Review: Die Toten der North Ganson Street | S. Craig Zahler (Buch)

Herrje, ist das schon wieder spät geworden heute, aber was soll‘s, immerhin ist der Artikel noch pünktlich fertig geworden und ich kann euch mit einer neuen Buch-Kritik in den Abend entlassen. Und immerhin, die Arbeitswoche ist auch schon wieder mehr als zur Hälfte geschafft und der Dezember steht auch vor der Tür und das ist ja bekanntlich die besinnlichste Zeit des Jahres. Ich bin gespannt.

Die Toten der North Ganson Street

Mean Business On North Ganson Street, USA 2014, 495 Seiten

Die Toten der North Ganson Street von S. Craig Zahler | © Suhrkamp Verlag
© Suhrkamp Verlag

Autor:
S. Craig Zahler
Übersetzer:
Katrin Mrugalla
Richard Betzenbichler

Verlag (D):
Suhrkamp Verlag
ISBN:
978-3-518-46693-3

Genre:
Krimi | Thriller | Action

 

Inhalt:

In den Augen des schwarzen Hünen blitzte es gefährlich auf. Dampf strömte aus seinen weiten Nasenlöchern, die den Nüstern eines Stiers ähnelten. Links von ihm stand ein sehr schlanker Asiate, dessen pockennarbigem Gesicht die Muskeln zu fehlen schienen, die der Mensch zum Lächeln benötigt.

Durch einen ärgerlichen Vorfall wird Detective Jules Bettinger strafversetzt und landet in der Ortschaft Victory im Nordosten Missouris. Seine Familie quartiert der zweifache Vater in einer nahe gelegenen Stadt ein, da ihm das Stadtgebiet von Victory, dass von seinen Bewohnern nicht ganz zu Unrecht "Shitopia" genannt wird, zu unsicher scheint. Schnell eckt der eifrige Detective bei seinen neuen Kollegen an und muss am eigenen Leib erfahren, wie sträflich unterbesetzt die Polizeibehörde gerade in Anbetracht der herrschenden Umstände ist, doch während Bettinger sich noch bemüht, mit seinem neuen Partner warmzuwerden und wenigstens seinen Teil dazu beizutragen, die Stadt zumindest ein bisschen sicherer zu machen, beginnt ein Polizistenmörder umzugehen und die behördlichen Kräfte weiter auszudünnen, was natürlich sämtliche anderen Fälle ins Hintertreffen geraten lässt…

Rezension:

Auf der Suche nach einem neuen, beinharten Thriller stieß ich quasi per Zufall auf Die Toten der North Ganson Street und während mich schon Titel und Cover für sich einzunehmen wussten, wuchs mein Interesse noch dahingehend, dass S. Craig Zahler mitnichten ein unbeschriebenes Blatt ist und bereits Lob von Leuten wie Joe R. Lansdale erhalten hat, derweil es sich bei diesem Roman mitnichten um seinen Erstling handelt, sondern bereits sein viertes Buch, wenn es auch das Erste ist, das seinen Weg in den deutschsprachigen Raum gefunden hat. Interessanterweise – und das wusste ich vorher nicht – hat Warner Bros. bereits die Rechte an dem Stoff erworben und plant, die Story mit Jamie Foxx und Leonardo DiCaprio auf die Leinwand zu bringen. Der Plot des Buches derweil scheint dafür tatsächlich wie geschaffen, denn kurze Kapitel und schlaglichtartige Momentaufnahmen dominieren die Szenerie, wobei sich Zahler mit Cliffhangern erstaunlich zurückhält. Was aber für eine Verfilmung sprechen mag, steht dem Buch nicht unbedingt immer gut zu Gesicht und so gilt es einiges an Leerlauf in Kauf zu nehmen, wenn man sich dieses Buch zu Gemüte führt, denn der Autor scheint nur adrenalingeschwängert oder – völlig konträr – auf der Stelle tretend und trivial zu kennen, so dass die Story zuweilen doch arg auf dem Fleck tritt.

Der schwarze Hüne blieb wenige Zentimeter vor Doggie stehen. Er ließ den Arm mit der Taube, deren Bauch von Verwesungsgasen aufgebläht war, vor und zurück schwingen. Ihre verbogenen Federn standen in alle Richtungen ab.
»Wo ist Sebastian?« Jetzt bewegte der schwarze Hüne das Handgelenk so, dass die Vogelleiche wie ein Pendel hin und her schwang. »Spuck’s aus, oder du erlebst gleich Thanksgiving Teil zwei.«

Davon aber einmal abgesehen, engt Die Toten der North Ganson Street seine Zielgruppe dahingehend noch weiter ein, dass die Sprache doch ausnehmend roh, die Schilderungen zuweilen über die Maße brutal geraten sind und Zartbesaitete sicherlich kaum über die ersten paar Seiten hinauskommen. Mir persönlich hat es das Buch zwar nicht verleidet – habe ich immerhin selbst Ellis‘ American Psycho heil überstanden, doch sollte man wissen, worauf man sich einlässt, denn mit einem klassischen Krimi haben die Geschehnisse in Shitopia – pardon, Victory – tatsächlich herzlich wenig zu tun und typische Ermittlungsarbeit wird man ebenso vergeblich suchen, denn der rudimentäre Krimi-Plot weicht bald schon einem regelrechten Abschlachten von Gesetzeshütern, was sich jetzt zwar heftiger anhören mag, als es letztlich präsentiert wird, den Kern der Sache aber dennoch gut trifft. Und spätestens als die Sache persönlich zu werden droht, sieht man sich eher mit einem Rache-Thriller konfrontiert als sonst etwas, worunter die Dramaturgie zuweilen ebenso leidet.

Immerhin – und das darf sich Autor Zahler zugutehalten lassen – zeichnet er sein Figurenkonsortium ausnehmend ambivalent und arbeitet mit den unterschiedlichsten Grauschattierungen, während auch Bettinger schnell nicht mehr als der strahlende Held erscheint, der er anfänglich zu sein scheint. Dennoch geht Zahler hier nicht so sehr in die Tiefe, wie ich es mir gewünscht hätte und abgesehen von Hauptfigur Bettinger, deren Innenleben er zumindest auszuloten versucht, konnte er mir die unterschiedlichen Gestalten von Victory kaum näherbringen, was deren Motivation natürlich auch zuweilen infrage stellt. Hier wäre aus Die Toten der North Ganson Street sicherlich mehr herauszuholen gewesen, während es Zahler andernorts beinahe übertreibt und sich zwar bemüht, triste und manchmal schockierende Bilder für den merklichen Zerfall der Stadt zu finden, geht er doch auch auf diese Aspekte seiner Erzählung kaum ein und lässt sie zum willkürlichen Stilmittel verkommen.

Der Geschäftsmann schaute hoch. In der offenen Tür, die zum Großraumbüro des Reviers führte, stand ein schlanker, etwa ein Meter achtzig großer schwarzer Mann in einem olivfarbenen Anzug. Er hatte Geheimratsecken, einen schläfrigen Blick und ungewöhnlich dunkle Haut, die sämtliches Licht verschluckte.
»Sie sind Bettinger?«
»Detective Bettinger.« Der Polizist deutete auf die Tür. »Kommen Sie.«

Größtes Ärgernis aber bei einem Roman, der sich schon den Namen einer Straße für den eigenen Titel herauspickt – verhält sich beim Originaltitel Mean Business On North Ganson Street übrigens nicht anders – ist, dass es ihm nicht gelungen ist, mir die Stadt Victory wirklich begreiflich und erfahrbar zu machen. So gibt es zwar wiederkehrende Örtlichkeiten und einzelne, zumindest skizzierte Gegenden, doch spätestens im letzten Drittel wirken die Ausmaße der Stadt so überdimensioniert und unüberschaubar, dass es unweigerlich zu Irritation führt, denn manchmal hat man das Gefühl, der Autor hätte ein an eine Megapolis erinnerndes Moloch von einer Stadt vor Augen gehabt, kommt dem in seinen Schilderungen aber in keiner Weise nach. So zeichnet Zahler ein zwar eindringliches, in seinen besten Momenten auch überaus packendes Porträt einer Stadt am Rande des Abgrunds, doch fehlen ein wenig die Tiefe und die Überraschungsmomente, um aus einem vielversprechenden Plot einen echten Knaller zu machen. Trotz vereinzelter Längen war Die Toten der North Ganson Street spannend zu lesen, doch fehlt eben an mehreren Ecken der letzte Pfiff, wobei ich mir in diesem speziellen Fall tatsächlich vorstellen könnte, dass eine schnittigere und – der Natur der Sache nach – visuell überzeugendere Film-Version des Stoffes tatsächlich besser funktionieren könnte.

Fazit & Wertung:

Mit Die Toten der North Ganson Street liefert S. Craig Zahler einen überaus rohen und bildhaften, zuweilen schockierend brutalen Thriller ab, doch so sehr er sich in blutigen Details zu ergehen weiß, so wenig gelingt es ihm, den versammelten Charakteren die nötige Tiefe zu verleihen und echte Überraschungsmomente einzubauen, die den Ausflug ins Shitopia genannte Höllenloch noch weitaus eindringlicher hätten machen können. Für Hartgesottene dennoch ein möglicher Geheimtipp, dem allerdings gegen Ende ein wenig die Puste ausgeht.

7,5 von 10 brutalen Polizisten-Morden

Die Toten der North Ganson Street

  • Brutale Polizisten-Morde - 7.5/10
    7.5/10

Fazit & Wertung:

Mit Die Toten der North Ganson Street liefert S. Craig Zahler einen überaus rohen und bildhaften, zuweilen schockierend brutalen Thriller ab, doch so sehr er sich in blutigen Details zu ergehen weiß, so wenig gelingt es ihm, den versammelten Charakteren die nötige Tiefe zu verleihen und echte Überraschungsmomente einzubauen, die den Ausflug ins Shitopia genannte Höllenloch noch weitaus eindringlicher hätten machen können. Für Hartgesottene dennoch ein möglicher Geheimtipp, dem allerdings gegen Ende ein wenig die Puste ausgeht.

7.5/10
Leser-Wertung 8/10 (1 Stimme)
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Suhrkamp Verlages. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Die Toten der North Ganson Street ist am 08.08.16 im Suhrkamp Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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