Review: Der letzte Morgen | Ryan David Jahn (Buch)

Geschafft, Woche vorbei, Wochenende in Reichweite. Die Sonne strahlt vom Himmel, zumindest in unseren Breitengraden, und da passt es doch ausnehmend gut, wieder einmal mit einer Buchempfehlung ums Eck zu kommen, wenn ich auch vorausschicken darf, dass dieser Roman von Jahn mich nicht ganz so sehr zu überzeugen wusste wie seine anderen Werke. Aber lest selbst (und macht euch dann gefälligst ne schöne Zeit im Garten, Park, Schwimmbad oder wo auch immer 😉 ).

Der letzte Morgen

The Last Tomorrow, USA 2012, 528 Seiten

Der letzte Morgen von Ryan David Jahn | © Heyne
© Heyne

Autor:
Ryan David Jahn
Übersetzer:
Teja Schwaner

Verlag (D):
Heyne Verlag
ISBN:
978-3-453-67679-4

Genre:
Thriller | Drama

 

Inhalt:

Er stellte sich vor, in der Lage zu sein, seinen Stiefvater zu erschießen. Dadurch wäre allem ein Ende gemacht. Er müsste keine Angst mehr haben, nicht in seinem eigenen Zuhause. Dann wäre dieser Mann, der so tat, als könne er seinen Dad ersetzen, weg. Dieser Mann, den er hasste und der ganz bestimmt auch ihn hasste, wäre weg.

Los Angeles, Anfang der 50er: Sandy, ein gerade einmal dreizehnjähriger Junge, erträgt die Pein und die Qualen durch seinen Stiefvater nicht mehr, und erschießt ihn mit einer selbstgebastelten Pistole, als dieser im Suff aus der Kneipe heimkehrt, ritzt ihm nach seinem Ableben noch einen sechszackigen Stern auf die Stirn, wie er es in einem seiner Comic-Hefte gesehen hat, um den Verdacht von sich selbst abzulenken. In derselben Nacht tötet Teddy Stuart einen Croupier, weil er glaubt, von diesem betrogen worden zu sein, und stellt sich kurze Zeit später der Polizei. Zwei Fälle, die nichts miteinander gemein zu haben scheinen, doch der findige Staatsanwalt Seymour Markley wittert, mehr auf Drängen der Mutter von Sandy, die prekäre Aufnahmen von ihm besitzt, als aus eigenem Antrieb, seine große Chance, denn Teddy Stuart ist rein zufällig Buchhalter von James Manning, schlicht The Man genannt und einer der gefürchtetsten Gangsterbosse der Ostküste, dem wiederum der Comicverlag gehört in dem auch das Heft erschien, dass Sandy zu dem sechszackigen Stern in der Stirn seines Stiefvaters inspirierte.

Nun strebt Markley einen Präzedenzfall sondergleichen an, indem er den Urhebern des Comics eine Mitschuld an dem Mord nachzuweisen versucht, um über Umwege und mit Stuarts Hilfe an Manning selbst ranzukommen, doch einer der früheren Zeichner, Eugene Dahl, mittlerweile als Milchmann tätig, ist nicht willens, sich zum Sündenbock machen zu lassen und beginnt sich zu wehren. Und mittendrin ein drogenabhängiger Ermittler, der sowohl den Mord an Sandys Stiefvater untersucht hat, als auch Dahl auf der Spur ist, sich lange keinen Reim auf die hochkochende Geschichte machen kann, welche bald auch Auftragsmörder von der Ostküste auf den Plan ruft, die gleich eine Handvoll Personen auszuschalten haben, um The Man zu schützen.

Rezension:

Ich bin ja bekanntermaßen ein großer Freund der Schreibkünste von Ryan David Jahn und bereits sein Erstling Ein Akt der Gewalt wusste mich unweigerlich in seinen Bann zu schlagen. In eine ähnliche Kerbe schlägt nun auch sein ursprünglich bereits 2012 erschienener Roman Der letzte Morgen, denn ähnlich wie bei seinem Erstling konzentriert er sich mitnichten auf eine Geschichte und einen Handlungsstrang, sondern offeriert gleich ein ganzes Panoptikum an mehr oder minder problembeladenen Figuren mit ihren fatalistischen Storylines, was mir grundsätzlich auch sicherlich hätte gefallen müssen, es schließlich auch schon einmal getan hat, doch tut er sich mit seinem mittlerweile bereits vierten Roman nicht unbedingt einen Gefallen, denn gemessen daran, dass seine zuvor erschienenen Werke mit um die 300 Seiten relativ knapp bemessen waren, gleichsam aber auch mit einer dichten Atmosphäre zu glänzen wussten, erschlagen einen die über 500 Seiten ein wenig und an mehr als nur einer Stelle meint man zu erkennen, dass Jahn seine zahllosen Handlungsstränge zu entgleiten drohen, zumal er mitnichten jeden davon zu einem befriedigenden Abschluss bringt.

Anfangs war Teddy überzeugt, dass die Geschichten, die sich um The Man rankten, nur Facetten des Mythos waren, der sich im Laufe von zwanzig – jetzt bereits dreißig – Geschäftsjahren um ihn entfaltet hatte. Natürlich war seine Arbeit nicht ohne eine gehörige Portion Härte zu bewältigen, aber Teddy konnte die Geschichten, die man sich über ihn erzählte, unmöglich glauben. Kein menschliches Wesen wäre fähig, solche Dinge zu tun.

So gestaltet sich zwar der Anfang zunächst spannend und lohnenswert, präsentiert zwei Mordfälle, die Auslöser für alles Folgende sein mögen und bis dahin funktioniert der Roman ausnehmend gut, wenn ich auch ungewohnt lange gebraucht habe, mich wirklich in die Geschichte hineinzufinden, was das vermehrte Auftauchen neuer Figuren noch erschwert, doch hat einen Der letzte Morgen erst einmal gepackt, lässt die Geschichte einen auch nicht so schnell wieder los, zumal die unweigerliche Abwärtsspirale, in der sich sämtliche Figuren zu bewegen scheinen, eine unleugbare Sogwirkung entfaltet, zumindest dann, wenn man derart fatalistischen und abgründigen Geschichten, die ja zu Jahns besonderen Spezialitäten zählen, etwas abgewinnen kann, doch gerade im letzten Drittel merkt man immer mehr, wie Handlungsstränge vermeintlich fallengelassen werden, Figuren entweder in Vergessenheit geraten oder sang- und klanglos in der Versenkung verschwinden, bis das Ende einen zwar zufrieden, aber eben nicht überwältigt zurücklässt, schlichtweg durch den Umstand begründet, dass zuvor so offensiv betont worden ist, wie sehr alles miteinander zusammenhinge und die initialen Morde einen wahren Sturzbach an Ereignissen in Gang setzen würden, was eine Erwartungshaltung schürt, die der Roman am Ende einfach nicht einzulösen weiß.

Hinzu kommt, dass Ryan David Jahn auch hier wieder mit vielen Klischees kokettiert, die man aus einschlägigen Gangster- und Krimi-Geschichten zu kennen meint und die der Story hier eine gewisse Profanität unterstellen, denn wo es sonst die markerschütternden Twists, die überraschenden Wendungen, die erbarmungslosen Ereignisse waren, die über den Einsatz derlei Versatzstücke hinwegzutäuschen wussten, fällt Der letzte Morgen vergleichsweise klassisch aus und steuert auch auf ein recht vorhersehbares, wenig spektakuläres Finale zu, das – wie bereits gesagt – auch längst nicht alle losen Enden zu verknüpfen versteht. Allerdings, das muss man auch einräumen, punktet Jahn hier auch wieder mit einzigartig eindringlicher, poetisch-dreckiger Schreibe, doch erweist sich auch das als Eigentor, wenn man das Potential mancher Figur erkennt und gespannt darauf wartet, was er mit der gesetzten Position wird anfangen wollen, nur um später zu bemerken, dass dieses Potential oft ungenutzt verpufft und er viele seiner Ideen nicht konsequent ausformuliert, wie man es in der Vergangenheit von ihm gewohnt ist, was sicherlich den Roman in seiner Länge aber natürlich noch weiter aufgeblasen hätte.

Der Nachtclub ist geschlossen, und es herrscht Stille. Stimmengewirr und Lachen, die hier vor Kurzem noch von ausgelassenem Leben und Treiben gezeugt hatten, sind nur noch trunkene Erinnerungen, und die Leuchtschrift – die normalerweise aus sechs Straßenblocks Entfernung in jeder Richtung zu sehen ist und dem Club seinen Namen Sugar Cube gibt – ist jetzt dunkel wie die Nacht. Bis auf zwei Autos ist der Parkplatz, auf dem Candice steht, leer. An einem lehnt sie, eine blonde Frau mit rot verschmierten Lippen, eingedrehten Locken und in einem Kleid, das bei Frauen in fast jedem anderen Beruf für einen Skandal gesorgt hätte.

Nein, in Der letzte Morgen wirkt leider vieles nicht so rund, nicht so durchdacht oder nicht zu Ende gedacht und man könnte meinen, er habe sich mit dem Anspruch, ein epochales Werk zu schaffen, schlichtweg überhoben, denn dass ihm die intimen, kleinen Romane mehr liegen, davon künden bisher zumindest drei über die Maßen überzeugende Geschichten voller Einfallsreichtum und Detailgenauigkeit. Detailreich sind seine Schilderungen zwar auch hier und er wirft mehr als nur einen zaghaften Blick in die Psyche seiner Figuren, flicht ein durchaus interessantes Handlungskonstrukt, scheitert aber ein wenig an der kohärenten Ausarbeitung selbiger, so dass ein zwar sicherlich lesenswerter, aber eben leider auch nur grundsolider Thriller bleibt, der noch weitaus packender hätte werden können, hätte sich der Autor dazu überwinden können, die Geschichte einerseits zu straffen, andererseits mit ein paar erhellenden Fragmenten anzureichern. Für Freunde der bisherigen Romane von Jahn wie ich auch einer bin, führt aber auch an seinem vierten Werk sicherlich kein Weg vorbei und sei es nur, um die Wartezeit bis zu jüngst in Amerika veröffentlichten – und hoffentlich auch hierzulande bald verfügbaren – The Gentle Assassin zu verkürzen.

Fazit & Wertung:

Ryan David Jahns Plan, mit Der letzte Morgen ein abgründiges Epos im Hardboiled-Gewand abzuliefern, geht leider nur bedingt auf, da es ihm nicht gelingt, alle Handlungsstränge zufriedenstellend zu verknüpfen und aufzulösen, doch seine markige Schreibe, der düstere Grundton und die vielschichtig skizzierten Figuren trösten zumindest ein Stück weit über diese Ärgernisse hinweg, doch reicht damit sein vierter Roman schlichtweg nicht an seine überzeugenderen Vorgänger heran und ist vielleicht ein Stück zu umfangreich geraten.

7,5 von 10 sich miteinander verbindender Geschichten

Der letzte Morgen

  • Sich miteinander verbindende Geschichten - 7.5/10
    7.5/10

Fazit & Wertung:

Ryan David Jahns Plan, mit Der letzte Morgen ein abgründiges Epos im Hardboiled-Gewand abzuliefern, geht leider nur bedingt auf, da es ihm nicht gelingt, alle Handlungsstränge zufriedenstellend zu verknüpfen und aufzulösen, doch seine markige Schreibe, der düstere Grundton und die vielschichtig skizzierten Figuren trösten zumindest ein Stück weit über diese Ärgernisse hinweg, doch reicht damit sein vierter Roman schlichtweg nicht an seine überzeugenderen Vorgänger heran und ist vielleicht ein Stück zu umfangreich geraten.

7.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Heyne Verlag. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Der letzte Morgen ist am 30.03.15 als Paperback bei Heyne erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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