Review: Blutiges Echo | Joe R. Lansdale (Buch)

Heute habe ich dann wieder einmal eine Buch-Kritik für euch im Gepäck und wieder einmal gibt sich einer meiner Lieblingsautoren der jüngeren Vergangenheit die Ehre, der mich, man höre und staune, bisher nie und folglich auch diesmal nicht enttäuscht hat mit dem, was seinem kreativen Geist entsprungen ist, denn obwohl Blutiges Echo teilweise so anders ist als alles, was ich bisher von Lansdale gelesen habe, ist es auch gleichzeitig so unverkennbar sein einzigartiger Stil, der das Buch prägt. Aber ich greife schon wieder vor, nehme ich mir schließlich nun ausgiebig Zeit, euch von meinen Leseeindrücken zu berichten.

Blutiges Echo

Lost Echoes, USA 2007, 391 Seiten

Blutiges Echo von Joe R. Lansdale | © Suhrkamp Verlag
© Suhrkamp Verlag

Autor:
Joe R. Lansdale
Übersetzerin:
Heide Franck

Verlag (D):
Suhrkamp Verlag
ISBN:
978-3-518-46607-0

Genre:
Drama | Mystery | Thriller

 

Inhalt:

Später, als Erwachsener, erinnerte sich Harold Wilkes oft an die Ereignisse seiner Kindheit, mit denen alles angefangen hatte, und dachte dann: Wenn ich die Nacht bloß durchgeschlafen hätte.
Das war ihm jedoch ein schwacher Trost. Genau genommen war es überhaupt kein Trost. Nur ein klischeehaftes »Wenn ich das geahnt hätte«, wie aus einem Groschenroman. Trotzdem dachte er hin und wieder daran zurück und kam ins Grübeln.
Denn wie sich sein Leben dann entwickelt hatte – mit all den Dingen, die er hören musste, die er sehen musste und die er dadurch in Erfahrung brachte –, das war eigentlich kein Leben.

Seit einer Krankheit in seiner Kindheit ist Harry Wilkes in der Lage, Szenen der Vergangenheit vor seinem inneren Auge lebendig werden zu lassen. Doch es sind keine schönen Erinnerungen, die sich ihm aufdrängen, sondern vielmehr der Nachhall grauenhafter und von Gewalt durchtränkter Begebenheiten, die sich durch ein simples Geräusch einen Weg in die Gegenwart bannen zu wissen. Und gerade weil Harry diese Gabe, diesen Fluch, in keiner Weise zu kontrollieren imstande ist, kapselt er sich immer weiter ab, bewegt sich nur noch auf sorgfältig ausgewählten Routen, um nicht versehentlich die Erinnerung an ein Schreckensszenario der Vergangenheit heraufzubeschwören und ist längst dazu übergegangen, seinen Geist mittels Alkohol zu betäuben, um sich vor den schrecklichen Visionen in seinem Kopf zu schützen.

Eines Tages begegnet Harry dem ehemaligen Kampfkunstlehrer Tad Peters und es scheint fast so, als hätte er einen Bruder im Geiste, eine Art Mentor gefunden, wenn auch Tad sich nicht recht mit dem Gedanken anfreunden mag, dass sein neuer Freund Visionen zu haben behauptet. Dennoch hilft Tad ihm, zurück in die Spur zu finden und mit seiner Fähigkeit ins Reine zu kommen, doch gerade als Harry glaubt, ein nur annähernd normales Leben führen zu können, kehrt sein Kindheitsschwarm Kayla in die Stadt zurück und bittet ihn in dem Wissen um seine Gabe um Hilfe dabei, den viele Jahre zurückliegenden Mord an ihrem Vater aufzuklären. Harry ahnt nicht, in welches Wespennest er zu stoßen drauf und dran ist, als er Kayla widerwillig seine Hilfe zusichert…

Rezension:

Es ist schon einerseits erstaunlich, welche Bandbreite an Genres und Themen Joe R. Lansdale in seinen mannigfachen Büchern abzudecken weiß und andererseits mindestens ebenso faszinierend, dass es ihm zumindest mit dem Teil des mir bisher bekannten Gesamtwerkes noch stets gelungen ist, eine in sich stimmige, irgendwo zwar stets ähnlich gelagerte, doch gleichzeitig auch wiederum völlig neuartige Geschichte zu erzählen, die gleich von den ersten Seiten an zu fesseln versteht. Wie so viele seiner Romane spielt nun auch Blutiges Echo in seiner Heimat Osttexas, doch sind Ort und Zeit hier merklich losgelöster vom Kontext als in vielen anderen seiner Bücher, so dass man die Geschichte sicherlich auch so oder so ähnlich an einem anderen Ort oder zu einer anderen Zeit hätte erzählen können. Einem Teil seines Sujets gemein hat das Buch derweil, dass ein Junge oder Mann im Vordergrund steht, aus dessen Sicht die fortschreitende Handlung geschildert wird und der heißt hier Harry Wilkes, doch wo sich Werke wie Die Wälder am Fluss damit begnügen, die Kindheit des Protagonisten zu schildern, wächst man diesmal sozusagen mit der Hauptfigur auf, begleitet sie von der frühen Kindheit über Jugendjahre bis hin zum Erwachsensein, während man mehr und mehr von Harrys Gabe und der damit einhergehenden Bürde erfährt.

An dem Tag, als alles anfing, war Harry krank. Es war ein Samstag, und das war echt blöd. An einem Samstag wollte keiner krank werden. Den ganzen Tag lag er mit hohem Fieber im Bett und schlief, wie ein Braten in der Röhre. Irgendwann wachte er plötzlich auf und war gar nicht mehr so verschwitzt, sondern energiegeladen und gelangweilt. Vor allem aber sauer, weil er die Zeichentricksendungen am Vormittag verpasst hatte. Schlimmer noch, es war bereits Nacht.

Harrys Fähigkeit oder Fluch, aus Geräuschen Überbleibsel aus gewalttätigen Ereignissen vor seinem inneren Auge heraufzubeschwören hat es nämlich regelrecht in sich, rückt Blutiges Echo aber auch ein ganzes Stück weit in Richtung übersinnlicher Thriller, doch selbst wer damit wenig anzufangen können meint, kann sich getrost auch diesen Lansdale zu Gemüte führen, denn das eigentlich faszinierende ist gar nicht einmal Harrys übersinnliche Gabe, sondern vielmehr, wie es dem Autor dennoch gelingt, der Story und den Schilderungen Harrys so viel Bodenhaftung und Tiefgang zu verleihen, dass man dennoch geneigt ist, diesen Roman in die Sparte eines spannungsgeladenen Dramas zu packen, statt von einem Geister-Thriller oder ähnlichem zu sprechen, doch mit Genre-Konventionen und Schubladendenken hatte es Lansdale ja – wie jeder weiß, der mehr als zwei Bücher von ihm gelesen hat – noch nie so recht und da verwundert es kaum, dass eben auch dieses im Jahr 2007 entstandene Werk sich vehement einer eindeutigen Zuordnung entzieht.

So gelungen der Anfang der Geschichte und die damit einhergehend skizzierte Kindheit von Harry Wilkes, die auch dazu dient, dessen Sandkastenliebe Kayla zu etablieren, die später noch eine nicht unwichtige Rolle übernehmen wird, muss man aber auch sagen, dass Blutiges Echo erst so richtig in Fahrt kommt, als Harry älter wird und zu begreifen beginnt, was es mit dem Mysterium um seine sonderbare Fähigkeit auf sich hat, die er alsbald verzweifelt in Alkohol zu ertränken versucht, da er in seinem Verhalten zunehmend seltsamere Züge an den Tag legt, könnte schließlich hinter jeder zuschlagenden Türe, jedem Schlagloch auf der Straße, jedem Ort allüberall, die Erinnerung an ein grausames Verbrechen, eine Misshandlung oder sonstige Gewalttat verborgen sein, die Harry zu überfallen und hinwegzufegen droht. Der Fatalismus, mit dem dabei Harrys physischer wie psychischer Niedergang geschildert wird, hat mich dabei tief beeindruckt und es spricht einmal mehr für Lansdale, wie akkurat und sorgfältig er auch dieses Detail zu schildern weiß.

Er musste sich leicht schräg aufsetzen, damit sein linkes Auge und Ohr dem Fernseher zugewandt waren. Wenn er den Kopf zu weit herumdrehte, klang der Ton eigenartig. Vorsichtig tippte er sich gegen das rechte Ohr. Er hörte nichts, spürte lediglich die Erschütterung. Das Ohr selbst fühlte sich seltsam an, als hätte ihm jemand ein Ei hineingestopft.
Er tippte noch einmal dagegen, ein wenig stärker. Diesmal gab es eine regelrechte Explosion. Von tief drinnen brach sie hervor, und mit ihr flutete ein Strom warmen Eiters wie Wasser bei einem Dammbruch heraus. Er spritzte Harry auf die Wange und auf das Kopfkissen, ein grüner, feuchter Batzen.
Harry stieß einen Schrei aus.

Vor allem aber wird zu etwa diesem Zeitpunkt auch der frühere Kampfkunstlehrer Tad Peters Teil der Geschichte, der ähnlich wie Harry am Alkohol zugrunde zu gehen droht und während beide sich gegenseitig aus ihrem jeweiligen Sumpf zu ziehen versuchen, wird einem wieder einmal klar, welch schillernde Nebenfiguren Lansdale zu erschaffen imstande ist, denn wo schon der Ermittler Jim Bob Luke in Die Kälte im Juli den Part des spleenigen Sidekicks übernehmen durfte, ist diesmal eben Tad Peters für diesen Part verantwortlich. Natürlich, manche Muster wiederholen sich, doch sind es eben auch Muster, die Lansdales Romane ein ums andere Mal so mitreißend und lohnenswert machen, weshalb man ihm gar nicht ankreiden möchte, auf einzelne Versatzstücke bevorzugt zurückzugreifen, zumal sich sicherlich kaum ein Autor von einem derartigen Vorwurf freimachen könnte. Blutiges Echo ist also trotz aller übersinnlichen Mystery-Elemente ein waschechter Lansdale und lohnt sich unbesehen für alle Fans des osttexanischen Autors, wohingegen ich Neueinsteigern womöglich zu einem anderen Buch als Einstieg in dessen Welt raten würde, einfach weil es für seine Verhältnisse dann doch recht ungewöhnlich daherkommt. Das schmälert allerdings in keinem Fall die unbestreitbare Qualität auch dieser Story, die einfalls- und wendungsreicher mal wieder kaum hätte sein können, vor allem aber auch mit akribischer und durchdachter Figurenzeichnung und vielschichtigen Charakteren zu punkten versteht.

Fazit & Wertung:

Trotz eines Hauchs Mystery und Übersinnlichkeit ist auch Blutiges Echo in seinem Kern ein echter Lansdale, der mit lakonischer Sprache und einer überzeugenden Dramaturgie zu gefallen versteht. So sehr man nämlich auch den lakonischen Stil des Autors und seinen Sinn für Humor, gleichwohl aber auch sein Gespür für nervenaufreibend spannend inszenierte Passagen durchschimmern sieht, ist ihm zudem eine wieder einmal höchst einfallsreiche und originäre Geschichte gelungen, die ihresgleichen sucht.

9 von 10 verdrängten Erinnerungen an frühere Gewalttaten

Blutiges Echo

  • Verdrängte Erinnerungen an frühere Gewalttaten - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Trotz eines Hauchs Mystery und Übersinnlichkeit ist auch Blutiges Echo in seinem Kern ein echter Lansdale, der mit lakonischer Sprache und einer überzeugenden Dramaturgie zu gefallen versteht. So sehr man nämlich auch den lakonischen Stil des Autors und seinen Sinn für Humor, gleichwohl aber auch sein Gespür für nervenaufreibend spannend inszenierte Passagen durchschimmern sieht, ist ihm zudem eine wieder einmal höchst einfallsreiche und originäre Geschichte gelungen, die ihresgleichen sucht.

9.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Suhrkamp Verlages. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Blutiges Echo ist am 08.08.15 als Taschenbuch im Suhrkamp Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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