Review: Die Geheimnisse der Welt | Lisa O’Donnell (Buch)

Die heutige Buch-Kritik, wenn ich mir mal so die letzten Werke ansehe, die ich mir zu Gemüte geführt habe, schlägt, so könnte man beinahe schon sagen, aus der Art, doch fördert das ja nur die Diversifikation hier auf dem Blog und außerdem ist es ein schöner Aufhänger für eine nichtssagende Einleitung, wenn einem sonst gerade nichts kreativeres einfällt.

Die Geheimnisse der Welt

Closed Doors, UK 2014, 256 Seiten

Die Geheimnisse der Welt von Lisa O'Donnell | © DuMont Buchverlag
© DuMont Buchverlag

Autorin:
Lisa O’Donnell
Übersetzerin:
Stefanie Jacobs

Verlag (D):
DuMont Buchverlag
ISBN:
978-3-8321-9779-7

Genre:
Drama

 

Inhalt:

»Hast du es gut«, sagt Ma zu mir, dabei schickt sie mich andauernd einkaufen, manchmal auch Frauenkram. So nennt Pa es.
»Das ist doch eine Schande. Geh und kauf dir die dinger selber. Der Junge muss sich ja schämen. Versteck sie unter der Jacke, mein Sohn.«
Und das hab ich dann auch getan. Ich find das gar nicht so schlimm. Ich mache alles Mögliche für meine Ma.

Es ist das Jahr 1982 auf einer kleinen schottischen Insel, inmitten des beschaulichen Dörfchens Rothesay, es ist die Ära von Margaret Thatcher und der Krieg um die Falkland-Inseln steht kurz bevor. In Rothesay allerdings merkt man davon recht wenig und der elfjährige Michael Murray hat eine behütete Kindheit, lebt gemeinsam mit seinen Eltern und seiner Großmutter in einem Haus und weiß noch nicht recht, ob Mädchen nun abstoßend oder faszinierend sind. Seine behütete Kindheit endet allerdings jäh, als seine Mutter Opfer einer Vergewaltigung wird, doch um den Jungen zu schützen, erzählen seine Eltern ihm, seine Mutter habe sich auf der Flucht vor einem Exhibitionisten verletzt. Aus Furcht vor dem Geschwätz der Dorfbevölkerung scheut sich Michaels Mutter zur Polizei zu gehen und zieht sich stattdessen in sich zurück, während dem Jungen eindringlich nahegelegt wird, das Geheimnis nicht auszuplaudern.

Und so nehmen die Gerüchte ihren Lauf und Michael muss hilflos mitanhören, wie man seinen Vater für die Verletzungen seiner Mom verantwortlich macht, versteht aber auch noch längst nicht den Trubel um den Exhibitionisten und kommt erst langsam dahinter, das mehr hinter der Sache steckt, als man ihm weiszumachen versucht hat. Doch damit nicht genug, hält das Erwachsenwerden für sich ja eigentlich schon genügend Probleme und Verwirrung bereit…

Rezension:

Vor etwas mehr als zwei Jahren war Lisa O’Donnells Debütroman Bienensterben eine echte Überraschung im positivsten Sinne gewesen und so konnte ich natürlich nicht umhin, auch einen Blick auf Die Geheimnisse der Welt zu werfen. Und ebenso wie schon in ihrem Debüt konzentriert sich O’Donnell auch hier darauf, die Geschehnisse aus der Sicht eines Heranwachsenden – in diesem Fall des elfjährigen Michael – zu schildern, doch gelingt es ihr in meinen Augen leider nicht ganz, an den Paukenschlag von Erstling anzuknüpfen. Ihre Interpretation des jungen Michael mag gelungen sein, keine Frage, doch eben nicht so gelungen wie Marnie und Nelly zuvor, zumal er sich oft als erschreckend naiv erweist, was im Kontext der zeitlichen Verortung der Geschichte und seines eigenen Alters zwar durchaus Sinn ergibt, dem Leser aber auch einige teils gehörige Wissensvorsprünge einräumt, was sich eben nicht nur darauf beschränkt, dass Michaels Eltern ihm zunächst weiszumachen versuchen, dass seine Mutter auf der Flucht vor einem Exhibitionisten verletzt worden sei und eben nicht, wie man als Leser quasi sofort im Bilde ist, vergewaltigt worden ist.

Mrs. Connor sieht aus wie Blondie, aber andererseits sehen alle Frauen hier in der Gegend aus wie Blondie, bis auf Katie Calderwood, die Suzi Quatro sein will und stachelige Haare hat und eine Lederjacke trägt. Ma sagt, Katie Calderwood sieht aus wie ein Mann, aber das würde sie ihr niemals ins Gesicht sagen.
»Die würde einem glatt eine aufs Maul hauen, so wie die gebaut ist«, sagt Granny. »Wie ein Kleiderschrank.«

Davon abgesehen gelingt es O’Donnell zwar durchaus, mit den teils falschen Erwartungen und Schlüssen von Michael zu spielen und entwirft auch ein stimmiges Familienporträt, doch überzeugt eben der Erzählton nicht immer, wirkt in seiner Konzentration auf Michaels Sichtweise aber auch weitaus statischer als beispielsweise das Dreigestirn ihres Vorgängers, wobei das natürlich ein generelles Problem von aus der Ich-Perspektive geschilderten Geschichten ist, doch kommen hier eben das mangelnde Wissen, die mangelnde Erfahrung, das fehlende Verständnis hinzu, die es teils – so leid es mir tut das so harsch auszudrücken – ermüdend machen, Michaels Schilderungen zu folgen. Nichtsdestotrotz bietet Die Geheimnisse der Welt aber auch gehörig Potential und ist auf alle Fälle lohnenswert, zumal es der Autorin spielend gelingt, sowohl Lokalkolorit als auch Zeitgeist der frühen 1980er zu vermitteln, ohne sich je gezwungen sehen zu müssen, überhaupt dediziert auf den Zeitraum der Erzählung weisen zu müssen.

Schlussendlich sind es Michaels Eltern und natürlich speziell dessen Mutter, die den Roman so lohnenswert machen, denn in der Ausgestaltung dieser Figuren sowie auch der ebenfalls im Haus wohnenden Schwiegermutter überzeugt Die Geheimnisse der Welt vollends, zumal mehrfach deutlich wird, inwieweit das Handeln und die Erklärungsversuche der Eltern auch Michaels eigene Taten und Ansichten beeinflussen, während die gesamte Familie sich gezwungen zu meinen sieht, das schreckliche Geheimnis gegenüber den anderen Dorfbewohnern zu wahren, die zwar überwiegend gesichtslose Masse bleiben, aber ebenfalls deutlich machen, wovor sich die Familie Murray so fürchtet. Doch spätestens als die Lage sich zuzuspitzen beginnt läuft die Geschichte zu Höchstform auf und zumindest das letzte Drittel habe ich doch trotz einiger kleinerer Längen im Mittelteil regelrecht verschlungen, weshalb auch O’Donnells Zweitwerk sicherlich keines ist, dessen Lektüre man im Nachgang bereuen würde, doch kommt es eben nicht annähernd an die Güte des Debüts heran.

Ma sagt, das haben wir gut gemacht, dass wir in ein Haus auf dem Barone Hill gezogen sind, und dass es großartig von Margaret Thatcher war, sie für uns zu bauen. Pa sagt dann, sie soll »die schnauze halten«, weil er Margaret Thatcher auf den Tod nicht ausstehen kann und sie sie außerdem nicht gebaut hat. Wenn er das sagt, gibt es immer einen Riesenkrach, und dann fliegen Wörter wie »Bier«, »Schlampe«, »Sozialgeld«, »blöd«, »arbeitslos« und »fauler Arsch« durch die Küche, bis eine Tür zuknallt und alle Wörter aussperrt. Pa schnappt sich nach so einem Streit meist seinen Mantel und geht in den Pub, und Granny sagt, deswegen hätte er den Streit überhaupt erst vom Zaun gebrochen, damit er aus dem Haus gehen und trinken kann.
»Danach kommt er nach Hause, stinkt nach Bier und isst Pommes«, sagt Granny. »Wart’s nur ab.«

So ist – der Name deutet es ja auch bereits an – Die Geheimnisse der Welt eine Geschichte von Geheimnissen aller Art, notwendigen und überflüssigen, trivialen wie auch verletzenden, großen wie kleinen, aber auch immer wieder Sozialstudie, wenn es um das Verhalten und die Reaktionen der Einwohner von Rothesay in ihrem eigenen Mikrokosmos geht, vor allem aber auch klassische Coming-of-Age-Story, wenn Michael langsam entdeckt, dass Mädchen vielleicht doch nicht alle so blöd sind, wie er zunächst glaubte. Das alles ist schön ge- und beschrieben, auch wenn mir Michaels kindliche Attitüde doch manchmal zu vordergründig und vor allem nicht immer glaubhaft war, doch bleibt dies – zusammen mit einigen Nebenplots wie der mal gravierenden, dann über weite Strecken wieder kaum erwähnten Trinkerei des Vaters, die sicherlich sorgfältiger in die Geschichte hätten gebettet werden können – einer von wenigen Kritikpunkten an einem in seiner Summe durchaus überzeugenden Buch, aus dem man allerdings womöglich noch mehr hätte machen können, von dem ich mir möglicherweise aber auch schlicht zu viel erwartet habe.

Fazit & Wertung:

Lisa O’Donnells Die Geheimnisse der Welt ist ein durchaus ungewöhnliches und in sich stimmiges Buch, doch gelingt ihr nicht immer, dem elfjährigen Erzähler Michael eine glaubhafte Stimme zu verleihen, wohingegen die Themen, die sie anspricht, geradezu universell sind und die Lektüre auf alle Fälle lohnenswert machen, wenn der Roman auch leider nicht gänzlich ohne Längen auszukommen vermag.

7,5 von 10 Gesprächen hinter verschlossenen Türen

Die Geheimnisse der Welt

  • Gespräche hinter verschlossenen Türen - 7.5/10
    7.5/10

Fazit & Wertung:

Lisa O'Donnells Die Geheimnisse der Welt ist ein durchaus ungewöhnliches und in sich stimmiges Buch, doch gelingt ihr nicht immer, dem elfjährigen Erzähler Michael eine glaubhafte Stimme zu verleihen, wohingegen die Themen, die sie anspricht, geradezu universell sind und die Lektüre auf alle Fälle lohnenswert machen, wenn der Roman auch leider nicht gänzlich ohne Längen auszukommen vermag.

7.5/10
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Weitere Details zum Buch und der Autorin findet ihr auf der Seite des DuMont Buchverlages.

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Die Geheimnisse der Welt ist am 22.07.15 im DuMont Buchverlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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