Review: Midnight Special (Film)

Heute widme ich mich dann mal meinem dritten Jeff Nichols-Film und freue mich sehr, euch wie so oft an meinen Eindrücken zum Film teilhaben lassen zu können. Und während ich euch viel Spaß bei der Lektüre wünsche, werde ich mich jetzt gleich entspannt zurücklehnen und noch ein wenig gepflegten Serienkonsum betreiben.

Midnight Special

Midnight Special, USA/GR 2016, 112 Min.

Midnight Special | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Regisseur:
Jeff Nichols
Autor:
Jeff Nichols

Main-Cast:
Michael Shannon (Roy)
Joel Edgerton (Lucas)
Kirsten Dunst (Sarah)
Adam Driver (Sevier)
Sam Shepard (Calvin Meyer)
in weiteren Rollen:
Jaeden Lieberher (Alton)
Bill Camp (Doak)
Scott Haze (Levi)

Genre:
Drama | Mystery | Science-Fiction | Abenteuer

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Midnight Special | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Überall in den Nachrichten und Schlagzeilen dominiert die Meldung vom Kidnapping eines gerade mal achtjährigen Jungen mit Namen Alton Meyer, doch der indes ahnt von dem Treiben nichts und sitzt unbedarft in einem abgedunkelten Motelzimmer und liest mit Taucherbrille einen Comic. Seine Entführer sind niemand Geringeres als Roy – Altons Vater – und dessen Freund Lucas, die bereits die nächsten Etappen der Reise planen, um Alton dem Zugriff seines Ziehvaters Calvin zu entziehen, der eine Art Sekte in Texas anführt, deren Gelände jüngst vom FBI gestürmt worden ist, um die Mitglieder in eine nahe gelegene Highschool zu verfrachten, wo sie von dem eigens eingeflogenen NSA-Spezialisten Sevier verhört werden soll. Der versucht, alles über Alton in Erfahrung zu bringen, doch die Geschichten, die er zu hören bekommt, werden zunehmend abstruser und unglaublicher, während Roy und Lucas längst wieder auf der Straße sind, um Alton auch weiterhin in Sicherheit zu wissen…

Rezension:

Nachdem mich Jeff Nichols mit Take Shelter und Mud bereits zwei Mal zu fesseln und zu faszinieren wusste, war es einige Zeit still um den vielversprechenden wie vergleichsweise sperrigen Regisseur und Drehbuchautor, bis er sich nun unvermittelt mit Midnight Special zurückmeldet, das wieder einmal ein ganz anderes Thema bedient als seine vorangegangenen Filme, wobei die Parallelen – und ich spreche hier nicht von seinem Stammschauspieler Michael Shannon (The Iceman), der auch diesmal wieder mit von der Partie ist – sich nicht von der Hand weisen lassen, denn auch wenn sich Nichols‘ neuester Film auf den ersten Blick als Science-Fiction-Mystery-Thriller zu erkennen gibt, hat er doch herzlich wenig mit dem Effekt-Bombast dieser Tage zu tun und legt seinen Fokus einmal mehr auf menschliche Zwischentöne und verströmt eher leises Unbehagen, als mit einem Großaufgebot an Schockmomenten aufzuwarten, denn darum geht es hier nicht, denn Nichols‘ hat vielmehr das Medium Film genutzt, um für sich selbst seine neue Rolle als Vater auszuloten und so ist es das einzige und vorrangige Bestreben von Shannons Hauptfigur Roy, seinen Sohn Alton zu beschützen, doch wovor und warum, das wird zunächst das größte Mysterium des Films sein.

Szenenbild aus Midnight Special | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Midnight Special nimmt seinen Anfang damit, dass man sowohl Roy als auch den von Joel Edgerton (Black Mass) gespielten Lucas kennenlernt, doch allein schon, in welcher Beziehung die beiden Männer zueinander stehen, bleibt zunächst schleierhaft und alsbald beginnt eine Art merkwürdiger, durch Nacht und Nebel führender Road-Trip, der einzig dem Ziel dient, Alton in Sicherheit zu bringen, denn aus ungeklärten Motiven hat Roy ihn seiner Heimat entrissen, bei der es sich um eine Sekte religiöser Extremisten handelt, wie man alsbald erfahren wird, was wiederum den von Adam Driver (Spuren) verkörperten NSA-Mann Sevier auf den Plan ruft, der in einer Parallelhandlung zu Roys und Lucas‘ Flucht die Mitglieder der Gemeinde zu befragen beginnt, was dann auch langsam ein erstes Licht auf Alton und dessen Bewandtnis wirft, doch will ich da gar nicht zu sehr ins Detail gehen, denn Nichols‘ Filme leben schon seit jeher davon, dass man möglichst unvorbelastet herangeht und so erblüht auch sein vierter Film am ehesten, wenn man sich voll und ganz dem Mysterium hingeben kann, das er hier auf nicht ganz zwei Stunden Spielzeit ausbreitet und welches für sich genommen schon beinahe eine einzige Huldigung an das Kino der 1980er darstellen könnte und trotz moderner Schnitte und Effekte im besten Sinne altmodisch wirkt.

Dabei sind es nicht nur der oft regelrecht autistisch wirkende Alton (Jaeden Lieberher) und die unbedingte Sorge seines Vaters Roy, sondern auch dessen Beziehung zu Lucas, die zunächst das Herz des Films ausmachen, bevor mit Kirsten Dunst (Melancholia) als Altons Mutter Sarah das Trio der besorgten Erwachsenen komplettiert wird und sich Adam Drivers Part bis dahin relativ autark zu dem Geschehen entwickelt. Drivers Figur ist dabei für den wissenschaftlichen Unglauben konzipiert und staunt nicht schlecht, je mehr sie über Alton erfährt, denn die religiösen Sektierer erzählen ihm allerhand Unfassbares, was sich nur schlecht mit seinem Weltbild in Einklang bringen lassen wird, denn Glaube ist bekanntlich nicht Wissen, doch den Irrungen und Wendungen von Midnight Special zum Dank wird natürlich der Moment des Aufeinandertreffens mit Alton beinahe unweigerlich kommen, ebenso, wie sich im Grunde das Ende – wenn auch nicht in konkreter, belegter Form recht schnell absehen lässt, doch tut das dem Genuss des Films keinen Abbruch, den man ebenso als Ode an die Elternschaft und bedingungslose Liebe werten darf.

Szenenbild aus Midnight Special | © Warner Home Video
© Warner Home Video

Dass es dabei zuweilen regelrecht übersinnlich hergeht, ist in Anbetracht der unterschiedlichen Cover allein schon nicht verwunderlich und so sollte sich der Anteil der Zuschauer, die sich von dem Ende des Films verprellt fühlen werden, das wieder einmal im Grunde mehr Fragen offen lässt als beantwortet, doch immerhin in Grenzen halten, doch möchte ich auch hier nichts vorwegnehmen, außer dass es nahezu magisch wird, faszinierend und atemberaubend, unverständlich und wunderschön, wieder einmal zum Denken und Sinnieren anregt, zumal Nichols selbst und mit ihm Midnight Special die ultimativen Antworten und Offenbarungen eben erneut schuldig bleibt, doch ist das eben gar nicht der Kern des Films, sondern lediglich Aufhänger für einen betörend-traurigen, melancholischen wie nostalgischen Road-Trip, der ungewöhnlicher kaum sein könnte und eine anrührende Geschichte von Liebe und Hingabe erzählt, wie man sie nur dem eigenen Kind gegenüber empfinden kann. So bricht Nichols den durchaus vorhandenen Bombast auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und erzählt eine zwar gleichermaßen mystische wie mysteriöse Geschichte, fokussiert dabei aber jederzeit auf den emotionalen Kern und nicht etwa die große Geste, womit ihm wieder einmal ein ungemein menschlicher und geerdeter Film gelungen ist, dessen übersinnliche Ausflüge beinahe nur Makulatur, mehr Metapher denn Masche sind, doch dank des überbordenden Einfallsreichtums und des Verzichts auf großspurige Erklärungsversuche uneingeschränkt zu faszinieren wissen.

Fazit & Wertung:

Jeff Nichols bleibt sich auch in seinem vierten Werk Midnight Special uneingeschränkt treu und liefert einen Mystery-Thriller der Extraklasse, dessen größtes und überzeugendstes Alleinstellungsmerkmal sein mag, dass hier nicht etwa der Fantasy-Einschlag und der Thrill der Verfolgungsjagd, sondern einmal mehr die emotionalen Bande im Mittelpunkt stehen, so dass der Film trotz seiner zahllosen Versatzstücke zuvorderst von der Liebe eines Vaters zu seinem Sohn berichtet und vom ersten Moment an zu verzaubern versteht, was in dem spektakulären wie anrührenden Finale seine Vollendung findet.

8 von 10 unerklärlichen Koinzidenzen

Midnight Special

  • Unerklärliche Koinzidenzen - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Jeff Nichols bleibt sich auch in seinem vierten Werk Midnight Special uneingeschränkt treu und liefert einen Mystery-Thriller der Extraklasse, dessen größtes und überzeugendstes Alleinstellungsmerkmal sein mag, dass hier nicht etwa der Fantasy-Einschlag und der Thrill der Verfolgungsjagd, sondern einmal mehr die emotionalen Bande im Mittelpunkt stehen, so dass der Film trotz seiner zahllosen Versatzstücke zuvorderst von der Liebe eines Vaters zu seinem Sohn berichtet und vom ersten Moment an zu verzaubern versteht, was in dem spektakulären wie anrührenden Finale seine Vollendung findet.

8.0/10
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Midnight Special ist am 23.06.16 auf DVD und Blu-ray im Vertrieb von Warner Home Video erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

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  • Der interessiert mich auch noch sehr, doch erst einmal muss ich noch „Take Shelter“ nachholen…

    • Achja, das kenne ich nur zu gut, man kommt einfach nicht hinterher, gerade wenn es noch einen anderen Lebensinhalt gibt als Filme. „Take Shelter“ fand ich ja noch einen Tacken besser, bin also gespannt, wie er dir gefallen haben werden wird 😉

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