Review: Die Leben des Tao | Wesley Chu (Buch)

Und da wäre ich auch schon wieder mit der neuesten Buch-Kritik für euch im Gepäck, bei deren Lektüre ich euch viel Freude wünsche, derweil ich mich jetzt prompt wieder zurückziehen werde, um noch ein wenig zu lesen.

Die Leben des Tao
Die Tao-Trilogie 1

The Lives of Tao, UK 2013, 432 Seiten

Die Leben des Tao von Wesley Chu | © FISCHER Tor
© FISCHER Tor

Autor:
Wesley Chu
Übersetzerin:
Simone Heller

Verlag (D):
FISCHER Tor
ISBN:
978-3-596-03487-1

Genre:
Science-Fiction | Action | Thriller

 

Inhalt:

Von der Menschheit unbemerkt werden ihre Geschicke seit Anbeginn der Zeit von der außerirdischen Rasse der Quasing beeinflusst und gelenkt, die sich in Ermangelung eines stofflichen Körpers wie wir ihn kennen quasi notgedrungen in immer neuen menschlichen Wirten einnisten und so für einige der bedeutendsten Persönlichkeiten der Geschichte mitverantwortlich zeichnen. Ebenfalls bereits vor Urzeiten haben sich die Quasing in die verfeindeten Fraktionen der Prophus und Genjix aufgespalten und führen seit jeher einen Schattenkrieg gegeneinander. In diese Fehde gerät eines Tages auch der Programmierer und Nerd Roen Tan, als sich einer der hochrangigsten Prophus mit Namen Tao notgedrungen in ihm einnistet. Der dem Müßiggang, der Völlerei und dem übermäßigen Alkoholkonsum nicht abgeneigte Einzelgänger staunt entsprechend nicht schlecht, als er eines Tages in seinem Kopf die ihm fremde Stimme hört, die ihm von Außerirdischen und Verschwörungen erzählt, von Gefahr und verdeckten Operationen, vor allem aber davon, dass er sich schleunigst in Form zu bringen hat, um auch nur einen Tag in diesem Krieg überleben zu können…

Rezension:

Zugegeben, schon als bei der Bewerbung des Buches der Vergleich zu Kingsman: The Secret Service gezogen worden ist, war es um mich geschehen und ich konnte nicht widerstehen, dem Auftakt einer weiteren Trilogie Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen, auch wenn der Vergleich zuweilen hinkt, denn einerseits kommen hier außerirdische Wesen hinzu, die sich in den menschlichen Wirtskörpern einnisten und mit ihnen kommunizieren (darauf gehen wir später natürlich noch genauer ein), andererseits ist Die Leben des Tao nicht annähernd so durchgeknallt wie der Film, was aber auch schwierig zu bewerkstelligen gewesen wäre, ohne ins Lächerliche abzudriften. Dennoch, es finden sich tatsächlich Parallelen, einerseits was die Ausbildung der Hauptfigur Roen Tan angeht, der unfreiwillig einem der mächtigsten oder zumindest berüchtigtsten Vertreter der Prophus eine neue Heimstatt bietet, andererseits den immer wieder durchscheinenden Humor betreffend, der die Lektüre weitaus kurzweiliger gestaltet, als man die Chose hätte aufziehen können.

In seinem Kopfhörer knisterte es. »Edward, die Daten sind heil bei uns angekommen. Wir holen dich jetzt raus.«
»Bestätigt. Over and out.« Edward stöpselte das Kabel aus und robbte zum Ausgang. Als er Schritte hörte, hielt er inne und zog sich zu den Serverschränken zurück, nur Sekunden bevor eine Gruppe von Wachen den Raum betrat.
›Keine Rüstung. 1911er-Colts, wie es aussieht. Laserzielerfassung. Drei, nein, vier Wachen. Offenbar kein Genjix darunter.‹
»Das müssen Söldner sein.«
›Schalt sie aus. Schnell.‹

Dabei stellt Autor Wesley Chu einige interessante Prämissen auf, was die Einflussnahme der Prophus und Genjix auf die Geschicke der Menschen angeht und deren Rolle in der Weltgeschichte, hätte für meinen Geschmack aber aus diesem Ansatz noch weitaus mehr machen können. So wird des Öfteren angerissen, dass Tao, der namensgebende Prophus in Roen Tans Körper auch schon Dschingis Khan bewohnt hat und vor Urzeiten im Körper eines Dinosauriers über die Erde gestreift ist, doch scheint das nur am Rande zu interessieren und irritiert selbst den zunächst unbescholtenen und von der Situation völlig überrumpelten Roen weit weniger, als es dies tun müsste. Im Umkehrschluss ist mir dann auch die eigentliche Ausbildung seiner Figur, die Wandlung vom klassischen Nerd hin zum Superagenten ein wenig zu weitschweifig geraten, denn es dauert gefühlte Ewigkeiten, bis bei Die Leben des Tao so etwas wie eine Handlung – fernab des harten Ausbildungsprogramms – zum Tragen kommt.

Dessen ungeachtet ist aber das Konzept der körperlosen Außerirdischen, die vor ewigen Zeiten auf der Erde gestrandet sind und von dort ausgehend die Entwicklung der Menschen beeinflusst haben, um womöglich irgendwann einmal über die Technologie zu verfügen, zu ihrer Heimatwelt zurückzukehren, die sich dann aber entzweit und in die konkurrierenden Fraktionen der Prophus, die ein friedliches Zusammenleben mit den Menschen anstreben, und der Genjix, die der Meinung sind, Krieg und Elend würden das Innovationspotential der Menschen befeuern, aufgesplittet haben und seitdem im erbitterten, im Geheimen geführten Krieg miteinander liegen, ist nicht nur ziemlich clever und im Fall von Die Leben des Tao ziemlich durchdacht präsentiert, sondern vor allem vergleichsweise neu und unverbraucht, selbst wenn es einige Seiten gedauert hat, bis ich das Konzept, dass Taos Worte im Kopf des Wirtes jeweils kursiv gedruckt sind, während die Erwiderungen seines menschlichen Begleiters als reguläre wörtliche Rede ausgewiesen ist. Das führt nämlich immer dann zu Irritationen, wenn Wirt und Alien nicht alleine sind und man sich wundert, warum umstehende Personen nicht Anstoß an dem vermeintlichen Selbstgespräch nehmen, bis man durchschaut, dass es sich eben nur um einen gedanklichen Dialog handelt und beispielsweise Roen diese Worte eben nicht laut ausspricht.

›Es ist Yrrika.‹
Edward seufzte. »Ehrlich? Yrrika sucht sich immer die Hübschen aus.« Ohne zu zögern, drückte er ab. Die Frau keuchte nur einmal kurz auf, ehe sie zu Boden sank. Ihr Körper schimmerte, als der Genjix daraus entwich und in die Luft emporschwebte.
›Hoffen wir, dass Yrrika keinen neuen Wirt findet. Dem Gang bis zum Ende folgen, rechts abbiegen, danach durch die dritte Tür links.‹
»Erinnerst du dich noch daran, wie ich versucht habe, Yrrikas vorherigen Wirt anzugraben?«
›In Istanbul? Ich hab dich davor gewarnt. Du warst ein fünfundzwanzigjähriger Agentenfrischling und sie mindestens sechzig. Was hast du dir nur dabei gedacht?‹
»Du hättest mir sagen können, dass sie Judomeisterin ist.«

Alles in allem war ich aber recht angetan von Die Leben des Tao, sehe indes in dramaturgischer Hinsicht wie auch bezüglich der weiteren Beleuchtung des Wesens und der Vergangenheit der Quasing – so übrigens nämlich der Name der außerirdischen Rasse als Ganzes – noch spürbar Luft nach oben, zumal der Band für sich genommen aufgrund der langen "Aufwärmphase" nicht hundertprozentig überzeugt, doch weiß man ja im Vorfeld bereits, dass einen hier eine ganze Trilogie erwartet, deren Folgebände Die Tode des Tao und Die Wiedergeburten des Tao bereits bereitliegen und auf mich warten. Und das Interesse am weiteren Verlauf dieser ungewöhnlichen und überaus einfallsreichen Geschichte zu wecken, die im Grunde eine formidable Verquickung aus Science-Fiction-Elementen und Agenten-Thriller mit einem guten Schuss Action und einer Prise Humor darstellt, gelingt diesem Band allemal und so freue ich mich auf ein sehr baldiges Wiedersehen mit Roen Tan und seinem altklugen Quasing Tao, zumal speziell das Ende wieder einmal einige Überraschungen und unerwartete Wendungen bereithält, die den weiteren Verlauf mehr als spannend gestalten dürften.

Fazit & Wertung:

Mit Die Leben des Tao gelingt dem Autor Wesley Chu eine von ihrer einfallsreich-unverbrauchten Prämisse zehrende Science-Fiction-Story mit coolen Sprüchen, mitreißender Action und gehörig Kurzweil, während ich mir von den Fortsetzungen erhoffe, dass Chu einerseits das Niveau zu halten weiß, andererseits – nachdem nun die Exposition von Figuren und Setting über die Bühne ist – der Rasse der außerirdischen Quasing noch ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenkt, denn so viele kluge Ideen hier auch aufblitzen, bleiben sie doch nur Randnotizen in einer vorrangig auf die Entwicklung des Hauptprotagonisten Roen Tan abstellenden Story.

7,5 von 10 verdeckten Operationen der Quasing

Die Leben des Tao

  • Verdeckte Operationen der Quasing - 7.5/10
    7.5/10

Fazit & Wertung:

Mit Die Leben des Tao gelingt dem Autor Wesley Chu eine von ihrer einfallsreich-unverbrauchten Prämisse zehrende Science-Fiction-Story mit coolen Sprüchen, mitreißender Action und gehörig Kurzweil, während ich mir von den Fortsetzungen erhoffe, dass Chu einerseits das Niveau zu halten weiß, andererseits – nachdem nun die Exposition von Figuren und Setting über die Bühne ist – der Rasse der außerirdischen Quasing noch ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenkt, denn so viele kluge Ideen hier auch aufblitzen, bleiben sie doch nur Randnotizen in einer vorrangig auf die Entwicklung des Hauptprotagonisten Roen Tan abstellenden Story.

7.5/10
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Weitere Details zum Buch und dem Autor findet ihr auf der Seite von FISCHER Tor.

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Die Leben des Tao ist am 13.10.16 bei FISCHER Tor erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über den folgenden Link und unterstützt damit das Medienjournal!

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