Review: Der Gott des Gemetzels (Film)

Bevor sich der Monat dem Ende neigt und alles in den Mai zu tanzen beginnt, haue ich doch noch eben locker flockig meine immerhin achte Film-Kritik für den Monat April raus und nutze die Chance, euch allen ein schönes, langes Wochenende zu wünschen! Tja und damit ist für mich für heute auch schon wieder Feierabend, aber man liest sich dann ja nächsten Monat, vielleicht ja schon morgen 😉

Der Gott des Gemetzels

Carnage, FR/DE/PL 2011, 79 Min.

Der Gott des Gemetzels | © Constantin
© Constantin

Regisseur:
Roman Polanski
Autoren:
Yasmina Reza (Stück und Drehbuch)
Roman Polanski (Drehbuch)

Main-Cast:

Jodie Foster (Penelope Longstreet)
Kate Winslet (Nancy Cowan)
Christoph Waltz (Alan Cowan)
John C. Reilly (Michael Longstreet)

Genre:
Drama | Komödie

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Der Gott des Gemetzels | © Constantin
© Constantin

Im New Yorker Brooklyn Bridge Park geraten zwei elfjährige Schulkameraden aneinander und der eine schlägt dem anderen mit einem Stock ins Gesicht. Als Konsequenz daraus setzen sich die Eltern des Opfers, Penelope und Michael Longstreet mit den Eltern des Täters, Nancy und Alan Cowen zusammen und bald erzielt man Einigkeit über den Tathergang und die Schuldfrage. Stolz, wie zivilisiert man mit dem heiklen Thema umgegangen ist, hat der Sohn der Longstreets schließlich beide Schneidezähne verloren, will man schon wieder getrennter Wege gehen, doch lassen sich die Cowens zu einem Kaffee überreden und kehren in die Wohnung zurück.

Während des Kaffees stellt sich schnell heraus, dass man sich doch nicht so einig ist, auch, was eine eventuelle Mitschuld des vermeintlichen Opfers angeht und während die Männer offenbaren, dass sie kaum etwas Verwerfliches an dem kleinen Handgemenge gefunden haben, Jungs sind schließlich Jungs, echauffiert sich Penelope mehr und mehr, speziell, da ihr Mann ihr in den Rücken zu fallen scheint, während Nancy ihrerseits Michael unter Beschuss nimmt für das fragwürdige Aussetzen eines Hamsters auf offener Straße. Doch auch Michael ist drauf und dran, seine Selbstbeherrschung zu verlieren und begeht den fatalen Fehler, auch noch Alkohol ins Spiel zu bringen, derweil Alan sich an den hochkochenden Gemütern erfreut und bald schon seine These vom Gott des Gemetzels in die Runde wirft.

Rezension:

Selten hat man einem Film so sehr seine Herkunft vom Theater angemerkt wie Roman Polanskis Adaption von Der Gott des Gemetzels, denn abgesehen von einer einleitenden Sequenz um die schicksalsträchtige Auseinandersetzung der beiden Jungen und den Schlag mit dem Stock sowie dem Outro, was bereits mit dem Abspann überlagert wird, verzichtet Regisseur und Co-Drehbuchautor Polanski nicht nur auf jegliche Außenaufnahmen, sondern zudem auch auf musikalische Untermalung, so dass es ganz an den Schauspielern, ihren Darbietungen und den Dialogen ist, den Film mit Leben zu füllen. Doch Theaterstücke, speziell die erfolgreichen natürlich, zeichnen sich eben auch durch enorm pointierte Zeilen aus und so wird auch dieser Film zu keinem Zeitpunkt langweilig oder dröge, fordert vielleicht höchstens bei dem unbedarften Zuschauer einige Minuten an Eingewöhnungszeit, da abgesehen von der erst langsam hochkochenden Fehde nach üblichen Maßstäben eines Filmes objektiv betrachtet im Grunde herzlich wenig passiert.

Szenenbild aus Der Gott des Gemetzels | © Constantin
© Constantin

Mehr denn je kommt es also auf die passende Besetzung und deren Chemie untereinander an, doch da hat Polanski ein unbestreitbar mehr als nur glückliches Händchen bewiesen, als er Jodie Foster und John C. Reilly und als Konterpart Kate Winslet und den gewohnt großartigen Christoph Waltz verpflichtet hat. Die unterschwellige, subtile Abneigung, die beide Paare gegen- und untereinander fühlen, ist dabei vom ersten Moment an präsent, doch dauert es rund 45 Minuten, bis die Emotionen derart hochkochen, dass es zum ersten, eruptiven Gefühlsausbruch kommt und von da an gibt es kein Halten mehr. Zweifellos ist Der Gott des Gemetzels überspitzt, doch dadurch natürlich auch herrlich fies und subversiv, wenn die unterschiedlichen Gemüter sich aneinander aufreiben und langsam aber sicher die Masken und Hemmungen fallen. So gerät auch die vermeintlich klare Front zwischen den Ehepaaren zeitweilig ins Wanken und man könnte meinen, das Geschehen würde sich zu einem Geschlechterkampf auswachsen, doch wird auch diese Erwartung schnell wieder untergraben.

Während er zwar als Einziger nicht vollends aus der Haut fährt, hat mir insbesondere Waltz wieder einmal am besten gefallen, denn seine trockenen Kommentare, sein beißender Sarkasmus, die offensiv vor sich her getragene Arroganz und nicht zuletzt die diebische Freude, die aus seinem Blick herauszulesen ist, wenn eine der Frauen jegliche Contenance verliert ist einfach herrlich. Foster und Winslet stehen dem eindrücklichen Schauspiel allerdings in kaum etwas nach und überzeugen auf voller Linie, während Reillys Wandlung vom katzbuckelnden Vorzeigehemann hin zu seinem wahren Ich zwar überraschend, aber nicht unglaubwürdig ist und ebenso einen merkwürdigen Charme versprüht. Man kann nur staunen, wie es Polanski gelungen ist, einen zwar wenn auch nicht einmal achtzigminütigen Film allein mit Dialogen und zunehmend hysterischen Ausbrüchen anzureichern, ohne dass darunter Spannungskurve, roter Faden oder die allgemeine Dramaturgie zu leiden hätten, doch wird das wiederum der starken Vorlage zu Der Gott des Gemetzels geschuldet sein.

Szenenbild aus Der Gott des Gemetzels | © Constantin
© Constantin

So entpuppt sich das Film gewordene Theaterstück als formidable Gesellschaftssatire in einem New Yorker Appartement, die mehr als nur einmal nicht nur zum Schmunzeln oder Lachen, sondern gar zum zustimmenden Klatschen bei all dem Zynismus und den bitterbösen Wahrheiten einlädt, wenn ich aber auch einräumen muss, dass die Geschichte eine gute Viertelstunde benötigt, um langsam an Fahrt aufzunehmen, was bei der knapp bemessenen Spielzeit leider nicht gerade wenig ist. Die so begeisterungswürdigen Ausbrüche der einzelnen Figuren lassen so auch durchaus länger auf sich warten und speziell im letzten Akt hätte ich mir gewünscht, dass manche Begebenheiten und Diskurse noch mehr auf die Spitze getrieben worden wären als sowieso schon, denn da wird doch immer mal wieder mögliches Potential, die Situation weiter eskalieren zu lassen, ungenutzt verschenkt. Einhergehend mit einem recht belanglosen und vor allem abrupten Schluss, der vielleicht im Theaterstück funktioniert, hier aber doch ein merkliches Schulterzucken provoziert, ist Der Gott des Gemetzels dann zwar nicht das bahnbrechend intensive, von vorn bis hinten perfekt durchkomponierte Stück, das es womöglich hätte werden können, aber doch immerhin ein unumwunden empfehlenswerter Film, der als Paradebeispiel für talentierte und sorgsam ausgewählte Schauspielerinnen und Schauspieler herhalten kann, die gemeinsam mit- und gegeneinander einen Film völlig ohne inszenatorischen Schnickschnack und aufwändige Effekte zu tragen wissen und dabei blendend unterhalten.

Fazit & Wertung:

Roman Polanski ist mit seiner Adaption von Der Gott des Gemetzels ein äußerst empfehlenswerter Film gelungen, der fernab jeglichen Schnickschnacks voll und ganz auf seine vier Darsteller fokussiert, die allesamt in ihren jeweiligen rollen zu brillieren wissen. Lediglich ein recht banaler Schluss und das Versäumnis, die Eskalation in der zweiten Hälfte noch mehr auf die Spitze zu treiben und lohnenswerte Dialogansätze weiter zu verfolgen, trüben schlussendlich den Gesamteindruck der ansonsten unumwunden empfehlenswerten Gesellschaftssatire.

8 von 10 hochkochenden Emotionen

Der Gott des Gemetzels

  • Hochkochende Emotionen - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Roman Polanski ist mit seiner Adaption von Der Gott des Gemetzels ein äußerst empfehlenswerter Film gelungen, der fernab jeglichen Schnickschnacks voll und ganz auf seine vier Darsteller fokussiert, die allesamt in ihren jeweiligen rollen zu brillieren wissen. Lediglich ein recht banaler Schluss und das Versäumnis, die Eskalation in der zweiten Hälfte noch mehr auf die Spitze zu treiben und lohnenswerte Dialogansätze weiter zu verfolgen, trüben schlussendlich den Gesamteindruck der ansonsten unumwunden empfehlenswerten Gesellschaftssatire.

8.0/10
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Meinungen aus der Blogosphäre:
Tonight is gonna be a large one.: 8/10 Punkte

Der Gott des Gemetzels ist am 10.05.12 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von Constantin erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

  • Hach, da sind wir uns aber wieder einig! 😀

  • Filmschrott

    Das ist einer dieser Filme, auf die ich eigentlich Bock habe, bei denen ich aber befürchte, dass sie mir dann doch zu langweilig sind. So Kammerspiele sind eher nicht mein Fall. Da ich aber eigentlich ausschließlich gutes drüber höre, muss ich den dann wohl doch mal gucken. Bald … Demnächst … Irgendwann …

  • Schlopsi

    Wie sich die Dynamik immer im fluß befindet und die Paare sich gegenseitig auszustechen versuchen… immer wieder ein Fest!

  • Ja, Christoph Waltz – das ist ein brillanter Schauspieler, der meiner Meinung nach auch in diesem Film heraussticht. Es war eine wahre Freude, ihm zuzuschauen. :-)
    Eine wunderbare Filmbesprechung übrigens! :-)

    • Dankeschön! :-)
      Ja, Christoph Waltz ist eigentlich immer einen Blick wert, der wird schon völlig zurecht so gehypt wie ich finde. Film hätte ohne ihn auch nur halb so gut funktioniert, wenn auch die anderen DarstellerInnen ihre Sache natürlich ebenfalls gut machen.

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