Review: Palm Desert | Don Winslow (Buch)

Und da wäre ich wieder, pünktlich zum Mittwoch mit einer neuen Buch-Kritik, weil ich ja wie gesagt das Schema etwas aufbrechen wollte und diesmal geht es um den fünften und leider letzten Band um Neal Carey, womit ich/wir auch diese Reihe als erledigt betrachten können. Viel Spaß euch bei der Lektüre meiner Meinung zum Buch und ansonsten noch einen schönen Abend!

Palm Desert
Neal Careys fünfter Fall

While Drowning in the Desert, USA 1996, 195 Seiten

Palm Desert von Don Winslow | © Suhrkamp Verlag
© Suhrkamp Verlag

Autor:
Don Winslow
Übersetzerin:
Conny Lösch

Verlag (D):
Suhrkamp Verlag
ISBN:
978-3-518-46584-4

Genre:
Krimi | Thriller

Trailer:

 

Inhalt:

»Ich dachte, ich bin auf unbestimmte Zeit wegen Unfähigkeit freigestellt«, sagte ich. Ed Levine, unser gemeinsamer Chef bei Friends of the Family, hatte mich offiziell für plemplem erklärt. Ich wusste, dass Ed mich nicht wirklich für verrückt hielt, aber anscheinend brachte ich ihn um den Verstand. So oder so, mir kam es gelegen.

Neal Carey, einstmals fähiger und gern beanspruchter Mitarbeiter der Friends of the Family, hat es sich mittlerweile mit Karen in the High Lonely, Nevada gemütlich gemacht, steht kurz vor Vollendung seiner Abschlussarbeit zum Thema Tobias Smollett und auch wenn er vom Thema Kinder noch nichts hören möchte, stehen doch zumindest diffuse Hochzeitspläne im Raum, als sich unerwartet Neals Ziehvater Graham bei ihm meldet und in den aktiven Dienst zurückbeordert, um den betagten Komiker Nathan Silverstein in Las Vegas aufzugabeln und nach Palm Desert zurückzubringen. Neal ahnt, was ihm schwant, doch wer könnte bei einem Auftrag der Friends schon wirklich "Nein" sagen? Und so begibt sich Neal nach Vegas, bereits ahnend, dass es mitnichten so einfach werden wird, wie angenommen, womit er natürlich dummerweise wieder einmal goldrichtig liegen wird…

Rezension:

Bereits der vierte Band der in den 90ern entstandenen Neal Carey-Reihe, A Long Walk Up the Water Slide, ließ ein wenig die Originalität und den Esprit seiner Vorgänger missen, bot vor allem aber dafür ein ungemein versöhnliches und stimmiges Ende für die Reihe, weshalb es schon reichlich irritierend wirkt, dass Winslow sich seinerzeit dazu entschlossen hat, einen fünften und letzten Fall nachzureichen. Doch selbst wenn die Reihe zuletzt ein wenig schwächelte, habe ich mich doch über die Ankündigung und letztendlich den Erhalt von Palm Desert sehr gefreut, zumal die Stories um Neal selbst in ihren schwächeren Momenten oft überzeugender geraten als manch generischer Krimi, der sich mühelos am Markt finden ließe. Doch Freude weicht in diesem Fall alsbald erneuter Irritation, denn das Buch umfasst nicht einmal zweihundert Seiten und ist damit noch einmal spürbar dünner geraten als der letzte Band, was sowohl positive als auch negative Aspekte mit sich bringt, denn einerseits wirkt dadurch der letzte Fall über die Maßen stringent und schnörkellos, andererseits kommt dessen Story somit nicht an die merklich ausgeklügelteren Vorgänger heran, so dass man sich von dieser Warte aus nur wenige Überraschungen erhoffen braucht.

Ich konterte mit einem steinalten Spruch, den ich neulich in einer Talkshow gehört hatte. »Ich dachte, wir gönnen uns erst noch ein bisschen Zeit zusammen als Paar, bevor wir jemand Drittes dazuholen.«
»Wir leben jetzt seit fast zwei Jahren zusammen«, erinnerte sie mich und wurde sauer. »Und was fällt dir überhaupt ein, von unserem Baby als ›jemand Drittes‹ zu sprechen?«
Dabei hatte es im Fernsehen so gut geklungen.

Doch Winslow überrascht dafür auf einem ganz anderen Gebiet, denn Palm Desert ist so witzig wie bisher kein Vertreter der Neal Carey-Reihe zuvor und so kurz das Buch auch geraten sein mag, so viel Mühe dürfte er auf die Dialoge verwandt haben, die pointierter und treffender kaum sein könnten und mich häufig mit weit mehr als einem Schmunzeln die Lektüre genießen ließen, wofür man wieder einmal aber selbstredend ebenso der Stammübersetzerin Conny Lösch danken darf, die den Humor und Esprit in so überzeugendem Maße in die deutsche Sprache zu überführen wusste, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass das Original noch witziger hätte sein können. Bei all den spleenigen Figuren, allen voran der alternde Komiker Nate, den es nach Hause zu bringen gilt und der unter seiner schrulligen Fassade alles andere als auf den Kopf gefallen ist, gelingt es Winslow aber auch, dem Geschehen noch eine gewisse Ernsthaftigkeit zu attestieren, auch wenn diese zugunsten mancher Wortgefechte zuweilen hintenanstehen muss, doch hat man eben nicht das Gefühl, die Geschichte würde zugunsten der Komik ins Lächerliche gezogen werden.

Als wäre das Geschehen um Neal und Nate, deren Auseinandersetzungen an bessere Buddy-Komödien erinnern, nicht schon abwechslungsreich und unterhaltsam genug, wird der Plot von Palm Desert ab dem Mittelteil etwa zudem noch durch einen sich hinziehenden Briefwechsel zwischen einem Rechtsanwalt und der Leiterin der Schadensabteilung einer Versicherung durchbrochen, was für sich allein schon eine Geschichte wert gewesen wäre und ebenso durch vereinzelte Transkriptionen oder auch Tagebucheinträge, womit Winslow nicht nur einige seiner späteren Stilmittel anzudeuten weiß und woran sich auch gut festmachen lässt, inwieweit sich der Stil binnen der fünf Jahre, die zwischen Erscheinen des ersten und des letzten Bandes verstrichen sind, bereits entwickelt hat, dessen konsequente Weiterentwicklung man beispielsweise in dem nur ein Jahr nach Palm Desert erschienenen Bobby Z weiterverfolgen kann.

Nathan Silverstein war ein kleiner Mann mit feinem weißen Haar, einem Schnäbelchen statt einer Nase und einer Haut so zerknittert und braun wie eine alte Papiertüte. Er trug einen weißen Frotteebademantel mit eingesticktem Hotellogo und Stoffpantoffeln.
»Sind wir uns nicht schon mal in Cleveland begegnet?«, fragte er.
»Ich war noch nie in Cleveland.«
»Ich auch nicht«, sagte Silverstein. »Dann waren’s wohl zwei andere.«

So unterhaltsam und kurzweilig, insbesondere sprachlich überzeugend die Geschichte aber auch geraten sein mag, kommt einem insbesondere aufgrund der Kürze der Geschichte mehr als einmal der Verdacht, es könne sich womöglich um kaum mehr als eine (ausgesprochen überzeugende) Fingerübung des Autors handeln, denn während Band 4 noch als überzeugender Abschluss getaugt hätte, wirkt die Story hier tendenziell wie drangepappt und wartet mit einem Ende auf, dass theoretisch weit eher einer Fortsetzung bedurft hätte – mit der gute 20 Jahre später wohl nicht mehr zu rechnen ist – als es vormals der Fall war, so dass ich Palm Desert mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachte, denn einerseits hat mich das Wiedersehen gefreut und war unterhaltsam wie eh und je, doch als Abschluss einer Reihe macht der viel zu kurze Band eine nicht annähernd so gute Figur wie sein Vorgänger und lässt auch weitaus mehr in der Schwebe, worüber man freilich ein wenig betrübt sein kann, wenn einem der findige Neal Carey ans Herz gewachsen ist und gerade das ist Winslow in diesem Fall meines Erachtens meisterhaft gelungen, weshalb der Abschied nur umso schwerer fällt.

Fazit & Wertung:

Don Winslows Palm Desert, Abschlussband seiner Neal Carey-Reihe, bricht mit einigen Konventionen der Vorgänger und kommt merklich stringenter, kürzer und mit spürbar mehr (Wort-)Witz daher, überzeugt als kurzweiliges Abenteuer durchaus, unterminiert aber leider ein wenig den weitaus überzeugenderen Abschluss im Vorgängerband und lässt daher mit gemischten Gefühlen zurück, auch wenn ich das erneute (und letzte) Wiedersehen nicht würde missen wollen.

7 von 10 abgeschmackte Witze eines alten Komikers

Palm Desert

  • Abgeschmackte Witze eines alten Komikers - 7/10
    7/10

Fazit & Wertung:

Don Winslows Palm Desert, Abschlussband seiner Neal Carey-Reihe, bricht mit einigen Konventionen der Vorgänger und kommt merklich stringenter, kürzer und mit spürbar mehr (Wort-)Witz daher, überzeugt als kurzweiliges Abenteuer durchaus, unterminiert aber leider ein wenig den weitaus überzeugenderen Abschluss im Vorgängerband und lässt daher mit gemischten Gefühlen zurück, auch wenn ich das erneute (und letzte) Wiedersehen nicht würde missen wollen.

7.0/10
Leser-Wertung 0/10 (0 Stimmen)
Sende

Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Suhrkamp Verlages. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

– – –

Palm Desert ist am 13.06.16 als Taschenbuch im Suhrkamp Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

%d Bloggern gefällt das: