Review: Gun Street Girl | Adrian McKinty (Buch)

So langsam komme ich wieder in den Trott mit dem Lesen, weshalb ich euch auch heute wieder standesgemäß mit einer Buch-Kritik ins Wochenende entlassen kann. Schön, wenn auf manche Sachen dann doch Verlass ist, zumal es sich wieder einmal um ein ausnehmend gutes Buch handelt, wie ihr gleich lesen werdet.

Gun Street Girl
Die Sean Duffy-Reihe 4

Gun Street Girl, UK 2015, 375 Seiten

Gun Street Girl von Adrian McKinty | © Suhrkamp Verlag
© Suhrkamp Verlag

Autor:
Adrian McKinty
Übersetzer:
Peter Torberg

Verlag (D):
Suhrkamp Verlag
ISBN:
978-3-518-46655-1

Genre:
Krimi | Thriller

 

Inhalt:

Wir befinden uns an einem Strand bei Derry an der wilden Nordküste Irlands. Es ist November 1985. Reagan ist Präsident, Thatcher Premierministerin, Gorbatschow hat kürzlich in der UdSSR die Zügel übernommen. Das Nr.1-Album ist Sades Promise, und Jennifer Rushs Liebesschnulze »The Power Of Love« ist nun schon entmutigend lang an der Spitze der Hitparaden …

Nordirland im Jahre 1985: Als in Whitehead im County Antrim ein Doppelmord geschieht, kommt es zu einem Kompetenzgerangel zwischen Larne RUC und Carrickfergus RUC, doch Detective Sergeant McCrabban ist fest entschlossen, den Fall zu übernehmen, wittert er schließlich eine Chance, sich seine ersten Meriten zu verdienen, weshalb er auch seinen Freund und Kollegen Detective Inspector Sean Duffy hinzuzieht. Dabei scheint der Fall relativ klar zu sein, handelt es sich bei den Mordopfern schließlich um Ray Kelly und dessen Frau, während von Sohn Michael – der seit längerem im Clinch mit seinem Vater lag – jede Spur fehlt. Schnell scheint der Fall gelöst, als Michaels Leiche nebst Abschiedsbrief am Fuße einer Klippe bei Blackhead gefunden wird, doch Duffy und McCrabban kommt der Fall zu einfach vor; eine Ahnung, die sich bestätigt, als es zu einem weiteren vermeintlichen Selbstmord kommt.

Während die Troubles zunehmen und in Carrickfergus und Umgebung bald regelrecht bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen, ermitteln Duffy und McCrabban unermüdlich weiter und stoßen bald in der Vergangenheit von Michael Kelly auf weitere Hinweise, die ihre Nachforschungen in gänzlich unerwartete Bahnen lenken. Als wäre dem nicht genug, macht auch Seans alte Bekannte Kate Albright vom MI5 ihm ihre Aufwartung und versucht ihn für einen Posten beim Geheimdienst zu erwärmen, doch Duffy zweifelt, ob er seine Zeit bei der RUC so einfach hinter sich lassen kann. Und zumindest den Fall Kelly will er gelöst wissen, bevor er eine Entscheidung treffen kann.

Rezension:

Nachdem ich nun die Lektüre des vierten Bandes der Sean Duffy-Reihe beendet habe, bin ich umso glücklicher, zu wissen, dass die Reihe mit Rain Dogs bereits einen Nachfolger in den Startlöchern stehen hat, denn wer meinen würde, McKinty würde langsam zu schwächeln beginnen, täuscht sich gewaltig, denn erneut gelingt es ihm, das Carrickfergus Mitte der Achtziger durch die Augen des Detective Inspector Sean Duffy zu neuem Leben zu erwecken und schildert neben dem eigentlichen Kriminalfall wieder mit viel Gespür die herrschenden Zustände, umreißt die politischen Verwicklungen und lässt sich gar für den Fall selbst von der Realität mehr als nur ein wenig inspirieren, doch möchte ich gar nicht verraten, um was es genau sich da handelt, denn dadurch würde nur unnötig Spannung verloren gehen und vor allem der unerwartet ereignisreiche Epilog an Wucht und Erkenntniswirkung verlieren, zumal jeder, der sich die Spannung verderben möchte, nach kurzer Internetrecherche fündig werden dürfte. Am besten aber geht man unvorbelastet an Gun Street Girl heran, im allerbesten Fall natürlich mit Kenntnis der vorangegangenen Bände, auch wenn die wieder einmal nicht zwingend vonnöten ist, um die Geschichte genießen zu können.

»Also gut, Duffy«, meinte eine krächzende Stimme, die ein wenig nach meiner eigenen klang, »jetzt wird’s ernst.« Ich suchte mir einen Pullover und eine Jeans raus, die noch nicht zu abgewetzt aussahen. Ich schnürte meine Doc Martens zu, schnappte meinen Dienstrevolver und einen schwarzen Regenmantel und trat hinaus auf die Coronation Road.
Ich schaute unter dem BMW nach Sprengsätzen und stieg ein.

Nichtsdestotrotz bangt und fiebert man natürlich in gänzlich anderen Ausmaßen mit dem katholischen Bullen mit, wenn man ihn nun seit mehreren Jahren begleitet und seinen Ausführungen zu Musik und Literatur nicht erst seit gerade eben lauscht, seine Vorlieben für Wodka Gimlet kennt und seine Marotte, seinen BMW, vor jedem Einsteigen nach Bomben abzusuchen, wenn man seine Nachbarn in der Coronation Road kennt und den jüngst verstorbenen Matty McBride kennenlernen durfte, der hier von zwei Jungspunden beerbt wird, derweil man sich zudem hier auf ein Wiedersehen mit Kate Albright, Leiterin des MI5-Büros in Belfast, freuen darf, deren frühere Aufeinandertreffen mit Duffy sich zu kennen lohnen, auch, um die Chemie zwischen den beiden nachvollziehen zu können, gibt sie schließlich dem Roman seinen Titel Gun Street Girl, der wieder einmal vom Titel eines Songs von Tom Waits nachempfunden ist, wie nun endlich auch in der deutschen Fassung ersichtlich wird, da man nicht mehr versucht, die Titel krampfhaft einzudeutschen.

Davon abgesehen, ermittelt Duffy auch hier wieder in seiner gewohnt rotzigen wie gleichermaßen couragierten Art und lässt in seinen geistreichen Kommentaren und Anekdoten reichlich Zeitgeist des damaligen Irland durchschimmern, was erneut – wie ich nicht müde werde zu betonen – den Vergleich zur Jack Taylor-Reihe des Herrn Bruen nahelegt, auch wenn bei McKinty die Kriminalfälle deutlich mehr im Vordergrund stehen. Hier lauert aber auch einer der wenigen Fallstricke des Romans, denn während ich die Polizeirecherchen als überaus authentisch und spannend empfunden habe, könnten diese bei ungeduldigeren Lesern im Mittelteil zu leichten Ermüdungserscheinungen führen, denn wie so oft bei einem ungeklärten Mordfall tappt auch hier die Carrickfergus RUC zuweilen arg im Dunkeln und es sind einige Schlenker vonnöten, um Resultate zu erzielen, doch Duffys Umgang mit Zeugen und Verdächtigen, seine markigen Sprüche, die in immer neue Richtungen driftenden Ermittlungen und die sich erst langsam verdichtenden Zusammenhänge wussten mich bestens zu unterhalten, wenn auch dieser McKinty-Roman wieder gewohnt endspiellastig war und die regelrechten Offenbarungen erst ganz zum Schluss erfolgen, während sich das Finale selbst diesmal unerwartet knapp gestaltet.

Wir hatten zwei neue Beamte, eine schmächtige junge Frau und einen ebenso schmächtigen jungen Mann; keiner von beiden war ein adäquater Ersatz für unseren verstorbenen und betrauerten Kollegen Matty McBride, der im Jahr zuvor bei einem kleinen, willkürlichen Mörserangriff auf unser Revier ums Leben gekommen war. Sein Todesfall würde nie gänzlich aufgeklärt werden, denn Mattys Mörder war nie gefasst worden und würde auch nie gefasst werden.
»Weisheit und Nachsicht«, wiederholte ich. »Wie der Prophet Elia. Das ist doch der, der die Bären auf die Kinder gehetzt hat, die ihn ausgelacht haben, richtig?«
»Ich glaube, das war der Prophet Elisa, Sean.«
»Du musst mir schon ein paar Punkte dafür geben, ich habe ja nur um einen Buchstaben danebengelegen.«

Was zunächst eine gewisse Ernüchterung hervorruft, die sich von Duffy auf den Leser überträgt, wird aber wie gesagt im Epilog von Gun Street Girl noch einmal negiert, denn ohne dass es wie ein billiger Taschenspielertrick wirken würde – stützt sich McKinty schließlich auf reale historische Ereignisse, wirft er noch einmal den Status Quo gehörig über den Haufen und öffnet gleichermaßen Tür und Tor für den von mir schon sehnlichst erwarteten fünften Teil der Reihe. Das hohe Niveau weiß der Autor also durchaus zu halten, wobei es natürlich neben dem Setting und seinem ungewöhnlichen Protagonisten natürlich einmal mehr seinem poetischen wie lakonischen, oftmals von leisem Witz durchzogenen Schreibstil geschuldet ist – der übrigens einmal mehr vortrefflich von Übersetzer Peter Torberg ins Deutsche übertragen wurde – , dass diese Krimi-Reihe so ungemein lohnenswert ist, denn wenn die Geschichte zuweilen erneut ein wenig konstruiert wirkt und McKinty doch im Zuge der künstlerischen Freiheit Abläufe und Zusammenhänge verändert oder verdichtet, ist doch jede Seite und vor allem jede Episode auch abseits des eigentlichen Kriminalfalles erneut ein Genuss.

Fazit & Wertung:

Auch Gun Street Girl, Sean Duffys mittlerweile vierter Fall aus der Feder von Adrian McKinty, präsentiert sich als regelrechte Pflichtlektüre für Krimi- und/oder Irland-Fans, denn es gelingt ihm tatsächlich, das Niveau der Vorgänger nicht nur zu halten, sondern auch aus dem Fundus der bereits eingeführten Figuren zu schöpfen und sich an historischen Begebenheiten zu orientieren, um seine Geschichte zusätzlich anzureichern, was den Band für Quereinsteiger zwar vielleicht ein bisschen weniger interessant macht, doch wer es richtig machen will, beginnt sowieso mit dem ersten Buch.

9 von 10 falschen Fährten und unerwarteten Offenbarungen

Gun Street Girl

  • Falsche Fährten und unerwartete Offenbarungen - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Auch Gun Street Girl, Sean Duffys mittlerweile vierter Fall aus der Feder von Adrian McKinty, präsentiert sich als regelrechte Pflichtlektüre für Krimi- und/oder Irland-Fans, denn es gelingt ihm tatsächlich, das Niveau der Vorgänger nicht nur zu halten, sondern auch aus dem Fundus der bereits eingeführten Figuren zu schöpfen und sich an historischen Begebenheiten zu orientieren, um seine Geschichte zusätzlich anzureichern, was den Band für Quereinsteiger zwar vielleicht ein bisschen weniger interessant macht, doch wer es richtig machen will, beginnt sowieso mit dem ersten Buch.

9.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Suhrkamp Verlages. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Gun Street Girl ist am 24.10.15 als Klappenbroschur im Suhrkamp Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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