Review: Jessica Jones: Alias 1 (Graphic Novel)

Bei der heutigen Review ist es mir eine ganz besondere Freude, euch diese zu präsentieren, denn schon während der Sichtung der gleichnamigen Serie hatte ich mit dem Gedanken geliebäugelt, mich einmal der originären Comic-Fassung zu widmen und – zack – wird selbige in zwei fetten Megabänden von Panini aufgelegt. Und ich so yeah! Naja, und um Band 1 soll es heute gehen.

Jessica Jones
Alias 1

Alias #1-15, USA 2001/2002, 356 Seiten

Jessica Jones: Alias 1 | © Panini
© Panini

Autor:
Brian Michael Bendis
Zeichner:
Michael Gaydos
Bill Sienkiewicz
Mark Bagley
David Mack

Verlag (D):
Panini Verlag
ISBN:
978-3-957-98955-0

Genre:
Krimi | Mystery | Drama

 

Inhalt:

Ausschnitt aus Jessica Jones: Alias 1 | © Panini
© Panini

Früher war Jessica Jones als Superheldin in den Straßen New Yorks unterwegs und kämpfte gar an der Seite der Avengers, doch seit sie ihren Heldenfummel an den Nagel gehängt hat, schlägt sie sich mehr schlecht als recht als Privatdetektivin durch und betreibt die Ein-Mann-Agentur Alias Investigations, doch auch ihre Fälle fernab der Superheldenkarriere haben es des Öfteren in sich und so fällt ihr alsbald belastendes Material über Steve "Captain America" Rogers in die Hände, derweil ein ihr angehängter Mord sie Bekanntschaft mit Matt Murdock machen lässt, dessen Superheldenidentität Daredevil dank der hiesigen Boulevardblätter längst kein Geheimnis mehr ist, auch wenn die wenigsten wirklich glauben, dass ein blinder Anwalt nachts als Rächer umgeht. Jessica derweil tangiert das weniger, denn sie hat schon alle Hände voll damit zu tun, ihre zunehmend verworrener werdenden Fälle und ihr verkorkstes Leben nebst übermäßigem Alkohol- und Nikotinkonsum in halbwegs akzeptablen Bahnen zu halten. Dass sie währenddessen ausgerechnet mit Luke Cage im Bett landet, ist derweil nicht gerade förderlich…

Rezension:

Man darf dem Marvel Cinematic Universe ja für vieles dankbar sein (wenn man dem Superhelden-Genre allgemein nicht abgeneigt ist, versteht sich), doch noch dankbarer darf man in diesem Zusammenhang der von Netflix produzierten Serie Jessica Jones dankbar sein, die nicht nur für sich genommen und aufgrund von Krysten Ritter und David Tennant überaus stimmig und überzeugend geraten ist, sondern vor allem dazu geführt hat, dass man sich seitens Panini nun entschlossen hat, die mir bis vor kurzem gänzlich unbekannte Comic-Reihe Alias aus dem Jahre 2001 als opulentes, zwei Megabände umfassendes Gesamtwerk zu veröffentlichen und damit die komplette Geschichte von Jessica Jones, die als Vorbild für genannte Serie gedient hat, in deutscher Sprache und vor allem ansprechender Form verfügbar zu machen, auch wenn die Geschichten inhaltlich abgesehen von ihrer Hauptfigur nicht allzu viel gemein haben, wie man bei der Lektüre des fünfzehn Hefte umfassenden Bandes Jessica Jones: Alias 1 feststellen wird. Dennoch eine begeisterungswürdige und speziell für Marvel-Verhältnisse extrem erwachsene Geschichte, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Ausschnitt aus Jessica Jones: Alias 1 | © Panini
© Panini

Den Anfang macht hierbei die aus fünf Heften bestehende Storyline Alias Investigations, die – wie sollte es auch anders sein – zuvorderst der Exposition der Figuren und des Settings dient und gleich auf den ersten Seiten mehr Hinweise auf Jessicas frühere Superheldenrolle parat hält, als es in der gesamten Serienstaffel der Fall gewesen ist und auch wenn es Unsinn ist, Serie und Comic dergestalt miteinander zu vergleichen, zumal erstere ja bekanntermaßen aus den Comics hervorgegangen ist, möchte ich in dem Zusammenhang noch darauf hingewiesen haben, dass zumindest der Anfang der Geschichte in beiden Fällen identisch ist und damit eröffnet, dass Jessica einen ihrer unflätigeren Klienten durch die Scheibe ihrer geschlossenen Türe wirft. Kurz darauf macht sich auch das erste Mal der wirklich großartige, staubtrockene Humor der Reihe bemerkbar, der sich dankenswerterweise durch sämtliche Geschichten ziehen wird, wenn ein Polizist sie ermahnt, sie könne "nicht einfach Leute durchs Fenster werfen" und Jessica darauf erwidert "Hab nicht gezielt". Das größte und großartigste Alleinstellungsmerkmal von Jessica Jones: Alias 1 dürften aber die großformatig angelegten, doppelseitigen Panels sein, die aus zahllosen, kaum variierten Einzelbildern bestehen und ganze Unterhaltungen transkribieren, die so ausführlich geraten sind, wie man es in einem Comic selten erlebt und dabei dermaßen pointiert und ausgefeilt daherkommen, wie es noch seltener der Fall ist.

Nicht von ungefähr wurde Jessica Jones: Alias 1 seinerzeit bei Marvel unter dem MAX-Label für erwachsene und explizite Geschichten veröffentlicht, denn von den gemeinhin üblichen Superhelden-Kloppereien ist hier wahrlich wenig zu spüren und Jessica selbst ist, wie bekannt sein dürfte, ebenfalls alles andere als eine strahlende Heldin, wenn sich ihr Selbstmitleid und insbesondere ihr Alkoholkonsum im direkten Vergleich zur Serien-Adaption hier doch in argen Grenzen hält. Nichts geändert hingegen hat sich an der gleichermaßen fatalistischen wie melancholischen Attitüde, die sämtliche Hefte durchzieht. Gleich in der ersten Storyline darf man sich übrigens auch prompt auf Gastauftritte von Luke Cage – mit dem Jessica auch hier eine Affäre hat, schließlich haben sie in der Marvel-Kontinuität dereinst auch ein gemeinsames Kind – sowie Matt "Daredevil" Murdock und Captain America freuen. Gefolgt wird dieser für sich genommen schon rundweg überzeugende Einstand von dem Vierteiler Sehnsucht, der Jessica in einen mehr als ungewöhnlichen Fall verwickelt, in dem sie sich auf die Suche nach einem Mann names Rick Jones begibt, der in seinem Buch behauptet, eine tragende Rolle im Kree/Skrull-Krieg gespielt zu haben, wobei man auch hier auf inszenatorische Finessen nicht zu verzichten braucht, denn nachdem Jessica einer der Ausgaben des Buches habhaft wird, unterbricht die Story ab und an, um einzelne Seiten aus dem Buch in Szene zu setzen und damit den Werdegang von Rick Jones wenn auch fragmentarisch zu umreißen, was ebenfalls zu gefallen weiß. Auch der sich hieran anschließende One-Shot Ende, in dem Jessica Jones von J. Jonah Jameson engagiert wird, um die Geheimidentität von – klassisches Motiv – Spider-Man aufzudecken, wobei auch der Reporter Ben Urich mit von der Partie ist und die mehr als bebilderte Kurzgeschichte denn als echte Comic-Story daherkommt, so dass jedes der Panels zu einem kleinen Kunstwerk veredelt wird; ein Stil, den ich gerne öfters zu sehen bekommen würde.

Ausschnitt aus Jessica Jones: Alias 1 | © Panini
© Panini

Es folgen der Vierteiler Rebecca, komm nach Hause, der Jessica auf der Spur einer Vermissten in das verschlafene Lago, New York verschlägt, sowie der neuerliche One-Shot It’s Raining Men, bei dem man Jessica Jones und Scott "Ant-Man" Lang beim Date beobachten kann, dass eigentümlicher kaum sein könnte und ebenfalls die Einzigartigkeit der Serie unterstreicht, die eben nicht nur mit einer ausgefeilt charakterisierten Hauptfigur mit einem ungemein ungewöhnlichen Hintergrund zu punkten versteht, sondern auch inszenatorisch immer wieder Wagnisse eingeht und Neuland betritt, weshalb ich schon sehr gespannt bin auf den für Oktober diesen Jahres angekündigten zweiten Band Jessica Jones: Alias, der die Reihe leider schon wieder beschließen wird, doch bis dahin lockt auch die erneute Lektüre dieser völlig nachvollziehbar mit dem prestigeträchtigen Harvey Award ausgezeichneten Ausnahmeserie, die sich so fernab der ausgetretenen Pfade des Superhelden-Genres bewegt, dass es eine wahre Freude ist.

Fazit & Wertung:

Die von Brian Michael Bendis erdachte und geschriebene Serie, deren erste Hälfte sich nun in Jessica Jones: Alias 1 versammelt sieht, strotzt nur so vor optischem wie inszenatorischen Einfallsreichtum und überrascht mit ungewohnt vielschichtigen und tiefgründigen Storylines und einer Anti-Heldin par excellence, der man gerne durch die schattendurchfluteten Straßenfluchten New Yorks folgt und die ein Händchen dafür zu haben scheint, ungewöhnliche Fälle und Gestalten beinahe magisch anzuziehen, was ihre Vita nur umso spannender macht. Eine Ausnahmeserie in opulenter Aufmachung, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

10 von 10 eigenwilligen Ermittlungsmethoden

Jessica Jones: Alias 1

  • Eigenwillige Ermittlungsmethoden - 10/10
    10/10

Fazit & Wertung:

Die von Brian Michael Bendis erdachte und geschriebene Serie, deren erste Hälfte sich nun in Jessica Jones: Alias 1 versammelt sieht, strotzt nur so vor optischem wie inszenatorischen Einfallsreichtum und überrascht mit ungewohnt vielschichtigen und tiefgründigen Storylines und einer Anti-Heldin par excellence, der man gerne durch die schattendurchfluteten Straßenfluchten New Yorks folgt und die ein Händchen dafür zu haben scheint, ungewöhnliche Fälle und Gestalten beinahe magisch anzuziehen, was ihre Vita nur umso spannender macht. Eine Ausnahmeserie in opulenter Aufmachung, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

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Jessica Jones: Alias 1 ist am 05.07.16 im Panini Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den nachfolgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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