Review: Ruhet in Frieden – A Walk Among the Tombstones (Film)

Weiter geht die wilde Fahrt, heute mit einer Kritik, deren zugrundeliegender Film in T minus acht Tagen seine Veröffentlichung feiern wird, womit ich mal wieder auffallend aktuell unterwegs bin mit meinem Artikel, bei dem ich euch wie gewohnt viel Freude wünsche. Achja, und weil ich selbst ja kein Freund von Spoilern bin und die in meinen Artikeln daher ja auch meide wie den Kölner Karneval, kann ich euch nicht raten, den Trailer anzusehen, denn der nimmt mal wieder einiges aus dem Film vorweg und verdirbt mehr als eine Szene beinahe völlig.

Ruhet in Frieden
A Walk Among the Tombstones

A Walk Among the Tombstones, USA 2014, 114 Min.

Ruhet in Frieden - A Walk Among the Tombstones | © Universum Film
© Universum Film

Regisseur:
Scott Frank
Autoren:
Scott Frank (Drehbuch)
Lawrence Block (Buch-Vorlage)

Main-Cast:
Liam Neeson (Matt Scudder)
in weiteren Rollen:
Dan Stevens (Kenny Kristo)
David Harbour (Ray)
Boyd Holbrook (Peter Kristo)

Genre:
Krimi | Drama | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Ruhet in Frieden - A Walk Among the Tombstones | © Universum Film
© Universum Film

Nachdem Matthew Scudder 1991 aufgrund einer Schießerei sowohl das Trinken drangegeben als auch seinen Polizeidienst quittiert hat, schlägt er sich als nichtlizensierter Privatermittler durch und besucht regelmäßig die Treffen der Anonymen Alkoholiker. Dort lernt er auch den Junkie Peter kennen, der ihn eines Tages – wir schreiben mittlerweile das Jahr 1999 und die Angst vor der Jahrtausendwende wächst – bittet, seinem Bruder Kenny Kristo einen Besuch abzustatten, da dieser seine Hilfe benötige. Widerwillig gibt Scudder dem Drängen von Peter nach, doch nachdem er Kenny aufgesucht hat und der ihm von der Entführung seiner Frau Carrie berichtet hat, die – obwohl er das Lösegeld von 400.000 Dollar umgehend gezahlt hat – von den Tätern brutal ermordet wurde, ist für den Privatdetektiv klar, den Fall nicht zu übernehmen, ist Kenny schließlich ein umtriebiger Drogendealer.

Erst nachdem Kristo Scudder erneut aufgesucht und ihm den Hergang in aller schonungslosen Brutalität geschildert hat, ihm ein Band vorspielt, auf dem die letzten Minuten seiner gefolterten und missbrauchten Frau zu hören sind, willigt der Ex-Polizist schlussendlich ein, ihm zu helfen und nimmt die Ermittlungen auf. Bald schon stößt Scudder auf Hinweise, dass es bereits ähnlich gelagerte Entführungs- und Mordfälle gab, die ebenfalls im Drogenmilieu zu verorten sind und stößt auf Berichte zu Marie Gotteskind und Leila Anderssen. Der bisher einzigen Spur folgend, dass Leilas zerstückelter Körper auf mehrere Säcke verteilt im See des nahegelegenen Green-Wood Friedhof abgeladen worden ist, sucht er zunächst den Friedhofswärter auf, der ihm vom ersten Moment an suspekt erscheint. Mit dieser Erkenntnis kratzt Scudder allerdings lediglich an der Oberfläche einer grausamen Verbrechensserie, die noch längst nicht ihr Ende gefunden hat.

Rezension:

Die Literaturadaption Ruhet in Frieden – A Walk Among the Tombstones hat natürlich ein kapitales Problem, denn in jüngster Zeit macht Hauptdarsteller Liam Neeson, der wohl die Idealbesetzung für den abgehalfterten Matthew Scudder darstellt, vornehmlich mit reißerischen Action-Filmen – allen voran natürlich der Taken-Reihe – von sich reden und wer sich ein ähnlich gelagertes Actionfeuerwerk verspricht, wird von diesem Krimi mit seinen vielen Noir-Huldigungen, der eindringlichen wie düsteren Erzählweise und dem vergleichsweise unaufgeregtem Plot alter Schule zweifelsohne enttäuscht sein, wohingegen wer sich anhand des Trailers einen Eindruck von dem Film zu machen versucht mit massiven Spoilern konfrontiert wird, was dem Sehgenuss ebenfalls abträglich sein dürfte. Dabei ist Scott Frank in Personalunion als Regisseur und Drehbuchautor eigentlich ein äußerst atmosphärischer und beklemmender Thriller gelungen, der ganz in der Tradition der einschlägigen Hardboiled-Kriminalliteratur steht.

Szenenbild aus Ruhet in Frieden - A Walk Among the Tombstones | © Universum Film
© Universum Film

Zudem ist Ruhet in Frieden auch formal in mehr als einer Hinsicht ungewöhnlich geraten, was einerseits in der frühzeitigen Offenbarung der Identität der Entführer begründet liegt, vor allem aber darin, dass deren Handlungen in mehreren Schnittmontagen quasi parallel zu Scudders Ermittlungen gezeigt werden und über diesen Aspekt charakterisiert werden, wohingegen – und ich hoffe damit nicht zu sehr zu spoilern – eine wortreiche Erklärung der Beweggründe für ihre Taten nicht erfolgt, wie man es vielleicht aus ähnlich gearteten Filmen gewöhnt ist, was deutlich realistischer, aber auch tatsächlich verstörender wirkt als diese aufgesetzten Monologe. Des Weiteren sind auch mehrere Rückblenden in die Handlung gewoben, werden jedoch ohne erzählenden Off-Kommentar gezeigt, um schließlich in die Gegenwart zurückzukehren und die Geschichte zu beschließen, so als wäre sie soeben erzählt worden. Apropos Gegenwart, spielt der Film im Jahr 1999, kommt damit ohne allzu modernen Schnickschnack daher und greift immer wieder die Angst vor dem Millennium-Bug auf, während Scudder selbst auch alles andere als technikaffin ist und sich sowohl das Internet als auch Handys zunächst zu nutzen weigert, was den Old-School-Charakter seiner Figur noch unterstreicht.

Davon abgesehen, genügt es Frank, Scudder mithilfe des vorangestellten Prologs zu charakterisieren, der im Jahr 1991 angesiedelt, eine wilde Schießerei thematisiert, deren Ausgang zur Folge hatte, dass Scudder das Trinken drangegeben und sich den Anonymen Alkoholikern zugewandt hat, so dass diese Story in verkürzter Form während des Films gleich mehrfach einem Mantra gleich zur Sprache kommt, da Scudder sozusagen süchtig nach den Meetings ist und seinen Alltag um die Treffen herum aufgebaut hat, ansonsten aber kein nennenswertes Privatleben führt, also den typischen Lonesome Cowboy geben darf, der eben auch Neeson immer wieder gut zu Gesicht steht und den er auch hier mit stoischem Gleichmut und bärbeißiger Attitüde zum Besten gibt. Ja, das ist alles nicht neu und wir sprechen hier von allerhand Genre-Versatzstücken und stereotypisierten Figuren, aber im Fall von Ruhet in Frieden – A Walk Among the Tombstones macht der Ton die Musik, einerseits wortwörtlich, den der Soundtrack ist wirklich gelungen und sorgt in einer Szene für regelrechte Gänsehaut (wer sich selbst spoilern möchte: Trailer schauen), andererseits aber auch sprichwörtlich, denn hier stehen weder die Krimihandlung noch die Action-Szenen im Vordergrund, sondern vielmehr Atmosphäre und Charakterzeichnung, nicht so sehr die Frage danach, wer die Verbrechen verübt hat, sondern mehr, was mit ihnen geschehen soll und was die Figuren bereit sind zu tun, um ihrer habhaft zu werden.

Szenenbild aus Ruhet in Frieden - A Walk Among the Tombstones | © Universum Film
© Universum Film

Ja, A Walk Among the Tombstones – dessen deutschen Zusatztitel Ruhet in Frieden man sich übrigens getrost hätte schenken können – wäre ein unumwunden stimmig und dicht inszenierter Thriller, eine vor Tristesse strotzende Story voller Düsternis und nicht enden wollendem Regen, roh, bedrückend und auf eine zurückgenommene Art intensiv, wäre, ja wäre da nicht die Figur des TJ, eines kleinen vorlauten und naseweisen Möchtegern-Gangsters, der Scudder das Internet erklären darf und mit allerlei abgedroschenen Slang-Ausdrücken um sich werfen darf, sich aber nicht nur nicht in die ansonsten so überzeugend und stilsicher präsentierte Geschichte fügt, sondern auch nichts Essentielles zur Handlung beizusteuern hat, außer das Scudder natürlich irgendwann seine Sympathie zu dem Jungen entdeckt, so dass er ein bloßes Zugeständnis an die Romanvorlage bleibt, konkret in dem Band, der hier verfilmt worden ist, wohl auch gar nicht vorgekommen ist und wohl nur mit Blick auf mögliche weitere Verfilmungen als wiederkehrende Figur in die Handlung integriert worden ist. Schade, denn der vorlaute Bengel wirkt doch merklich wie ein Fremdkörper und dieser Umstand, zusammen mit einer im Mittelteil kurzzeitig spannungstechnisch abflauenden Handlung verwehrt dem Film höhere Weihen, die er ansonsten in seiner bodenständig-altmodischen, von diesen Makeln abgesehen rundherum überzeugenden Ausgestaltung durchaus verdient, wenn eben auch der eigentliche Krimi-Part zugegebenermaßen nur leidlich innovativ und wenig überraschend geraten ist.

Fazit & Wertung:

Scott Franks Ruhet in Frieden – A Walk Among the Tombstones ist ein ausgesprochen dicht und zuweilen beklemmend inszenierter Film Noir, dessen Hauptaugenmerk natürlich auf Liam Neeson in seiner Paraderolle liegt, der aber dennoch merklich anders als seine deutlich actionlastigeren Genre-Kollegen daherkommt, sich zwar an Versatzstücken der Hardboiled Literatur bedient und darüber die eigentliche Kriminalhandlung zuweilen vernachlässigt, sich aber insgesamt als durchweg stimmungsvolles Kino alter Schule präsentiert, dem leider im Mittelteil kurz der rote Faden abhandenzukommen scheint.

7,5 von 10 unzuverlässigen Augenzeugen

Review: Ruhet in Frieden - A Walk Among the Tombstones

  • Unzuverlässige Augenzeugen - 7.5/10
    7.5/10

Fazit & Wertung:

Scott Franks Ruhet in Frieden – A Walk Among the Tombstones ist ein ausgesprochen dicht und zuweilen beklemmend inszenierter Film Noir, dessen Hauptaugenmerk natürlich auf Liam Neeson in seiner Paraderolle liegt, der aber dennoch merklich anders als seine deutlich actionlastigeren Genre-Kollegen daherkommt, sich zwar an Versatzstücken der Hardboiled Literatur bedient und darüber die eigentliche Kriminalhandlung zuweilen vernachlässigt, sich aber insgesamt als durchweg stimmungsvolles Kino alter Schule präsentiert, dem leider im Mittelteil kurz der rote Faden abhandenzukommen scheint.

7.5/10
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Meinungen aus der Blogosphäre:
Cellurizon: 6/10 Punkte

Ruhet in Frieden – A Walk Among the Tombstones erscheint am 27.03.15 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von Universum Film. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

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