Review: In Almas Augen | Daniel Woodrell (Buch)

Nachdem ich euch in letzter Zeit ja überwiegend mit Reviews zu allerhand laufenden Reihen versorgt habe (und dies auch künftig tun werde), wurde es doch allerhöchste Zeit, mich auch einmal wieder einem in sich geschlossenen Roman zu widmen und so fiel meine Wahl diesmal auf Daniel Woodrell, den ich zwar schon länger auf dem Schirm hatte, dessen literarische Qualitäten ich aber nun endlich selbst kennenlernen durfte. Kommt mir gut ins verlängerte Wochenende und seht diesen Artikel gerne als Literatur-Tipp für die freien Tage an, denn die 200 Seiten schafft man in der Zeitspanne wirklich spielend 😉

In Almas Augen

The Maid’s Version, USA 2013, 192 Seiten

In Almas Augen von Daniel Woodrell | © Heyne
© Heyne

Autor:
Daniel Woodrell
Übersetzer:
Peter Torberg

Verlag (D):
Heyne
ISBN:
978-3-453-43791-3

Genre:
Drama | Historie

 

Inhalt:

Im Sommer des Jahres 1929 kommt es während einer abendlichen Tanzveranstaltung in West Table, Missouri zu einer verheerenden Explosion, die neben zahllosen Verletzten und Verstümmelten insgesamt 42 Todesopfer fordert. Trotz anfänglicher Ermittlungen bleibt die Tragödie unaufgeklärt, verfolgt jedoch die Einwohner des Ortes in ihren Gedanken über die Jahrzehnte hinweg und überschattet auch das Leben der Haushälterin Alma DeGeer Dunahew, die ihre Schwester Ruby bei der Explosion der Arbor Dance Hall verloren hat.

1965 berichtet sie ihrem Enkel Alek von dem Unglück, während sie selbst längst von den meisten gemieden wird ob ihrer forschen Art, auf die Aufklärung des Ereignisses zu drängen, von dem sie eine ziemlich genaue Vorstellung zu haben scheint, wie es sich zugetragen haben mag, doch es scheint fast, als würden die Einflussreichen der Stadt wenig Wert darauf legen, die genauen Umstände der Explosion zu ermitteln und in den Erzählungen seiner Großmutter werden für Alek ganze Generationen an Einwohnern von West Table lebendig, während sich die Ereignisse und Zusammenhänge zu einem tragischen Bild zu verdichten beginnen…

Rezension:

Ich hatte mir schon länger einmal vorgenommen, mich einem der Werke von Daniel Woodrell zu widmen, doch statt – wie vorhersehbar zu dem unter gleichnamigen Titel mit Jennifer Lawrence verfilmten Winter’s Bone zu greifen, lachte mich nun sein jüngstes Werk, In Almas Augen, an und schien ob der geringen Seitenzahl mehr als geeignet für einen ersten Blick auf den Autor. Bei einem Umfang von unter 200 Seiten allerdings von leichter oder schneller Lektüre auszugehen, erwies sich schnell als fataler Irrtum, denn ausgehend von der Explosion der Arbor Dance Hall im Jahre 1929 entspinnt er in flüchtigen wie knappen Erzählungen eine regelrechte Familiensaga, die sich nicht nur über die Jahrzehnte bis hinein in das Jahr 1989 erstreckt und gleichermaßen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurückreicht, sondern neben der Haushälterin Alma, deren Schwester Ruby bei dem Brand ebenso ums Leben gekommen ist wie 41 andere Personen, auch gleich noch eine ganze Schar Bewohner von West Table aufmarschieren lässt, die in irgendeiner Form mit Alma oder deren Eltern oder Kindern oder Enkeln zu tun hatte.

Daraus ergibt sich – so man denn am Ball bleibt und damit zu leben lernt, dass Woodrell bei In Almas Augen bis auf ganz wenige Ausnahmen gänzlich auf wörtliche Rede oder Dialoge im Allgemeinen verzichtet – nach und nach das Psychogramm einer ganzen Kleinstadt, dass gleichermaßen als Sittengemälde zu verstehen ist, denn dem Autor gelingt es wirklich gut, die damaligen Um- und Zustände zu umreißen, zu skizzieren und in seine Schilderungen zu flechten, die im Buch selbst aus dem Mund von Almas Enkel stammen und der aufklärt, dass die wahren Umstände der Tragödie in der Arbor Dance Hall niemals aufgeklärt worden sind und sich noch immer Trauernde an dem nun zur Gedenkstätte gewandelten Ort treffen, wobei nach seiner Ansicht einzig Alma zumindest eine Ahnung hatte, was sich zugetragen haben möge, mit ihrer Forderung, die Ermittlungen voranzutreiben, sich allerdings – wie man im Laufe der Geschichte erfahren wird- auch mehr und mehr ins gesellschaftliche Aus katapultiert.

Freilich handelt es dabei mitnichten um leichte Kost, insbesondere was den Aufbau der Geschichte betrifft, die sich kaum die Mühe macht, einzelne Szenen genauer zu datieren oder verorten und in beinahe jedem neuen Absatz zwischen den Protagonisten wechselt, die einem nicht zwangsläufig von vornherein etwas sagen müssen und deren genauer Status sich mir teilweise erst in den letzten Zeilen erschlossen hat, die dann wiederum schon in den nächsten Abschnitt münden und eine andere Figur ins Zentrum stellen, doch belohnt Woodrell den aufmerksamen Leser bei dieser fragmentarischen, an ein literarisches Puzzle gemahnenden Erzählweise auch mit einem sich langsam zu einem großen Ganzen verdichtenden Konstrukt, das einen tief in die Abgründe des Örtchens West Table blicken lässt. Bezüglich dieser Abgründe und des sich langsam entfaltenden Mikrokosmos fühlte ich mich derweil des Öfteren an Donald Ray Pollocks Knockemstiff erinnert, das in eine ähnliche Richtung geht, wenn es auch keinen dergestalt übergeordneten Plot aufweist.

Sie war auf einer Farm geboren worden und hatte ein halbes Jahrhundert lang als Magd gearbeitet. Sie hätte nie länger als bis Sonnenaufgang schlafen können, selbst wenn sie etwas dafür bekommen hätte; an jedem Morgen, den ich mit ihr verbrachte, saß sie im ersten Schein auf der Bettkante und bürstete sich ihr hexenlanges Haar, abschnittsweise, immer und immer wieder, strich sich durch das Haar, das seit Jahrzehnten keine Schere mehr gesehen hatte und von dem sie sich nicht trennen konnte trotz der vielen Zeit, die sie jeden Morgen damit zubrachte. Das Haar war weiß, mit Grau verschmiert, die Farbe einer Zeitung, die im Regen liegt, bis die Schlagzeilen über das Papier geflossen sind.

Hinsichtlich der Länge – oder in dem Fall eher Kürze – und dem Aufbau des zunächst verworren und sprunghaft wirkenden Plots verbietet es sich im Grunde auch, Details über die eigentliche Handlung und sich erschließende Zusammenhänge offenzulegen, um dem aufs Nötigste reduzierten Skript nicht vorzugreifen, wobei ich erst nach Der Lektüre gewahr wurde, dass Woodrell sich für seine Geschichte von der Explosion der Bond Dance Hall in West Plains, nicht ganz zufällig Heimat des amerikanischen Schriftstellers, hat inspirieren lassen, die nur ein Jahr früher als im Roman, also 1928, 37 Menschen das Leben kostete und bis heute unaufgeklärt ist. Dies aber nur am Rande erwähnend, will ich mich damit begnügen, zu unterstreichen, dass In Almas Augen ein höchst unerwartetes, für mich aber auch unerwartet vielschichtiges und ergiebiges Leseerlebnis war, das insbesondere Literaturbegeisterten, denen auch die Werke von Pollock oder auch Lansdale zu gefallen wissen (wobei selbige speziell in ihren Schlussakkorden deutlich rabiater zu Werke gehen), zu empfehlen ist, wohingegen Gelegenheitsleser oder Freunde einer stringenten Dramaturgie aufgrund des fragmentarischen Aufbaus und des oft schon beinahe dokumentarischen, sich aufs Nötigste beschränkenden und auf Dialoge weitestgehend verzichtenden Stils womöglich nicht unbedingt warm werden dürften mit diesem ungewöhnlichen Buch, dessen knappe Seitenzahl nicht über die erzählerische Wucht und Bedeutungsschwere hinwegtäuschen sollte, die Woodrell im Mikrokosmos West Table offeriert.

Fazit & Wertung:

Daniel Woodrells In Almas Augen ist trotz seiner kaum 200 Seiten Umfang mitnichten ein erzählerisches Leichtgewicht und entspinnt gleichermaßen Sittengemälde wie Familiensaga, die sich – ausgehend von einer Tragödie im Jahre 1929 – über ganze Dekaden erstreckt und dabei weit weniger die Aufklärung der Umstände selbiger im Sinn hat, sondern vielmehr den Entwurf zahlloser Miniaturen, die sich in letzter Konsequenz zu einem Geflecht miteinander verwobener Einzelschicksale verdichten.

8,5 von 10 tragischen Todesfällen

In Almas Augen

  • Tragische Todesfälle - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Daniel Woodrells In Almas Augen ist trotz seiner kaum 200 Seiten Umfang mitnichten ein erzählerisches Leichtgewicht und entspinnt gleichermaßen Sittengemälde wie Familiensaga, die sich – ausgehend von einer Tragödie im Jahre 1929 – über ganze Dekaden erstreckt und dabei weit weniger die Aufklärung der Umstände selbiger im Sinn hat, sondern vielmehr den Entwurf zahlloser Miniaturen, die sich in letzter Konsequenz zu einem Geflecht miteinander verwobener Einzelschicksale verdichten.

8.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Heyne. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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In Almas Augen ist am 13.07.15 bei Heyne als Taschenbuch erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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