gegen das rechte Knie des Mannes und hörte, wie es nachgab. In dem Augenblick, als der Mann niederging, traf derselbe Fuß seine Kehle. Der Mann erbebte zweimal zitternd, versuchte, Luft durch die zerschmetterte Luftröhre zu saugen, dann bewegte er sich nicht mehr.

Sieben Jahre lang war Driver abgetaucht, sieben Jahre, in denen er sich unter anderem als Paul West eine Existent aufzubauen suchte, diesen Gedanken alsbald wieder fallen ließ, um, seinem ersten Impuls folgend wieder in der Versenkung zu verschwinden, doch nach eben diesen sieben Jahren fanden sie ihn dennoch, an einem Samstag und die Frau an seiner Seite war tot. Nichtsahnend, wer die Killer auf ihn gehetzt haben könnte, welche Spur ihn verraten, welcher Gangster ihm auf den Fersen ist, tut Driver das, was er am besten kann, wenn jemand es auf sein Leben abgesehen hat.

Er kehrt auf die Straße zurück, beginnt Nachforschungen anzustellen, versucht hinter das Geheimnis zu kommen, den Ursprung zu ermitteln, ihn aufzuspüren, zu eliminieren, sein Leben zu schützen, ganz seinen Instinkten folgend, um endlich wieder nicht nur den Fahrtwind im Gesicht zu spüren, sondern auch das Gefühl von Freiheit, dass ihm, seit seine Vergangenheit ihn eingeholt zu haben schien, entrissen worden ist und für das er nicht nur über Leichen gehen würde sondern faktisch auch wird.

Rezension:

Wir erinnern uns, seinerzeit bin ich durch den Film Drive auf den hierzulande noch wenig bekannten Ausnahmeschriftsteller James Sallis und sein dem Film zugrundeliegendes Werk Driver gestoßen und ob meiner euphorischen Worte war es ja wohl nicht allzu verwunderlich, dass ich mir auch Driver 2 nicht entgehen lassen würde, wenn es auch wieder bis zur Taschenbuchausgabe gedauert hat, bis ich mich dem gerade einmal 150 Seiten starken Werk gewidmet habe. Das Qualität aber mitnichten mit Quantität gleichzusetzen ist, wusste ja schon der erste, nur ungleich seitenstärkere Teil zu vermitteln und so verhält es sich auch hier wieder, dass Sallis zwar an Worten spart und seine Geschichte auf das Nötigste reduziert, das, was er schreibt, dafür aber auch von der ersten Silbe bis zum letzten Satzzeichen reinste Poesie vermittelt. Hardboiled-Poesie zwar, aber das tut der Sache ja keinen Abbruch, ist eher Stärke des Werkes als Verfehlung.

»Unsichtbar, hm? Deswegen sitzen wir auch hier hinten bei den Mülltonnen und du bist mit einem Hut reingekommen, der fast bis auf die Nase runtergezogen war.«
Er nippte an seinem Kaffee und verzog das Gesicht.
»Riecht nicht annähernd so scheußlich, wie er schmeckt. Obwohl, der Hut ist echt cool.«

So gelingt es Sallis auch in Driver 2, in jedem der gewohnt knapp gehaltenen Kapitel kleine Miniaturen zu entwerfen, stilvoll arrangierte Momenteindrücke, die voller Lakonie stecken und sich nur langsam und scheinbar widerstrebend zu einem Ganzen fügen wollen. Vieles bleibt im Verborgenen, geschieht abseits der Zeilen, lässt sich nur anhand der umrissenen Geschehnisse rekonstruieren, zieht aber dennoch in seinen Bann, wenn auch wieder einmal auffällig ist, dass die Figuren, denen Driver am Wegesrand begegnet, überwiegend ausschließlich als Stichwortgeber, als Gesprächspartner fungieren, aufblitzende Lichter in einem diffusen Kosmos sind, der von Flucht, Rache und Vergeltung geprägt ist, einem nie einkehren wollenden Stillstand, so dass sich der immer noch namenlos bleibende Driver alsbald wieder auf der Straße findet, konfrontiert mit Ereignissen, die ihn schon im ersten Teil gezwungen haben, sich aufzulehnen gegen die Mächte, die unbarmherzig auf ihn eindringen.

Die schlussendliche Auflösung – so muss ich aber auch einräumen – entsprach nicht unbedingt ganz meinen Erwartungen, fügte sich aber immerhin stimmig in das Gesamtbild der Welt von Driver, dem Archetyp des Lonesome Cowboy, nur hier eben mit motorisierten Pferdestärken denn mit einem echten Gaul ausgestattet, dem kein Frieden vergönnt zu sein scheint, der sich aber nicht nur aufgrund seiner Stuntfahrer-Karriere als wahres Überlebenstalent präsentiert, was vielmehr seiner zwar einfachen, aber doch punktgenau aufs Überleben ausgerichteten Lebensphilosophie geschuldet sein mag. Dabei versucht Sallis auch gar nicht erst, in Driver 2 eine Rechtfertigung für dieses Leben, diese Einstellung, die Geschehnisse, die wieder einmal teils überbordende Gewalt zu finden, ist sich – ebenso wie sein Protagonist – über die Nichtigkeit dieser Erklärungen und die in Richtung Nihilismus weisende Weltsicht im Klaren, der viele der Bewohner dieses Mikrokosmos nachhängen und unter denen sich ausgerechnet der scheinbar ziel- und richtungslos, vor allem aber entwurzelte Driver als die Bezugsgröße entpuppt, die den auf sie eindrängenden Gestalten noch am ehesten die Stirn zu bieten imstande ist.

In Spielfilmen schnellt der Typ, der fast ertrunken wäre, immer hoch aus dem Wasser wie ein Delfin im Sonnenlicht, schnappt nach Luft, die ihm so lange verwehrt war, das ganze Gesicht ein einziger Ausdruck von Erleichterung.
Als Driver das erste Mal auftauchte, vor sechs oder sieben Jahren, war es genauso gewesen, nur umgekehrt. Sonnenschein, Luft, Freiheit – doch sein Impuls war, wieder abzutauchen. Er wünschte sich Dunkelheit, Sicherheit, Anonymität. Er brauchte sie; konnte nicht verstehen, wie er ohne sie leben sollte.

Driver 2 ist kein klassischer Krimi und es ist auch kein leichtes Buch, es fordert nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch die Akzeptanz des nicht Gesagten, nicht Gezeigten, das Ausbleiben einer kathartischen Erfahrung, auf die man auch schon in Teil 1 hat verzichten müssen, es prescht in einem Moment gnadenlos voran, während man im nächsten Moment beinahe ob der elegisch wirkende Erzählweise irritiert ist, die so gar nicht zu einem solch knappen Werk passen mag. Vor allem aber ist es wieder ein höchst pointiertes Buch, das sich seiner Stärken und Möglichkeiten durchaus bewusst ist, das eine zwar auf den ersten Blick simplifiziert scheinende Philosophie und Weltsicht seinen Figuren in den Mund legt, diese aber gleichwohl in knappe wie lakonische Satzkonstruktionen zu kleiden weiß. Einziges Manko, man wagt es kaum auszusprechen, ist schlicht und ergreifend, dass man all das auch schon von Driver behaupten konnte, hier nun die Geschichte aber nicht ganz so sehr zu fesseln weiß und auf voller Linie überzeugt, weil sie doch trotz all der Sorgfalt und Akkuratesse zuweilen wie nachgeschoben wirkt, um der Figur des Driver noch einmal die Bühne zu bereiten.

Fazit & Wertung:

Wenn auch Driver 2 nicht ganz an seinen formidablen Vorgänger heranreicht, da viele Elemente, der Sprach- und Erzähl-Duktus bereits bekannt scheinen, ist James Sallis dennoch ein lakonisches wie stilsicheres Werk voller pointierter Miniaturen gelungen, eine Aneinanderreihung von Schlaglichtern, die gemeinsam eine zwar oft fragmentarisch wirkende, doch in sich stimmige Geschichte bilden, die durchaus von ihren Auslassungen profitiert und eine sprachliche Wucht vermittelt, wie man es von der ersten Begegnung mit Driver gewohnt ist.

8,5 von 10 Leichen am Straßenrand

Driver 2

  • Leichen am Straßenrand - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Wenn auch Driver 2 nicht ganz an seinen formidablen Vorgänger heranreicht, da viele Elemente, der Sprach- und Erzähl-Duktus bereits bekannt scheinen, ist James Sallis dennoch ein lakonisches wie stilsicheres Werk voller pointierter Miniaturen gelungen, eine Aneinanderreihung von Schlaglichtern, die gemeinsam eine zwar oft fragmentarisch wirkende, doch in sich stimmige Geschichte bilden, die durchaus von ihren Auslassungen profitiert und eine sprachliche Wucht vermittelt, wie man es von der ersten Begegnung mit Driver gewohnt ist.

8.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Heyne. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Driver 2 ist am 10.02.14 als Taschenbuch bei Heyne erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

  • Da ging es mir ähnlich wie dir. Das erste Buch fand ich großartig. Das zweite dann zwar immer noch sehr gut, aber nicht mehr großartig. Mir erschien es wie eine Zwischenstation.
    Jedenfalls hoffe ich, dass es noch verfilmt wird. Das wäre toll.

    • Stimmt, es wirkte ein wenig so, als müsste da noch was kommen, um die Sache rund zu machen. Eine Verfilmung wäre sicherlich klasse, aber dann auch bitte wieder mit dem Duo Winding Refn und Gosling, sonst wird das garantiert nix.

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