Review: Everest (Film)

Heute begeben wir uns in eisige Höhen und auch wenn es jetzt schon wieder einige Wochen her ist, dass ich den Film habe sehen dürfen, gibt es durch meinen immer noch üppigen Vorlauf bedingt eben erst jetzt die Film-Kritik dazu. Den Text habe ich natürlich schon vor Wochen geschrieben, ihr müsst also keine Angst haben, dass ich mir aus der Erinnerung etwas zusammen fabulieren musste.

Everest

Everest, UK/USA/IS 2015, 121 Min.

Everest | © Universal Pictures
© Universal Pictures

Regisseur:
Baltasar Kormákur
Autoren:
William Nicholson
Simon Beaufoy

Main-Cast:

Jason Clarke (Rob Hall)
Josh Brolin (Beck Weathers)
John Hawkes (Doug Hansen)
Robin Wright (Peach Weathers)
Emily Watson (Helen Wilton)
Keira Knightley (Jan Hall)
Sam Worthington (Guy Cotter)
Jake Gyllenhaal (Scott Fischer)

in weiteren Rollen:

Michael Kelly (Jon Krakauer)
Elizabeth Debicki (Caroline MacKenzie)
Thomas M. Wright (Michael Groom)
Martin Henderson (Andy ‚Harold‘ Harris)

Genre:
Biografie | Abenteuer | Drama

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Everest | © Universal Pictures
© Universal Pictures

Wie schon in den Jahren zuvor bricht der erfahrene Höhenbergsteiger Rob Hall mit einer Gruppe Amateur-Bergsteigern am 30. März 1996 auf, um ihnen die Besteigung des Mount Everest zu ermöglichen. Die bunt gemischte Truppe muss sich vor Ort natürlich erst einmal akklimatisieren und mit den Verhältnissen vertraut machen, derweil sich das Basislager neben den Klienten von Halls Unternehmen "Adventure Consultants" mit weiteren ambitionierten Bergsteiger-Teams zu füllen beginnt. Am 10. Mai schließlich will Hall mit seiner Gruppe den Aufstieg in Angriff nehmen und schließt sich ob des regen Betriebs mit dem "Mountain Madness"-Team von Scott Fischer zusammen. Noch ahnen beide nicht, dass nicht nur das gute Wetter nicht von Dauer sein wird, sondern auch eine Verkettung unglücklicher Ereignisse die Expedition in eine Tragödie münden lassen wird…

Rezension:

Eigentlich habe ich es ja nicht so mit Bergsteiger-Geschichten, doch nachdem ich vor etlichen Jahren einmal Jon Krakauers In eisigen Höhen gelesen habe – der im Film in Gestalt von Michael Kelly ebenfalls in einer kleinen Rolle in Erscheinung tritt – und in Anbetracht der großartigen Besetzung, die mehr als nur ein paar meiner Lieblinge versammelt, konnte ich über kurz oder lang kaum einen Bogen um Everest machen und tatsächlich müht sich der Film redlich, auch den nicht so versierten Zuschauern einen Einblick in die Welt der Bergsteiger und speziell des Bergsteiger-Massentourismus zu liefern und schafft es mit stringentem Aufbau und wohldosierten Erläuterungen seitens der "Profis", einerseits den Grundstein für einen packenden Survival-Thriller zu legen und andererseits auf die eisigen Höhen des Mount Everest einzustimmen, der in beinahe durchweg packenden Bildern eingefangen wird, derweil viele der eigentlichen Spielfilmszenen wohl auch in den Alpen oder auf Island gedreht worden sind. Vor allem gelingt es Regisseur Baltasar Kormákur (Contraband), die exakt richtige Dosierung in Sachen Tempo und Nebenhandlungen zu erreichen, um einerseits eine gelungene Dramaturgie zu erschaffen – Keira Knightley (The Imitation Game) in einer Nebenrolle als Rob Halls Frau Jan ist für den emotionalen Kern der Erzählung später unabdingbar – und andererseits nicht mit Trivialitäten zu langweilen, was schnell hätte passieren können.

Szenenbild aus Everest | © Universal Pictures
© Universal Pictures

Entsprechend konzentriert er sich bei dem tragischen Aufstieg von 1996 natürlich auch nur auf eine Handvoll Figuren, obwohl sich zum Unglückszeitpunkt insgesamt 34 Bergsteiger auf der Gipfelroute befunden haben, wobei es dank dicker Klamotten und Schneebrillen auch so schon schwer genug ist, die einzelnen Figuren auseinanderzuhalten. Nichtsdestotrotz schafft es gerade in der ersten Hälfte des Films der oft unterschätzte Jason Clarke (Terminator: Genisys) gar vortrefflich, Rob Hall als Sympathieträger und Identifikationsfigur zu etablieren, was ebenfalls für die zweite Hälfte oder das letzte Drittel des Films dringend nötig ist, denn ab dem Zeitpunkt, als die Dinge aus dem Ruder zu laufen beginnen, bleibt kaum noch Zeit für langwierige Charaktermomente oder weitschweifige Dialoge, denn nicht nur die Zeit, auch die Luft wird knapp. Leider liegt hier in meinen Augen aber auch eine der wenigen Schwächen des Films begründet, denn während sich die Filmschaffenden zu Beginn noch Mühe geben, jederzeit zu verdeutlichen, auf welchen Höhenmetern und in der Nähe welches Camps sich die Bergsteiger befinden, werden die Grenzen mit aufziehendem Unwetter zunehmend fließend und wäre es nicht genug, dank Schneesturm und Gewitterwolken kaum noch etwas zu sehen, bekommt man selbst als Zuschauer alsbald oft keinerlei Anhaltspunkt mehr, wer da in welche Schneewehe geraten ist und wo sich diese befinden mag, was mich doch zuweilen ein wenig gestört hat, denn die Verortung der einzelnen Figuren wäre der Anteilnahme durchaus zuträglich gewesen.

Das aber ist nur ein kleines Manko in einem ansonsten hochdramatischen, dabei gleichermaßen aber nicht übertrieben pathetischen Film, dem es die meiste Zeit vortrefflich gelingt, die unwirtliche, ja lebensfeindliche Atmosphäre in den oberen Regionen des Bergmassivs regelrecht erfahrbar zu machen. Wie gesagt, beweist Everest aber auch in Sachen Besetzung ein glückliches Händchen und neben Clarke überzeugen speziell Josh Brolin (Sicario) und John Hawkes (Martha Marcy May Marlene) in ihren Rollen als Amateur-Bergsteiger, derweil sich Jake Gyllenhaal (Prisoners) als "Rockstar"-Bergsteiger Scott Fischer zwar als echter Szenendieb erweist, ansonsten aber in der Figurenzeichnung eher blass bleibt. Ansonsten bliebe vielleicht noch zu erwähnen, dass sich der Film jedweder Wertung oder Verurteilung verweigert, was die einen als Manko, die anderen als Zugewinn betrachten dürften, wobei ich eher dazu tendiere, dies nicht rundweg positiv zu bewerten, zumal sich Jon Krakauer selbst kritisch zu dem Film geäußert hat und darüber, wie er die Ereignisse schildert und welche Rolle er mancher Figur angedeihen lässt, während andererseits so universelle Themen wie die Frage danach, was Menschen bewegt, sich dieser lebensbedrohlichen Tortur auszusetzen, lediglich angerissen werden und wenn man sich schon zurückhalten möchte, diese oder jene beteiligte Figur in ein gutes oder schlechtes Licht zu rücken, hätte man sich zumindest solchen Themen widmen können, die weniger Diskurs hervorzurufen imstande sind.

Szenenbild aus Everest | © Universal Pictures
© Universal Pictures

Sei es aber wie es will, macht Everest als Abenteuer- oder Survival-Thriller trotz kleinerer Kritikpunkte eine mehr als gute Figur und ist sicherlich sehenswert, bleibt aber in manchen Belangen noch hinter seinen Möglichkeiten zurück. Immerhin ist es mir bisher selten untergekommen, dass Naturgewalten derart eindrücklich und bedrohlich auf die Leinwand gebracht worden sind wie hier, was natürlich der Atmosphäre mehr als zugutekommt und für einen Film dieser Machart als mitunter wichtigstes Kriterium zählen dürfte, während man es nicht versäumt, auch emotional zu involvieren und zumindest dramaturgisch bis zuletzt den Fokus nicht aus den Augen zu verlieren, wenn mir das Geschehen hier auch zuweilen ein wenig zu diffus geschildert worden ist. Ein bis zuletzt packender Film, der das tragische Schicksal einer Schar Bergsteiger beleuchtet, ohne dabei mit dem erhobenen Zeigefinger zu drohen. So konzentriert sich Kormákurs Werk lieber auf die Landschaftsaufnahmen und eine ausgesuchte Handvoll Figuren, tut in letzter Konsequenz aber sicherlich gut daran.

Fazit & Wertung:

Baltasar Kormákur widmet sich in Everest einem der tragischsten Fälle in der Geschichte des Bergsteiger-Tourismus und beleuchtet auf eindrückliche Art und Weise sowohl die Zusammenhänge und den Fatalismus des Geschehens sowie das Schicksal einzelner Charaktere, behält sich eine Wertung der Ereignisse aber bewusst vor, was ihn in seiner Intention leider zuweilen ein wenig vage wirken lässt. Den ungemein eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen, die für sich genommen schon eine Sichtung rechtfertigen, tut dieses Manko aber keinerlei Abbruch.

7 von 10 gefährlichen Gebirgspässen

Everest

  • Gefährliche Gebirgspässe - 7/10
    7/10

Fazit & Wertung:

Baltasar Kormákur widmet sich in Everest einem der tragischsten Fälle in der Geschichte des Bergsteiger-Tourismus und beleuchtet auf eindrückliche Art und Weise sowohl die Zusammenhänge und den Fatalismus des Geschehens sowie das Schicksal einzelner Charaktere, behält sich eine Wertung der Ereignisse aber bewusst vor, was ihn in seiner Intention leider zuweilen ein wenig vage wirken lässt. Den ungemein eindrucksvollen Landschaftsaufnahmen, die für sich genommen schon eine Sichtung rechtfertigen, tut dieses Manko aber keinerlei Abbruch.

7.0/10
Leser-Wertung 6/10 (1 Stimme)
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Meinungen aus der Blogosphäre:
Der Kinogänger: 6,5/10 Punkte
Tonight is gonna be a large one.: 8/10 Punkte

Everest ist am 28.01.16 auf DVD, Blu-ray und 3D Blu-ray und am 29.09.16 als 4K UHD Blu-ray bei Universal Pictures erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

  • Mir hat der Film dann doch noch einmal deutlich besser gefallen, auch wenn ich die Lücken in der Erzählung bzw. bzgl. der Motivation der Figuren durchaus wahrgenommen hatte. Spätestens mit Jon Krakauers Buch über die Ereignisse hat sich der gewonnene Eindruck gefestigt und der Film wird für mich stets eine gelungene Bebilderung der Ereignisse bleiben.

  • Stepnwolf

    Für mich war hier vor allem der Berg und seine visuelle Umsetzung der Star. Mit den Figuren bin ich (Achtung Wortwitz) nicht so richtig warm geworden.

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