Review: Shame (Film)

Und weiter geht die wilde Fahrt, heute dann wieder mit einer Film-Kritik, die viel zu lange auf sich hat warten lassen, beziehungsweise schon wieder Monate in der digitalen Schublade schlummert. Immerhin, die Vorräte an fertigen Artikeln schwinden dahin, es wird also wieder aktueller, auch wenn ihr da ja nicht wirklich einen Unterschied merken werdet.

Shame

Shame, UK 2011, 101 Min.

Shame | © Prokino
© Prokino

Regisseur:
Steve McQueen
Autoren:
Steve McQueen
Abi Morgan

Main-Cast:
Michael Fassbender (Brandon)
Carey Mulligan (Sissy)
in weiteren Rollen:
James Badge Dale (David)
Nicole Beharie (Marianne)

Genre:
Drama

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Shame | © Prokino
© Prokino

Nach außen ist Brandon ganz der gefasste, eloquente und charmante Geschäftsmann, hat Erfolg im Job und ein durchaus ansehnliches Auskommen. Was Brandon vor seiner Umwelt verbirgt: Er ist besessen von Sex, onaniert unter der Dusche, auf der Bürotoilette, abends im Bett, lädt sich Prostituierte nach Hause ein und ist auch nicht abgeneigt, in Bars Frauen für One-Night-Stands aufzugabeln, doch Befriedigung verschafft ihm sein Tun kaum, geschweige denn, dass es die innere Leere füllen könnte. Dennoch hat sich Brandon in diesem Leben eingerichtet und sieht keine Veranlassung, etwas daran zu ändern, bis zu dem Moment zumindest, bis seine freigeistige und psychisch labile Schwester Sissy bei ihm aufschlägt und nicht nur seine tägliche Routine, sondern auch seine Fassade zu zerschlagen droht.

Rezension:

Nach Steve McQueens Spielfilm-Debüt Hunger ließ seine Charakterstudie eines Sexsüchtigen – erneut mit Michael Fassbender in der Hauptrolle – einiges erwarten, doch auch wenn der Film durchaus voller Glanzpunkte ist und in seinen besten Momenten zu packen versteht, bleibt Shame doch hinter seinen Möglichkeiten zurück, was mitunter daran liegen mag, dass eine Geschichte im herkömmlichen Sinne nur marginal vorhanden zu sein scheint und sich tatsächlich ein Großteil des Films zunächst nur mit der Suchtbefriedigung von Brandon auseinandersetzt, was zwar hinsichtlich des Themas gut und richtig ist, einen gewissen Spannungsaufbau, der hier lediglich durch die Intensität der Szenen und das zwar minimalistische, aber rundweg überzeugende Mienenspiel Fassbenders erreicht werden kann, vermissen lässt. Bedeutungsschwanger kommt hier jede Szene her und die auf Hochglanz getrimmten Bilder lassen die Figur des Brandon wirklich schnell als Bruder Patrick Batemans im Geiste erscheinen, während Harry Escott über die Bilder einen teils opulenten Klangteppich legt, was er sich auch erlauben kann, denn wie schon in McQueens Vorgängerfilm sind Dialoge hier Mangelware und vieles wird rein über Bild, Stimmung und Ausdruck transportiert, was nicht per se schlecht sein muss, doch hätte man sich insbesondere hinsichtlich Brandons Beziehung zu seiner von Carey Mulligan gespielten Schwester Sissy ein wenig mehr Kommunikation gewünscht, um die Beziehung der beiden und die gemeinsame Vergangenheit weiter auszuloten.

Szenenbild aus Shame | © Prokino
© Prokino

Deren Auftauchen ist es nämlich geschuldet, dass Brandon aus seiner täglichen Routine des nach außen hin kultiviert und gepflegt wirkenden Mannes, der, nicht fähig sich auf emotionale Bindungen einzulassen, sein Heil in der bloßen Triebbefriedigung sucht, sich Prostituierte in sein wie keimfrei und unbewohnt wirkendes Appartement bestellt, sich bedeutungslosen One-Night-Stands hingibt und ansonsten vor dem Laptop oder unter der Dusche onaniert, was ihm zweifellos durch seine Schwester mehr als nur ein wenig erschwert wird, zumal sie jederzeit droht, hinter seine sorgsam hochgezogene Fassade zu blicken, mit der sich längst vor der Außenwelt abgeschottet hat. Dieses Zustandes, seines Problems, ist Brandon sich auch durchaus schmerzlich bewusst, doch kommt er nicht gegen seinen Trieb, seine Sucht an und auch das Date mit einer Arbeitskollegin scheint von vornherein zum Scheitern verurteilt, zumal Sex für ihn nichts mit Hingabe oder Leidenschaft zu tun hat, er keine Lust im eigentlichen Sinne verspürt, sondern mehr danach trachtet, die Leere in sich zu füllen, durchaus gewillt ist, etwas zu fühlen, was ihm jedoch nur leidlich gelingen mag.

Dieser Reigen, dieses Aufbegehren ist es auch, der letztlich den einzigen Handlungsrahmen für Shame bildet, was ihn – bei Moviepilot hatte dies jemand bereits richtig angemerkt – zum ernsthaften Pendant zu Don Jon werden lässt, der das Thema deutlich leichtfüßiger und humoriger anzugehen versucht, dabei aber auch nicht annähernd die Intensität und Authentizität von Steve McQueens Charakterstudie erreicht, was zuvorderst an Michael Fassbender liegt, der hier im wahrsten Sinne des Wortes vollen Körpereinsatz leistet, mehr noch aber mimisch zu glänzen versteht und allein mit seinen Blicken tief in die Seele seines Protagonisten blicken lässt, während Carey Mulligan – welche 2011 in Winding Refns Drive in ähnlich hohem Maße zu überzeugen wusste – in ihrer Rolle als Sissy ganz bewusst als absoluter Gegenpart zum gefühlskalten Brandon inszeniert wird, einer Naturgewalt gleichkommt, die nach Aufmerksamkeit und Fürsorge giert und dies verzweifelt von ihrem Bruder einzufordern versucht, was wiederum zu den stärksten Momenten von Shame führt, wenn diese unterschiedlichen Welten aufeinanderprallen.

Szenenbild aus Shame | © Prokino
© Prokino

Dennoch, gerade hinsichtlich der Beziehung zwischen Bruder und Schwester hat McQueen es versäumt, auch noch das letzte Quäntchen Potential herauszuholen, denn vieles bleibt hier nur angedeutet und sein ansonsten so stilsicher inszeniertes Drama hätte nur davon profitieren können, wenn er sich noch ein wenig mehr darauf versteift hätte, deren Beziehung zueinander weiter auszuloten. Dennoch steckt Shame voller Qualitäten und insbesondere Mulligans Gesangseinlage – die simultan in Echtzeit abgedreht wurde – , aber auch Brandons Date mit seiner Arbeitskollegin sowie ein wortloses wie gleichsam intensives Schlüsselerlebnis in der New Yorker U-Bahn, welches in seiner zweifachen Ausfertigung den gedanklichen Bogen vom Anfang zum Ende des Films spannt, wissen über die Maßen zu überzeugen, da McQueen hier in der langsamen, bedeut- wie behutsamen Inszenierung eine Selbstsicherheit und ein Stilbewusstsein an den Tag legt, die ihresgleichen suchen. Dadurch gelingt ihm ein bedeutungsschwangeres und intensives Drama, dessen größte Qualitäten ohne Frage allerdings in den beiden Hauptdarstellern begründet liegen, während man auf dramaturgischer Seite sicherlich noch ein wenig mehr aus dem ansonsten so vielversprechenden Werk hätte herausholen können, doch mag das wieder einmal Jammern auf extrem hohen Niveau sein.

Fazit & Wertung:

Bei ihrer zweiten Zusammenarbeit gelingt es Steve McQueen und Michael Fassbender mit Shame zwar nicht ganz, an ihren ersten gemeinsamen Film heranzureichen, doch nichtsdestotrotz ist auch die Charakterstudie des sexbesessenen Brandon ein intensiv und eindringlich gespieltes und inszeniertes Drama, dessen Themen weit tiefer reichen, als es das nur vermeintlich provokative Thema Sexsucht vermuten lassen würde.

8 von 10 zwanghaften Masturbationen

Shame

  • Zwanghafte Masturbationen - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Bei ihrer zweiten Zusammenarbeit gelingt es Steve McQueen und Michael Fassbender mit Shame zwar nicht ganz, an ihren ersten gemeinsamen Film heranzureichen, doch nichtsdestotrotz ist auch die Charakterstudie des sexbesessenen Brandon ein intensiv und eindringlich gespieltes und inszeniertes Drama, dessen Themen weit tiefer reichen, als es das nur vermeintlich provokative Thema Sexsucht vermuten lassen würde.

8.0/10
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Shame ist am 13.09.12 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von Prokino erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

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