Review: Dunkle Gewässer | Joe R. Lansdale (Buch)

Eigentlich wollte ich mit dem Artikel schon vor einer Stunde fertig sein, doch keine Sorge, die Lektüre habe ich wie geplant bereits gestern beendet, konnte also noch eine Nacht drüber schlafen, bevor ich mir eine endgültige Meinung bilde, die ihr nun hier nachlesen könnt. Schönen Abend euch!

Dunkle Gewässer

Edge of Dark Water, USA 2012, 320 Seiten

Dunkle Gewässer von Joe R. Lansdale | © Heyne Hardcore
© Heyne Hardcore

Autor:
Joe R. Lansdale
Übersetzer:
Hannes Riffel

Verlag (D):
Heyne Hardcore
ISBN:
978-3-453-67656-5

Genre:
Thriller | Drama

 

Inhalt:

Meine Oma väterlicherseits hat immer behauptet, ich würde mich überhaupt nicht wie ein Mädchen benehmen, und ich sollte doch daheim bleiben, einen Garten anlegen, Erbsen schälen und Frauenarbeit machen. Oma beugte sich dann immer in ihrem Schaukelstuhl vor, betrachtete mich mit verklebten Augen und sagte ohne jede Zuneigung: »Sue Ellen, wie willst du einen Mann kriegen, wenn du ums Verrecken nicht kochen und putzen kannst und auch deine Haare nie hochsteckst?«

Sue Ellen ist schockiert, als ihr Vater beim Fischen die Leiche ihrer Freundin May Lynn aus dem Wasser zieht, die eigentlich geplant hatte, demnächst nach Hollywood zu gehen und der Tristesse des Landlebens in der Nähe des Sabine River zu entfliehen. Als Sue Ellen gemeinsam mit ihren Freunden in den Habseligkeiten May Lynns einen Hinweis auf den Fundort der Beute eines Banküberfalls finden, reift in ihnen ein ungewöhnlicher Gedanke, denn wenn May Lynn es schon nicht nach Hollywood geschafft hat, sei man es ihr doch wenigstens schuldig, ihre Asche dort zu verstreuen, doch der Weg ist lang und der vermeintliche Schatz könnte helfen, diesen Plan in die Tat umzusetzen. Geld weckt aber bekanntlich Begehrlichkeiten und so heften sich nicht nur Sue Ellens Vater Don, sondern auch May Lynns Vater sowie der wenig gesetzestreue Constable Sy an die Fersen der Kinder, die gemeinsam mit Sue Ellens Mutter Hals über Kopf Reißaus genommen haben, ihr unerbittlichster Verfolger allerdings hält sich noch in den Schatten der den Sabine River umgebenden Wälder verborgen…

Rezension:

Es musste einfach mal wieder ein Lansdale sein und so freute ich mich umso mehr, nun Dunkle Gewässer als Remittende abgreifen zu können, obwohl natürlich an dem Buch – ihr kennt das sicherlich – nichts auszusetzen gewesen ist. Nun habe ich ja schon einige Bücher von Joe R. Lansdale gelesen und meine mir langsam Vergleiche anmaßen zu können, weshalb ich sagen muss, dass er erneut einerseits meine Erwartungen voll erfüllt hat und sich seinem Stil auch in diesem vergleichsweise jungen Werk (vergleichsweise wohlgemerkt, die Originalausgabe erschien 2012, also ein Jahr vor Das Dickicht) treu bleibt, doch ist die Geschichte diesmal auch im direkten Vergleich beinahe etwas überraschungsarm geraten und es finden sich nur allzu viele seiner üblichen Versatzstücke, denn einmal mehr steht eine Heranwachsende (ja, das ist neu, die Protagonistin ist weiblich) im Vordergrund und erzählt aus der Ich-Perspektive, einmal mehr spielt die Geschichte im Ost-Texas einer längst vergangenen Zeit, einmal mehr herrscht Rassismus vor, hängen die Männer nahezu durchweg an der Flasche, derweil es einzig die Hauptfigur und ihre Begleiter sind, die sich nicht dem Suff und Stumpfsinn ergeben, dafür auch freilich viel zu jung wären und die sich nicht um Fragen der ethnischen Herkunft scheren, was sie natürlich doppelt als Sympathieträger der Geschichte qualifiziert.

Constable Sy schwankte den Hügel hinunter, wobei er mit einer Taschenlampe den Weg vor sich ausleuchtete, obwohl die Scheinwerfer des Wagens so hell waren, dass man einen Faden durch ein Nadelöhr hätte zwirbeln können. Er bewegte sich auf das Feuer zu, und sein Bauch hüpfte vor ihm auf und ab wie ein Hund, der ihn freudig begrüßte. Daddy stand auf, geriet ins Taumeln und fing sich im letzten Augenblick. Besoffene unter sich.

Ich muss aber auch sagen, dass das alles natürlich Jammern auf hohem Niveau ist und wer mit Lansdale bisher noch keine Berührung hatte oder nur wenige Romane von ihm kennt, wird sicherlich ziemlich begeistert sein von Dunkle Gewässer doch mir war es in seiner Summe etwas zu viel von Altbekanntem, obschon mich Lansdales lakonische Sprache, die ausgefeilten Figuren und der wendungsreiche Plot auch hier zu begeistern wussten und insbesondere atmosphärisch wieder einmal ein rundherum stimmiges Werk ergeben, dass vor Methapern und klugen Sätzen nur so strotzt, zudem ungemein nachdenklich endet und damit der Geschichte quasi im Nachgang noch eine zusätzliche Ebene verpasst, denn in der Rückschau von Sue Ellen wird die hinter ihr liegende Geschichte weit mehr sein als eine Abhandlung ihres Aufbruchs und damit hat sie auch völlig Recht, derweil sich schlussendlich dann auch der Titel des Buches noch einmal erklärt, denn obwohl die Reise entlang des Sabine River führt, hatte der doch im Mittelteil nie eine so große "Rolle" inne, dass man nach ihm das Buch hätte benennen müssen.

Ansonsten geht es wie gesagt gewohnt ruppig zu und es gibt nicht eben viele unbescholtene Bürger in dieser von Armut und Depression beseelten Welt, in die der Autor einmal mehr entführt, wobei selbst die jugendlichen Protagonisten nicht immer Lichtblicke in dieser trübsinnigen Mär abgeben und selbst mit ihren Dämonen zu kämpfen haben, wie im Verlauf der Handlung sorgsam herausgearbeitet wird, was das Gespann rund um Sue Ellen, ihren besten Freund Terry und die aufmüpfige Schwarze Jinx aber nur umso interessanter macht, auch wenn hier an Drama und Tragik wieder einiges zusammenkommt, was in letzter Konsequenz natürlich schnell ein wenig konstruiert wirkt, wenn gleich mehrere Parteien Jagd auf die Ausreißer machen, von denen einer auch noch ein überlebensgroßer, von Legenden umrankter Killer zu sein scheint, dessen Existenz im Allgemeinen gerne angezweifelt wird und der eine allzu haarsträubende Vorgeschichte spendiert bekommt, die natürlich sicherlich ihren Ursprung im Reich der Legenden hat und erneut unterstreicht, mit welch gesundem Argwohn man dieser Alptraumgestalt begegnet.

Mit May Lynn hatte ich auch zahlreiche Hoffnungen begraben. Ich hatte immer damit gerechnet, dass sie nach Hollywood gehen und Filmstar werden würde, und dann würde sie nach Hause kommen und uns dorthin mitnehmen. Ich wusste nicht, warum, und auch nicht, was wir dort tun sollten, aber es war immer noch besser als die Vorstellung, hier aufzuwachsen und irgendeinen Kerl zu heiraten, der Tabak kaute, nach Whisky roch und mich mindestens einmal die Woche verprügelte und vielleicht von mir verlangte, dass ich die Haare hochgesteckt trug.

Ebenso klar dürfte dem versierten Leser sein, dass es zuweilen auch ziemlich brutal und explizit werden wird, wobei man in dieser Hinsicht auch bei Dunkle Gewässer nicht enttäuscht wird, wenngleich es Lansdale noch immer gelingt, diese Gewaltspitzen nie zu reinem Selbstzweck verkommen zu lassen und derweil so wohldosiert setzt, dass auch Zartbesaitete durchaus einen Blick riskieren können, denn aufgrund eines empfindlichen Gemüts auf diese Lektüre zu verzichten wäre nur allzu schade, denn wie gesagt reicht dieser Roman sicherlich nicht an die Glanzmomente der ungemein umtriebigen Schaffens-Karriere des fleißigen Autoren heran, ist in seiner Summe und trotz der benannten "Mängel" aber immer noch deutlich besser und lohnenswerter als vieles, was dieser Tage seine Veröffentlichung feiert, weshalb ich auch diesen Ausflug nach Ost-Texas geneigten Leserinnen und Lesern wieder einmal nur empfehlen kann, mir gleichsam aber wünsche, dass Lansdale auch weiterhin neue Pfade betritt und sich nicht darauf verlegt, alsbald nur noch Romane nach Schema F zu produzieren, denn ein wenig wirkt dieser hier wie eine ungemein überzeugende Fingerübung, wofür auch die Länge spricht, die mit gerade einmal 320 Seiten doch vergleichsweise überschaubar ist, dafür natürlich das Vorhaben begünstigt, auch dieses Werk in nur wenigen Tagen – oder gar in einem Rutsch – zu verschlingen.

Fazit & Wertung:

Auch mit Dunkle Gewässer untermauert Joe R. Lansdale einmal mehr seinen Status als Kult- und Ausnahme-Autor, doch tauchen hier zu viele, aus seinem Œuvre hinlänglich bekannte Versatzstücke auf, als dass die Geschichte der Reise dreier Kinder entlang des Sabine River auf einer mehr als ungewöhnlichen Mission an viele andere seiner Veröffentlichungen heranreichen könnte, wobei – wie man hier eindrucksvoll bewiesen bekommt – selbst Lansdales vergleichsweise uninspirierte Romane noch weit über der durchschnittlichen Qualität ähnlich gelagerter Genre-Vertreter liegen.

8 von 10 Reise-Etappen entlang des Sabine River

Dunkle Gewässer

  • Reise-Etappen entlang des Sabine River - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Auch mit Dunkle Gewässer untermauert Joe R. Lansdale einmal mehr seinen Status als Kult- und Ausnahme-Autor, doch tauchen hier zu viele, aus seinem Œuvre hinlänglich bekannte Versatzstücke auf, als dass die Geschichte der Reise dreier Kinder entlang des Sabine River auf einer mehr als ungewöhnlichen Mission an viele andere seiner Veröffentlichungen heranreichen könnte, wobei – wie man hier eindrucksvoll bewiesen bekommt – selbst Lansdales vergleichsweise uninspirierte Romane noch weit über der durchschnittlichen Qualität ähnlich gelagerter Genre-Vertreter liegen.

8.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Heyne Hardcore. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Dunkle Gewässer ist am 08.09.14 bei Heyne Hardcore als Taschenbuch erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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