Review: Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten | Becky Chambers (Buch)

Wieder ist Mittwoch und wieder habe ich mich in den vergangenen sieben Tagen einem Buch gewidmet, von dem ich euch jetzt schrecklich gern erzählen möchte, speziell auch, weil es mir wahnsinnig gut gefallen hat. Und weil ich das so gerne möchte, mache ich das jetzt auch. Los geht’s!

Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten

The Long Way To A Small, Angry Planet, USA 2014, 544 Seiten

Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten von Becky Chambers | ©  FISCHER Tor
© FISCHER Tor

Autorin:
Becky Chambers
Übersetzerin:
Karin Will

Verlag (D):
FISCHER Tor
ISBN:
978-3-596-03568-7

Genre:
Science-Fiction | Drama

 

Inhalt:

Als sie in der Kapsel die Augen aufschlug, erinnerte sie sich an dreierlei. Erstens – sie reiste gerade durchs All. Zweitens – sie würde bald eine neue Stelle antreten, bei der sie es nicht vermasseln durfte. Drittens – sie hatte einen Regierungsangestellten bestochen, damit er ihr eine neue Identität verschaffte. Nichts davon war neu, aber auch nicht gerade das, woran sie denken wollte, während sie aufwachte.

In dem Bestreben, ihren Heimatplaneten und vor allem ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen, heuert die junge Marsianerin Rosemary Harper unter der Leitung von Captain Ashby an Bord der "Wayfarer" an, einem in die Jahre gekommenen Raumkreuzer unter Leitung , der als Tunnelerschiff fungiert, also Wurmlöcher ins All "stößt". Was anfänglich nach einem Routinejob aussieht, wandelt sich alsbald zu Rosemarys bisher größtem Abenteuer, denn als der Captain den Auftrag annimmt, einen Raumtunnel im Gebiet der kriegerischen Rasse der Toremi zu realisieren, die erst kürzlich der Galaktischen Union beigetreten sind, beginnt für die Crew des Schiffes eine lange und zuweilen gefährliche Reise…

Rezension:

Wenn man einmal die zahlreichen Star Wars-Romane unberücksichtigt lässt, ist Becky Chambers‘ Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten für mich nach langer Zeit mal wieder ein lupenreiner Science-Fiction-Roman und was habe ich ihn genossen, lässt sich die Geschichte schließlich von ihrer Art der Herangehensweise mit kaum etwas vergleichen. Selbstredend ist die Welt des durch das All reisenden, in die Jahre gekommenen Raumkreuzers mit Namen "Wayfarer" durchzogen von fremdartigen Spezies, unglaublicher Technik, intergalaktischer Fehden und fremdartiger Wesenheiten und Gebräuche, doch statt daraus eine von Weltraumschlachten und epischen Begegnungen geprägte Space-Opera zu generieren, konzentriert sich Chambers stattdessen voll und ganz auf die multikulturelle und sich aus unterschiedlichen Spezies zusammensetzende Crew und deren Miteinander, wobei jeder Figur im Grunde eine mehr oder minder umfangreiche Geschichte gewidmet wird und man sich dergestalt – ähnlich des Neuankömmlings Rosemary Harper, die hier zunächst als Identifikationsfigur fungiert – nach und nach mit jedem einzelnen Besatzungsmitglied vertraut macht.

Corbin warf seinen Scribus auf Ashbys Schreibtisch. Das dünne, rechteckige Pad segelte durch den Pixel-Bildschirm und blieb scheppernd vor Ashby liegen. Mit einer Handbewegung schloss Ashby den Bildschirm. Die in der Luft stehenden Schlagzeilen zerfielen, und die farbigen Pixel stahlen sich, winzigen Insektenschwärmen gleich, zurück in die Projektorboxen beiderseits des Schreibtisches. Ashby betrachtete den Scribus und sah Corbin dann mit hochgezogenen Augenbrauen an.

Das führt allerdings auch dazu, dass man sich anfänglich fragen mag, ob und wann ein roter Faden erkennbar wird, denn abgesehen davon, dass man sich einem lukrativen Auftrag verpflichtet, der es mit sich bringt, eine ellenlange, im Grunde beinahe das gesamte Buch umspannende Reise quer durchs All zu absolvieren, sind die einzelnen Stationen zunächst oft nur lose miteinander verbunden und nicht von ungefähr fühlte ich mich zuweilen – wer könnte es mir verdenken – an die Serie Firefly erinnert, deren Crew ich ebenso sehr ins Herz geschlossen habe wie die Besatzung der "Wayfarer", wenn sich ansonsten die Charaktere auch kaum miteinander vergleichen lassen. Würde man also etwas an Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten bemängeln wollen, dann wäre es die zuweilen fragmentarische Erzählweise, die eben manchmal mehr an eine Aneinanderreihung von Episoden erinnert als an eine durchgängige Romanstruktur, wobei der Titel aber im Grunde auch bereits zu erkennen gibt, was einen hier erwartet und nirgends hätte der Spruch "Der Weg ist das Ziel" besser gepasst als hier, denn um das Ziel der Reise, den kleinen zornigen Planeten, geht es wirklich nur am Rande beziehungsweise natürlich am Ende und der Fokus liegt spürbar bei ausgefeilter Charakterentwicklung.

Nun könnte man argumentieren, dass eine Charakterstudie nun nicht eben spannend ist und einem stringent konstruierten Roman nicht das Wasser reichen könne, doch diesbezüglich straft Chambers die Agitatoren Lügen, denn in der liebevollen Art und Weise, mit der sie sich nicht nur mit jedem Charakter und jeder Spezies auseinandersetzt, hätte ich gerne noch mehr Zeit mit der "Wayfarer"-Crew verbracht, ob es sich nun um Frischling Rosy, Captain Ashby, die quirlig-überdrehte Tech Kizzy und ihren Kollegen Jenks handelt, die reptilienartige und somit wortwörtlich kaltblütige Sissix, den gutmütigen Grum Dr. Koch, den verschrobenen Corbin, das fremdartige und in sich gekehrte Sianatpaar Ohan oder nicht zuletzt die empfindungsfähige KI Lovey (eigentlich Lovelace), ihres Zeichens Herz und Kern des Schiffs. Dabei ist es eine Sache, sich eine Handvoll mehr oder minder fremdartiger Spezies auszudenken und eine ganz andere, jede dieser Daseinsformen mit einer stimmigen und durchdachten Kultur und zuweilen Religion zu versehen und diese Wesen dann miteinander interagieren zu lassen und hier offenbaren sich die größten Stärken von Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten, denn alle Geschehnisse und Ereignisse, ob hochdramatisch oder unterschwellig lustig, gewinnen durch den Umstand, dass die Crew jederzeit füreinander einsteht und ungeachtet sämtlicher Differenzen und Unterschiede eine Einheit bildet, dass der Roman ein Paradebeispiel für gelebten Humanismus sein könnte, wenn der Begriff in Anbetracht der vielen Völker und Spezies nicht so schrecklich unpassend wäre.

Ashby zählte an den Fingern ab – auch er beherrschte dieses Spiel. »Sie ist für den ganzen GU-Verwaltungskram ausgebildet. Sie hat ein Praktikum bei einer planetarischen Transportfirma gemacht, wo sie die gleichen Basisqualifikationen benötigt hat wie bei uns. Sie spricht fließend Hanto, mit Gesten und allem Drum und Dran, was uns wirklich ein paar Türen öffnen könnte. Sie kann ein Empfehlungsschreiben ihres Professors für interspeziäre Beziehungen vorweisen. Und was das Wichtigste ist: Bei unserem kurzen Gespräch wirkte sie auf mich wie jemand, mit dem ich zusammenarbeiten kann.«

Damit aber nicht genug, gelingt es Chambers auch hinsichtlich der technischen Aspekte, eine glaubhafte Welt zu erschaffen und während man beispielsweise anfänglich noch stutzt, dass ausgerechnet der Captain eines Raumschiffs unter Höhenangst leidet, erscheint das nach den Erklärungen, dass im Falle eines Falles (höhö) die Schwerkraft an Bord eines Schiffes kurzerhand außer Kraft gesetzt werden kann, während auf Planetenoberflächen mit "natürlicher" Schwerkraft schon ein Sturz aus geringer Höhe den Tod bedeuten kann, absolut plausibel. Während sich also Etappe an Etappe und Episode an Episode reiht – wobei diese durchaus aufeinander aufbauen und manche Konsequenz nicht eben einfach verpufft – offenbart die Autorin zahlreiche wirklich kluge Gedankengänge und gesteigerten Einfallsreichtum, wobei das Feingefühl bei der Schilderung der interspeziären Beziehungen wohl alles andere überragt So hat mich die Reise der "Wayfarer" von vorn bis hinten zu begeistern gewusst und in Anbetracht dessen bin ich mehr als froh, dass Becky Chambers bereits an einem Nachfolgeroman arbeitet, der sich ebenfalls dieser liebenswerten Schiffsbesatzung widmen wird.

Fazit & Wertung:

Mit Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten hat Becky Chambers ein eindrucksvolles Debüt vorgelegt, das sich dem Thema Science-Fiction von einer ungewohnt optimistischen und "menschlichen" Seite widmet, vor allem aber mit einem wahnsinnig liebenswerten Figuren-Ensemble aufwartet. Einzig, dass manchmal der episodenhafte Charakter der Erzählung zu sehr in den Vordergrund rückt und mancher Handlungsstrang nur allzu hastig abgehandelt wird, trüben das ungemein stimmige Gesamtbild ein wenig.

9 von 10 Stationen einer langwierigen Reise

Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten

  • Stationen einer langwierigen Reise - 9/10
    9/10

Fazit & Wertung:

Mit Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten hat Becky Chambers ein eindrucksvolles Debüt vorgelegt, das sich dem Thema Science-Fiction von einer ungewohnt optimistischen und "menschlichen" Seite widmet, vor allem aber mit einem wahnsinnig liebenswerten Figuren-Ensemble aufwartet. Einzig, dass manchmal der episodenhafte Charakter der Erzählung zu sehr in den Vordergrund rückt und mancher Handlungsstrang nur allzu hastig abgehandelt wird, trüben das ungemein stimmige Gesamtbild ein wenig.

9.0/10
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Weitere Details zum Buch und der Autorin findet ihr auf der Seite von FISCHER Tor.

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Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten ist am 27.10.16 bei FISCHER Tor erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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