Review: A Long Walk Up the Water Slide | Don Winslow (Buch)

Und weil ich die letzten Tage ja zumindest Zeit und Muße hatte, mal wieder ein wenig in Büchern zu lesen, fällt es mir nun heute auch gar nicht schwer, euch pünktlich zum Wochenende von meiner jüngsten Lektüre zu berichten.

A Long Walk Up the Water Slide
Neal Careys vierter Fall

A Long Walk Up the Water Slide, USA 1994, 301 Seiten

A Long Walk Up the Water Slide von Don Winslow | © Suhrkamp Verlag
© Suhrkamp Verlag

Autor:
Don Winslow
Übersetzerin:
Conny Lösch

Verlag (D):
Suhrkamp Verlag
ISBN:
978-3-518-46583-7

Genre:
Krimi | Thriller

 

Inhalt:

Das war sein größter Fehler. Er hätte wieder ins Bett gehen, sich die Decke über den Kopf ziehen und sich weigern sollen, herauszukommen, bis Joe Graham in zehntausend Metern Höhe im Flieger nach New York saß. Hätte er das gemacht, hätte er Polly Paget nie kennengelernt, Candyland nie gesehen und wäre ganz bestimmt keine verdammt lange Wasserrutsche hochgeklettert.

Endlich hat Neal Carey, nachdem er an seinem derzeitigen Aufenthaltsort – der als The High Lonely bekannten Gegend in den Weiten Nevadas – gründlich aufgeräumt hat, zur Ruhe gefunden, lebt gemeinsam mit Karen abseits des Trubels der hektischen Großstadt, aus der er stammt und sieht die Chance gekommen, nun endlich seine Doktorarbeit beenden zu können. Dann allerdings – wie sollte es auch anders sein – steht plötzlich sein Ziehvater und Mentor Joe Graham bei Karen und ihm auf der Matte und bittet ihn, erneut einen Job für die als Friends of the Family bekannte Organisation zu übernehmen, doch während Neal sich zunächst sträubt, ist es ausgerechnet Karen, die bereitwillig zustimmt, als sie von der Belohnung erfährt. Immerhin gilt es diesmal nicht, eine spurlos verschwundene Person aufzustöbern und der Job kann quasi von zu Hause aus erledigt werden, denn Graham plant, die von den Medien belagerte Polly Paget in Nevada zu verstecken, die ihrerseits dem bekannten Fernsehstar Jack Landis vorwirft, sie vergewaltigt zu haben.

Doch Neal soll Polly mitnichten nur Unterschlupf gewähren, sondern auch dafür sorgen, dass sich die im Gossen-Jargon daherredende Polly ein annähernd gesellschaftsfähiges Vokabular angewöhnt, um vor Gericht und im Angesicht der Medien überhaupt ernst genommen zu werden, wobei sich selbst dieser Part seines Auftrages als weitaus schwieriger entpuppt als erwartet, wenn auch schwerer wiegt, dass gleich mehrere Parteien aus unterschiedlichen Gründen den Aufenthaltsort von Polly zu ermitteln versuchen, was die Situation für Neal, Karen und ihren ungewöhnlichen Besuch recht bald prekär werden lässt, zumal sich insbesondere Polly des Ernstes der Lage kaum bewusst zu sein scheint…

Rezension:

In gerade einmal drei Bänden hat Neal Carey in seiner Funktion als Mitarbeiter der dubiosen Vereinigung namens Friends of the Family, die sich seit jeher hart am Rande des Gesetzes bewegt hat – und Neal noch viel öfter in ernste Schwierigkeiten gebracht hat – bereits einige denkwürdige Stätten bereist und strandete zuletzt in seinem dritten Abenteuer Way Down On the High Lonely in ebenselbiger Gegend, The High Lonely, ihres Zeichens in Nevada gelegen. Dort, so erfährt man zu Beginn von A Long Walk Up the Water Slide – dessen Titel sich übrigens erst ganz zum Ende wirklich erschließen wird – , ist er auch geblieben und hat es sich mit seiner Karen häuslich eingerichtet, doch wer das Buch in Händen hält, ahnt natürlich, dass damit seine abenteuerlichen Tage noch längst nicht gezählt sind, gäbe es schließlich ansonsten wohl auch kein Buch. Nichtsdestotrotz ist Neal Careys mittlerweile vierter Fall in mehreren Punkten anders als die vorangegangenen Geschichten, was mal positive, mal eher negative Konsequenzen hat.

»Wenn man für die Friends arbeitet, muss man in Hundejahren rechnen«, sagte Neal. »Eigentlich bin ich hundertsechsundneunzig.«
Friends war die Kurzform für Friends of the Family, ein privates Unternehmen des Bankiers Ethan Kitteredge, mit dem er wohlhabenden Klienten aus gewissen Notlagen half, was meist damit endete, dass Neal und Graham in ebensolche gerieten. Neal war der letzten gerade erst entkommen und nicht besonders scharf darauf, gleich wieder in irgendein Schlamassel reinzurasseln.

So ist Neal hier das erste Mal nicht auf sich allein gestellt, doch versäumt es Winslow die meiste Zeit, das Potential, das Karen als dessen Gefährtin und Verbündete hätte bedeuten können, auch wirklich zu verwandeln, so dass sie ihm zwar ab und an Paroli bietet, meistenteils aber doch eher wie bloße Staffage wirkt, als ein unentbehrliches Mitglied eines eingeschworenen Teams zu sein, denn die Geschichte setzt nun einmal wie seit eh und je Neal Carey in den Fokus und niemand sonst, auch wenn der sich nicht nur einige Seiten mit allerhand Schurken teilen muss, die A Long Walk Up the Water Slide bevölkern, von einem abgehalfterten Privatschnüffler über einen Auftragskiller bis hin zur Mafia, die sich schier darum balgen, die unter Neals Fittiche geratene Polly zu schnappen. Ebenfalls auffällig ist, dass der Band mit seinen gerade einmal dreihundert Seiten deutlich schmaler ausfällt als noch die Abenteuer zuvor, was einerseits damit zusammenhängen mag, dass die Geschichte erneut in Nevada spielt und der Autor bedeutend weniger Zeit darauf verwenden muss, ein neues Setting zu umreißen und zu etablieren, andererseits aber auch dem Umstand geschuldet ist, dass die Geschichte zunächst einmal deutlich stringenter und mit merklich weniger Schlenkern und Twists daherkommt. Zunächst einmal, wohlgemerkt.

So wirkt die Geschichte leider auch in vielen Punkten recht stereotyp und wenig überraschend, während man als Leser noch am ehesten den Überblick zu verlieren droht, wenn es darum gilt, die zahlreichen Fraktionen, die Polly und damit Neal und Karen auf den Fersen sind, auseinander zu halten und deren jeweilige Beweggründe zu deuten. Größtes Problem mag aber wohl die Figur der Polly Paget selbst sein, die so haarscharf an einer Karikatur vorbeischrammt, dass man sie als Charakter kaum noch ernst nehmen kann und folglich die Geschichte selbst zuweilen ein wenig absurd wirkt, was zwar dem Unterhaltungswert zugutekommt, A Long Walk Up the Water Slide aber auch in die prekäre Lage bringt, nicht ganz ernst genommen werden zu können. Ohne Frage handelt es sich um einen der schwächeren Vertreter der Reihe, doch ist das dank Winslows Stil und Einfallsreichtum immer noch spürbar über Durchschnitt, zumal er auf den letzten Metern, in diesem Fall den finalen 50-60 Seiten, Kapriolen zu schlagen beginnt, mit denen er merklich Boden gutzumachen weiß.

»Ich hab mich zur Ruhe gesetzt«, erklärte Neal.
»Wie viel?«, fragte Karen Graham.
Neal hob die Augenbrauen, sah sie direkt an.
»Wir haben doch darüber gesprochen, dass wir hinten vielleicht eine größere Terrasse anbauen wollen«, erklärte sie.
Neal wandte sich wieder an Graham. »Ist sie Zeugin vor Gericht?«
»Kann sein«, erwiderte Graham.
»›Kann sein?‹«
Graham sagte: »Kommt drauf an, wie gut du deinen Job machst.«

Da reiht sich Wendung an Wendung, das Geschehen nimmt an Fahrt auf, die Szenen werden kürzer und griffiger, lassen beinahe den späteren Winslow mit seinen abgehackten, oft kaum vollständigen und damit nur umso prägnanter scheinenden Sätzen durchschimmern, während ein wahres Feuerwerk an Ideen und Intrigen losgetreten wird, das für den eher generischen Start und Mittelteil mehr als entschädigt, vor allem aber das Geschehen mehr und mehr in Richtung Mediensatire driften lässt und damit noch einmal eine ganz neue Richtung einschlägt, die man so kaum erwartet hätte. Der Epilog wiederum hätte ebenso gut als Abschluss der Reihe fungieren können, doch weiß man als geneigter Leser ja längst, dass Neal noch ein letztes Abenteuer erwarten wird, das unter dem Titel Palm Desert im Juni diesen Jahres seine deutsche Erstveröffentlichung feiern wird, ebenso wie es sich übrigens auch bei A Long Walk Up the Water Slide um die deutsch Erstveröffentlichung handelt und nicht etwa eine Neuauflage mit neuem Titel und neuer Übersetzung, für die man Conny Lösch übrigens auch hier wieder loben kann, auch wenn der Slang, den Polly zuweilen von sich gibt, in Art und Diktion sicherlich Geschmackssache sein mag.

Fazit & Wertung:

Fast scheint es, als habe Don Winslow mit A Long Walk Up the Water Slide seinen Elan verloren, Neal Carey in immer haarsträubendere Fälle zu verwickeln, doch was als recht generische Story beginnt, steigert sich spätestens im letzten Drittel zu einem regelrechten Feuerwerk an Ideen und Überraschungen, so dass auch Careys vierter Fall selbst mehr als zwei Dekaden nach seiner Erstveröffentlichung noch zu gefallen weiß, auch wenn er nicht ganz an die Originalität und Güte seiner drei Vorgänger heranreicht.

7,5 von 10 konkurrierenden und intrigierenden Parteien

A Long Walk Up the Water Slide

  • Konkurrierende und intrigierende Parteien - 7.5/10
    7.5/10

Fazit & Wertung:

Fast scheint es, als habe Don Winslow mit A Long Walk Up the Water Slide seinen Elan verloren, Neal Carey in immer haarsträubendere Fälle zu verwickeln, doch was als recht generische Story beginnt, steigert sich spätestens im letzten Drittel zu einem regelrechten Feuerwerk an Ideen und Überraschungen, so dass auch Careys vierter Fall selbst mehr als zwei Dekaden nach seiner Erstveröffentlichung noch zu gefallen weiß, auch wenn er nicht ganz an die Originalität und Güte seiner drei Vorgänger heranreicht.

7.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Suhrkamp Verlages. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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A Long Walk Up the Water Slide ist am 11.04.16 als Taschenbuch im Suhrkamp Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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