Review: Way Down on the High Lonely | Don Winslow (Buch)

Unermüdlich bloggt der Blogger und deshalb gibt es hier heute zum Start ins Wochenende meine Buch-Kritik zum dritten Fall für Neal Carey – natürlich aus der Feder von Don Winslow.

Way Down on the High Lonely
Neal Careys dritter Fall

Way Down on the High Lonely, USA 1993, 345 Seiten

Way Down on the High Lonely von Don Winslow | © Suhrkamp Verlag
© Suhrkamp Verlag

Autor:
Don Winslow
Übersetzerin:
Conny Lösch

Verlag (D):
Suhrkamp Verlag
ISBN:
978-3-518-46582-0

Genre:
Krimi | Thriller

 

Inhalt:

»Nimmst du mich mit?«, fragte Neal Graham.
»Nein, ich hol nur die Wäsche ab.« Kleines Arschloch, dachte Graham. Drei Jahre lang hab ich dich gesucht. Seit man mir erklärt hat, du wärst tot.

Seit Neal Careys letztem Fall sind drei Jahre vergangen. Drei Jahre in denen er in einem chinesischen Kloster ausharren musste, fernab der Annehmlichkeiten der Zivilisation und gegenüber den Friends of the Family für tot erklärt. Dessen ungeachtet begab sich Careys Ziehvater Joe Graham auf die Suche nach ihm und war letztlich in der Lage, ihn sowohl ausfindig zu machen als auch auszulösen, um mit ihm in die Staaten zurückzukehren, denn auf Neal wartet ein neuer Auftrag: der zweijährige Sohn einer Hollywood-Produzentin wurde von dessen Vater entführt und es liegt an Neal, die beiden ausfindig zu machen und den kleinen Cody zu seiner besorgten Mutter zurückzubringen.

Was sich zunächst nach einem leichten Fall anhört, führt Neal aber bald schon ins tiefste Nevada, wo er sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen mit einem hiesigen Farmer anfreundet. Damit aber längst nicht genug, deuten alle Zeichen darauf, dass sich Codys Vater mit einer Gemeinschaft von Neo-Nazis eingelassen hat, die sich auf einem bunkerähnlichen Gelände verschanzt haben, um dort die laut ihrem Prediger bald beginnende Endzeit zu erwarten. Und Neal hat keine andere Möglichkeit, als sich als einen der ihren auszugeben, um Cody aufzuspüren…

Rezension:

Nach London Undercover und China Girl ist nun auch Way Down on the High Lonely nach Verzögerungen – war der Band schließlich ursprünglich schon für das dritte Quartal 2015 angekündigt gewesen – in edler Neuauflage seitens Suhrkamp erschienen und setzt die erfolgreiche Reihe der Frühwerke des amerikanischen Star-Autors Don Winslow fort, was aber natürlich auch zur Folge hat, dass Besitzer der 1998er-Piper-Ausgabe Das Schlangental sich nun bereits schulterzuckend abwenden können, denn auch wenn es sich um eine Neuübersetzung von Conny Lösch handelt, bleibt es natürlich grundsätzlich derselbe Roman und da man auf einschlägigen Rezensionsplattformen auch immer wieder erboste Stimmen liest, wie man sich denn erdreisten kann, ein bereits erschienenes Buch unter neuem – sprich dem ursprünglichen und in meinen Augen weitaus ansprechenderem – Titel erneut zu veröffentlichen, erscheint mir dieser Hinweis ratsam, um Enttäuschungen vorzubeugen.

»Ein vermisster Junge«, sagte Graham. »Daddy hat ihn freitags zum monatlichen Besuchswochenende abgeholt und sonntagabends nicht zurückgebracht. Kein großes Ding.«
»Was ist mit dem Sheriff’s Department?«
»Nichts ist mit dem Sheriff’s Department«, erwiderte Graham. »Die kümmern sich nicht um Sorgerechtsfälle, auch nicht, wenn die Mutter berühmt ist.«

Dementsprechend muss man sich auch bewusst sein, dass die seinerzeit aktuelle Handlung nun vor mehr als zwanzig Jahren stattgefunden hat und folglich zuweilen etwas altbacken zu wirken droht, sich eben der Natur der Sache nach nicht auf der Höhe der Zeit befindet, doch verhielt sich das bei den ersten beiden Neal Carey-Fällen naturgemäß ebenso und fiel kaum störend ins Gewicht, so dass mich auch Way Down on the High Lonely durchweg zu überzeugen wusste, zumal sich hier ganz langsam der markante Stil des Autors abzuzeichnen beginnt, die Kapitel kürzer, die Geschehnisse schneller werden, so dass der Roman im direkten Vergleich zum Vorgänger mit rund hundert Seiten weniger auszukommen versteht und die Story vergleichsweise schnörkelloser daherkommt, was der Spannung aber zum Glück keinen Abbruch tut, denn auch wenn sich Winslows Protagonist in seinem neuesten Fall recht bald am Ziel wähnt, gilt es natürlich noch eine Vielzahl Hindernisse zu überwinden, bevor es zum unweigerlichen und teils filmreifen Finale kommt, das mir in seiner Gänze allerdings zu gestreckt, zu langatmig geraten ist, den ansonsten durchweg positiven Gesamteindruck aber kaum schmälert.

Vor allem aber wirkt Way Down on the High Lonely für sich genommen deutlich eigenständiger als seine Vorgänger, denn während sich Winslow dort auf eine Variation des Themas beschränkt und lediglich Handlungsort und Protagonisten getauscht hat, geht der dritte Fall für Neal Carey merklich eigene Wege, wirkt dadurch zwar wie gesagt längst nicht so verworren und undurchsichtig, erleichtert aber auch die Lektüre, denn in Gestalt der rassistisch motivierten Feinde der – Zitat – zionistischen Regierung schafft er ein ebenso klares wie unumstößliches Feindbild und auch wenn er sich hier mit Genuss an Klischees bedient, macht es auf einer persönlichen Ebene schlichtweg einen Heidenspaß zu erleben, wie Carey und Konsorten deren Ideologie und vor allem das für die nahende Endzeit errichtete Bunkergelände zu dekonstruieren wissen. Sicherlich, der Roman hat auch seine Schwächen, gerade im Gesamtkontext der Reihe, denn wie der totgeglaubte Neal Carey nach nur wenigen Seiten aus chinesischer Gefangenschaft zurück in die Dienste der Friends of the Family gerät, hätte man sicherlich auch eleganter lösen können, doch hält sich Winslow gleichsam nicht mit überflüssig langer vorrede auf und stürzt sich direkt ins Geschehen, was der Kurzweil des Abenteuers zugutekommt.

»Gibt’s in dem Hubschrauber auch Kaffee?«, fragte er.
»Das will ich hoffen, bei den Preisen, die sie uns für den Flug berechnen.«
Neal stand auf. »Dann los.«
»Na endlich, wurde auch Zeit«, sagte Graham und erhob sich.
Dann tat Neal Carey etwas sehr Unchinesisches. Er streckte die Hand aus, packte Joe Graham im Genick und zog ihn an sich.
»Danke, dass du mich hier rausholst, Dad«, sagte Neal.
»Gern geschehen, Sohn.«
Und damit war Neal Carey von den Toten wiederauferstanden.

Verschlug es Neal Carey zuvor nach London, Hongkong und China, ist es diesmal der zunächst profan anmutende Westen der USA, genauer Nevada, was vergleichsweise wenig exotisch anmuten mag, doch reichert er sein Setting mit gehörig Lokalkolorit an, so dass man sich auch hier wieder in einem überzeugenden Mikrokosmos wähnt, wenn es auch mit dem nun vorliegenden dritten Band doch immer seltsamer anmutet, den gebürtigen New Yorker Neal Carey stets nur in der Ferne und nie in seinem ureigenen Terrain aktiv werden zu sehen. Einer der interessantesten Aspekte von Way Down on the High Lonely ist derweil Careys Undercover-Auftrag, denn was andere Autoren zum Anlass nehmen würden, ihn tief in die Schattengesellschaft des Verbrechens tauchen zu lassen, ist hier als oftmals prekäre und zweischneidige Gratwanderung inszeniert worden, muss Carey sich schließlich einerseits bei der Gruppe von Neo-Nazis anbiedern und gleichsam die Fassade des unbedarften Studenten, der bloß auf der Suche nach sich selbst ist und sich dabei mit der Familie Mills, die ihm Obdach gewährt, anfreundet. Das ist nicht nur überaus gelungen beschrieben, sondern verleiht Neal auch immer mehr Facetten, während der bald überzeugt davon ist, in dem mehrgleisigen Lügengeflecht seinen eigenen Charakter zu verlieren, so er denn je einen besessen hat. Während also die Handlung zunehmend stringenter und schnörkelloser wird, punktet der dritte Band der Reihe mit einer zunehmend differenzierteren Figurenzeichnung seines Hauptakteurs, während der Stil zuweilen schon auf die späteren Meisterwerke des Autors hinzudeuten beginnt.

Fazit & Wertung:

Nach zwei rundherum kurzweiligen Fällen für Neal Carey überzeugt Don Winslow auch in Way Down on the High Lonely und erzählt eine spannende und wendungsreiche Geschichte, die inszenatorisch zwar nicht in allen Belangen zu brillieren weiß und der man zuweilen ihr Alter von über zwanzig Jahren beizeiten anmerkt, Fans von Winslow im Allgemeinen und Carey im Besonderen aber sicherlich nicht enttäuschen wird.

8 von 10 idyllischen Abenden im High Lonely

Way Down on the High Lonely

  • Idyllische Abende im High Lonely - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Nach zwei rundherum kurzweiligen Fällen für Neal Carey überzeugt Don Winslow auch in Way Down on the High Lonely und erzählt eine spannende und wendungsreiche Geschichte, die inszenatorisch zwar nicht in allen Belangen zu brillieren weiß und der man zuweilen ihr Alter von über zwanzig Jahren beizeiten anmerkt, Fans von Winslow im Allgemeinen und Carey im Besonderen aber sicherlich nicht enttäuschen wird.

8.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Suhrkamp Verlages. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Way Down on the High Lonely ist am 08.02.16 als Neuauflage im Suhrkamp Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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