Review: Hades | Candice Fox (Buch)

Es wird mal wieder allerhöchste Zeit für die nächste Buch-Kritik, auch wenn mich meine letzte Lektüre jetzt leider gar nicht so sehr zu überzeugen wusste, aber man kann ja nicht immer nur Glück haben und es kann einem ja auch nicht immer alles gefallen, von daher sehe ich das ganz entspannt und bin natürlich auch längst am nächsten Buch dran 😉

Hades

Hades, AU 2014, 341 Seiten

Hades von Candice Fox | © Suhrkamp Verlag
© Suhrkamp Verlag

Autorin:
Candice Fox
Übersetzerin:
Anke Caroline Burger

Verlag (D):
Suhrkamp Verlag
ISBN:
978-3-518-46673-5

Genre:
Krimi | Thriller | Mystery

 

Inhalt:

Mit einem dicken Finger tippte Hades langsam auf seinen linken Bizeps, als würde er die Sekunden zählen. Der Fremde fingerte an der Zigarette herum, die er sich nicht angezündet hatte, steckte sie sich in den Mund, erinnerte sich wieder ans Rauchverbot. Er ließ sie in die Tasche rutschen und starrte auf das Bündel am Boden, auf den Umriss des an die Brust gedrückten kleinen Mädchenkopfes.

In Sydney verbindet man niemand sonst mit der Idee eines "Herrn der Unterwelt" so sehr wie Hades, der nicht von ungefähr diesen Namen verpasst bekommen hat. Selbiger residiert auf einer ausgedehnten Mülldeponie und vermag dort auch ohne viel Aufhebens menschlichen Unrat verschwinden zu lassen, doch als eines Tages zwei Kinder zu ihm gebracht werden, um sie "entsorgt" zu wissen, wendet sich Hades stattdessen an die Auftraggeber und nimmt die Kinder unter seine Fittiche. Viele Jahre später begegnet Frank Bennett als Neuzugang bei der Mordkommission der inzwischen erwachsenen Eden, die aus ihrer Antipathie ihm gegenüber keinen Hehl macht, derweil es ihr Bruder Eric ist, mit dem Frank prompt aneinandergerät. Zu diesem Zeitpunkt ahnt Frank selbstredend nichts von derer beider Herkunft, doch als man auf die Fährte eines Serienkillers gerät, ist ohnehin der Fall weit wichtiger, als in der Vergangenheit zu graben…

Rezension:

Lange schon habe ich mich bei der Besprechung und Bewertung eines Buches nicht mehr so schwer getan, wie es nun bei Candice Fox‘ Debüt-Roman Hades der Fall gewesen ist, bei dem es sich – ambitioniert, wie man eben so ist – gleich um den Auftakt einer ganzen Trilogie handeln soll, denn einerseits lassen die Inhaltsangabe und viele lobende Kritiker- und Rezensenten-Stimmen großartige Thriller-Kost erwarten, andererseits hat das Buch selbst mit der besagter Inhaltsangabe relativ wenig gemein, denn mitnichten geht es zuvorderst um Hades, nach dem das Buch betitelt worden ist, sondern zunächst einmal um einen Mann namens Frank, aus dessen Sicht wir die ungleichen Geschwister Eden und Eric kennenlernen, derweil Unterweltboss Hades bis auf wenige Ausnahmen nur in Rückblenden in Erscheinung tritt. Das wäre nun aber noch nicht einmal weiter tragisch, wenn das Buch ansonsten zu packen wüsste, doch wirkt es in Anbetracht der rund 350 Seiten Umfang ziemlich vollgepackt mit seinen unterschiedlichen Ideen und Ansätzen, von denen sich in letzter Konsequenz kein einziger überzeugend zu entfalten weiß.

Chief Superintendent James zeigte mir meinen Schreibtisch im Dezernat. Doyles persönliche Sachen waren ausgeräumt worden. Der Tisch war kahl und angestoßen, außer einem schwarzen Plastiktelefon und einem Laptop-Dock stand nichts darauf. Einige Leute im Büro blickten auf, als ich hereinkam. Die würden sich schon noch vorstellen kommen.

So wird man zu Beginn mit gleich zwei Handlungssträngen konfrontiert, einer von ihnen zentriert auf Hades und viele Jahre zurückliegend, der andere konzentriert sich auf Frank Bennett, der als Identifikationsfigur in Hades zu taugen hat und folglich als Ich-Erzähler in Erscheinung tritt, derweil die Szenen mit Hades durch einen personalen Erzählweise geprägt sind, was sich grundsätzlich ja als netter Kniff erweisen könnte, doch umschifft Fox auch in dieser Hinsicht nicht alle Klippen. Dass die Autorin sich dazu entschlossen hat, in die Gestalt eines männlichen Detective zu schlüpfen, möchte ich ihr dabei gar nicht zum Vorwurf machen, denn das funktioniert in die andere Richtung bekanntlich genauso gut, doch dass dieser Frank so ziemlich jedem Klischee eines Macho entspricht, vom ersten Moment des Aufeinandertreffens nur Edens körperliche Vorzüge vor Augen hat und sich prompt mit ihr durch die Laken zu wälzen wünscht, das ist schon reichlich plakativ und abgeschmackt, zumal besagter Protagonist im inneren Monolog auch immer wieder zu betonen meint, wie einzelgängerisch er veranlagt ist und dass er sich nicht vorstellen kann, sich emotional einzulassen, denn platter geht es kaum und in Anbetracht der weiteren Ereignisse wirkt es leider auch reichlich konstruiert.

Spannend wiederum ist die Figur von Hades selbst, auch wenn der wie gesagt im gleichnamigen Buch mitnichten eine vorrangige Rolle spielt, was sich noch dadurch untermauern lässt, dass die Szenen mit ihm im weiteren Verlauf knapper und knapper ausfallen, man über dessen Innenleben derweil beinahe ebenso wenig erfährt, wobei das, was wirklich geschildert wird, nun nicht einmal in Ansätzen an einen Unterweltboss erinnert. Irgendwann muss das wohl auch Fox klargeworden sein, denn auf den letzten Metern von Hades wird dann noch schnell eine Auflistung seiner abscheulichsten Taten in die Erzählung gemogelt, um auch ja zu verdeutlichen, wie wahnsinnig gefährlich und schlimm Hades doch ist, der die meiste Zeit wirkt wie der gutmütige Onkel von nebenan. Und was sich innerhalb des Buches beinahe als Twist hätte verkaufen lassen können, nämlich, dass Hades Ziehvater der mittlerweile erwachsenen Geschwister Eric und Eden ist, wird bereits in der Inhaltsangabe zum Buch verraten, wobei dieser Umstand zugegebenermaßen auch im Buch recht bald offenbar wird. Überhaupt hat man als Leser recht bald einen gehörigen Wissensvorsprung gegenüber den handelnden Figuren und insbesondere Frank, denn dem fehlen logischerweise die Informationen aus dem Vergangenheits-Plot.

Eden hingegen wirkte gelassen. In der rechten Hand hielt sie, nur von meiner Warte aus sichtbar, ein Springmesser, das sie mit dem Daumen öffnete und wieder zuschob. Ich betrachtete ihren langen schwarzen Zopf und leckte mir über die Zähne. Ihren Typ kannte ich. Frauen wie sie hatte ich auf der Akademie kennengelernt. Keine Freundinnen, keine Kumpel, kein Interesse an einer schnellen Nummer im Männerschlafsaal an einem ruhigen Wochenende, wenn die anderen weg waren. Sie wusste, wie man mit diesen Sieben-Zentimeter-Stöckeln rannte, da war ich mir sicher. Die Nägel hatte sie sich diesen Monat zum dritten Mal im Edelstudio machen lassen, aber einer Ratte in ihrem Vorratsschrank würde sie gnadenlos den Hals umdrehen. Sie sah hinreißend aus. Ich fand es toll, wie sie seelenruhig dasaß und gleichmäßig atmete, während die Kollegen um sie herum versuchten, nicht die Fassung zu verlieren.

So versucht Candice Fox also einerseits die Geschichte des ach so bösen Hades zu erzählen (wobei dessen schlimmste Tage ja anscheinend längst hinter ihm liegen) und daraus resultierend andererseits das Geschwisterpaar Eden und Eric zu skizzieren, was ihr in kaum einer Weise gelingt, da man hier gänzlich auf Franks Schilderungen und Äußerungen angewiesen ist und zu keinem Zeitpunkt hinter die Fassade blicken kann, geschweige denn erahnen könnte, was sich in ihren Köpfen abspielt, so dass im direkten Vergleich beispielsweise Jeff Lindsay bei Dexter den besseren Weg gewählt hat, den Leser gleich aus der Sicht des Psychopathen an dessen Welt teilhaben zu lassen, denn so präsentiert sich letzten Endes ein überwiegend interessantes Figuren-Konsortium, das einem kaum nähergebracht wird. Damit nicht genug, kreist die Geschichte auch noch um den aktuellen Fall von Frank und Eden, so dass der Gegenwarts-Plot alsbald auch munter zwischen dem Protagonisten Frank und dem Antagonist hin und her zu pendeln beginnt, wobei auch diese Figur kaum charakterisiert wird, geschweige denn, dass die Ermittlungsarbeit allzu spannend geraten würde. All das mündet dann in ein eilig zusammengeschustertes, kaum zwanzig Seiten umspannendes und sich dabei überschlagenes Finale, das mir im Grunde erst die vielen Unwägbarkeiten des Romans noch einmal offensiv vor Augen geführt hat. Nein, überzeugen konnte mich Hades nicht wirklich und die vielen Lobeshymnen kann ich absolut nicht nachvollziehen, doch muss ich gestehen, beizeiten auch zu dem Nachfolger Eden greifen zu werden, weil ich einerseits gespannt bin, was die Autorin mit dieser durchaus spannenden Figur noch anzufangen gedenkt und ich mir andererseits im Klaren darüber zu sein versuche, dass es sich eben um ein Debüt handelt und da verzeiht man schon einiges, denn spannend geschrieben und temporeich inszeniert war der Roman durchaus, während man an Inhalt und Struktur noch gehörig hätte feilschen können.

Fazit & Wertung:

Von der Grundidee her hätte Candice Fox mit Hades einen überaus spannenden Erstling schreiben können, doch mir persönlich war die Geschichte in weiten Teilen zu oberflächlich, zu vorhersehbar, zu klischeebehaftet und schließlich und endlich zu hastig und abrupt abgehandelt, um mich wirklich überzeugen zu können. Nichtsdestotrotz wecken die von der Autorin geschaffenen Figuren Interesse und in der Hoffnung, dass mit der Routine auch Expertise einhergeht, werde ich beim Nachfolgeroman noch einmal einen Blick riskieren.

5 von 10 unausgesprochenen Verdächtigungen

Hades

  • Unausgesprochene Verdächtigungen - 5/10
    5/10

Fazit & Wertung:

Von der Grundidee her hätte Candice Fox mit Hades einen überaus spannenden Erstling schreiben können, doch mir persönlich war die Geschichte in weiten Teilen zu oberflächlich, zu vorhersehbar, zu klischeebehaftet und schließlich und endlich zu hastig und abrupt abgehandelt, um mich wirklich überzeugen zu können. Nichtsdestotrotz wecken die von der Autorin geschaffenen Figuren Interesse und in der Hoffnung, dass mit der Routine auch Expertise einhergeht, werde ich beim Nachfolgeroman noch einmal einen Blick riskieren.

5.0/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite des Suhrkamp Verlages. Dort findet sich übrigens auch eine Leseprobe.

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Hades ist am 09.05.16 im Suhrkamp Verlag erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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