Review: Kind 44 (Film)

So, heute mal wieder mit einer Film-Kritik im Gepäck, von ich mir dann doch irgendwie mehr erhofft hatte, aber man darf ja manchmal auch danebengreifen. Völlige Zeitverschwendung war es ja aber immerhin auch nicht und das Archiv wächst beständig, als, wenn ich es die Tage mal wieder aktualisiere natürlich erst. Jetzt ist aber Feierabend angesagt, der Tag war so schon lang genug. Also, bis morgen, wenn ich mit weitaus lohnenderen Werken ums Eck komme!

Kind 44

Child 44, USA/UK/CZ/RO/RU 2015, 137 Min.

Kind 44 | © Concorde Video
© Concorde Video

Regisseur:
Daniel Espinosa
Autoren:
Richard Price (Drehbuch)
Tom Rob Smith (Buch-Vorlage)

Main-Cast:
Tom Hardy (Leo Demidov)
Gary Oldman (General Mikhail Nesterov)
Noomi Rapace (Raisa Demidov)
in weiteren Rollen:
Joel Kinnaman (Vasili)
Paddy Considine (Vladimir Malevich)
Jason Clarke (Anatoly Tarasovich Brodsky)
Vincent Cassel (Major Kuzmin)
Charles Dance (Major Grachev)

Genre:
Krimi | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Kind 44 | © Concorde Video
© Concorde Video

Moskau zu Beginn des Jahres 1953: Leo Demidov ist ein linientreuer Geheimdienstoffizier des MGB und macht unerbittlich Jagd Auf Agitatoren, Aufwiegler und Feinde des Regimes. Während für Demidov die Fronten klar zu sein scheinen, wird sein Leben alsbald aus zwei gänzlich differierenden Gründen unerwartet kompliziert, denn einerseits wird aus heiterem Himmel seine eigene Frau Raisa denunziert und Demidovs Vorgesetzter, Generalmajor Kuzmin, beauftragt ihn, sich der Sache anzunehmen, womit er Demidov in eine prekäre Lage bringt, doch damit nicht genug, wird ein Junge tot in der Nähe der Bahngleise aufgefunden. Bei dem Kind handelt es sich um den Sohn von Alexej Andrejew, Freund von Demidov und ebenfalls Mitarbeiter beim MGB, doch die Obrigkeit tut den Tod als Unfall ab. „Im Paradies gibt es keinen Mord“ lautet schließlich die von Stalin proklamierte Doktrin, doch Alexej weiß es besser und mit ihm Demidov, der seinerseits beschließt, eigene Ermittlungen anzustellen.

Während Leo noch darum bemüht ist, die Lage um seine vermeintlich aufrührerische Frau Raisa unter Kontrolle zu bringen, wird der Boden für ihn immer dünner und gemeinsam sehen sich die Demidovs gezwungen, Moskau den Rücken zu kehren, doch Leo stößt bei seinen Ermittlungen auf weitere Opfer und versucht seinen neuen Vorgesetzten, den General Mikhail Nesterov auf seine Seite zu ziehen, um dem ungehindert mordenden Serienkiller schlussendlich Einhalt zu gebieten. Das allerdings erweist sich als gar nicht mal so einfach, zumal wenn man die eigenen früheren Kollegen plötzlich gegen einen sind…

Rezension:

Ich kannte weder das zugrundeliegende Buch noch die zahlreichen Verrisse, die so im Netz zu Kind 44 kursieren und trotz oder gerade dessen beschloss ich eines Tages, dem Film eine Chance zu geben, ohne groß zu wissen, auf was ich mich einlassen würde, was mir anscheinend zum Vorteil gereicht wurde, konnte ich schließlich weder in Erwartung eines Thriller von einer weitestgehend entschleunigten Erzählung, noch in Erwartung einer vorlagentreuen Verfilmung von Änderungen und Streichungen enttäuscht werden, wodurch der Film an sich dann aber leider auch nicht automatisch gut wird, denn Daniel Espinosas Film hat schlichtweg das Problem, sich an zu vielen Fronten zu versuchen, so dass am Ende keiner der vielen vielversprechenden Ansätze wirklich aufgeht, denn die auf einem Drehbuch von Richard Price basierende Story wäre gerne Sittengemälde und Zeitdokument der damaligen Sowjetunion, gleichzeitig aber Krimi-Thriller auf der Jagd nach einem Serienkiller, während sich dessen Hauptfiguren alsbald auf der Flucht vor den Schergen Moskaus befinden und damit eine dritte Erzählfront aufmachen, womit das Pensum des Films noch längst nicht erschöpft ist, denn die Anfangsszene des Films, die sich erst gegen Ende erklärt, soll auch noch einen weiteren gesellschaftskritischen Aspekt transportieren, während auch die schlussendliche Offenbarung des Killers nicht wirklich befriedigt und wohl auch zur Buchvorlage differiert – aus Gründen.

Szenenbild aus Kind 44 | © Concorde Video
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Dabei hätte Kind 44 wohl sicherlich ein guter Film werden können (ist in meinen Augen aber auch weit davon entfernt, wirklich schlecht zu sein, was aber wie gesagt mit Erwartungshalt zusammenhängt), denn allein Tom Hardy (Lawless) in der Hauptrolle verspricht eigentlich jederzeit lohnenswertes und energetisches Schauspiel, doch kocht selbst er hier zunächst auf Sparflamme, wenngleich es nicht lange dauert, bis er langsam aber merklich an Fahrt aufnimmt, wenn er sich als Geheimdienstoffizier mehr und mehr gegen seine Vorgesetzten zu stellen beginnt und die Ermittlungen, die laut herrschender Doktrin nicht vonnöten sind, gibt es schließlich im Paradies keinen Mord, in die eigenen Hände nimmt und aufgrund dessen auch gezwungen ist, gemeinsam mit seiner Frau Raisa, dargestellt von Noomi Rapace (Prometheus), die hier eine wirklich undankbare, weil unerwartet flach bleibende Rolle zu spielen hat, aus Moskau zu fliehen.

Apropos flach, ergeht es so leider beinahe sämtliche Rollen, denn abgesehen von Hardys Figur des Leo Demidov wirken sämtliche Charaktere wie kaum mehr als Komparsen und Stichwortgeber, so dass es selbst einem Vincent Cassel (Trance) nicht gelingt, sein ihm eigenes Charisma zu nutzen, um seine substanzlose Rolle mit Bedeutung aufzuladen, während einzig Gary Oldman (The Book of Eli) routiniert und souverän überzeugt, derweil seine Figur auch nicht eben viel Tiefgang oder auch nur Screentime zugestanden bekommt, doch möglicherweise liegt das auch nur an seiner markanten Synchronstimme, verliehen von Udo Schenk, die sofort Oldman-Flair aufkommen lässt, wobei es an dieser Stelle Zeit ist, zu erwähnen, dass ich ausnahmsweise einmal froh bin, nicht die Originalfassung des Films gesehen zu haben, denn wie sich allerorten nachlesen ließ, durften wohl sämtliche Darsteller aller Herren Länder – freilich abgesehen von Russland selbst – ihren Rollen breite russische Akzente verleihen, was wohl weit mehr als nur ein wenig irritierend gewesen sein mag.

Szenenbild aus Kind 44 | © Concorde Video
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Immerhin vermag Kind 44 atmosphärisch auf ganzer Linie zu punkten und die Atmosphäre aus Angst und Unterdrückung spiegelt sich in jeder Kulisse, jeder Einstellung, jedem Kameraschwenk und Kostüm, so dass sowohl das damalige Moskau als auch die entlegeneren Gegenden des Landes glaubhaft zu neuem Leben erweckt worden sind, doch selbst wenn das Espinosas Werk zu einem ansprechenden Kostümfilm macht, täuscht das nicht über die Tatsache hinweg, dass seine Verfilmung einerseits zu lang geraten ist, um ohne Längen auszukommen und andererseits zu kurz, um all den angeschnittenen Aspekten Rechnung zu tragen, so dass selbst die Jagd nach dem Serienkiller zuweilen ins Hintertreffen gerät wenn es gilt, die eigene Haut zu retten, so dass sich schlussendlich kaum noch ein roter Faden erkennen lässt, was schon so manchem Film das Genick gebrochen hat. Gepaart mit dem nicht wirklich befriedigenden Finale, bei dem der schlussendliche Killer mehr wie aus dem Hut gezaubert wirkt und kaum über eine nachvollziehbare Motivation für seine Taten verfügt, macht das leider in der Quintessenz einen reichlich unausgegorenen Film, der in seinen besseren Momenten immer wieder durchscheinen lässt, wie spannend und packend er auch in seiner ruhigen Erzählweise hätte werden können, wenn man nicht versucht hätte, wirklich alles, was Thema und Setting so hergeben könnten, in einen einzigen Film zu pressen.

Fazit & Wertung:

Daniel Espinosas Buchverfilmung Kind 44 macht leider in der Summe mehr verkehrt als richtig und findet über die gesamte Laufzeit keine stringente Herangehensweise, die zahllosen aufs Trapez gebrachten Themen adäquat zu behandeln, wodurch auch der namhafte Cast rund um Tom Hardy weitestgehend verschenkt wird, was man dem Film so nicht gewünscht hätte, denn zumindest hinsichtlich Atmosphäre, Ausstattung und Look weiß dieser rundweg zu überzeugen und gefällt immerhin mit einer ganzen Reihe starker Einzelszenen, die lediglich in der Summe kein stimmiges Ganzes ergeben.

5,5 von 10 Ermittlungen im verschneiten Russland

Kind 44

  • Ermittlungen im verschneiten Russland - 5.5/10
    5.5/10

Fazit & Wertung:

Daniel Espinosas Buchverfilmung Kind 44 macht leider in der Summe mehr verkehrt als richtig und findet über die gesamte Laufzeit keine stringente Herangehensweise, die zahllosen aufs Trapez gebrachten Themen adäquat zu behandeln, wodurch auch der namhafte Cast rund um Tom Hardy weitestgehend verschenkt wird, was man dem Film so nicht gewünscht hätte, denn zumindest hinsichtlich Atmosphäre, Ausstattung und Look weiß dieser rundweg zu überzeugen und gefällt immerhin mit einer ganzen Reihe starker Einzelszenen, die lediglich in der Summe kein stimmiges Ganzes ergeben.

5.5/10
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Kind 44 ist am 22.10.15 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von Concorde Video erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

  • Jap, wirklich schade, dass wir nur so wenig ueber die Motivation des Killers erfahren. Die Idee, die Genres so zu vermischen gefiel mir eigentlich ganz gut, doch bei der Umsetzung hat es dann irgendwie vorne und hinten nicht mehr hingehauen. Wirklich schade drum..

    • Ich dachte auch, dass mir die Genre-Mixtur gefallen könnte, zumal viele (schlechte) Wertungen meines Erachtens darauf beruht haben, dass sich die Personen einen waschechten Thriller erwartet haben und dadurch enttäuscht worden sind, weshalb ich der Meinung war, „Kind 44″ könnte bei mir besser abschneiden, aber die Umsetzung schafft es wirklich nicht, die verschiedenen Ansätze und Aspekte sinnvoll zu verknüpfen…

      Und stimmt, der Killer wirkt ein wenig so wie „Die waren früher gemein zu mir, weißt du doch, tja – und deshalb morde ich jetzt halt“

  • der Michi (seilerseite.de)

    Gute Rezension! Als Eisenbahnfan muss ich sagen: Der Film hat in dieser Hinsicht absolut nichts mit dem Russland der damaligen Zeit zu tun. Peinlich für so ein millionenschweres Projekt, aber Tschechien ist als Drehort mit deutschen Fahrzeugen (!) eben billiger und hollywoodfreundlicher … Sonst ist die Atmosphäre sehr gelungen, den Inhalt sehe ich ähnlich.

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