Review: Ein ordentlicher Ritt | Irvine Welsh (Buch)

Manchmal hat es ja echte Vorteile, vorgearbeitet zu haben, denn während ich mich heute krankgeschrieben im Bett befinde, kann ich doch trotzdem Bloggen, weil ich guter Vorbereitung zum Dank lediglich noch diese kurzen Zeilen abfassen und den "Veröffentlichen"-Button drücken muss, was ich mir selbst in angeschlagenem Zustand noch zutraue, wie ihr seht.

Ein ordentlicher Ritt

A Decent Ride, UK 2015, 448 Seiten

Ein ordentlicher Ritt von Irvine Welsh | © Heyne Hardcore
© Heyne Hardcore

Autor:
Irvine Welsh
Übersetzer:
Stephan Glietsch

Verlag (D):
Heyne Hardcore
ISBN:
978-3-453-27067-1

Genre:
Komödie | Drama

 

Inhalt:

Terry Lawson, der sich nur Juice Terry nennt, ist Taxi-Fahrer in Edinburgh, doch was weit bezeichnender für ihn sein dürfte, ist sein ausgeprägter Sexualtrieb und dass er sich an so ziemlich jede Frau ranschmeißt, die ihm vor die Nase oder besser Motorhaube gerät. Schön für ihn, dass er gehörig Schlag bei der holden Weiblichkeit zu haben scheint, denn so hat Terry einen stets vollen Terminkalender, was ihn aber nicht daran hindert, zeitweise Kokain zu verticken und das Job-Angebot eines gewissen Amerikaners namens Ron Checker anzunehmen, der einige Zeit in der Stadt zu verbringen plant. Derweil wird Terry zudem von einem zwielichtigen Typ abgestellt, einen Blick auf dessen als Sauna-Club getarntes Bordell zu werfen. Klar, dass Terry keine Zeit für seine zahlreichen Bälger und noch zahlreichere Ex-Freundinnen hat, derweil sich ein Hurrikan anschickt, über Schottland hinwegzufegen, der einiges gehörig durcheinanderzuwirbeln verspricht…

Rezension:

Ich hatte schon lange die Angst, dass dieser Moment einmal kommen könnte, doch dass es nun ausgerechnet bei einem meiner liebsten Autoren passiert (auch wenn ich schon länger nichts mehr von ihm gelesen habe) hätte ich nicht erwartet, allerdings stellt sich mir bei Ein ordentlicher Ritt tatsächlich die Frage, ob ich einfach nur älter geworden bin oder Irvine Welsh in dem, was er im Grunde vortrefflich aufs Papier zu bringen weiß, denn sein 2015 erschienener Roman, der sich wieder einmal Edinburgh und damit den Wurzeln seines (literarischen) Schaffens widmet, verfügt im Grunde über alle Zutaten, als echter Welsh bezeichnet zu werden, von einer ungemein skurrilen, kaum sympathischen Hauptfigur über eine mehr als derbe Sprache, allerhand Unflätigkeiten und absurde Verwicklungen bis hin zu einer abgedrehten Geschichte voller Sex, Drogen und Gewalt, ganz davon zu schweigen, dass Hauptprotagonist Terry bereits aus Klebstoff und Porno bekannt sein dürfte, derweil auch Sick-Boy aus Welshs "Urwerk" Trainspotting des Öfteren Erwähnung findet und einen kleinen Gastauftritt absolviert.

Terry schlägt den Kragen des Jacketts hoch und schließt sich einer großen Gruppe von Trauergästen an. Ganz schön viel los. Ihm war immer schon klar gewesen, dass Alecs Dahinscheiden einmal Anlass für einen ausgewachsenen Alki-Kongress sein würde. Überrascht ist Terry lediglich darüber, dass die vielen bekannten Gesichter, deren Besitzer er entweder unter der Erde oder im Gefängnis vermutet hatte, offenbar bloß deshalb von der Bildfläche verschwunden waren, weil sie sich seit Einführung des Rauchverbots nur noch bis zu ihrem lokalen Supermarkt wagten.

Allerdings vermag die Geschichte um einen Hurrikan, der von den Schotten liebevoll "Drecksack" getauft wird und nicht nur das Leben von Terry gehörig aus den Angeln hebt, nicht so recht zu zünden und dem Gefühl nach hätte Ein ordentlicher Ritt gute 200 Seiten kürzer sein dürfen, denn zuweilen musste ich mich wirklich durch die Geschichte quälen, die zwar ganz in der Tradition des unangepassten Autors steht, aber schlichtweg zu viele Längen und Nichtigkeiten enthält, die die Geschichte in keiner Weise voranbringen. Erst etwa ab der Hälfte des Romans – Hurrikan "Drecksack" ist längst vergessen und beherrscht nur noch unter fadenscheinigen Gründen das Geschehen – beginnt sich eine Entwicklung der Figur des Terry abzuzeichnen, was kurzzeitig frischen Wind verspricht, alsbald aber in der Bedeutungslosigkeit verpufft. Wären aber nicht das unsäglich vorhersehbare Ende, dann hätte mich die Geschichte um Terry durchaus zu packen gewusst, auch wenn es mir generell schwergefallen ist, der erwartungsgemäß flapsigen und derben, unflätigen Wortwahl zu folgen, mit der sich jeder hier auszudrücken weiß, wobei Terry da noch nicht einmal der schlimmste im Bunde ist.

Neben Terry handelt Ein ordentlicher Ritt nämlich auch noch von dem geistig etwas einfältigen Jonty und dessen Freundin Jinty, die wiederum in einem Sauna-Club arbeitet, den zu überwachen Terry aufgetragen worden ist, der sich derweil mit dem Amerikaner Ronald Checker zusammentut, der es auf eine ungemein seltene und somit teure Whiskey-Flasche abgesehen hat, um nur einige Eckdaten zu nennen, denn auch das Golf-Spiel spielt in der zweiten Hälfte eine nicht gerade kleine Rolle, ebenso wie Väter im Allgemeinen, gefolgt von Terrys zahlreichen Kindern, die er im Laufe der Jahre in ganz Edinburgh gezeugt hat und dazu noch ein paar generell reichlich abstoßende Familienbande, die ich jetzt gar nicht im Detail erläutern möchte. Die Grenzen des guten Geschmacks werden in diesem Zusammenhang zweifellos vorbildlich ein ums andere Mal übertreten und hier nun braucht man sich auch nicht lange fragen, wieso Welsh seit jeher unter dem Label "Heyne Hardcore" erscheint, doch sind das alles Dinge, mit denen ich gerechnet habe, nicht aber, dass die Geschichte sich derart ziehen und dabei so vorhersehbar und trivial bleiben würde.

Während Doughheid sich keuchend mit den Koffern abmüht, wird Terry auf den Mann mit der Brille, dem langen Mantel und der unpassenden Frisur aufmerksam, der hektisch auf die Tastatur seines Handys eintippt. Terry kennt ihn von irgendwoher, vielleicht gehört er zu einer Band, doch dann fällt ihm auf, dass der Typ älter ist, als sein alberner Hahnenkamm vermuten lässt. Wie aus dem Nichts taucht ein kleinlauter Begleiter auf — kurz geschorenes blondes Haar über einem abgespannten Gesicht — und katzbuckelt sich an ihn heran. — Tut mir echt leid, Ron. Der bestellte Wagen hat eine Panne …
— Geh mir aus den Augen!, blafft ihn der Business-Punk (denn das sieht Terry in ihm) mit amerikanischem Akzent an. — Ich nehme ein Taxi! Lass mein Gepäck einfach ins Hotel bringen!

Wer aber grundsätzlich eher zu den Zartbesaiteten gehört, braucht Ein ordentlicher Ritt auf gar keinen Fall eine Chance zu geben, denn nach wenigen Seiten würde das Buch vermutlich angewidert in die Ecke gepfeffert werden, doch wem das nichts ausmacht, der könnte eventuell seinen Spaß haben, denn die satirischen Untertöne sind auch hier kaum zu übersehen und ich musste durchaus mehrfach schmunzeln, derweil einzig die Dramaturgie wirklich holprig geraten ist für meinen Geschmack. So spricht es nicht gerade für Welsh, dass ich nicht nur das Ende, sondern auch eine der großen "Offenbarungen" des Mittelteils meilenweit gegen den Wind riechen konnte, ebenso wie mich eine völlig unnötige Erklärung gegen Ende mit den Augen hat rollen lassen, denn nach den offensichtlichen Andeutungen innerhalb der Story hatte ich schlichtweg das Gefühl, der Autor würde den Leser für blöd halten und das kann ich überhaupt nicht leiden. Was nützt es aber, um den heißen Brei herumzureden, allein der Umstand, dass ich mich zuweilen regelrecht zum Weiterlesen zwingen musste, spricht eigentlich Bände und so kann ich nicht einmal ausgewiesenen Fans von Irvine Welsh guten Gewissens eine Empfehlung aussprechen, wobei der allgemeine Tenor ja durchaus vermuten lässt, es könnte an mir und nicht an dem Buch liegen, dass dieses bei mir so schlecht weggekommen ist.

Fazit & Wertung:

Mit Ein ordentlicher Ritt geht Autor Irvine Welsh im Grunde den einfachen Weg, mehr von Altbekanntem zu bieten und so wirkt sein Roman in vielen Passagen wie ein mittelmäßiger Abklatsch seiner früheren Werke, während sich die surreal-wahnhafte Sogwirkung nur selten einstellen will und ein roter Faden erst spät zutage tritt. Mit am gravierendsten dürfte aber sein, dass die Geschichte dramaturgisch einerseits reichlich überladen, andererseits ziemlich uninspiriert und dadurch vorhersehbar daherkommt.

5 von 10 abgeschleppten Taxi-Fahrgästen

Ein ordentlicher Ritt

  • Abgeschleppte Taxi-Fahrgäste - 5/10
    5/10

Fazit & Wertung:

Mit Ein ordentlicher Ritt geht Autor Irvine Welsh im Grunde den einfachen Weg, mehr von Altbekanntem zu bieten und so wirkt sein Roman in vielen Passagen wie ein mittelmäßiger Abklatsch seiner früheren Werke, während sich die surreal-wahnhafte Sogwirkung nur selten einstellen will und ein roter Faden erst spät zutage tritt. Mit am gravierendsten dürfte aber sein, dass die Geschichte dramaturgisch einerseits reichlich überladen, andererseits ziemlich uninspiriert und dadurch vorhersehbar daherkommt.

5.0/10
Leser-Wertung 9/10 (1 Stimme)
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von Heyne Hardcore. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Ein ordentlicher Ritt ist am 26.09.16 bei Heyne Hardcore als Taschenbuch erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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