Review: Gonzo Girl | Cheryl Della Pietra (Buch)

Kaum hat das Wochenende auch für mich begonnen, komme ich mit einer neuen Buch-Kritik daher. So gefällt mir das doch! Dann bleibt mir nur noch, euch zu raten, einen Blick auf das Buch und meine Meinung zum selbigen zu werfen, bevor ich mich für heute in den wohlverdienten Feierabend verabschiede.

Gonzo Girl

Gonzo Girl, USA 2015, 304 Seiten

Gonzo Girl von Cheryl Della Pietra | © Heyne Verlag
© Heyne Verlag

Autorin:
Cheryl Della Pietra
Übersetzerin:
Marie Rahn

Verlag (D):
Heyne Verlag
ISBN:
978-3-453-41897-4

Genre:
Drama

 

Inhalt:

Wir befinden uns in Walkers Wohnküche und sind auf seiner kreisrunden Couchsitzgruppe platziert wie die Ziffern auf einer ledernen Uhr. In der Mitte steht ein runder Tisch mit den Utensilien der Gäste: Georges Scotchglas und die Flasche Dewar’s, Renes Päckchen Davidoff, Claudias Dunhill Blues, Devaneys Newports, Larrys Heineken, ein riesiger unberührter Joint, der bereits erwähnte Nixenaschenbecher, ein dazu passender Delfinaschenbecher, mein Highballglas mit Wild Turkey, Claudias Rotwein, Renes Cocktailschale mit Metaxa, den ich ihm in einem Anfall von Freundlichkeit zu mixen half, und Devaneys Wodka Cranberry. Das Kokstablett landet nie richtig auf dem Tisch, sondern wird ständig weitergereicht, als würde es bei einem Hole-Konzert crowdsurfen.

Gerade erst hat die junge Alley Russo ihr Literaturstudium an einem Ivy-League-College abgeschlossen und versucht nun, in der New Yorker Verlagsbranche Fuß zu fassen, vor allem aber ihren ersten eigenen Roman an den Mann zu bringen, an dem sie seit Jahren arbeitet. Da lässt sie sich natürlich nicht lange bitten, als der Kultautor Walker Reade eine Assistentin sucht, erhofft sie sich schließlich von dem Pulitzer-Preisträger, dass er womöglich ihr Mentor werden könnte, doch schnell nach der Ankunft in Reades Anwesen wird ihr klar, dass die Dinge anders liegen, denn der einst gefeierte Schriftsteller hat herzlich wenig Interesse an ihrem Geschreibsel, wie er ihr unverblümt vor den Latz knallt, geschweige denn an seiner eigenen Karriere und Schriftstellerei, denn Alleys Job als Assistentin besteht zu großen Teilen daraus, den schwer drogen-, alkohol- und vergnügungssüchtigen Reade zu bespaßen, damit der sich im Gegenzug nachts um zwei an die Schreibmaschine setzt, um auch nur eine Seite seines nächsten Werkes zu vollenden. Die ständigen Ausschweifungen gehen natürlich gehörig an die Substanz und als Alley beginnt, den nur mäßig überzeugenden Output des abgehalfterten Stars großzügig umzuschreiben, bringt sie sich bald selbst in arge Bedrängnis, droht schließlich bei jedem Telefonat mit Lionel Gray, dem New Yorker Lektor von Reades Ergüssen, dass ihr Schwindel auffliegt…

Rezension:

Cheryl Della Pietras Gonzo Girl hatte ich ja schon allein aufgrund des Titels bereits länger auf dem Radar und entsprechend ungehalten war ich, als die Veröffentlichung mehrere Monate nach hinten (nun wie man sieht Juni 2016) verschoben worden ist, doch schlussendlich hat sich das Warten gelohnt, auch wenn die Lektüre mit nahezu exakt 300 Seiten nicht gerade üppig zu nennen ist. Der Titel des Buches derweil kommt übrigens nicht von ungefähr und ist eine direkte Anspielung auf den Vater des Gonzo-Journalismus, Hunter S. Thompson, der selbst den weniger Literaturinteressierten spätestens seit Terry Gilliams kongenialer Verfilmung des gleichnamigen Romans Fear and Loathing in Las Vegas – hier verkörpert von Johnny Depp als dessen Alter Ego Raoul Duke – ein Begriff sein dürfte. Die Autorin wiederum war – ähnlich wie ihre Protagonistin Alley Russo – mehrere Jahre die Assistentin von Hunter S. Thompson und punktet hier folglich mit gehörig autobiografisch geprägten Erzählungen, die – und das haben ihre Schilderungen mit denen Thompsons durchaus gemein – so abgehoben und überzogen daherkommen, dass sie kaum zu glauben sind, doch selbst bei der Unterstellung dramaturgisch motivierter Zuspitzung des Geschehens ist wohl davon auszugehen, dass viele der Schilderungen weit näher an der Realität liegen, als man das meinen würde.

Ich stelle die Fotos auf das Regalbord neben meinem Bett und studiere die Buchrücken: P. J. O’Rourke, Ken Kesey, Timothy Leary, F. Scott Fitzgerald, Jane Austen, Ernest Hemingway. Die jüngeren dieser Schriftsteller sind Zeitgenossen von Walker, obwohl er ganz allein eine literarische Nische besetzt: fließende Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion, gewürzt mit bissigen politischen Kommentaren und einer fast legendären Flut von Drogen.

Weiß man nun also darum, dass Walker Reade das Alter Ego von Hunter S. Thompson darstellt und womöglich noch Spaß daran findet, zu eruieren, wen die weiteren Gestalten innerhalb des Romans darstellen könnten (in manchen Fällen wie eben Johnny Depp nicht allzu schwer zu erraten), sind eigentlich die Grundpfeiler für eine unterhaltsame wie eindrückliche Lektüre gesetzt, doch muss ich zugeben, dass sich bei mir zunächst Ernüchterung breitzumachen begann, denn anfänglich gelingt es Della Pietra nicht wirklich, in Gonzo Girl das Geschehen glaubhaft und überzeugend zu schildern, denn was man einem Thompson unverhohlen abnimmt, wirkt bei ihr zunächst aufgesetzt und affektiert, gewollt krass, um es mal so platt auszudrücken, doch gibt sich dieser Eindruck zum Glück spätestens, als das Geschehen – wenn auch nur kurz – das Privatgelände unseres absonderlichen Schriftstellers verlässt und zumindest auch einen kurzen Blick auf Alleys Familie und ihre Bewerbung beim New Yorker Lektor Lionel Gray werfen lässt, denn durch diese weitaus bodenständigeren Passagen werden die Ereignisse um Reade erst ins richtige Verhältnis gerückt und mit fortschreitender Geschichte gelingt es der Autorin immer besser, ihre zu großen Teilen auf wahren Begebenheiten beruhenden Erlebnisse glaubhaft zu schildern und erfahrbar zu machen.

Nichtsdestotrotz sucht man natürlich so etwas wie einen roten Faden zunächst vergebens, denn abgesehen von dem schier unmöglich scheinenden Projekt, Reade dazu zu bringen, seinen nächsten Roman zu vollenden, ergehen sich ausnehmend viele Seiten mit Exzessen aller Art, mit nächtlichen Schießübungen, Drogen-Beschaffung und Konsum, Tête-à-Têtes mit Prominenten und natürlich den obligatorischen Ausfällen und –rastern des wahnwitzigen Schriftstellers, während es zwar hier und da einige geschichtlich relevante Einsprengsel geben mag, bevor Gonzo Girl dramaturgisch gegen Ende aufdreht und tatsächlich mit einem ungemein stimmigen Schluss überrascht, den man sich bei den vielen Ausschweifungen und Anekdoten in dieser Form kaum mehr erwartet hätte. Das muss man natürlich mögen, doch sollte man selbiges eben auch bereits im Vorfeld erwarten, wenn man sich einem Roman widmet, der eine wenn auch stilisierte Version Hunter S. Thompsons zum Thema hat. Dergestalt macht das Buch dann auch tatsächlich eine enorm gute Figur, nachdem man sich wie gesagt anfänglich durch einen nicht rundweg überzeugenden Auftakt kämpfen muss.

»Ja. Übrigens hat mich der Text gestern Abend genau daran erinnert. Kapitel sechs. Sie wissen schon, wie das Ganze an Fahrt aufnimmt, die Spannung zwischen ihnen, die Kühnheit dieser Verbrechensorgie, der ganze Bonnie-und-Clyde-Subtext, der Humor …«
Walker sagt darauf gar nichts, sondern knetet mir weiterhin die Schulter und starrt mir in die Augen. Das dauert so lang, dass der Zeitpunkt für eine normale Musterung weit überschritten ist. Er ist mir so nah, dass ich ihn riechen kann. Walker Reade riecht nach Irish Spring, Tabak und Whiskey. Er riecht, wie die Männer früher rochen. Nach ein paar weiteren Minuten weiß ich nicht mehr, was diese Anstarr-Massage soll, es sei denn, schlicht und einfach die Anspannung in meinem Nacken zu lösen. Seine Hände sind groß und stark. Der Mann kann massieren. Aber dann wird es einfach peinlich. Ich breche den Augenkontakt ab, greife nach meiner Zigarette im Aschenbecher und nehme einen langen Zug.
»Marlboros, wie? Das ist mal eine anständige Zigarette«, sage ich schließlich.

Von diesem abgesehen gelingt es Cheryl Della Pietra aber vortrefflich, eine nachvollziehbare Skizze ihrer Zeit als Assistentin Thompsons zu zeichnen, wenngleich man sich fragen darf, wie ihr bei all dem Alkohol und den Drogen überhaupt noch etwas aus dieser Zeit in Erinnerung geblieben sein konnte, doch ist das zweifelsohne ein anderes Thema und bekanntermaßen weiß man ja bei entsprechender Konditionierung und Gewöhnung einiges zu verpacken. Auch hier aber der im Grunde unnötige Hinweis, dass wer mit genannten Themen nichts anzufangen weiß oder sich einen stringenten Plot wünscht, Gonzo Girl getrost links liegen lassen kann, doch wer nur ein wenig für den Begründer des Gonzo-Journalismus übrig zu haben meint, der sollte auf alle Fälle auch einen Blick bei Della Pietras literarisch-biografischem Porträt riskieren, das – selbst wenn es nicht in allen Punkten der Wahrheit entspricht (hoffentlich) – einen ungewohnten und ungeschönten Einblick in die späten Jahre eines der bekanntesten Enfant terribles der Literaturszene gewährt.

Fazit & Wertung:

Cheryl Della Pietra ist mit Gonzo Girl ein bestechender Blick auf ihre Zeit als Assistentin bei Hunter S. Thompson gelungen und dessen für den Roman geschaffenes Alter Ego Walker Reade steht dem realen Vater des Gonzo-Journalismus in kaum etwas nach. Zwar braucht das Buch einige Zeit, um den richtigen Ton zu finden, doch dann gibt es im wörtlichen wie übertragenen Sinn kein Halten mehr und das für Außenstehende so absurd wirkende Treiben entwickelt sich zu einem echten Page-Turner.

8 von 10 durchgefeierte Nächte

Gonzo Girl

  • Durchgefeierte Nächte - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Cheryl Della Pietra ist mit Gonzo Girl ein bestechender Blick auf ihre Zeit als Assistentin bei Hunter S. Thompson gelungen und dessen für den Roman geschaffenes Alter Ego Walker Reade steht dem realen Vater des Gonzo-Journalismus in kaum etwas nach. Zwar braucht das Buch einige Zeit, um den richtigen Ton zu finden, doch dann gibt es im wörtlichen wie übertragenen Sinn kein Halten mehr und das für Außenstehende so absurd wirkende Treiben entwickelt sich zu einem echten Page-Turner.

8.0/10
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Weitere Details zum Buch und der Autorin findet ihr auf der Seite des Heyne Verlag.

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Gonzo Girl ist am 13.06.16 im Heyne Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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