Review: Der Ozean am Ende der Straße | Neil Gaiman (Buch)

So, wieder ist es herrlich spät geworden, aber immerhin muss ich euch nicht vertrösten und habe diesmal sogar wieder einen richtigen Roman im Gepäck. Der morgige Artikel ist zum Glück auch schon zu großen Teilen fertig, doch will ich – vorsichtig wie ich bin – lieber noch nicht versprechen, dass es merklich früher werden wird. Aber wir lassen uns einfach mal überraschen.

Der Ozean am Ende der Straße

The Ocean at the End of the Lane, USA 2013, 316 Seiten

Der Ozean am Ende der Straße von Neil Gaiman | © Bastei Lübbe
© Bastei Lübbe

Autor:
Neil Gaiman
Übersetzer:
Hannes Riffel

Verlag (D):
Bastei Lübbe
ISBN:
978-3-404-17385-3

Genre:
Drama | Fantasy

 

Inhalt:

Hätte mich jemand noch vor einer Stunde gefragt, hätte ich gesagt, ich wüsste nicht mehr, wie man dort hinkommt. Wahrscheinlich hätte ich mich nicht einmal mehr an Lettie Hempstocks Namen erinnert. Aber wie ich da im Hausflur stand, fiel mir alles wieder ein. Erinnerungen lauerten hinter jeder Ecke, geradezu verlockend. Hätte mir jemand gesagt, ich wäre wieder sieben Jahre alt, hätte ich ihm vielleicht einen Moment lang geglaubt.

Um einer Beerdigung beizuwohnen, kehrt ein Mann in das Dorf seiner Kindheit zurück. Nach der Beisetzung zieht es ihn in die Straße, in der er aufgewachsen ist und er bemerkt verwundert, an wie wenig er sich doch wirklich erinnert. Doch nicht nur zum Grundstück seines Elternhauses kehrt er zurück, sondern auch zu dem Hof am Ende der Straße, wo er einer alten Frau begegnet, die er prompt als Mrs. Hempstock identifizieren kann. Und langsam beginnt die Erinnerung sich Bahn zu brechen, die Erinnerung daran, wie er mit sieben Jahren Lettie Hempstock kennenlernte und auch die Erinnerung an den Ententeich, bei dem es sich – so behauptete Lettie steif und fest – um einen Ozean handele. Und langsam kommt ihm auch wieder zu Bewusstsein, welch unfassbare Dinge sich damals ereignet und welche Opfer sie gefordert haben…

Rezension:

Keine zwei Monate sind vergangen seit meinem letzten Aufeinandertreffen mit Neil Gaiman und nachdem mich sein wohl berühmtester Roman American Gods so dermaßen zu packen und faszinieren wusste, packte mich der Ehrgeiz und ich legte mir beinahe umgehend auch Der Ozean am Ende der Straße zu, der im Frühjahr diesen Jahres nach der Hardcover-Ausgabe des Eichborn-Verlages auch als Taschenbuch bei Bastei Lübbe erneut aufgelegt worden ist. Und ursprünglich – so lässt Gaiman selbst verlauten – hätte dies eine Kurzgeschichte werden sollen, die ihm aber in Art und Umfang alsbald über den Kopf zu wachsen drohte, was man zuweilen durchaus merkt und was auch erklärt, weshalb man sich mit vergleichsweise läppischen knapp über 300 Seiten begnügen muss, doch dafür liest sich sein bislang noch aktuellster Roman auch so kurzweilig und beschwingt weg, wie lange kein Buch mehr vor ihm für mich (nicht nur auf Gaimans Werke bezogen).

Ich war traurig, dass niemand zu meiner Geburtstagsfeier gekommen war, freute mich aber, den Batman behalten zu dürfen; außerdem gab es noch ein Geburtstagsgeschenk, das gelesen werden wollte, einen Schuber mit den ›Narnia‹-Büchern, den ich mit nach oben nahm. Ich legte mich aufs Bett und tauchte in die Geschichten ein.
Mir gefiel das. Bücher waren sowieso weniger gefährlich als andere Menschen.

Selbstredend sollte man dabei aber bestenfalls ein Faible für das Genre mitbringen, denn nachdem die Story nach kurzem Prolog wie ein typisches Coming-of-Age-Drama startet, bedient sich Gaiman alsbald einmal mehr in nahezu überschwänglicher Weise an übernatürlichen und fantastischen Elementen, die seine Welt bevölkern und sie einerseits wie einen innerhalb der eigentlichen Realität verankerten Mikrokosmos wirken lässt, gleichzeitig aber auch der Geschichte genug Bodenhaftung erhält, um sie beinahe mühelos als Teil unserer Welt zu akzeptieren. So beginnt die Geschichte mit beinahe generischen Schilderungen der Kindheit eines introvertierten Jungen mit den typischen Ängsten und Erwartungen, die man als Junge nun einmal eben so hat, während sich die fantastischen Elemente beinahe heimlich in die Realität schleichen und mit zunächst nur reichlich skurril erscheinenden Begebenheiten ihren Anfang nehmen. Dergestalt ist Der Ozean am Ende der Straße – ungeachtet der Tatsache, dass der namenlose Protagonist über weite Strecken als siebenjähriger Junge in Erscheinung tritt – ein Märchen für Erwachsene, eine Parabel von der Selbstfindung und dem Erwachsenwerden, dem gedanklichen Bruch, der sich zwischen kindlicher Glaubensfähigkeit und erwachsenem Rationalismus vollzieht, ohne dabei aber jemals verkopft zu wirken oder zu werden. Freunde stimmiger Coming-of-Age-Geschichten dürften hier folglich sicherlich auf ihre Kosten kommen und Fans von gleichermaßen fantastischen wie düsteren Geschichten ebenso, derweil ich persönlich mich des Öfteren – das fantastische Element einmal ausklammernd – an die Erzählungen eines Joe R. Lansdale erinnert gefühlt habe, der sich auch gerne Heranwachsender als Protagonisten in seinen Erzählungen bedient und diese Mischung aus kindlicher Naivität und nachgeschobenen Erklärungsversuchen eines sich zurückerinnernden Erwachsenen gelingen ihm mindestens ebenso gut.

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte – wer hätte es gedacht – ist aber nicht nur der namensgebende Ozean am Ende der Straße, sondern auch die drei Generationen an Hempstocks, die in dessen Nähe hausen und die nicht nur aufgrund ihrer nebulösen Äußerungen und Andeutungen eine durchweg mysteriöse Aura umgibt. Wer jetzt aber an hexenähnliche Wesen denkt, wird positiv überrascht sein, denn die Hempstocks und allen voran ihre jüngste Vertreterin Lettie, die bald zur Freundin und Gefährtin des Protagonisten avanciert, sind herzensgute Menschen – oder Wesen – und bemühen sich nach Kräften, den Jungen zu schützen, der ohne sein Wissen oder sonderliches Zutun eine fremde Macht in unsere Realität hat eindringen lassen. In dem Zusammenhang möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich selten eine so schlüssige wie naheliegende Benutzung des Wortes "Wurmloch&quot& erlebt habe, was als einzelnes Beispiel herausgepickt sowohl für Gaiman als Autor spricht, als auch für Hannes Riffel als Übersetzer des Werkes, das nur so vor bildhaften Wort-Konstrukten und lebendigen Schilderungen strotzt. Dem zupass kommen nicht zuletzt die vereinzelten Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die seitenfüllend die Geschichte noch einmal merklich aufwerten, wenn sie mir doch für meinen Geschmack gar zu selten zum Tragen kamen, denn mehr als einmal habe ich mir bei den Schilderungen Gaimans gewünscht und erhofft, auf der Folgeseite würde sich eine weitere dieser großartigen Zeichnungen finden.

Das fiel mir alles wieder ein, und während es mir einfiel, wusste ich, dass es nicht von Dauer sein würde: all die Dinge, an die ich mich erinnerte, während ich auf der grünen Bank am Ufer des kleinen Teichs saß, der, wie Lettie Hempstock mich einst überzeugt hatte, ein Ozean war.

Um aber Schlagworte wie "Coming-of-Age", "Märchen", "fantastisch" und "düster" einmal außen vor zu lassen, sollte man sich als LeserIn bewusst sein, dass man nicht unbedingt auf einen alles erklärenden Abschluss zu hoffen wagt, denn viele Details und Zusammenhänge bleiben bis zuletzt im Verborgenen und selbst die Lesart, ob der Protagonist all dies wirklich und wahrhaftig erlebt haben mag, bietet sich geradezu an, denn dank des Unglaubens der Erwachsenen und seiner zuweilen schwindenden Erinnerung entpuppt er sich als klassischer, unzuverlässiger Erzähler. Wer sich aber auf Der Ozean am Ende der Straße einzulassen bereit ist, hat die Chance, sich in eine magische und bedrohliche, aber auch immer Hoffnung spendende und die Werte von Freundschaft und Zusammenhalt propagierende Welt entführen zu lassen, die einem im besten Fall bis zuletzt nicht mehr freigibt. Mich persönlich hat auch dieser Gaiman verzaubert, doch Kindern würde ich diese Story tatsächlich nicht unbedingt zu lesen geben.

Fazit & Wertung:

Mit Der Ozean am Ende der Straße schafft Neil Gaiman eine weitere, ungemein stimmig und märchenhaft wirkende Story voller prosaischer Miniaturen und einfallsreicher Begebenheiten, die gerade ob ihrer Kürze umso mehr überzeugt und dazu verleitet, die Geschichte in einem Anlauf durchzulesen, denn aus dem Kopf bekommt man sie so schnell ohnehin nicht mehr.

8,5 von 10 verdrängten Kindheitserinnerungen

Der Ozean am Ende der Straße

  • Verdrängte Kindheitserinnerungen - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Mit Der Ozean am Ende der Straße schafft Neil Gaiman eine weitere, ungemein stimmig und märchenhaft wirkende Story voller prosaischer Miniaturen und einfallsreicher Begebenheiten, die gerade ob ihrer Kürze umso mehr überzeugt und dazu verleitet, die Geschichte in einem Anlauf durchzulesen, denn aus dem Kopf bekommt man sie so schnell ohnehin nicht mehr.

8.5/10
Leser-Wertung 8/10 (1 Stimme)
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Bastei Lübbe. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Der Ozean am Ende der Straße ist am 15.04.16 als Taschenbuch bei Bastei Lübbe erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den nachfolgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

  • An

    Das klingt sehr interessant! Ich kenne ja bisher nur „Niemalsland“ von Neil Gaiman, was mir sehr gut gefallen hat, und „American Gods“ steht schon im Schrank. Das hier kommt dann wohl mit auf die Leseliste.

  • Stepnwolf

    Ich lese gerade „American Gods“, nachdem ich mit „Neverwhere“ vor kurzem endlich mal den Einstieg in Gaimans literarische Welten geschafft habe. Das wurde ja auch irgendwann Zeit für mich, weil ich als Amanda Palmer Fan ja bei ihr immer irgendwie über seinen Namen gestolpert bin.

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