Review: Isabel & Rocco | Anna Stothard (Buch)

Fast wäre es heute knapp geworden mit der allwöchentlichen Buch-Rezension (weil Lektüre noch nicht beendet), doch dann fiel mir ein, dass ich ja auch in diesem Bereich noch über Altlasten verfüge, die es zu verbloggen gilt und deshalb sprechen wir heute über:

Isabel & Rocco

Isabel and Rocco, UK 2003, 240 Seiten

Isabel & Rocco von Anna Stothard
© Diogenes Verlag

Autorin:
Anna Stothard
Übersetzerin:
Jenny Merling

Verlag (D):
Diogenes Verlag
ISBN:
978-3-257-30027-7

Genre:
Drama

 

Inhalt:

Die Geschwister Isabel und Rocco, die im Londoner Stadtteil Camden im Haus ihrer Eltern heranwachsen, bilden seit jeher eine gemeinsame Front gegen die Eltern und lauschen von ihrem gemeinsamen Zimmer – der Dachkammer des Hauses – dem Treiben im Haus, während sie ihren Erzeugern mehr mit Argwohn denn Zuneigung begegnen. So kommt es auch, dass die Geschwister sich in der Dachkammer ihr höchsteigenes Refugium errichten, sich beinahe bedingungslos vertrauen und dort nicht nur die Eltern, sondern schier die gesamte Welt auszusperren wissen, um sich ihren Gedankenspielen und Tagträumen hingeben zu können.

Diese Situation nimmt ungeahnte Ausmaße an, als die Eltern ohne ein weiteres Wort das Haus verlassen und ihre Kinder sich urplötzlich auf sich allein gestellt sehen. Während das Haus zunehmend verkommt, derweil Isabel und Rocco das Ganze noch mehr als Spiel betrachten, beginnt man auch in der Schule über die Beiden zu tuscheln und manch einer meint gar, die Geschwister hätten ein Verhältnis miteinander, was ob ihres vertrauten und intimen Umgangs miteinander auch nicht schwer zu glauben ist. Doch machen den Beiden nicht nur die zunehmenden Anfeindungen und Unterstellungen zu schaffen, die sie zunehmend den sozialen Halt verlieren lassen, denn bald schon droht ihnen das Geld auszugehen und die Grenzen zwischen Recht und Unrecht beginnen für die zwei Jugendlichen mehr und mehr zu verwischen…

Rezension:

Nach meiner Begeisterung für Pink Hotel und – beinahe ebenso ausgeprägt – auch Die Kunst, Schluss zu machen musste ich mich ja über kurz oder lang auch Anna Stothards eigentlichem Erstlingswerk – Isabel & Rocco – widmen, das ja vergleichsweise spät seinen Weg in die deutschen Läden gefunden hat und mit gerade einmal knapp unter 250 Seiten noch einmal merklich kürzer, dafür aber nicht minder kurzweilig geraten ist. Dennoch merkt man dem Buch, das das ungewöhnliche Verhältnis der Geschwister Isabel und Rocco skizziert, an, dass es noch nicht so ganz ausgereift wirkt wie schon die darauffolgenden Romane der Autorin, während ihr ureigener Stil aber dennoch schon durchschimmert.

»Ich bring das hier mal deinem Vater.« Damit ließ sie mich in der Küche stehen. Ich aß die fettigen Pommes und sah weiter ohne Ton fern. Ich verstand jedes Wort ihrer Unterhaltung, die Sätze schienen ihre Münder nur zögerlich verlassen zu wollen, negative, leere Sätze, die trotzdem so aggressiv waren wie ätzendes Gas. Sie wurden nicht handgreiflich, aber es waren harte Worte, die ich nicht hören wollte, deshalb ging ich nach oben, um meine Pommes mit Rocco zu teilen.

Nichtsdestotrotz wusste mich Isabel & Rocco zu fesseln, denn trotz der geringen Seitenzahl gelingt es Stothard, ein eindringliches Bild der beiden zu zeichnen und vor allem eine latent-unterschwellige Erotik zu vermitteln, ohne je auf Plattitüden oder Klischees zurückgreifen zu müssen, wodurch einerseits regelrecht spürbar wird, weshalb ihre Mitschüler ihnen alsbald ein inzestuöses Verhältnis unterstellen, andererseits nachvollziehbar bleibt, wieso die beiden sich – je mehr sie von der Außenwelt gemobbt werden – noch mehr denn je aufeinander fokussieren und sich von der Welt abzukapseln beginnen, was eine beinahe unweigerliche Katastrophe nach sich ziehen wird, die – und das muss man dem Buch hoch anrechnen – beinahe schon als logische und einzig mögliche Konsequenz erscheint, vor allem aber den Roman überraschend und ungewöhnlich enden lässt.

Dies ist derweil einer der Punkte, die mir an Isabel & Rocco noch mitunter am besten gefallen haben, denn obwohl die Grenzen zwischen Recht und Unrecht mehr und mehr verwischen, man sich selbst als Leser immer wieder zu fragen beginnt, ob und was an den Anschuldigungen der Mitschüler dran sein könnte, rätselt, wie es so weit hat kommen können, erliegt die Autorin nicht der Versuchung, alles bis ins letzte Detail zu klären oder überhaupt Erklärungsversuche zu finden, was die Faszination der Story sicherlich schnell im Keim erstickt hätte, dem Umstand geschuldet, das selbige aus der Sicht von Isabel geschildert wird, aber auch schlichtweg nicht gepasst hätte.

Sie wirkten so lustlos, dass es schon wieder faszinierend war. Essen machen, der Laden, das Haus, die Rechnungen, die Kinder. Alles gingen sie auf dieselbe lethargische Art an. Nur wenn sie einander berührten, war da noch ein Rest Energie zu spüren. Mittlerweile weiß ich, dass Dad einen Fehler begangen hatte, dass er die zarten Pflänzchen ihrer Persönlichkeiten einzementiert, ihnen Falten in die Haut tätowiert hatte. Jetzt, wo wir so weit weg von ihnen sind, fehlen sie mir. Wäre doch nur alles anders gekommen.

So ist Isabel & Rocco ein durch und durch extrem ungewöhnlicher Coming-of-Age-Roman geworden, eine packende, zuweilen beklemmende Geschichte zweier Geschwister, deren Nähe und Zuneigung zueinander zuweilen zerstörerische – in letzter Konsequenz gar selbstzerstörerische – Tendenzen offenbart und sich mit kaum einer Geschichte vergleichen lässt, dementsprechend neu und unverbraucht wirkt und sich weit abseits der ausgetretenen Pfade üblicher Genre-Klischees bewegt. Dennoch verhindern allein der noch etwas ungeschliffene Stil und das oftmals diffuse Gefühl von Ziel- und Richtungslosigkeit, dass Anna Stothards Erstlingswerk an die Qualität ihrer nachfolgenden Bücher anzuknüpfen mag, doch wer der Autorin bereits seine Zeit gewidmet und diese genossen hat, kann auch ohne größere Bedenken ihrem Debüt eine Chance geben, wohingegen ich allen anderen wohl nachdrücklich eher zu Pink Hotel raten würde, das in seiner Gänze schlicht runder, erwachsener und schlüssiger wirkt als dieser Kurztrip in die Niederungen der menschlichen Seele.

Fazit & Wertung:

Obschon man in Anna Stothards Debütroman Isabel & Rocco bereits Ansätze ihres späteren Schaffens erspäht und obgleich die zunehmend düsterer und beklemmender werdende Geschichte zweier aufeinander fixierter Geschwister zu überzeugen weiß, vermag der zuweilen noch etwas ungeschliffene Stil nicht auf jeder Seite zu überzeugen, ähnlich wie das Ende, das manch einem womöglich zu offen und vieldeutig erscheinen mag.

7,5 von 10 beklemmende Szenen

Isabel & Rocco

  • Beklemmende Szenen - 7.5/10
    7.5/10

Fazit & Wertung:

Obschon man in Anna Stothards Debütroman Isabel & Rocco bereits Ansätze ihres späteren Schaffens erspäht und obgleich die zunehmend düsterer und beklemmender werdende Geschichte zweier aufeinander fixierter Geschwister zu überzeugen weiß, vermag der zuweilen noch etwas ungeschliffene Stil nicht auf jeder Seite zu überzeugen, ähnlich wie das Ende, das manch einem womöglich zu offen und vieldeutig erscheinen mag.

7.5/10
Leser-Wertung 0/10 (0 Stimmen)
Sende

Weitere Details zum Buch und der Autorin findet ihr auf der Seite des Diogenes Verlag.

– – –

Isabel & Rocco ist am 24.09.14 im Diogenes Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

%d Bloggern gefällt das: