Review: Das Geheimnis des weißen Bandes | Anthony Horowitz (Buch)

Wie sich das für einen Freitag gehört, komme ich wieder einmal mit Freuden mit einer Buch-Kritik daher, die es für meinen Geschmack hier ohnehin viel zu selten gibt, doch benötigt so eine Buch-Lektüre eben auch immer deutlich mehr Zeit als beispielsweise die Sichtung eines Films, weshalb ich schon froh bin, es diesmal wieder innerhalb der Wochenfrist gepackt zu haben, zumal ich euch den heutigen Gegenstand meiner Rezension mal wieder nur empfehlen kann!

Der neue Sherlock-Holmes-Roman
Das Geheimnis des weißen Bandes

The House of Silk, UK 2011, 352 Seiten

Das Geheimnis des weißen Bandes von Anthony Horowitz | © Insel Verlag
© Insel Verlag

Autor:
Anthony Horowitz
Übersetzer:
Lutz-W. Wolff

Verlag (D):
Insel Verlag
ISBN:
978-3-458-35915-9

Genre:
Krimi | Mystery

Trailer:

 

Inhalt:

Im November des Jahres 1890 findet sich ein elegant gekleideter Herr in der Baker Street 221 b bei Meisterdetektiv Sherlock Holmes ein, um von einer Geschichte zu berichten, die ihn bis nach Amerika geführt und in Kontakt mit einer irischen Verbrecherbande gebracht hat, die ihn nun, so scheint es, bis nach London verfolgt hat und ihm nach dem Leben trachtet, weshalb er Holmes um dessen Hilfe bittet. Der nimmt sich bereitwillig des Falles an und zieht die Irregulären hinzu, um des Gangsters habhaft zu werden, der seinen Klienten verfolgt. Doch der Fall scheint nicht annähernd so simpel, wie er sich zunächst präsentiert und mehrere Morde lenken die Ermittlungen alsbald in gänzlich ungeahnte Richtungen, während Sherlock selbst in akute Gefahr gerät und ein mysteriöses, um das Handgelenk einer Leiche gebundenes weißes Band Holmes und Watson Rätsel aufgibt…

Rezension:

Es gehört ja schon gehörig Chuzpe dazu, sich einer Kultfigur wie Sherlock Holmes zu widmen und ihm fernab der originären Werke von Arthur Conan Doyle ein Abenteuer zu spendieren, doch Anthony Horowitz geht das Wagnis ein und offenbart bereits nach wenigen Seiten von Das Geheimnis des weißen Bandes gehörigen Sachverstand und Talent, die Schreibe der aus wie eh und je aus der Sicht von Dr. Watson erzählten Geschichte zu imitieren, die sich eines recht simplen wie effektiven Kniffs bedient, um den sich zutragenden Fall in den bestehenden Kanon an Abenteuern und Fällen zu betten, denn, so erörtert Watson im Vorwort, er habe die Geschichte mit einer Sperrfrist versehen, da die Ereignisse so schockierend gewesen seien, dass Watson sie den (damaligen) Lesern nicht zuzumuten wagte. Zwar rätselt man längere Zeit, worauf er mit dieser Aussage anspielen mag, denn der Fall nimmt wie so viele andere auch in der Baker Street seinen Anfang und offeriert einen zunächst geradezu klassischen Fall, bevor die Geschichte Kapriolen und Haken zu schlagen beginnt und schlussendlich auch offenbart, wovon Watson nicht zu berichten wagte; eine späte Erkenntnis, die aber tatsächlich durch Mark und Bein geht.

»Er benutzte eine Methode, die er ›Ratiocination‹ – Schlussfolgern – nannte. Seiner Ansicht nach war es möglich, die innersten Gedanken eines Menschen zu lesen, ohne dass er auch nur den Mund öffnen muss. Es konnte alles durch einfache Analyse seines Verhaltens erschlossen werden, das Zucken einer Augenbraue zum Beispiel. Die Idee beeindruckte mich damals sehr, aber ich glaube mich zu entsinnen, dass Sie eher skeptisch waren –«

Ganz davon abgesehen aber, dass Horowitz recht authentisch den Stil von Arthur Conan Doyle wiederzubeleben versteht – wobei das Lob in ähnlich hohem Maße natürlich in dem Fall auch an den Übersetzer Lutz-W. Wolff gehen muss – , sind es die vielen liebevollen wie stimmigen Reminiszenzen an das umfangreiche Kanon-Werk rund um Holmes, die Das Geheimnis des weißen Bandes in weiten Teilen wie einen wahrhaftig Sherlock-Roman wirken lässt, so dass es auch eines erklärenden Nachwortes nicht bedurft hätte, um beispielsweise Moriarty zu erkennen, der in dieser Geschichte ebenfalls in einem kurzen Intermezzo seine Aufwartung macht, obschon sein eigentliches Aufeinandertreffen mit dem Meisterdetektiv noch einige Monate in der Zukunft liegt, spielt der Roman spielt schließlich im November des Jahres 1890. Ähnlich stimmig vermag es Horowitz, die deduktiven Fähigkeiten Holmes‘ in Szene zu setzen und so erscheint es kaum noch verwunderlich, dass sein Roman selbst den Segen des Conan Doyle Estate bekommen hat und einen der wenigen offiziellen Pastiches darstellt.

Dennoch wirkt Horowitz‘ Das Geheimnis des weißen Bandes zuweilen behutsam modernisiert und den heutigen Lesegewohnheiten angepasst, so dass es doch manchmal actionreicher, manchmal etwas brutaler zugehen mag, als man dies von klassischen Holmes-Fällen gewohnt ist, doch bewegt er sich durchaus noch im Rahmen des Vertretbaren und es steht der Geschichte ohne Frage gut zu Gesicht, so tempo- und wendungsreich inszeniert worden zu sein, auch wenn man manchmal schon n Richtung Fan-Service zu denken beginnt, wenn Watson auf zurückliegende Abenteuer Bezug nimmt und neben Moriarty freilich auch Mycroft Holmes sowie Lestrade und nicht zuletzt die Irregulären Teil der Geschichte sind, man also sagen kann, dass Horowitz sich doch recht vollmundig an allem zu bedienen weiß, was der Kanon rund um den Meisterdetektiv so herzugeben weiß. Dennoch, nach all den Jahren mit einem neuen Holmes-Fall daherzukommen, noch dazu offiziell abgesegnet, verleitet natürlich auch dazu, all den illustren Gestalten ihren Auftritt zu verschaffen und es wäre vermutlich enttäuschend gewesen, auch auf nur eine der Figuren verzichten zu müssen, zumal sich durchaus alles zu einem stimmigen Gesamtbild zu fügen versteht.

»Als Sie hier eintrafen, ist mir an Ihren Kleidern ein starker Geruch von Kaffee aufgefallen. Das war auffällig; denn warum hätten Sie Kaffee trinken sollen, kurz bevor Sie zum Tee zu mir kamen? Die logische Schlussfolgerung war, dass Sie den Zug verpasst hatten und deshalb länger mit Ihrer Frau zusammenbleiben mussten, als Sie geplant hatten. Sie haben Ihren Koffer in der Gepäckaufbewahrung aufgegeben und sind mit ihr Kaffee trinken gegangen. Bei Lockhart’s vielleicht? Man hat mir gesagt, der Kaffee dort sei besonders gut.«
Es entstand eine kurze Pause, dann brach ich in Lachen aus. »Nun, Holmes, ich sehe, dass ich mir ganz umsonst Sorgen um Ihre Gesundheit gemacht habe. Sie sind genauso scharfsinnig wie immer.«
»Das war doch ganz elementar«, erwiderte der Detektiv mit einer müden Handbewegung. »Aber jetzt nähert sich vielleicht etwas Interessanteres. Wenn ich nicht irre, hat es an der Haustür geklingelt…«

Insbesondere dem letzten Drittel merkt man nämlich deutlich das gesteigerte Tempo und das Mehr an Action an, doch braucht man eben auch nicht auf die obligatorische Auflösung seitens Holmes zu verzichten, der schlussendlich alle losen Fäden aufgreift und verknüpft, was auch bitter notwendig ist, schließlich entwickelt sich die Geschichte ausgehend von dem eröffnenden Fall mehr und mehr in ungeahnte Bahnen, so dass nicht nur Watson sondern auch dem Leser der Überblick verloren zu gehen droht, doch Holmes wäre eben nicht Holmes, wenn er nicht Zusammenhänge erkennen würde, die anderen verborgen bleiben und speziell an diesem Punkt zeigt sich dann eben noch einmal deutlich die Güte von Anthony Horowitz‘ Hommage an den berühmtesten Bewohner der Baker Street 221 b, weshalb ich nicht nur eingefleischten Sherlockianern, sondern allen Freunden intelligenter Krimis Das Geheimnis des weißen Bandes nur nachdrücklich empfehlen kann.

Fazit & Wertung:

Nach der Lektüre von Anthony Horowitz‘ Pastiche Das Geheimnis des weißen Bandes verwundert es kaum, dass selbiger den Segen des Conan Doyle Estate erhalten hat, denn Horowitz gelingt es vortrefflich, diese neue und ungemein spannende Geschichte in den bestehenden Kanon zu betten und all die Aspekte, Figuren und Elemente in die Handlung zu flechten, für die der Meisterdetektiv und dessen Chronist und Freund Watson bekannt und beliebt sind.

9 von 10 begnadeten Deduktionen

Das Geheimnis des weißen Bandes

  • Begnadete Deduktionen - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Nach der Lektüre von Anthony Horowitz‘ Pastiche Das Geheimnis des weißen Bandes verwundert es kaum, dass selbiger den Segen des Conan Doyle Estate erhalten hat, denn Horowitz gelingt es vortrefflich, diese neue und ungemein spannende Geschichte in den bestehenden Kanon zu betten und all die Aspekte, Figuren und Elemente in die Handlung zu flechten, für die der Meisterdetektiv und dessen Chronist und Freund Watson bekannt und beliebt sind.

9.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Suhrkamp / Insel Verlages. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Das Geheimnis des weißen Bandes ist am 11.03.13 als Taschenbuch im Insel Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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