Review: Knockemstiff | Donald Ray Pollock (Buch)

Eigentlich hätte ich ja schon viel früher mal wieder von einem Buch berichten sollen, doch habe ich ja aufgrund des Erscheinungsdatums meine Review zu Penny Dreadful vorgezogen, weshalb es nun dafür heute wieder eine Buch-Kritik gibt. Und keine Sorge, Star Wars habe ich nicht vergessen, aber so ein Artikel will ja auch erst einmal geschrieben werden und bis Dezember ist es ja Gott sei Dank noch ein wenig hin. So, jetzt aber erst einmal noch einen schönen Sonntag euch, denn mich zieht es jetzt in die Sonne!

Knockemstiff

Knockemstiff, USA 2008, 256 Seiten

Knockemstiff von Donald Ray Pollock | © Heyne Verlag
© Heyne Verlag

Autor:
Donald Ray Pollock
Übersetzer:
Peter Torberg

Verlag (D):
Heyne
ISBN:
978-3-453-67678-7

Genre:
Drama

 

Inhalt:

Als ich sieben war, zeigte mir mein Vater in einer Augustnacht beim Torch-Drive-in, wie man einem Mann so richtig wehtut. Das war das Einzige, was er wirklich beherrschte. Ist schon Jahre her, damals war Freiluftkino noch eine Riesensache im Süden Ohios. Es lief GODZILLA und dazu noch irgendein jämmerlicher Film mit fliegenden Untertassen, in dem Pastetenbleche die Welt eroberten.

Bobby erinnert sich noch genau, wie sein Vater Vernon ihn als kleiner Junge in Knockemstiff, Ohio dazu anstachelte, einen anderen Jungen grün und blau zu prügeln. Seine Kindheit in der Senke, diesem Ort ohne Hoffnung auf ein besseres Schicksal, ohne Möglichkeit des Entkommens, der Flucht, liegt lange Jahre zurück, doch derweil hat sich viel zugetragen in diesem unsäglichen Ort, dessen Name allein schon Bände spricht. Da wäre Jack, der nicht nur zum Vergewaltiger und Mörder wird, sondern auch ungesühnt noch Jahre später sein Dasein als Sonderling fristet, während Tankstellenwart Hank von einer Fotografin beharkt wird und sich die Liebe seines Lebens anschickt, das Kaff für immer zu verlassen. Da ist der neunzehnjährige Todd, der mit einem Erbe ein neues Leben beginnen will, am Ende aber genauso mittellos und geschunden zurückbleibt wie der Junge, der verzweifelt die Stadt verlassen will, nur um an einen Perversen zu geraten, der Junge, der sich auf Drängen seines Vaters mit Steroiden vollpumpt und schlussendlich daran krepiert, Männer, die ihre Probleme wenn überhaupt mit Fäusten zu regeln wissen, Frauen, die abgesehen vom Fick für kleine Gefälligkeiten oder nur ein bisschen Zuneigung keine Perspektive haben, Geschundene, Geächtete, Gestrandete, Hoffnungslose, Erbarmungslose, Lieblose und Vergessene, die ihr Päckchen tragen und ungeachtet ihrer Träume auf ewig in dem Moloch namens Knockemstiff gefangen bleiben. Und Jahrzehnte später kehrt Bobby als trockener Alkoholiker in seinen Heimatort und zu seinem Vater zurück, doch geändert hat sich in all den Jahren eigentlich nicht viel, denn nur die Namen sind anders, die Geschichten sind gleich.

Rezension:

Knockemstiff, nicht nur seiner angedichteten Herkunft von knock him stiff bereits eine literarische Kampfansage, ist gleichsam Titel und Schauplatz von Donald Ray Pollocks Debüt, einer Sammlung von achtzehn Kurzgeschichten, denen drei Jahre später sein erster Roman Das Handwerk des Teufels folgen sollte. Nicht nur aufgrund der den Geschichten vorangestellten gezeichneten Karte mit prägnanten wie einprägsamen Orten in Knockemstiff ist man versucht, nicht nur das Werk, sondern auch die Ortschaft an sich im Reich der Fiktion zu vermuten, doch weit gefehlt, handelt es sich um Pollocks Heimatort, wenn man aber natürlich davon ausgehen darf, dass die von ihm ersonnenen Geschichten überhöht und dramatisiert worden sind. Man wünscht es sich zumindest, denn was sich hier auf gerade einmal 250 Seiten entfaltet ist ein wahres Panoptikum an Hass und Gewalt, Inzest, Vergewaltigung und Perversion, Drogen- und Alkoholmissbrauch, gescheiterten Existenzen und geplatzten Träumen, verlassenen Menschen und verlorenen Seelen, allesamt zusammengepfercht in der senke, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint.

»He, ich hab dir gesagt, ich trinke nicht aus der Flasche. Wenn du einmal mit dem Scheiß anfängst, endest du als verdammter Säufer.« Er nahm einen Schluck aus dem Aschenbecher, würgte und spuckte eine durchgeweichte Kippe aus dem Fenster. Er trank bereits seit dem Mittag, als er vor seinen Kumpeln mit dem neuen Wagen angegeben hatte. In der Seitenverkleidung war schon eine Delle.

So gibt bereits die erste Geschichte die Marschrichtung vor, in der ein vom Alkohol umnebelter Vater seinen gerade einmal sieben Jahre alten Sohn während eines Autokinobesuchs dazu anstachelt, einem anderen Jungen die Nase zu brechen, bevor er sich später am Abend noch an seiner Frau vergeht, was für den Jungen kaum ungewöhnlich zu sein scheint. Dieses geringe Maß an Empathie, die vermeintliche Teilnahmslosigkeit, mit der teils schreckliche Begebenheiten geschildert werden, zieht sich derweil durch das ganze Buch und macht vieles noch weit erschreckender, als ein möglichst reißerisches Aufbauschen der Szenen es je vermocht hätte. So entwirft Pollock zwar durchaus eine Art Gegenentwurf zum amerikanischen Traum und präsentiert ein buntes Sammelsurium an gescheiterten oder noch scheiternden Existenzen, lässt diese aber – während die Protagonisten reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist – auf literarisch und sprachlich höchst anspruchsvolle wie abwechslungsreiche Weise in ihr ebenso vielfältiges Verderben stolpern.

Die Geschichten selbst sind dabei äußerst knapp und präzise gehalten, kein Wort, kein Satz zu viel, dafür ein ab und an aufkeimendes Wiedererkennen mancher Figur, die man schon früher, teils Jahre zuvor begleitet hat, denn Knockemstiff zieht sich durch die Jahrzehnte, auch wenn eine klare zeitliche Verortung nicht möglich ist und Hinweise spärlich gesät, altern die Figuren, mit ihnen der Ort, während die Geschichten an Tragik und Tristesse zunehmen, so dies denn überhaupt möglich ist, denn es ist harter Tobak, den Pollock hier offeriert, nichts für Zartbesaitete, doch eben auch weit davon entfernt, sensationslüsterner Trash zu werden, denn auch wenn die abgründigen Gestalten, die archaischen Zustände und die alles überschattende Gewalt und Hoffnungslosigkeit nicht darauf schließen lassen, ist es ein poetisches Werk, dem eine morbide Faszination innewohnt, zumal Donald Ray Pollock es vortrefflich versteht, Geschichten zu erzählen, die sich dem üblichen Aufbau von Dramaturgie und Spannung oftmals verweigern, nur mehr eine Momentaufnahme bilden, die stets im genau richtigen Moment ihren Abschluss findet, ohne damit auch gleichzeitig das Schicksal der Figur zu besiegeln, doch immer so, dass ein Ende, eine Konsequenz, spür- und erkennbar wird.

Ich stieg unwillig aus und folgte ihm. Er wankte über den Schotter. Ein paar Mädchen in Hosenröcken stolzierten vorbei, ihre Beine wurden vom Schimmerlicht der Leinwand angestrahlt. Als Dad stehen blieb und sie anstarrte, stolperte ich ihm von hinten in die Beine und fiel hin. »Himmel, Junge«, sagte er und riss mich am Arm hoch wie eine Lumpenpuppe, »krieg doch mal deinen Kopf aus’m Arsch. Jeden Tag benimmst du dich mehr und mehr wie deine bescheuerte Mutter.«

Den schlussendlichen Bogen schlägt der Autor dann aber mit seiner achtzehnten und letzten Geschichte, die den mittlerweile zum Mann gereiften Jungen aus der ersten Geschichte erneut mit seinem Vater konfrontiert, der es, anders als der Junge, nie aus Knockemstiff herausgeschafft hat und bald sein unweigerliches Ende finden wird. Dieses Thema des Eskapismus durchzieht dabei ganz Knockemstiff und beinahe jede Figur versucht dem Ort, ihrem Leben, der Wirklichkeit auf die eine oder andere Art zu entkommen, gelangt aber kaum je über die Stadtgrenzen hinaus, geschweige denn den eigenen, tragischerweise sehr begrenzen Horizont. Und gerade darin gründet das stimmige Konzept der Sammlung, die obwohl nur lose miteinander verknüpft, zunächst eine Vielzahl kleiner Ausschnitte und Szenen bietet, die sich erst zum Ende hin, bei erneuter Betrachtung gleichsam zu einem stimmigen Ganzen fügen, dadurch, dass die Sicht- und Denkweisen der Figuren miteinander verknüpft, zwar ein und das selbe Thema bedienend, dennoch in ihrer Gesamtheit weit mehr zeigen als nur zwei Seiten einer Medaille.

Fazit & Wertung:

Die nicht enden wollende Abwärtsspirale der Hoffnungslosigkeit und des Scheiterns, die sich in Donald Ray Pollocks Knockemstiff über achtzehn Kurzgeschichten hinweg entfaltet, zieht dank der Wort- und Sprachgewalt des Autors und seinem feinen Gespür für den richtigen Erzählton unweigerlich von der ersten Seite in ihren Bann, wenngleich man schlussendlich dankbar ist, diese Vorhölle – anders als die Protagonisten des Buches, unfähig zur Flucht – wieder verlassen zu können.

8,5 von 10 Träumen von einem besseren Leben

Knockemstiff

  • Träume von einem besseren Leben - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Die nicht enden wollende Abwärtsspirale der Hoffnungslosigkeit und des Scheiterns, die sich in Donald Ray Pollocks Knockemstiff über achtzehn Kurzgeschichten hinweg entfaltet, zieht dank der Wort- und Sprachgewalt des Autors und seinem feinen Gespür für den richtigen Erzählton unweigerlich von der ersten Seite in ihren Bann, wenngleich man schlussendlich dankbar ist, diese Vorhölle – anders als die Protagonisten des Buches, unfähig zur Flucht - wieder verlassen zu können.

8.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Heyne Verlages. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Knockemstiff ist am 09.02.15 als Taschenbuch im Heyne Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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