Review: Dritte Person (Film)

Und da wäre ich auch schon wieder, pünktlich zum Dienstag und dem schlechten Wetter zum Trotz mit einer neuen Film-Kritik, einmal mehr zu einem Werk, dass wohl – laut OFDb beispielsweise – doch eher weniger Leute oder zumindest BloggerInnen gesehen haben. Zu Unrecht wie ich finde, denn so schlecht wie sein Ruf – laut Moviepilot – ist der Film nun wirklich nicht!

Dritte Person

Third Person, BE/USA/FR/UK/DE 2013, 137 Min.

Dritte Person | © Sony Pictures Home Entertainment Inc.
© Sony Pictures Home Entertainment Inc.

Regisseur:
Paul Haggis
Autor:
Paul Haggis

Main-Cast:

Liam Neeson (Michael)
Mila Kunis (Julia)
Adrien Brody (Scott)
Olivia Wilde (Anna)
James Franco (Rick)
Moran Atias (Monika)
Maria Bello (Theresa)
Kim Basinger (Elaine)

Genre:
Drama | Romantik | Mystery

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Dritte Person | © Sony Pictures Home Entertainment Inc.
© Sony Pictures Home Entertainment Inc.

Bestseller-Autor und Pulitzer-Preisträger Michael, der sich kürzlich von seiner Frau getrennt hat, hat sich in der Suite eines noblen Pariser Hotels einquartiert, um an seinem nächsten Werk zu arbeiten, als seine Geliebte mit Namen Anna ihm dort unerwartet ihre Aufwartung macht und von seiner Trennung gar nicht einmal so angetan ist, wie er sich das erhofft oder erwartet hätte. Derweil begegnet der amerikanische Geschäftsmann Scott in einer Bar in Rom der attraktiven Monika, doch was zunächst wie ein einmaliges und unverbindliches Treffen wirkt, wächst sich bald zu einer Tirade aus Gewalt und Betrug aus, als Scott erfährt, dass Monikas Tochter entführt worden ist und sie dringend Geld benötigt, um sie bei einem skrupellosen Zuhälter auszulösen. In New York derweil nimmt die junge Julia einen Job als Zimmermädchen in einem Hotel an und bemüht sich verzweifelt darum, ihren Ex-Mann, den gefeierten Maler Rick dazu zu bewegen, mit ihr das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn zu teilen, dass ihr aufgrund ihrer psychisch instabilen Lage entzogen worden ist…

Rezension:

Trotz tendenziell regelrecht vernichtender Kritiken, die im Netz so zu Paul Haggis‘ neuestem Werk Dritte Person herumgeistern, musste ich mir doch selbst ein Bild machen, bin ich schließlich sozusagen mit Werken wie L.A. Crash aufgewachsen, das ich aus dem Grunde exemplarisch anführe, da die episodische und erst gegen Ende zusammenlaufende Erzählweise des Ensemble-Stücks doch von der Tendenz her sehr an den früheren Oscar-Gewinner erinnert. Überhaupt scheint Haggis‘ Werk von vornherein einen schweren Stand gehabt zu haben, wenn man allein berücksichtigt, dass sich so manche Kritik darauf bezieht, dass der Film keine Action biete, was man wohl von jüngeren Filmen mit Liam Neeson ungeachtet des Inhalts und Genres erwarten muss. Action findet sich nämlich tatsächlich so gut wie keine, doch handelt es sich eben auch um ein Drama mit Mystery-Einschlag, dessen Ausmaß sich im Laufe der Zeit weiter auswächst und ebenfalls nicht wenige Personen verwirrt und enttäuscht zurücklässt, wenn die Handlungsfäden in einem zwar konstruiert wirkenden, für sich genommen aber durchaus stimmungsvollen Finale kulminieren, das dem geneigten Zuschauer gehörig Erklärungen schuldig bleibt, obwohl doch bei näherem Blick alles klar auf der Hand liegen dürfte.

Szenenbild aus Dritte Person | © Sony Pictures Home Entertainment Inc.
© Sony Pictures Home Entertainment Inc.

Dennoch muss ich einräumen, dass der Film von seinem für mich persönlich überzeugenden Finale einmal abgesehen merklich zu lang geraten ist und so manche Handlung bis fast zuletzt unverständlich bleibt, was den ohnehin schon überwiegend überraschungsarmen Plots der einzelnen Episoden nicht gerade gut tut, die in drei unterschiedlichen Metropolen – Paris, Rom und New York – ihren Anfang finden. Insbesondere der Part um Adrien Brody (American Heist) und seine Figur des Geschäftsmannes Scott wusste mich leider die meiste Zeit so gar nicht zu packen, zumal relativ schnell klar wird oder sein dürfte, dass die Roma Monika ihn nur hinters Licht führt, um an sein Geld zu kommen, spielt er das Spiel weiter mit, fadenscheinig erklärt allein dadurch, dass Monika ihm die Geschichte aufgetischt hat, ihre Tochter wäre entführt worden, so dass er sich verzweifelt an die Möglichkeit klammert, diese könnte tatsächlich existieren, hat er selbst schließlich seinen Sohn vor nicht allzu langer Zeit durch eine Unachtsamkeit seinerseits verloren, woran er merklich zu knabbern hat, auch wenn man das eher als Subtext betrachten kann, denn wirklich ausformuliert wird hier nicht viel, auch wenn die Parallelen schnell ins Auge fallen, denn auch der von Liam Neeson (Ruhet in Frieden – A Walk Among the Tombstones) verkörperte Schriftsteller Michael hat seinen Sohn verloren, währenddessen Mila Kunis (Blood Ties) in ihrer Rolle als Julia verzweifelt um das Sorgerecht für ihren Sohn kämpft.

Der Part um Kunis‘ Charakter ist dahingehend sogar noch mitunter am interessantesten geraten aufgrund der Tatsache, dass die zugrundeliegenden Umstände erst nach und nach enthüllt werden und man lange Zeit am Rätseln bleibt, was sich zugetragen haben mag, dass ihr Exmann Rick – hier verkörpert von James Franco (127 Hours) – so vehement darauf beharrt, ihr den Umgang mit dem gemeinsamen Kind zu verbieten. Last but not least wäre dann noch die Geschichte des sich in Paris befindenden Schriftstellers, der eine Liaison mit der ambitionierten Anna – Olivia Wilde (Drinking Buddies) – eingeht, nachdem er sich von seiner Frau getrennt hat und während deren Geschichte recht generisch und den üblichen Genre-Regeln unterworfen startet, hält auch dieser Plot gerade gegen Ende noch einige Überraschungen bereit, die insbesondere das sprunghafte Verhalten Annas von einem ganz neuen Blickwinkel aus zu beleuchten wissen.

Szenenbild aus Dritte Person | © Sony Pictures Home Entertainment Inc.
© Sony Pictures Home Entertainment Inc.

Ungeachtet dessen, dass Dritte Person weitestgehend ruhig und getragen erzählt wird, steht und fällt der Gesamteindruck des Films mit der Akzeptanz und dem Verständnis seiner Auflösung, denn vieles, was man als mangelndes Character-Building abtun könnte, ebenso wie vermeintliche inszenatorische Schludrigkeiten und gar grobe Schnitzer verwirren zunehmend und irritieren bis zuletzt, derweil die Auflösung der Chose zwar in meinen Augen sehr gelungen, aber doch auch über die Maßen konstruiert wirkt und man auf eine alles erklärende Einstellung vergeblich hofft und die stimmige Deutung des Gezeigten einem selbst überlassen bleibt, doch während ich es beispielsweise schätze, nicht alles vom Regisseur und/oder Drehbuchautoren (hier in beiden Fällen Haggis) vorgekaut zu bekommen, dürfte der Film mit diesem Ende so manchem vor den Kopf gestoßen haben. Tatsächlich ist der Film in meinen Augen also nicht annähernd so schlecht, wie er mancherorts gemacht wird, doch muss ich einräumen, dass er leichtfüßiger und schnittiger hätte inszeniert werden können und manchmal doch schon beinahe grenzwertig prätentiös wirkt, während mir die Prämisse – ebenso übrigens wie die durchweg stimmigen Darstellerleistungen – durchaus zusagen, weshalb ich es auch nicht bereue, diesem Episodenstück meine Aufmerksamkeit und Zeit gewidmet zu haben, wenn hier auch noch deutlich mehr drin gewesen wäre.

Fazit & Wertung:

Paul Haggis‘ Episoden- und Ensemble-Stück Dritte Person hätte womöglich ein weiteres Meisterwerk in der Vita des Filmemachers, wenn der Film nicht so langatmig inszeniert wäre und in letzter Konsequenz dergestalt überkonstruiert wirkt, dass die finale Auflösung, die zudem mehr angedeutet denn ausformuliert wird und folglich den Einen oder Anderen recht ratlos zurücklässt, nicht annähernd den gewünschten Aha-Effekt erzeugen kann. Nichtsdestotrotz ein solides, stimmig besetztes und dem Grunde nach überzeugendes Werk, dessen Prämisse sich aber noch weitaus wirkungsvoller hätte entfalten können.

6,5 von 10 Momenten tragischer Verluste

Dritte Person

  • Momente tragischer Verluste - 6.5/10
    6.5/10

Fazit & Wertung:

Paul Haggis‘ Episoden- und Ensemble-Stück Dritte Person hätte womöglich ein weiteres Meisterwerk in der Vita des Filmemachers, wenn der Film nicht so langatmig inszeniert wäre und in letzter Konsequenz dergestalt überkonstruiert wirkt, dass die finale Auflösung, die zudem mehr angedeutet denn ausformuliert wird und folglich den Einen oder Anderen recht ratlos zurücklässt, nicht annähernd den gewünschten Aha-Effekt erzeugen kann. Nichtsdestotrotz ein solides, stimmig besetztes und dem Grunde nach überzeugendes Werk, dessen Prämisse sich aber noch weitaus wirkungsvoller hätte entfalten können.

6.5/10
Leser-Wertung 7/10 (7 Stimmen)
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Und weil es mir in diesem speziellen Fall wirklich schwer gefallen ist, mich zu dem Film zu äußern, ohne dessen Auflösung zu spoilern, vor allem aber auch, weil ganz viele das Ende nicht verstanden zu haben scheinen, lasse ich es mir nicht nehmen, noch ein wenig frei von der Leber weg zu plaudern, wie ich das ende des Films interpretiert habe.

SPOILER – SPOILER – SPOILER – SPOILER – SPOILER – SPOILER

Mit Anbruch der letzten Viertelstunde, wenn einzelne Figuren zu verschwinden beginnen, beginnt sich anzudeuten, dass die Geschichten ihr Ende finden, ihr Ende finden aus dem Grund, dass der von Neeson verkörperte Schriftsteller sie nicht weiter verfolgt, hat er sich schließlich, wie man noch während des Films erfährt, darauf versteift, die Geschichte von Olivia Wildes Figur, die ein Verhältnis mit ihrem eigenen Vater hat, zu erzählen. Es folgt die abschließende Szene, in der Wildes Figur Anna vermeintlich erfährt, dass sie es war, die mit ihrem Anruf den Tod des Sohnes von Neesons Figur Michael mit zu verschulden hat und als Anna zu flüchten beginnt, Michael sie verfolgt und aus Anna plötzlich Julia (Kunis), kurz auch Monika (Atias) wird, beginnt sich herauszukristallisieren, dass es sich nicht wirklich um mehrere Geschichten gehandelt hat, sondern um Ausgeburten von Michaels Fantasie, was dann auch erklärt, wieso sich speziell die Handlungsorte Paris und New York bereits während des Films zu überlappen begonnen haben, so dass Julia plötzlich – obwohl in New York zu verorten – in Paris zu sein scheint und in Michaels Zimmer einen Zettel verlieren kann, der dann wiederum von Anna entwendet wird, was natürlich zu reichlich Konfusion führt, so lange man nicht weiß, dass sämtliche Episoden nur Hirngespinste des Schriftstellers sind.

Szenenbild aus Dritte Person | © Sony Pictures Home Entertainment Inc.
© Sony Pictures Home Entertainment Inc.

Doch selbst in den seiner Fantasie entsprungenen Geschichten, die allesamt den Verlust eines Sohnes thematisieren und deren Protagonisten er geläutert wissen will, gelingt es ihm nicht, eine Katharsis herbeizuführen, so dass seine Verfolgung Annas ihn letztlich zum Ursprung allen Übels treibt, den Ort, an dem er seinen Sohn verloren hat, verloren hat aus eigener Unachtsamkeit. Das Bild wechselt zu dem eingangs gezeigten, abgedunkelten Hotelzimmer, Michael ist allein, brütet über seinen Texten und es ist klar, dass nichts von dem, was der Film gezeigt hat, wirklich passiert ist, nichts außer dass Michael tatsächlich seinen Sohn verloren hat und seitdem in der Isolation vor sich hinbrütet, sich nicht vergeben kann und auch niemals können wird.

Damit erklärt sich dann schlussendlich auch der Titel des Films, denn während ich anfänglich meinte, er bezöge sich auf die zumeist abwesenden beziehungsweise toten Kinder als dritte Person, ist am Ende natürlich klar, dass davon die Rede ist, dass Schriftsteller Michael von sich selbst in der dritten Person erzählt und sich gleich mehrere Alter Egos schafft.

SPOILER ENDE – SPOILER ENDE – SPOILER ENDE

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Dritte Person ist am 09.04.15 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von Sony Pictures erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

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