Review: Angel Baby | Richard Lange (Buch)

Nachdem ich an den vergangenen Weihnachtstagen den Blog habe Blog sein lassen, komme ich doch nicht umhin, jetzt langsam meine Tätigkeit mal wieder aufzunehmen und deshalb gibt es heute außerplanmäßig auch ausnahmsweise mal wieder eine Buch-Kritik, wo hier schon die letzten Tage ja schließlich nichts passiert ist. Und später dürft ihr euch selbstredend über den neuesten – und für dieses Jahr letzten – Media Monday freuen. Doch dazu, richtig, später mehr.

Angel Baby

Angel Baby, USA 2013, 352 Seiten

Angel Baby von Richard Lange | © Heyne
© Heyne

Autor:
Richard Lange
Übersetzer:
Jan Schönherr

Verlag (D):
Heyne Verlag
ISBN:
978-3-453-43793-7

Genre:
Thriller | Drama

 

Inhalt:

Ihren ersten Fluchtversuch hatte Luz vorher nicht durchdacht. Es war eine Entscheidung aus dem Moment heraus. Eines Nachts hatte Rolando sie so übel verprügelt, dass sie Blut pinkelte, und am nächsten Morgen, sobald er und die Leibwächter aus dem Haus waren, humpelte sie die Treppe hinunter, zur Tür hinaus, durch den Garten und durch das Tor in der hohen Betonmauer, die das Anwesen umschloss.

Nachdem Luz vor drei Jahren ihre Tochter Isabel in Los Angeles zurückgelassen und sich von einem mexikanischen Drogenboss in Tijuana hat ehelichen zu lassen, reift in ihr mehr und mehr der Gedanke, ihrem Mann Rolando zu entkommen und zu Isabel heimzukehren, doch ihr sie permanent unter Drogen setzender und stetig drangsalierender Mann wird sie nicht ziehen lassen, dessen ist sie sich sicher. Fest entschlossen setzt sie ihre Tabletten ab, studiert Rolandos Gewohnheiten und passt den richtigen Moment ab, um dessen Tresor leerzuräumen und sich auf den Weg zurück in die Vereinigten Staaten zu machen. Bei seiner Heimkehr merkt Rolando natürlich sofort, dass Luz getürmt ist und kommandiert kurzerhand seinen besten Mann Jerónimo ab, seine Frau noch vor der Grenze abzufangen und zu ihm zurückzubringen, doch auch Luz ist zu allem entschlossen.

Rezension:

Der Plot von Richard Langes Angel Baby liest sich auf den ersten Blick recht schnörkellos und althergebracht, verspricht auf seinen knapp 350 Seiten ein literarisches Road-Movie zu werden und kommt bereits auf den ersten Metern – sprich Seiten – erstaunlich schnell in Fahrt, was in Anbetracht der Kürze der Geschichte auch bitter nötig ist, doch während die Geschichte anfänglich voll und ganz auf Luz fokussiert, die hier ihren mexikanischen Ehemann und Gangsterboss Rolando entfliehen und zu ihrer Tochter Isabel heimkehren möchte, wusste mich Lange bereits schnell das erste Mal zu überraschen, als er den Fokus plötzlich auf jemand gänzlich anderen richtete, in diesem Fall Malone, der im weiteren Verlauf der Geschichte noch eine durchaus tragende Rolle spielen sollte und mit erstaunlich viel Background wie auch Feingefühl charakterisiert worden ist, was man im Übrigen von beinahe sämtlichen Figuren im Konsortium des Romans behaupten kann, das zwar der Natur der Sache nach recht überschaubar geraten ist, der Story dennoch einen ungewohnten Tiefgang verleiht.

Auf dem Paseo de los Héroes herrscht dichter Verkehr. Lastwagen husten Abgaswolken aus, Autoradios plärren, Roller brummen wie wütende Insekten. Malone könnte ganz leicht die Hand in den Fluss aus ratterndem Stahl stecken. Ein Schritt zur Seite, und er würde ihn verschlingen und in Stücke reißen, noch ehe er wüsste, wie ihm geschieht.

Sind es nämlich andernorts namenlos bleibende oder kaum skizzierte Killer, die den Part des Antagonisten übernehmen dürfen, stattet Lange seine Protagonisten in Angel Baby mit nachvollziehbaren, glaubhaften Motiven aus und lässt sie – so unangenehm und durchtrieben auch manche der Zeitgenossen sein mögen – zu weit mehr werden als einem bloßen Abziehbild eines Schurken. Der Geschichte kommt das im Übrigen sehr zugute, denn gerade am Anfang würde man sonst meinen, sich in einem hinlänglich bekannten Sujet wiederzufinden, zumal Lange mit allerlei Klischees jongliert und der Roman bei weniger sorgfältiger Ausgestaltung zur reinen Trivialliteratur zu werden gedroht hätte. Gerade in der zweiten Hälfte allerdings schüttelt Lange auch diese Fesseln ab und überrascht mit einer Vielzahl nicht unbedingt vorhersehbarer Wendungen, die der Geschichte teils ganz neue Aspekte hinzufügt, während man zwar sicherlich kritisieren kann, dass manches dann doch sehr konstruiert wirken mag, der Geschichte aber eben auch mehr Substanz verleiht, als man das ursprünglich würde annehmen wollen.

Umso bedauerlicher ist es da allerdings auch, dass zwar einerseits ein Großteil der Figuren glaubhaft wie sorgsam charakterisiert worden ist, hingegen ausgerechnet Rolando als großer Bösewicht im Hintergrund doch auffallend blass bleibt, während manche Figuren gerade im letzten Drittel damit einhergehend dann allzu plötzlich aus ihren Rollen fallen, um ein antiklimatisch geartetes Finale zu generieren, was einerseits überrascht, andererseits aber eben auch Erwartungen enttäuscht, denn so sehr sich Lange bemüht, den Part einer jedweden Figur auszuerzählen, gelingt ihm dies schlussendlich nur bedingt, weil nach der anfänglichen Hetzjagd auf Luz alles auf den letzten Metern auseinanderzudriften scheint und nicht mehr ganz den Erwartungen, die man in einen Roman dieser Art womöglich setzen würde, gerecht wird.

»›Ándale, ándale‹«, befiehlt Freddy den ›pollos‹. Er muss ihnen fast in den Hintern treten, damit sie zum Wagen gehen. Einer nach dem anderen steigen sie in den Kofferraum und legen sich auf die Seite, damit alle hineinpassen. Freddy gibt ihnen letzte Anweisungen: Nicht durchdrehen, ihr habt genügend Luft. Bleibt ruhig, dann seid ihr in einer Stunde im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
»›Tiene agua?‹«, fragt er, die Hand schon am Kofferraumdeckel.
»›Sí‹«, antworten sie einstimmig, und einer hält eine Flasche Wasser hoch.
»›Buena suerte‹ – viel Glück!«, sagt Freddy und schlägt den Deckel zu.

Nichtsdestotrotz ist Angel Baby aber ohne Frage ein überaus lohnenswertes Buch für Freunde außergewöhnlicher Thriller, zumal Lange sein Handwerk durchaus versteht, was sich nicht nur in der Charakterisierung der Figuren niederschlägt sondern auch glaubhaft inszenierten Schauplätzen und Abläufen, die wie gesagt nach anfänglicher Klischeehörigkeit schnell eine unerwartete Eigenständigkeit entwickeln. Seinem recht schnörkellosen Schreibstil und dem überschaubaren Plot geschuldet muss man aber auch auf jegliche Längen verzichten, so dass sich das Buch gewordene Road-Movie schnell mit dem erhofften Tempo in Gang zu setzen weiß, während zwar das Ende leider nicht hundertprozentig überzeugt, der Sache aber durchaus einen annehmbaren und runden Abschluss spendiert. Nicht die Überraschung schlechthin, aber doch ein lohnenswerter Thriller, den zu lesen mir eine Menge Freude bereitet hat, wobei das eigentlich das falsche Wort ist, wenn man berücksichtigt, mit welch tragischen und gescheiterten Gestalten man es hier zu tun bekommt.

Fazit & Wertung:

Richard Langes Angel Baby kann man getrost als literarisches Road-Movie bezeichnen und dank der sorgfältig ausgearbeiteten Figuren lässt es sich spielend leicht in die Geschichte versetzen, die unerwartet viel Wert auf das Innenleben ihrer Charaktere und deren Beweggründe legt, leider am Ende allerdings ein wenig den Fokus aus den Augen zu verlieren scheint, wodurch einmal mehr deutlich wird, wie konstruiert die Story letztlich ist, doch tut das dem Lesegenuss kaum einen Abbruch, denn dafür ist Langes Schreibe dann doch zu gekonnt und kurzweilig.

7,5 von 10 Schusswechseln

Angel Baby

  • Schusswechsel - 7.5/10
    7.5/10

Fazit & Wertung:

Richard Langes Angel Baby kann man getrost als literarisches Road-Movie bezeichnen und dank der sorgfältig ausgearbeiteten Figuren lässt es sich spielend leicht in die Geschichte versetzen, die unerwartet viel Wert auf das Innenleben ihrer Charaktere und deren Beweggründe legt, leider am Ende allerdings ein wenig den Fokus aus den Augen zu verlieren scheint, wodurch einmal mehr deutlich wird, wie konstruiert die Story letztlich ist, doch tut das dem Lesegenuss kaum einen Abbruch, denn dafür ist Langes Schreibe dann doch zu gekonnt und kurzweilig.

7.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Heyne. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Angel Baby ist am 09.03.15 bei Heyne erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

  • Off Topic-Fun Fact am Rande: Wußtest du, daß es eine chinesische Schauspielerin gibt, die unter dem Namen „Angelababy“ auftritt? :-)
    Die ist in China sogar ziemlich bekannt, feierte kürzlich auch ihr englischsprachiges Debüt im neuen „Hitman“-Film und wird nächsten Sommer in der „Independence Day“-Fortsetzung zu sehen sein.

    • Ach; nein, das war mir nicht bekannt, bei den chinesischen DarstellerInnen bin ich ja nicht annähernd so bewandert wie sonst so. Echt witzig, zumal ja zumindest das Genre in Bezug auf ‚Hitman‘ super passt.

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