Review: London Undercover | Don Winslow (Buch)

Ja, es ist schon wieder soweit und ich muss mal wieder über Don Winslow beziehungsweise eines seiner Bücher sprechen. Seht ihr mir ja aber sicher nach, kommt schließlich heute nicht zum ersten Mal vor und überhaupt lohnt sich natürlich auch dieses Buch, bei dem es sich um die Neuauflage seines Debüt-Romans handelt. Euch ansonsten einen schönen Abend und bis morgen, wenn ich euch einen meiner Lieblingsfilme präsentieren darf, wenn er auch mittlerweile schon ein wenig in die Jahre gekommen ist.

London Undercover
Neal Careys erster Fall

A Cool Breeze on the Underground, USA 1991, 369 Seiten

London Undercover von Don Winslow | © Suhrkamp Verlag
© Suhrkamp Verlag

Autor:
Don Winslow
Übersetzerin:
Conny Lösch

Verlag (D):
Suhrkamp Verlag
ISBN:
978-3-518-46580-6

Genre:
Krimi | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

Egal, was es ist, dachte er, bitte nichts außerhalb der Stadt. Schnell mal ins Village, ein Kind abholen und zu Mama bringen oder ein paar heimliche Schnappschüsse von einer verheirateten Frau beim Essen mit einem Saxofonisten.

Als Mitglied der geheimen Organisation der Friends of the Family, die sich vornehmlich darauf spezialisiert haben, ihre prominenten oder zumindest wohlhabenden Klienten insbesondere in prekären Fällen zur Seite zu stehen, ist der dreiundzwanzigjährige Neal Carey alles andere als der typische Privatdetektiv und hat auch eigentlich wenig Lust, sein Studium für einen Auftrag der Friends zu unterbrechen, als sein Ziehvater Joe Graham diesbezüglich an ihn herantritt, doch hat der ihn auch vor Jahren von der Straße geholt, ihn vom Taschendieb zum Ermittler aufgebaut und ihm seinen Platz an der Uni verschafft, weshalb Neal schwerlich verneinen könnte. So wird er nach London geschickt, um Allie Chase aufzutreiben, die Tochter des Senators John Chase, der zwar wenig für seine siebzehnjährige Tochter übrig hat, sie aber dringend braucht, um sie am Parteitag als lächelndes Anhängsel der Presse präsentieren zu können.

Ohne großartige Anhaltspunkte von New York nach London geschickt ist zumindest Neals Auftrag klar umrissen: Allie um jeden Preis aufspüren und das binnen neun Wochen, spätestens bis zum 1. August, dem Parteitag. Doch natürlich ist Allie gar nicht so leicht aufzuspüren, hat sich mit ziemlicher Sicherheit mit zwielichtigen Gestalten eingelassen und befindet sich irgendwo in der Londoner Unterwelt. Und sollte sie an der Nadel hängen oder dergleichen, wird Neal sie zunächst auch noch clean bekommen müssen, doch setzt er dennoch alles daran, den Auftrag zu erledigen, hat man ihm schließlich bereits gesagt, dass er ansonsten auch sein Stipendium und somit Studium vergessen könne. Prekär wird es, als Neal Wind davon bekommt, dass jemand ihn in London anscheinend überwachen lässt.

Rezension:

Bevor ich mich der eigentlichen Buch-Kritik widme, sei zunächst anzumerken, dass London Undercover bereits stolze 24 Jahre auf dem Buckel hat, ursprünglich 1991 erschien und hierzulande 1997 unter dem Titel Ein kalter Hauch im Untergrund im Piper Verlag veröffentlicht worden ist, gleichzeitig auch den Debüt-Roman Don Winslows darstellt, der gleichsam den Auftakt zu seiner fünfteiligen Neal-Carey-Reihe bildet, die nun im Suhrkamp Verlag ihre Wiederaufführung erlebt, hat sich Winslow schließlich in den letzten Jahren mit zahlreichen Veröffentlichungen als Zugpferd des Verlages auf dem Krimi-Sektor etabliert. Tatsächlich ist der Stil auch bereits jetzt unverkennbar, was zwar sicherlich auch an der (Neu-)Übersetzung von Conny Lösch liegen mag, die mit dem Werk von Winslow und dessen Schreibe ja mehr als vertraut sein dürfte, doch zeigen sich eben in Ansätzen bereits viele seiner später perfektionierten Mittel, so dass der Roman schon allein von der handwerklichen Seite seinen nachfolgenden Büchern in kaum etwas nachsteht.

Als Neal wieder zu sich kam, starrte ihn ein gemeiner einarmiger Kobold an.
»Ist schon ein Scheißleben, oder?«, meinte der Mann. »Kaum hat man mal ein paar Dollar in der Hand, kaum denkt man, man hat’s geschafft, schraubt sich so ein Kerl den Arm ab und knipst einem die Lichter aus.«
Er packte Neal am Hemd und zog ihn auf die Füße.
»Komm, wir gehen zu McKeegan. Mein Bier wird warm.«

Die Titelfigur Neal Carey ist dabei erfrischend anders und gleichsam altbekannt, ist als Handlanger der geheimniskrämerischen Organisation Friends of the Family ein Garant für ungewöhnliche und dubiose Fälle, wirkt aber auch ob seines geringen Alters und den nur mäßig ausgeprägten Fähigkeiten zu handfestem Zweikampf eben auch nicht wie der stereotype Vertreter seiner Zunft. Vor allem aber nimmt sich der Autor Zeit, seine Figur und ihr Umfeld zu etablieren und auch wenn so gut hundert Seiten verstreichen, bevor der eigentliche Fall auch nur ansatzweise in die Gänge kommt, hat mir diese Herangehensweise außerordentlich gut gefallen, da man so deutlich näher an der Figur und ihrem Charakter ist, ähnlich wie er auch schon bei Die Sprache des Feuers (natürlich eigentlich erst acht Jahre später) zunächst den beruflichen wie privaten Werdegang seines Protagonisten porträtiert hat.

Der eigentliche Fall dann beginnt zunächst recht profan, denn eine ausgebüchste Teenagerin nach Hause zu holen kann sich ja eigentlich nicht so schwer gestalten, zumal wenn man wie Neal Carey doch über einen ausgeprägten Spürsinn und die erforderlichen Techniken verfügt. Wer aber schon einmal Winslow gelesen hat weiß, dass dies nur die Spitze des Eisberges ist und auch in seinem Debüt schlägt folglich die Story noch einige Kapriolen, welche die Geschehnisse im Herzen Londons wie eine Episode unter vielen wirken lassen. Möglicherweise, obwohl die Abwechslung dem Lesegenuss durchaus zugutekommt, ist dies aber auch eine der größten oder zumindest offensichtlichsten Schwächen von London Undercover, denn die Brüche in der Dramaturgie vollziehen sich nicht annähernd so elegant und ohne Irritation, wie dem Autor das in späteren Werken noch gelingen wird und so beschleunigt und verlangsamt das Tempo ab und an, bevor er wieder in den richtigen Rhythmus kommt, aber das stört nur marginal das abwechslungs- wie wendungsreiche Krimi-Vergnügen, das es bereitet, Neal Carey auf seinem Weg zu verfolgen.

Auch an Meg’s war nichts außergewöhnlich. Eine Bar wie alle anderen, in denen den wenigen im Viertel verbliebenen Iren Bier, Whiskey und gelegentlich auch mal ein Gin Tonic serviert wurden. McKeegan, der Barkeeper, war der Ansicht, er sei seit seiner Hochzeit mit Meg ziemlich weich gelandet.
»Man kann’s kaum besser treffen als mit einem irischen Mädchen, das eine eigene Bar besitzt«, erklärte er Graham an jenem Nachmittag. »Du bekommst Essen und Whiskey und musst nichts weiter tun, als hinter dem Tresen stehen und dich mit den anderen Säufern unterhalten, nichts für ungut, war nicht persönlich gemeint, aber du weißt schon.«

Der wirkt vor allem trotz zweifelhafter Herkunft und seinen Kontakten wie ein grundsympathischer Kerl und ist – ebenfalls anders als viele Vertreter des Genres – noch zu echter Empathie fähig und darum bemüht, das Richtige zu tun, holt den Leser also auf alle Fälle ab und macht Lust darauf, auch die weiteren Fälle zu sichten, wozu aber in den nächsten Monaten auch ausgiebig Gelegenheit bestehen wird, denn der Suhrkamp Verlag belässt es mitnichten dabei, einzig den Debütroman neu aufzulegen, sondern wird in den nächsten Monaten auch noch alle weiteren Teile der Neal-Carey-Reihe nachlegen, so dass bereits Anfang April der zweite Band China Girl erscheinen wird.

Fazit & Wertung:

Mit seinem als London Undercover neu aufgelegtem Debütroman, der gleichzeitig den Auftakt der Neal-Carey-Reihe bildet, gelingt Don Winslow bereits ein großer Wurf, der von den späteren Qualitäten und Stärken des Autors kündet, denn aus einer zunächst simpel erscheinenden Prämisse schafft er einen wendungs- wie überraschungsreichen Krimi-Thriller voller Intrigen, Verrat und Verdacht und etabliert seine Hauptfigur auf stimmige Art und Weise.

8 von 10 falschen Fährten im Londoner Untergrund

London Undercover

  • Falsche Fährten im Londoner Untergrund - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Mit seinem als London Undercover neu aufgelegtem Debütroman, der gleichzeitig den Auftakt der Neal-Carey-Reihe bildet, gelingt Don Winslow bereits ein großer Wurf, der von den späteren Qualitäten und Stärken des Autors kündet, denn aus einer zunächst simpel erscheinenden Prämisse schafft er einen wendungs- wie überraschungsreichen Krimi-Thriller voller Intrigen, Verrat und Verdacht und etabliert seine Hauptfigur auf stimmige Art und Weise.

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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Suhrkamp Verlages. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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London Undercover ist am 09.02.15 als Neuauflage im Suhrkamp Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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